INTEGRATIONALE INTENTIONEN

Islam-Terrorismus: Eine kulturalistische Karikatur des Westens

Von Bernd Bauknecht

”Der Orient ist für das Abendland all das, was es selbst nicht ist, obwohl es im Orient das suchen muß, was seine ursprüngliche Wahrheit darstellt.” Dieser vieldeutige Satz von Michael Foucault in seinem Werk ”Wahnsinn und Gesellschaft” bringt zunächst auf der einfachen Ebene die Verbundenheit zwischen den westlichen und den sogenannten islamischen Gesellschaften zum Ausdruck.

Jedoch scheinen heute die militärischen Auseinandersetzungen mit der ”islamischen Welt” wieder stärker im abendländischen Gedächtnis präsent zu sein als die kulturellen Einflüsse. Die oft beschworenen Eckdaten zur Untermauerung einer angeblich aggressiven, notfalls gewalttätigen Missionsreligion sind die Schlacht von Tours und Poitiers als die Muslime 732, hundert Jahre nach dem Tod des Propheten Muhammad, in Südfrankreich von Karl Martell geschlagen wurden und 1683 die Belagerung Wiens durch die Osmanen. Doch schon der profane Griff zu islamwissenschaftlichen Standardwerken belegt, dass im Vordergrund der Expansionen weniger die Kämpfe als vielmehr das Aushandeln von Verträgen stand, die der einheimischen Bevölkerung gegen Auflage einer Abgabe Schutz und Religionsfreiheit gewährten. Während in der europäischen Geschichtsschreibung im Karolinger Karl Martell der Retter des Abendlandes gesehen wird, der die ”arabische Flut” eindämmte, findet die Schlacht in der arabischen Geschichtsschreibung kaum Widerhall. Denn für die Muslime war die Aktion keine erwähnenswerte Niederlage, sondern ein damals durchaus üblicher einzelner Beuteüberfall, der keine strategische Grundlage hatte. Und in Bezug auf die ”Türkengefahr” vor Wien sollte man nicht vergessen zu erwähnen, dass im 15. und 16. Jahrhundert, als sich viele Bauern durch die harte Besteuerung in der europäischen Feudalgesellschaft in einer ausweglosen Lage befanden, viele ins Osmanische Reich abwanderten, wo man keine Fronarbeit zu leisten hatte, die Steuern klar definiert waren, und sozialer Aufstieg noch möglich war. So waren zwischen 1453 und 1623 von 48 Großwesiren der Osmanen mindestens 33 ehemalige Christen. Derweil entwarf der bedrohte Adel und Klerus durch fingierte Briefe, ”Türkenpredigten” und ”Türkengebete” ein Bild vom Türken als den Todfeind und Antichristen, obgleich er mit ihm paktierte und Alliancen einging. Er wurde, wie es Martin Luther ausdrückte, der ”leibhaftige Teuffel”, der ”durch seinen Alkoran die seelen ermordet, den Christenglauben verstoeret hatte.”

Kulturelle Identität bestimmt sich als Differenz zum Fremden. Zum einen liegt im Fremden die Chance zum eigenen gesellschaftlichen Wandel, zum anderen kann eben dieser Wandel gefürchtet werden, weil er die Herrschaftsverhältnisse in Frage stellt. Aber fremd ist wie bereits der Ethnologe Mario Erdheim formulierte ”nicht nur das Andersartige, Ungewöhnliche und Unvertraute, es ist oft auch das Machtlose. Es liegt an den Machthabern zu bestimmen, wer fremd ist und wer nicht.”

Der Muslim war der Feind von außen. So wie er bereits im elften Jahrhundert als Bedrohung von außen gesehen wurde. Während der Jude als Bedrohung im inneren stilisiert wurde, fanden zeitgleich mit den ersten Judenpogromen die Kreuzzüge ihren Beginn. Auch während der Pestepidemien des 15. Jahrhunderts wurden die Juden als Brunnenvergifter denunziert, deren Auftraggeber sollen jedoch zum Ziele der Weltherrschaft der muselmanische ”König von Granada” und der ”Sultan von Babylon” gewesen sein. Im Jahre 1506 schrieb Johannes Reuchlin, dass er unglücklich sei über die ”beklagenswerten Unglückstatsachen, die die Juden in unserer Zeit betroffen haben.” Sie seien ”nicht nur aus Spanien vertrieben” worden, sondern sie würden ”auch aus Deutschland ausgewiesen”, seien ”gezwungen, andere Wohnstätten zu suchen und zu den Muslimen zu fliehen.”

Der Umgang mit dem Orient war in der europäischen Geschichte geprägt zwischen den beiden Extremen Xenophophie und Exotismus. Beide sind auf den ersten Blick Gegensätze, doch sie sind insofern verwandt, als sie Vermeidungsstrategien sind. In der Xenophobie meidet man das Fremde, um das Eigene nicht in Frage stellen zu müssen, im Exotismus zieht es einen in die Fremde, und man muss deshalb Zuhause nichts ändern. Sowohl die Hofstaaten des Mittelalters, die sich mit allen Arten an orientalischen Exotika bereicherten als auch das Bürgertum des 18. und 19. Jahrhunderts, das sich an orientalischer Literatur, Malerei und Architektur erfreute, bewegten sich in diesem Spannungsfeld. Dass diese Bilder mehr über den Betrachter und über seine Ängste und Wünsche als über den Betrachteten aussagen, zeigt sich alleine daran, wie sich diese Bilder unabhängig vom Tatsächlichen ändern. Denn gerade das europäische Orientbild im 18. und 19. Jahrhundert war geprägt durch exotische Schönheiten und freizügiges höfisches Leben. Heutzutage kanalisiert sich der Blick der europäischen Öffentlichkeit auf das Kopftuch islamischer Frauen. Das Stück Stoff wird zum Sinnbild von Prüderie, von vermeintlicher Unterdrückung oder gar religiösem Fanatismus. Aber beide Frauenbilder, weder das von einst noch das von heute, haben in ihrer Allgemeingültigkeit mit der Realität nur wenig gemein.

Um auf das Eingangszitat von Foucault zurück zu kommen, so ist der Orient für das Abendland nicht nur all das, was es selbst nicht ist, sondern auch das Spiegelbild eigener projektierter Ängste und Wünsche. Was die ”ursprüngliche Wahrheit” anbelangt, die es im Orient zu suchen gilt, so beruht diese auf einem Vermächtnis, das gerne verdrängt wird. Das abbasidische Liebesideal wurde mit Hilfe der Minnesänger in Europa verbreitet. Christliche Mönche übersetzten Werke arabischer Philosophen, Mathematiker, Chemiker und Mediziner. Letztendlich wurden auch die griechischen Philosophen erst durch die Übersetzung aus dem Arabischen dem Abendland zugänglich gemacht. Selbst in unserer heutigen Sprache gibt es noch genügend Worte, die ihren Ursprung im Arabischen haben. Die islamische Welt kann auf eine vielschichtige und plurale Geistesgeschichte zurückblicken. Und ein Teil der Wahrheit zumindest aus theologischer Sicht ist auch darin zu sehen, dass christliche Kopten in Ägypten seit Jahrhunderten Gott mit seinem arabischen Namen Allah anrufen, ohne dabei einen anderen als den abrahamitischen Gott zu meinen.

Im Vordergrund steht dennoch bis heute das vermeintlich Trennende. Vergessen werden Gemeinsamkeiten. Das Eigene muss selbst verdient sein. So bleibt der Islam eine ”Kriegerreligion”. Als diese hat sie auch schon der Soziologe Max Weber gesehen und ontologisch fest geschrieben. Doch gerade da entlarvt sich Weber seiner Unkenntnis über den Islam. Glücklicherweise wurden seine Ausführungen über den Islam von der Wissenschaft als ”irreführende Karikatur der islamischen Gesellschaft und Religion” erkannt.

Die irreführende Karikatur der islamischen Gesellschaft und Religion scheint derzeit auch Hochkonjunktur unter selbst ernannten Experten in der deutschen Medienwelt zu haben. Über die grassierende Islamfeindlichkeit europäischer Intellektueller hat Navid Kermani bereits am 07.11.2002 in der Frankfurter Rundschau hingewiesen. Der bis zum 11. September weitgehend eingehaltene Konsens, zwischen dem Islam als Religion und dem Terrorismus zu unterscheiden, wird von Autoren und Redakteuren mit dem Bekenntnis zum Ende der Differenz hinweg gefegt. Es scheint eine Faszination davon auszugehen, endlich das auszusprechen, was alle denken, sich aber bisher niemand getraut hat zu sagen.

In diese Kerbe schlägt auch der Artikel des Nah-Ost-Korrespondenten der FAZ Wolfgang Günter Lerch, der am 21.12.2002 auf der Titelseite erschien. Trotz Zeiten der ”political correctness” möchte er den unbequemen Weg gehen und an Unterschiede erinnern, die nicht im ökonomischen und sozialen, sondern im Bereich der Religion, Metaphysik und Eschatologie liegen. In grobschlächtigen Zügen wird skizziert, wieso gerade der Islam im Gegensatz zum Budhismus und Hinduismus eine affirmative Veranlagung für den antiwestlichen Terrorismus hat. Da es, wie er schreibt, keinen ”Hindu-Terrorismus” gegen westliche Ziele gibt, läßt sich aus seinen Zeilen interpretieren, dass die Wurzel des Übels wohl in der Religion des Islam liegt: im Islam-Terrorismus. Hinduistischer Fundamentalismus mit seinen Ausschreitungen gegen Muslime spielen bei seinen Argumentationen sowieso keine Rolle. Vielmehr behauptet Lerch, dass die Säkularisierung und Individualisierung schon im Kern der christlichen Lehre und nur dort angelegt ist. Diese zweifelhafte Behauptung eines unumstößlichen identitätsstiftenden Anfangs folgt irrwitziger Weise unbewußt den Argumentationslinien der Islamisten. Und wie bei den Islamisten wird eine Zeile aus dem Koran herausgerissen, die das überlegene und überhebliche Bewußtsein der Muslime über die Christen belegen soll: ”Ihr seid die beste aller Gesellschaften”. Nun ist der Koran allerdings ein umfangreiches Werk und mit den gleichen einfachen Mitteln läßt sich die Toleranz des Islams belegen. ”Es gibt keinen Zwang in der Religion”, man soll ”miteinander im Guten wetteifern” und sowohl ”Muslimen, Juden und Christen steht bei ihrem Herrn ihr Lohn zu, und sie brauchen keine Angst zu haben”, steht da beispielsweise in der zweiten Sure zu lesen.

Trotz der beschworenen Individualisierung und Säkularisierung reduziert Lerch den Westen auf die Wurzeln des Christentums. Er folgt damit durchaus dem Anliegen der Fundamentalisten auf der Gegenseite. Nur bleibt dabei zu bedenken, dass diese nicht in einer großen Tageszeitung publizieren, sondern in Anbetracht von weltweit über 1,3 Milliarden Muslimen zu einer sehr kleinen, wenn auch gefährlichen Minderheit gehören. Die Mehrheit der Anhänger des Islams haben zur Moderne ein aufgeschlossenes Verhältnis, ohne dass sie dabei einen Bruch mit ihrer eigenen Identität in Kauf nehmen müssen.

Diese Mehrheit ist in den Medien aber deutlich unterrepräsentiert. Stattdessen sind im Vorfeld des Irak-Krieges Vertreter einer kulturalistischen Vereinfachung und Reduzierung wie beispielsweise Peter Scholl-Latour Usus. Es gleicht einer allgemeinen medialen Mobilmachung, das simple Fremde in den Schatten der eigenen ausdifferenzierten Werte zu stellen. Hinzu kommt, dass seit dem 11. September die Angst sowohl für Schlagzeilen als auch für innenpolitischen Druck wirbt.

Dennoch muss man denen, die bemängeln, dass die derzeitigen Gräben nicht nur durch soziale und ökonomische Vorherrschaften zu erklären sind, durchaus recht geben. Sicher sind die koloniale Vergangenheit des Westens und die annähernde Deckungsgleichheit von Konfliktherden, Bodenschätzen und US-Militärbasen auf dieser Welt nur eine Seite der Medaille. Aber weitere tiefergehende Ursachen werden nicht durch kulturalistische Argumentationen zum Zwecke der Beschwörung kollektiver abgrenzender Identitäten gefunden. Dies würde einem veralteten Kulturbegriff entsprechen, der Kultur auf eine gemeinsame Religion, Sprache und Nation reduziert hat. Aber spätestens seit Pierre Bourdieu wissen wir, dass soziales Handeln, Ökonomie und Bildung ebenso Bestandteile der Kultur sind, durch die wir unsere Identität ein gutes Stück weit bewußt und unbewußt selbst bestimmen. Hierzu gehört heute eben auch, dass in Deutschland Männer und Frauen leben, die sich ebenso als Deutsche wie als Muslime fühlen. Auch in vielen sogenannten islamischen Ländern wird von den Muslimen kein Widerspruch zwischen Jeans und Kopftuch gesehen. Eigene Globalisierungsängste sollten deshalb nicht auf andere projiziert werden. Vielmehr gehört zur Ursachensuche von Terrorismus neben den politischen, sozialen und ökonomischen Aspekten auch die Reflexion über religiösen Extremismus und durchaus auch die psychoanalytische Erforschung des Täters. Letztendlich gibt es keine einfache Antwort auf die Ursache des Terrors. Deshalb ist es auch keine Lösung, in einer Weltreligion wie dem Islam die Ursache zu sehen.

Quelle: Die Brücke http://www.bruecke-saarbruecken.de/thema.htm


   
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