Veranstaltungsreihe der Stadt „Reden über Frieden und Toleranz“

Friedensrede von Dr. Nadeem Elyas

Nadeem Elyas bei einer Podiumsdiskussion in Stuttgart anlässlich des Weltreligionstages 2002, Michael Paul Gollmer, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license, Quelle: Wikimedia

Er stammt aus Mekka, der heiligen Stadt aller Muslime, und ist ein frommer Jünger Allahs und seines Propheten. Mit 19 Jahren verließ Nadeem Elyas 1964 seine saudi-arabische Heimat, um in Deutschland Medizin und Islamwissenschaften zu studieren. Früh schon engagierte sich der angehende Frauenarzt für die Repräsentation des Islams. Elyas war Generalsekretär der Union muslimischer Studentenorganisationen in Europa, er ist Gründungs- und Vorstandsmitglied des Islamischen Kooperationsrats in Europa und vor allem seit seiner Gründung 1994 der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, der rund 800000 der insgesamt 3,2 Millionen Anhänger des Islam in Deutschland vertritt.
Nicht erst seit den Terroranschlägen des 11. September 2001 ist der kleine, dunkelhäutige Mann mit gepflegtem Vollbart eine bekannte Stimme der Muslime. Beredt und freundlich erklärt er geduldig ein ums andere Mal in Interviews und auf Podien die Grundlagen und Regeln seiner Religion, zerstreut Vorurteile, stemmt sich gegen bösartige Verallgemeinerungen, wirbt für die Anerkennung des Islam in Deutschland und den Dialog der Religionen. Gemeinsam mit Ignatz Bubis erhielt er 1999 den Alternativen Friedenspreis.
Augsburger Allgemeine 7.7.2003
Diese Friedensrede darf als Beispiel gelten, in welcher Form der Islam in unserer Gesellschaft ohne Bedenken akzeptiert werden kann. Leider repräsentiert aber der „Zentralrat der Muslime“, dem Dr. Elyas vorsteht, nur eine Minderheit der Muslime in Deutschland: nach Eigendarstellung des Zentralrats rund ein Viertel, nach Ansicht von Islam-Experten deutlich weniger (etwa ein zehntel), und nicht alle in den Zentralrat integrierten Gruppen gelten als frei von fundamentalistischen Positionen. Offen bleibt deshalb, wie repräsentativ die von Elyas bekundeten Ansichten für den Islam wirklich ist. Kritiker bezweifeln sogar, dass der Autor selbst seine wirklichen Auffassungen wiedergibt. Wie dem auch sei, wir konstatieren innerhalb des Islam genauso jene bunt schillernde Vielfalt, von Gemäßigten bis hin zu Fundamentalisten, wie auch im Christentum - und alle sind naturgemäß der Auffassung, nur sie selbst legten ihre Religion richtig aus. Eine programmatische Vorbildwirkung könnten diese Ausführungen dennoch entfalten. Deshalb sind sie hier wiedergegeben. Gerhard Rampp Wie lange halten wir es ohne Krieg aus?
Augsburger Rede zu Frieden und Toleranz

Dr. Nadeem Elyas
Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland
6. Juli 2003, Goldener Saal des Rathauses


Ein bemerkenswerter Akt der Friedensdiplomatie ereignete sich im Jahre 797. Es galt, erste Kontakte zum Orient zu knüpfen und einen Friedensgruß zu überbringen. Für diese einfache Botschaft brauchte man ganze fünf Jahre. Die Reise nahm ihren Anfang in Aachen und führte über Jerusalem nach Bagdad. Die Akteure waren nicht geringer als Karl der Große und der Abbaassidenkalif Haroun al Rasheed. Als die Abgesandten und der jüdische Dolmetscher im Jahre 802 nach Aachen zurückkamen, brachten sie nicht nur Grüße und Friedensbekundungen mit. Im Gepäck hatten sie eine Radzahnruhr als Geschenk Haroun ar Rasheeds für Karl den Großen. Ein weiteres Geschenk begleitete sie auf vier Beinen, ein weißer Elefant namens Abul Abbas. Das gewichtige Geschenk führte dazu, dass der Rückweg viel länger dauerte als der Hinweg.
Zur Besieglung eines Friedensvertrags braucht man heute keine Uhr und keinen weißen Elefanten. Fünf Jahre braucht man nicht um erste Kontakte zu knüpfen, dies geht sekundenschnell im Zeitalter des Internets. Dennoch sind immer weniger Menschen bereit, diesen bequemen Weg des Friedens zu beschreiten.
Den beiden Oberhäuptern gelang es damit immerhin, den Frieden zwischen ihren Völkern zu sichern. Es blieb ihnen erspart, das Losungswort Urban des Zweiten „Deus lo vult“ „Gott will es“ zu hören und zuzusehen, wie im Namen Jesu Christi Mord und Vernichtung Muslime und Juden heimsuchte. ...
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Kommentar

In der städtischen Veranstaltungsreihe „Reden über Frieden und Toleranz“ kam am 6. Juli 2003 der Araber Dr. Nadeem Elyas zu Wort. Damit setzt die Stadt ihren doch beachtlichen Kurs fort, der schon mit der Rede der Palästinenserin Prof. Dr. Sumaya Farhat-Naser eingeschlagen wurde – nämlich Vertreter von hierzulande als radikal, fundamentalistisch bis terroristisch geltenden Kreisen das Wort zu geben. In seiner beachtenswerten Rede, die uns das Augsburger Kulturbüro freundlicherweise zugeschickt hat, betont Dr. Elyas, dass die Muslime Deutschlands „nach ihrem eigenen Selbstverständnis und ihrer gelebten Praxis beurteilt werden“ müssen und nicht nach irgendwelchen anderen Kriterien. Ein wichtiger Grundsatz, den die deutschen Innenminister nicht zu kennen scheinen. Bundesweit ließen sie Moscheen durch schwerbewaffnete Hundertschaften stürmen etc. In seinem jetzt vorgelegten Halbjahresbericht des Verfassungsschutzes bezeichnet Beckstein den „islamischen Extremismus“ nach wie vor als „die akuteste Bedrohung der Inneren Sicherheit“.
Dr. Elyas weist darauf hin, dass in der letzten Zeit Thesen von der Unversöhnlichkeit der westlichen Gesellschaft und dem heutigen Islam, vom Islam als Feind der Demokratie und Koexistenz Konjunktur haben. Offensichtlich gehe es bei diesen Thesen nur darum, „dem Westen ein neues Feindbild zu verschaffen. Die Behauptung eines Automatismus des Konflikts ignoriert die historische Tatsache, dass es Jahrhunderte des zivilisierten Miteinanders zwischen Muslimen, Christen und Juden gab.“ Der Bundesinnenminister müsste eigentlich nur bei der Bundeszentrale für Politische Bildung nachfragen. Hier kommen Wissenschaftler zum Schluss: „Die Behauptung, dass im Islam eine Trennung von staatlicher Herrschaft und religiöser Ordnung nicht möglich sei, entbehrt jeder historischen Grundlage.“ (1) Stattdessen scheint man hierzulande eher auf die Masche zu setzen, unhaltbaren Thesen vom „Muslim als Feind“ mit Polizeiterror Nachdruck zu verleihen.
Dabei haben sich die Muslime in Europa seit ca. 30 Jahren zur wichtigsten Minderheit in den west- und nordeuropäischen Staaten entwickelt, wie in einem Forschungsprojekt der Humboldt-Universität Berlin konstatiert wird. Elyas sagt: „Der Sozialfriede in Deutschland hängt stark von dem gegenseitigen Vertrauen zur muslimischen Bevölkerung ab.“ Dieser Sozialfriede werde „zunehmend durch leichtfertige polizeiliche Maßnahmen aufs Spiel gesetzt“. Das ist eine sehr gefährliche Politik der deutschen Behörden, die den Faschisten geradezu die Munition liefert. Eine neue rechte Sammlungsbewegung im Münchner Raum um Roland Wuttke warnt vor „Gewalt durch Identitätszerstörung und Zuwanderung“. (2) Roland Wuttke gehört zum Förderkreis der Deutschland-Bewegung des rechten Starnberger Mechtersheimer und ist Redakteur von Nation & Europa. Er stammt aus Mering und war führend an Umtrieben gegen den Bau neuer Moscheen in Wertingen und Thannhausen beteiligt. (3)
In Augsburg mobilisiert das rechtsextreme „Augsburger Bündnis - Nationale Opposition“ gegen ein im Hochfeld geplante Islam-Zentrum. Auf der Homepage des Bündnisses kann man bereits Unterschriftenlisten für das rechte Bürgerbegehren „Wir wollen kein Islam-Zentrum in Augsburg“ anfordern. (4) Wir müssen damit rechnen, dass sich rechts-konservative, rechtsextreme und faschistische Kreise nach verschiedenen Vorstößen im schwäbischen Umland nun auch in Augsburg landen wollen. Sie lauern darauf, anlässlich des geplanten Islam-Zentrums eine Art rechtsradikale Bürgerinitiative zu gründen und eine rechte Sammlung in Augsburg zu starten. Das Drehbuch hat Roland Wuttke in der rechten Zeitung „Nation & Europa“ vom April 2002 geschrieben. (5)
Auch insofern waren die Äußerungen von Dr. Nadeem Elyas für Augsburg ziemlich wichtig. Man sollte sie prüfen, ob man sie nicht recht gut verwenden kann gegen die drohende rechtsextreme Mobilisierung in Augsburg. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime engagiert sich übrigens in verschiedenen Gremien wie z.B. dem „Bündnis für Demokratie und Toleranz“ oder dem „Netz gegen Rassismus – für gleiche Rechte“, dem auch der DGB, die Arbeiterwohlfahrt, PRO ASYL, Aktion Courage e.V. angehören, und das seinerseits zum Europäischen Netz gegen Rassismus (ENAR) gehört. (6)

Peter Feininger

(1) aus: Aus Politik und Zeitgeschichte (B 42-43/2002) Religion und Politik in der islamischen Welt, Dietrich Jung »»
(2) http://www.aida-archiv.de/03-06-16.html
http://www.klick-nach-rechts.de/ticker/2003/05/demokratie-direkt.htm
http://www.linkeseite.de/Texte/2003/juni/16-8.htm
http://www.members.partisan.net/maxbrym/html/as_demokratiedirekt.htm
(3) Umtriebe Wuttkes in Wertingen »»
(4) http://www.neu-schwabenland.de/artikel/art008.htm
(5) http://www.antifaschistische-nachrichten.de/2002/09/nazi1.php
(6) http://www.proasyl.de/texte/netz-antirass.htm
http://www.enar-eu.org/de/

Islam-Terrorismus: Eine kulturalistische Karikatur des Westens

”Der Orient ist für das Abendland all das, was es selbst nicht ist, obwohl es im Orient das suchen muß, was seine ursprüngliche Wahrheit darstellt.” Dieser vieldeutige Satz von Michael Foucault in seinem Werk ”Wahnsinn und Gesellschaft” bringt zunächst auf der einfachen Ebene die Verbundenheit zwischen den westlichen und den sogenannten islamischen Gesellschaften zum Ausdruck.
Jedoch scheinen heute die militärischen Auseinandersetzungen mit der ”islamischen Welt” wieder stärker im abendländischen Gedächtnis präsent zu sein als die kulturellen Einflüsse. Die oft beschworenen Eckdaten zur Untermauerung einer angeblich aggressiven, notfalls gewalttätigen Missionsreligion sind die Schlacht von Tours und Poitiers als die Muslime 732, hundert Jahre nach dem Tod des Propheten Muhammad, in Südfrankreich von Karl Martell geschlagen wurden und 1683 die Belagerung Wiens durch die Osmanen. Doch schon der profane Griff zu islamwissenschaftlichen Standardwerken belegt, dass im Vordergrund der Expansionen weniger die Kämpfe als vielmehr das Aushandeln von Verträgen stand...
»» ein hochinteressanter Beitrag aus der antirassistischen Zeitschrift “Die Brücke”

Muslime besorgt über „Polizei-Aktionismus“
Elyas: Dies nagt am Vertrauen

Augsburg. Der „Aktionismus mancher Sicherheitsorgane“ in Deutschland gefährdet das Vertrauen der Muslime in den Staat. Dies sagte Nadeem Elyas, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, am Sonntag bei seiner Augsburger Friedensrede. Durchsuchungen von über 70 Moscheen, die Stürmung der Gebäude zur Nachtzeit oder während der Gottesdienste mit schwer bewaffneten Hundertschaften und die Festnahme von „mutmaßlichen“ Terroristen, die vom Haftrichter am gleichen Tag wieder freigelassen werden, nage stark am Vertrauen der Muslime. Bei ihnen handele es sich zu 99 Prozent um „bewiesenermaßen unbescholtene“ Bürger, so Elyas. Ihre Identität sähen sie nicht allein im Muslimsein, „sondern auch in der Zugehörigkeit zu dieser Gesellschaft“. Augsburger Allgemeine


   
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