Rüstungskonversion in Augsburg

Sie wollten „vom Tornado in die Umwelttechnik“…
und landeten beim Eurofighter

 

Inhalt
Schönfelders dürftige Argumente
Von der Me 109 zum Tornado
Scheinbar günstige Zeiten für Konversion
Das Projekt PUR
Das Scheitern bahnt sich an
Gründe für das Scheitern
Überregionale, negative Entwicklungen

 

Schönfelders dürftige Argumente

Der Betriebsratsvorsitzende Peter Schönfelder führte bei der Podiumsdiskussion der AFI am 29.07.2004 an, dass der Belegschaft bei EADS in erster Linie die Arbeitsplätze wichtig seien und sonst gar nichts. Er persönlich habe nichts gegen Konversion, fände sie sogar gut. Er müsse aber die Belange der Belegschaft berücksichtigen.

Das Standardargument rückständiger Gewerkschaftsfunktionäre war schon immer eine rückständige Belegschaft. Dieses Argument ist so platt wie die SPD alt ist. Aber hausbackene Schlitzohrigkeit hilft Schönfelder in diesem Falle nicht weiter.

Denn erstens dürfte es auch Schönfelder nicht entgangen sein, dass z.B. die Mahnminuten für den Frieden während des Irakkriegs, die die IG Metall vergangenes Jahr am 14. März in ihren Betrieben organisierte, gerade auch in den Rüstungsbetrieben breit befolgt wurden. Zweitens braucht eine Belegschaft gerade bei Konversion nicht um ihre Arbeitsplätze bangen, denn Konversion bedeutet Umwandlung militärischer Produktion in zivile – also Sicherung von Arbeitsplätzen und nicht ihre Vernichtung. Es ist also einfach ein plumper und schmutziger Trick Schönfelders, „Konversion“ und „Belange der Belegschaft“ gegeneinander zu stellen. Und Drittens hat gerade EADS Augsburg, sprich DASA, MBB, Messerschmitt eine lange Tradition der Konversion und Re-Konversion hinter sich, vom Dritten Reich bis in die 90er Jahre, über die man sich als Mitglied des Aufsichtsrats von EADS Deutschland schon mal auslassen könnte.

Das muss Schönfelder auch bekannt sein, denn sein Vorgänger im Amt des Betriebsratsvorsitzenden, Manfred Zitzelsberger, war stark engagiert im Projekt PUR, Programm zur Umweltverbesserung und Ressourcenschonung bei MBB. Wir nehmen nicht an, dass Schönfelder mit den Thesen Zitzelsbergers unterm Kopfkissen schläft. Aber kann er bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Augsburg Friedensstadt – Augsburg Stadt der Rüstungskonversion?“ diese für die Stadt eminent wichtige Initiative einfach übergehen, obwohl das Projekt PUR Anfang der 90er Jahre sogar bundesweite Beachtung fand?

Von der Me 109 zum Tornado

Es ist schon erstaunlich, wie rasant die Augsburger Betriebe im 3. Reich auf Rüstung umstellen konnten, darunter gerade auch die beiden größten, MAN und Messerschmitt. Die 1938 gegründete Messerschmitt-AG baute mit der Me 108 das erste Reiseflugzeug der Welt. Aber als Lieferant der faschistischen Luftwaffe verlagerte Wilhelm Emil Messerschmitt die Produktion auf die Me 109, das meistgebaute  Jagdflugzeug der Welt (35.000 Stück bis 1945). Dieses radikale Programm mit über 18.000 Beschäftigten im vorletzten Kriegsjahr – darunter fast die Hälfte Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge –wurde durch Bombardierung der Werke im Jahre 1944, Befreiung der Zwangsarbeiter 1945 und Internierung des Inhabers als Kriegsverbrecher sowie absolutem Verbot von Rüstungsproduktion durch die Alliierten konsequent beendet. Dennoch war die Belegschaft von Messerschmitt zu Konversion fähig und baute eine Produktion selbst entwickelter Fertighäuser, Nähmaschinen und Klein-Kraftfahrzeuge (Kabinenroller) auf.

Die Remilitarisierung der Bundesrepublik Deutschland und die Rehabilitierung der Nazi-Konstrukteure führte zu einer neuerlichen Abwendung von der Konversion in Richtung Militärproduktion bei Messerschmitt, die bis heute nicht abgeschlossen ist, aber inzwischen schon fast unheimliche Dimensionen angenommen hat. Markante Zwischenstationen waren die Fusion mit Bölkow und Blohm 1969 zu MBB. Damit war die Firma gerüstet zur Produktion des Jagdbombers Tornado zusammen mit British Supermarine und Fiat, die noch im gleichen Jahr eingeleitet wurde. Der Tornado war seinerzeit das „größte Rüstungsvorhaben seit Menschengedenken“, wie der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie feststellte.

Scheinbar günstige Zeiten für Konversion

Es gab allerdings Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre eine Phase, wo die Rüstungsproduzenten durchhingen. Die Ausrüstung der Bundeswehr mit hunderten von Tornados war 1987 abgeschlossen und andere große Rüstungsprogramme, z.B. Fregatten und Leopard-Panzer, liefen aus. Gleichzeitig wurde die nächste Rüstungsrunde, die Waffengeneration der neunziger Jahre geplant und entwickelt, darunter auch der Jäger 90, später umdefiniert in Eurofighter. Herbert Wulf, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg, schrieb seinerzeit: „Doch für die Rüstungsindustrie hat die jetzige Planung zwei Haken: Erstens helfen gute Geschäftsaussichten für das nächste Jahrzehnt heute nicht, Kapazitätsüberhänge auszulasten und zweitens ist die Rüstungsrunde in den neunziger Jahren längst noch nicht finanziell abgesichert.“ [i] Die sinkende Kaufkraft der Entwicklungsländer bremste das rasante Wachstum des Waffenhandels und Waffenexports und die neuen Rüstungsprojekte schienen die nationalen Mittel zu überfordern. Der Jäger 90 zum Beispiel galt bis in die Spitzen der Politik als unfinanzierbar.

Konfrontiert mit drohender Arbeitslosigkeit, haben Arbeitnehmer in Rüstungsunternehmen Arbeitskreise „Alternative Fertigung“ gegründet, die konkrete Vorschläge zur Umstellung der Rüstungsindustrie vorlegten. Zahlreiche ökologisch und auch ökonomisch sinnvolle Produkte sind vorgeschlagen worden. [ii] Für diese Konversionsbewegung gab es natürlich auch politische Gründe, die die Politikwissenschaftlerin Michaela Simon so charakterisierte:

„Das plötzliche Ende des Kalten Krieges, die bereits erzielten Abrüstungserfolge und die in jüngster Vergangenheit verkündeten Abrüstungsabsichten der SU und der USA haben euphorische Erwartungen ausgelöst, dass die riesigen und ungeheuer kostspieligen Waffenarsenale abgebaut und auch ihre Produktion verringert bzw. drastisch eingeschränkt werden könnte. Die dadurch frei werdenden Ressourcen könnten dann für Projekte und Produkte eingesetzt werden, die die Welt, die Länder und Regionen weit dringlicher benötigen als Waffen mit – in der Summe – zigfacher overkill-Kapazität.“ [iii]

Die Militaristen sprachen natürlich nicht von „Konversion“. Sie nannten es „Transformation“ und hatten dabei eine noch modernere und effizientere Armee im Auge. Bei den Gewerkschaften und den Parteien der damaligen Opposition, SPD und Grünen, dann auch der PDS, war Konversion allerdings schon ein großes Thema. So kam es in Augsburg zu PUR, Produkte für den Umwelt- und Ressourcenschutz, einer Projektinitiative der Stadt Augsburg und des Unternehmens MBB. Der damalige Betriebsratsvorsitzende Manfred Zitzelsberger publizierte dieses Projekt 1989 unter dem schon schwungvollen Titel Vom Tornado in die Umwelttechnik. [iv] Ursprünglich handelte es sich um eine Arbeitnehmerinitiative, die sich als ständiger Arbeitskreis „Alternative Produkte“ des Vertrauenskörpers von MBB konstituierte.

Das Projekt PUR

Dieser Arbeitskreis, angeschoben vom Vertrauenskörperausschuss und Betriebsrat, wurde mit einem einstimmigen Beschluss der Vertrauensleute 1982 eingerichtet. Der Arbeitskreis sollte immerhin „die friedenspolitischen Zielsetzungen der IG Metall“ umsetzen und lt. Grundsatzerklärung „eine schrittweise Abrüstung (bei entsprechenden strukturpolitischen Programmen)“ anstreben.

Für die Unternehmensleitung war das mehr als eine Laus im Pelz. Ein Vertrauenskörper, der geschlossen die „schrittweise Abrüstung“ anstrebt und das mit Rückendeckung des Betriebsrats und der IG Metall, bis hinauf zur Hauptverwaltung in Frankfurt, – das konnte schon gefährlich werden für einen Rüstungskonzern mit dieser Tradition. Auch aufgrund der notorischen Geheimhaltung bei der Rüstungsproduktion und der Mitbestimmungsansprüche der Arbeitnehmer bahnte sich ein größerer Konflikt an, der sich über das Augsburger Werk hinaus im Gesamtkonzern verbreiten konnte. Daher ließ die Geschäftsleitung sämtliche Vorschläge über Produktdiversifizierung, die der Arbeitskreis im Laufe von vier Jahren machte, stranden.

Die angedachten Produktbereiche formulierte der Arbeitskreis so: „Für alternative Produkte kommen Bereiche in Frage, in denen gegenwärtig oder in Zukunft ungenügend befriedigter Bedarf vorhanden ist bzw. ein Bedarf aufgrund gegebener Verhältnisse nicht befriedigt wird.

Zu denken ist insbesondere an Bereiche des Umweltschutzes, der Rohstoffrückgewinnung, universell anwendbarer Energieerzeugungsanlagen, Anlagen für die dritte Welt, Notfallmedizin und Medizinanlagen, sowie Produkte für den öffentlichen Nahverkehr.“

Zuletzt ließ die Betriebsführung 1986 die Gespräche über eine Betriebsvereinbarung mit dem Gesamtbetriebsrat des Konzerns scheitern. Und das, obwohl die Stadt Augsburg, damals noch unter sozialdemokratischer Führung, hatte Bereitschaft gezeigt, das Projekt mit drei Stellen zu unterstützen! Manfred Zitzelsberger schreibt: „Die Stadt Augsburg hatte demgegenüber in der Zwischenzeit ihre Unterstützungsbereitschaft für das Projektvorhaben erklärt und zugesagt, hierfür drei ABM-finanzierte Mitarbeiterstellen bereitzustellen. Die Durchführungsbasis für die Potentialanalyse, deren Förderung die gewerkschaftliche Hans-Böckler-Stiftung zugesagt hatte, sofern eine Betriebsvereinbarung zum Abschluss kommt, war jedoch durch deren Scheitern hinfällig geworden.“

In den Folgejahren versuchte die Geschäftsleitung von MBB die Initiative zurückzugewinnen mit einem Pilotmodell des MBB-Unternehmensbereichs Energie- und lndustrietechnik und einer unternehmenseigenen Sockel-Finanzierung, für die 150.000 DM bereitgestellt wurden. Damit kassierte die Geschäftsleitung im doppelten Wortsinne das Arbeitnehmerprojekt Potentialanalyse und trat dann selbständig an die Stadt heran. Das ganze mündete im September 1989 in einen „Partnerschaftsvertrag“ zwischen dem MBB-Unternehmensbereich Energie- und lndustrietechnik und der Stadt Augsburg mit ihren Ämtern für Wirtschaftsförderung und Umweltschutz. Für die wissenschaftliche Begleitung wurde das Münchner IMU-Institut gewählt. Die „paritätische“ Leitung des Projekts lag bei MBB und der Stadt. Der Betriebsrat und vor allem die Arbeitnehmerinitiative waren faktisch ausgebootet. Zu so was war der sozialdemokratische Oberbürgermeister Breuer, der sich in seinen drei Amtsperioden nicht gerade zum Arbeitnehmerfreund entwickelt hatte, schon fähig. Aber mit dem 3. Bürgermeister Arthur Fergg, bis 1984 IG Metall-Bevollmächtigter, glaubte die IG Metall, etwas Rückendeckung zu haben.

Das IMU-Institut würdigte die nach wie vor positiven Ansätze der Projekts: „Mit der bisher einmaligen Kooperationsform zwischen einem Rüstungsbetrieb, einer Kommune und einem wissenschaftlichen Institut (Umwelt- und Technologieforschung) sollen konkrete Ansätze zur Verwirklichung der jeweiligen Ziele der einzelnen Vertragspartner gefunden werden.

So erwartete die Stadt Augsburg praktikable Lösungsvorschläge zur Bewältigung kommunaler Umweltprobleme, während sich MBB von der Zusammenarbeit die Ausdehnung ziviler Fertigungsbereiche und damit eine rüstungsunabhängige Sicherung von Arbeitsplätzen versprach.“ [v]

Das Scheitern bahnt sich an

Dass der Bericht des Betriebsratsvorsitzenden Zitzelsberger von 1989 trotz aller genannten Umstände so euphorisch ausfiel [vi], lag vor allem an der Hoffnung auf einen Sieg in der anstehenden Kommunalwahl, wo Karl-Heinz Schneider – seit 1989 neuer IG Metall-Bevollmächtigter – als Spitzenkandidat zur OB-Wahl antrat. Sein Scheitern gegen den Kandidaten der CSU, Menacher, war in vielerlei Hinsicht eine Katastrophe. Im hier behandelten Zusammenhang vor allem eine Katastrophe für das Projekt PUR.

Peter Menacher, 1990 als Oberbürgermeister von Augsburg gewählt, ist ehemaliger Offizier der Luftwaffe. Unter seiner Regentschaft wurde 1991 der „Fliegerbrunnen“ an der Prof.-Messerschmitt-Straße des Universitätsviertels  errichtet. Er soll am Ort des Alten (Nazi-)Flugplatzes an die Produktionsstätten der Messerschmitt-Werke und die Glanzleistungen des Unternehmers erinnern. Willy Messerschmitt sei ein „leidenschaftliche[r] Konstrukteur schneller und leichter Ganzmetallflugzeuge“ gewesen, heißt es auf der Gedenktafel. [vii]

 

Ein Schwerpunkt des Tätigkeitsfeldes der ARGE-PUR sollte ursprünglich im Textilviertel liegen. Das passte gar nicht zur wüsten Konzeption der CSU in diesem Viertel und ihrer abartigen Hörigkeit gegenüber Ignaz Walter, der seine Blütenträume jetzt reifen sah. Selbstverständlich mauerte die Stadtverwaltung jetzt in jeder Hinsicht. Und je konkreter die Projekte wurden, desto dreister. 1991 mußte Zitzelsberger einräumen, dass „bis heute“ kein Projekt der ARGE-PUR realisiert werden konnte.

Das IMU-Institut schreibt in einer Zwischenbilanz:

„Bereits der erste Versuch, das energiesparende MBB-Gebäudeleitsystem «BASYS» im Augsburger Stadttheater zu installieren, scheiterte, da bei Auftragsvergabe von städtischer Seite anderen Firmen der Vorzug gegeben wurde.

Auch das zweite Vorhaben im Energiebereich, das Leitsystem im Augsburger Stadtbad am Leonhardsberg einzubauen, konnte nicht verwirklicht werden, wobei die Gründe hier in grundlegenden Missverständnissen bezüglich Finanzierung, Koordination und Organisation zu suchen sind, was Zitzelsberger mit den Worten, er sei «ausgebremst» worden umschreibt.

In diesem konkreten Fall wurde von städtischer Seite argumentiert, dass es Sache von MBB sei, im Wettbewerb mit anderen mit der Stadt ins Geschäft zu kommen, d.h. „möglichst unter Selbstkosten“ anzubieten bzw. billiger zu sein als die Konkurrenz.

Als «Flop» erwies sich auch das dritte Pilotprojekt im Bereich der Abwassertechnik. Wie beschrieben, wollte man den traditionsreichen Augsburger Textilbetrieben neue Abwasserreinigungssysteme mit dem Ziel anbieten, zu demonstrieren, «dass Umweltschutz in diesem Bereich (bei steigenden Abwasserkosten) sogar rentabel sein kann.»

Zitzelsberger räumt hier konzerninterne Probleme ein, die sich u.a. aus der neuen Kompetenz- und Hierarchiestruktur aufgrund der Fusion der MBB GmbH mit dem Daimler-Benz-Konzern ergeben haben.“ [viii]

Gründe für das Scheitern

Diese Fusion zur Deutschen Aerospace AG (DASA), die Ende 1989 zustande kam, verwandelte MBB von einem doch noch stark regional verankerten Unternehmen in einen Global Player auf dem Gebiet der Rüstung, Luft- und Raumfahrt. [ix] Damit schwand der Einfluss der Stadt auf das Unternehmen und das Unternehmen begann seinerseits, gegenüber der Stadt zu mauern. Es scheint so gewesen zu sein, dass eine verdeckte Allianz von Militaristen in der CSU-Stadtverwaltung und DASA-Managern das Projekt PUR kalt stellten.

Die begleitende Wissenschaftlerin Michaela Simon analysierte 1991 ein faktisches Scheitern des Projekts. Eine Ist-Analyse der städtischen Defizitbereiche auf der einen Seite und die Analyse der Möglichkeiten des Technologie- und Produkteinsatzes des Rüstungsbetriebs MBB auf der anderen Seite wurde vom IMU-Institut zwar vorgelegt, aber nur in „qualitativer“ Form. Zu einer „Quantifizierung“ der Potentialanalyse kam es nicht. Aber erst diese Quantifizierung der Beschäftigungs- und Umwelteffekte bestimmter Produkte, Abschätzung von Kosten, Zeitaufwand und Bedarf an Folgeleistungen hätte aus dem Reich der schönen Möglichkeiten konkrete regionale Projekte gemacht. Auch die angestrebte „quantitative Einschätzung des genauen Bedarfes im kommunalen und regionalen Bereich“ wäre fast eine Revolution gewesen. Man stelle sich vor, eine Kommune oder regionale Gebietskörperschaft fängt an, ihren Bedarf festzustellen – der im ökologischen Bereich auch stark von Industriefolgen geprägt ist – und verlangt von einem Großkonzern, seine Produktion auf diesen regionalen Bedarf umzustellen!

In diesem Stadium des PUR-Projekts wurde der Geldhahn zugedreht, offensichtlich von beiden Seiten, also Stadt und MBB bzw. DASA – sozusagen paritätisch. Die Wissenschaftler durften ja nur „begleiten“ und die Gewerkschafter nur beobachten – wenn überhaupt. Michaela Simon bestätigt das und nennt noch einen weiteren Grund für das Scheitern: Der Rüstungskonzern war nicht bereit, seine F&E-Möglichkeiten – also Forschung und Entwicklung – offenzulegen:

„Die quantitative Fortführung der IMU-Studie als Ansatz für qualitatives Wachstum in der Region Augsburg scheiterte vornehmlich an der Finanzierung.

Obwohl von wissenschaftlicher Seite mehrmals Bereitschaft zur Anfertigung einer derartigen Untersuchung signalisiert wurde, war keiner der Vertragspartner bereit, diese zu finanzieren. Der ohnehin zu knapp bemessene Finanzrahmen des Programms bot hier keinen Spielraum mehr.

Ein weiterer Grund für die Ablehnung dieser Untersuchung dürfte in der immer noch bestehenden »Geheimhaltungsmanie« der Rüstungsunternehmen liegen. Voraussetzung für die qualitative und quantitative Analyse der Konversions- und Diversifikationsmöglichkeiten ist die Offenlegung der Produktlinien und ihrer jeweiligen Beschäftigtenzahlen sowie der vorhandenen F&E-Möglichkeiten u.ä.. Die Bereitschaft zur Transparenz und Zusammenarbeit war weder von der Stadt Augsburg noch von der MBB-Geschäftsleitung bzw. DASA-Geschäftsleitung ausreichend vorhanden.“

Überregionale, negative Entwicklungen

Hinzu kamen überregionale negative Entwicklungen. Im gleichen Jahr 1991, wo das PUR-Projekt faktisch scheiterte, findet die Endmontage der ersten Prototypen des Eurofighters statt. Trotz großer politischer Widerstände gegen den Jäger 90 bzw. Eurofighter, die so weit gingen, dass Verteidigungsminister Rühe bei seinem Amtsantritt den Jäger noch ablehnte, wurde das Projekt systematisch entwickelt und forciert – wenn auch zunächst verdeckt. Schon 1983 wurden erstmals von den Stabschefs der beteiligten Nationen die Zielwerte veröffentlicht, die Projektdefinitionsphase war 1986 abgeschlossen. 1988 wurden die Entwicklungsverträge mit der „Eurofighter“ GmbH und der „Eurojet“ GmbH geschlossen. 1990 fand der Probelauf des ersten Entwicklungstriebwerks statt, 1991 die Endmontage des ersten Prototypen. [x]

Leider hieß die Parole dann nicht mehr „Vom Tornado in die Umwelttechnik“, wie sie die Augsburger IG Metall 1989 noch ausgab, sonder eher „Vom Tornado zum Eurofighter“ oder „Mit dem Eurofighter gegen die Umwelttechnik und den Rest der Welt“. An dieser Entwicklung waren der militärisch-industrielle Komplex und die CSU maßgeblich beteiligt. Aber auch die örtliche SPD ist nicht unschuldig. Martin Pfaff wurde im „Schicksalsjahr“ des PUR-Projekts 1991 SPD-Vorsitzender in Augsburg. Was das für die Augsburger Konversionspolitik bedeutete, wurde spätestens 1997 klar. Bei der Kampfabstimmung im Bundestag über den Eurofighter wollte sich Pfaff entgegen der Marschrichtung seiner Fraktion nicht zu einer Ablehnung des Eurofighters durchringen. Er „enthielt“ sich und ist damit zusammen mit über 30 anderen Abweichlern oder unentschuldigt fehlenden Abgeordneten von SPD und Grünen direkt verantwortlich, dass das Regierungslager die Abstimmung gewann.

Ein grundsätzliches Problem bei dem Augsburger PUR-Projekt war wohl, dass es keine staatliche Förderung gab. Die bayerische Staatsregierung schloss sich dem „Standpunkt“ der Bundesregierung an, dass Konversion eine Sache der betroffenen Unternehmen sei, in die sich die Regierung nicht einmische. Tatsächlich hat sich die Bundesregierung hinter den Kulissen massiv eingemischt und finanziert, aber eben für Zwecke der Transformation und nicht der Konversion. Wenn die öffentliche Hand private Unternehmen dazu bringen will, auf öffentliche Güter oder öffentlich benötigte Güter umzustellen, muss sie auch Geld geben. Wenn die staatlichen Stellen hier mauern, ist eine Kommune gegenüber einem Großkonzern wie MBB bzw. DASA hoffnungslos im Hintertreffen. Um auch die Zulieferer, also praktisch ganze Branchen, umzustimmen, braucht es ein positives öffentliches Klima für Konversion in der ganzen Region, ja sogar dem ganzen Bundesland. [xi] Das war bei dem doch relativ isolierten Projekt PUR nicht gegeben.

Trotz allem wollen wir uns der Aussage von Dr. Hendrik Bullens, Leiter der  damaligen Forschungsstelle Konversion und Friedenswissenschaften, Universität Augsburg, und des SISYFOS-Instituts, München-Augsburg aus dem Jahre 1994 anschließen: „Trotzdem wäre es falsch zu sagen, dass die Rüstungskonversion gescheitert sei: Richtig ist vielmehr, dass sie hierzulande im großen und ganzen nie wirklich versucht wurde – und darin liegt nach wie vor eine Chance. Wann kommt die neue Konversionsoffensive?“ [xii]

Die Diskussion über Rüstungskonversion in dieser Stadt kann an dem Projekt PUR nicht vorbeigehen, sondern müsste daran anknüpfen. Dazu wäre einer ganzen Reihe von Fragen nachzugehen, die sich aus dem oben gesagten ergeben. Z.B. auch, ob das umwelt- und regionalpolitische Konzept von Regenbogen in irgendeiner Weise auf das PUR-Projekt rekurriert?

Und es wären Dokumente nötig, die uns nicht vorliegen, z.B.:

In einem Folgeprojekt wollen wir uns zunächst mit der Geschichte des Eurofighters befassen, in die auch die regionale und vor allem bayerische Politik und Wirtschaft enorm verstrickt ist.

Peter Feininger, 2.9.2004



[i] Herbert Wulf, Rüstungswirtschaft – Konversion statt weitere Aufrüstung in: Informationsdienst Wissenschaft & Frieden, Heft 5/86 http://www.uni-muenster.de/PeaCon/wuf/wf-86/8650500m.htm

[ii] Herbert Wulf, Rüstungswirtschaft… ebd.

[iii] Michaela Simon: Eine kommunale Initiative zur Rüstungskonversion: Programm zur Umweltverbesserung und Ressourcen-Schonung (PUR) in: Informationsdienst Wissenschaft & Frieden, Heft 4/91 http://www.uni-muenster.de/PeaCon/wuf/wf-91/9140901m.htm

[iv] Ursula Richter, M. Zitzelsberger, PUR-Augsburg - Produkte für den Umwelt- und Ressourcenschutz, eine Projektinitiative der Stadt Augsburg und des Unternehmens MBB, in: „Die Mitbestimmung“,  Hans-Böckler-Stiftung 12/89, Frankfurt, M.  Bund-Verl. In der juristischen Teilbibliothek der Universität Augsburg unter PF 152

[v] Michaela Simon: Eine kommunale Initiative zur Rüstungskonversion a.a.O

[vi] Richter, Zitzelsberger, PUR-Augsburg… a.a.O.

[vii] Der Fliegerbrunnen steht im Zirbelhof an der Prof.-Messerschmitt-Straße des Universitätsviertels. Dieser Brunnen soll an den Alten Flugplatz erinnern, auf dessen Gelände das heutige Universitätsviertel entstanden ist.

Der Fliegerbrunnen wurde im Jahre 1991 von den Künstlern Hans Heichele und Urban Ehm aus Augsburg entworfen und von Auszubildenden der Firma MBB (heute EADS) errichtet.

Auf Tafeln am Fliegerbrunnen ist die Geschichte der Luftfahrt in folgender Weise dokumentiert:

Sir George Caleigh, 1773 bis 1857, der Vater der Luftfahrt, legte die Struktur von Flugzeugen theoretisch fest, erkannte die Zusammenhänge zwischen strömender Luft und Wölbung. 

Otto Lilienthal, bedeutendster Pionier des Gleitflugzeuges; 1. Flug 1891. 

Ohio 1903: 1. Motorflug durch die Gebrüder Wright. 

21. Mai 1927: Charles Lindbergh landet nach der Atlantiküberquerung in Paris. 

Louis Blériot überbrückt 1909 mit seinem Flug als erster den Ärmelkanal. 

Claude Dornier, 1884 - 1969. Er erschloss mit seinen Flugbooten den Luftverkehr über See. 

13. April 1928: Hermann Köhl und G. Hünefeld J. Fitz Maurice fliegen mit der Junkers W33 zum ersten Mal von Europa nach Nordamerika. 

Willy Messerschmitt, 1898 - 1978, der leidenschaftliche Konstrukteur schneller und leichter Ganzmetallflugzeuge. 

Ernst Heinkel, 1888 - 1958. Er war der große Förderer der Schnell- und Stahlflugzeugentwicklung in den 30er Jahren. 

Augsburg, 27. Mai 1931: Piccard und Kipfer erreichen als erste die Stratosphäre in einer Höhe von 16000 m mit einem Heissluftballon der einen Durchmesser von 46 m hatte. 

1900 - 1906: die gasgefüllten Luftschiffe von Zeppelin und Parseval erhielten Vortrieb und Steuerbarkeit durch den Motor. 

Heinrich Focke, 1890 - 1979: Seine FW61 war der erste praktisch verwendbare Hubschrauber. 

Leonardo da Vinci, 1452 - 1519: Universalgenie der Renaissance, erkannte auch das Prinzip des Helikopters. 

Statt zu ruhen, statt zu liegen,

reißt's mich aus den alten Gleisen.

Wegzustürzen, wegzufliegen,

ins Unendliche zu reisen.

Schirm und Robert fliegen dort

durch die Wolken immer fort.

von Hermann Hesse 

1939 - 1945: Vergessen wir nicht die Menschen, die bei Angriffen aus der Luft ums Leben kamen. 

Ludwig Berblinger:

Der Schneider von Ulm hat's Fliegen probiert,

da hat ihn der Teufel in die Donau neugführt.

So geschehen am 31. Main 1811.

http://augsburger-brunnen.schwabenmedia.com/Brunnen/Fliegerbrunnen.htm

[viii] Michaela Simon: Eine kommunale Initiative zur Rüstungskonversion a.a.O

[ix]  1985 erfolgte ein weiterer Schritt zur Konsolidierung der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie. Der Daimler-Benz Konzern erwarb die Maschinen und Turbinen Union (MTU). Zwei Jahre später sprach die Bundesregierung den Wunsch an einer Beteiligung des Konzerns an Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) aus. Die nationale Konkurrenz - beispielsweise zwischen Dornier und MBB - hemmte die internationale Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Industriezweiges. Nur durch eine noch stärkere Bündelung war der Anschluss an den Weltmarkt zu halten.

Im Mai 1989 kam es so zur Gründung der Deutschen Aerospace AG (DASA) durch Daimler-Benz. Darin waren zunächst Dornier, MTU und zwei Teilbereiche der AEG zusammengeschlossen. Ende 1989 kamen MBB, 1990 die Deutsche Airbus GmbH und später dann die Elbe Fugzeugwerke in Dresden hinzu. Gleichzeitig lief seit Anfang 1990 eine Neuordnung der Aktivitäten jener einstigen Konkurrenten. Es entstanden die Geschäftsbereiche Luftfahrt, Raumfahrt, Verteidigungstechnik und Antriebe. Daneben begann die schrittweise Internationalisierung des Konzerns. So wurden beispielsweise die Hubschrauberaktivitäten mit der französischen Aerospatiale im neugegründeten Tochterunternehmen Eurocopter zusammengelegt.

Dem weltweiten Auftragseinbruch im Luftfahrt- und Verteidigungssektor Anfang der neunziger Jahre sowie der Streichung von Fördermitteln begegnete die DASA durch Strukturanpassung und verstärkte Internationalisierung. Unter anderem geschah dies mit der Mehrheitsübernahme am holländischen Fokker-Konzern im Jahr 1993. Um im harten internationalen Konkurrenzkampf noch besser zu bestehen, firmierte der Konzern ab 1. Januar 1995 unter dem Namen Daimler-Benz Aerospace AG (DASA); nach dem Zusammenschluss des Mutterkonzerns Daimler-Benz mit dem US-Konzern Chrysler als DaimlerChrysler Aerospace AG (DASA). Am 10. Juni 2000 schließlich ging die DASA in der EADS European Aeronautic Defence and Space Company auf.

www.bdli.de/geschichte/firmengeschichte

[x] http://www.bundeswehr.de/forces/luftwaffe/040429_eurofighter_chrono.php

[xi] Vgl. hierzu die relativ beachtlichen Konversionserfolge in der Region Bremen in den 90er Jahren.

Die Ausgangsbedingungen in Bremen waren gut für die Konversion: starke Unterstützung durch die Politik (SPD), der Hauptsitz der meisten regionalen Rüstungsbetriebe war zu diesem Zeitpunkt am Ort ansässig, vielfältige Aktivitäten von gewerkschaftlichen Netzwerken, universitäre Konversionsdebatte…

Die Unternehmen brauchen Sicherheit, das geht nicht durch Insellösungen sondern nur durch eine breit angelegte Konversionsfront und Unterstützung aus der Politik (verlässliche, qualifizierte Politik – von der in Augsburg keine Rede sein konnte). Siehe: Wolfram Elsner Rüstungskonversion als lokale Industriepolitik. Das Beispiel des Stadtstaates Bremen (1991-2001) http://www.bremerfriedensforum.de/

[xii] Hendrik Bullens Abrüstung und Konversion – Was und wohin treibt die deutsche Rüstungsindustrie? in: Informationsdienst Wissenschaft & Frieden, Heft 3/94 http://www.uni-muenster.de/PeaCon/wuf/wf-94/9430301m.htm