Jürgen Todenhöfer

„Reden für Frieden und Akzeptanz“?

Jürgen Todenhöfer: ehemaliger entwicklungspolitischer und abrüstungspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, 18 Jahre im Bundestag für die CDU und jetzt Geschäftsführer des Burda-Medien-Konzerns, bekannt durch seine spektakulären Auslands-„Missionen“ und nun von den Medien zum „Friedenskämpfer“ erklärt.
Er ist als Vortragender in der Reihe „Reden für Frieden und Akzeptanz“ am 3. Oktober vom Kulturbüro der Stadt Augsburg eingeladen und soll zum Thema „Frieden im 21. Jahrhundert – Gedanken über Massenvernichtungswaffen und Terrorismus“ sprechen. Für uns stellt sich allerdings die Frage, ob Todenhöfer wirklich der geeignete Mann für dieses Thema ist?

„Wer weint schon um Abdul und Tanaya? – Die Irrtümer des Kreuzzugs gegen den Terror“

Eine kritische Auseinandersetzung mit Todenhöfers Buch *

Durchs wilde Afghanistan

Im Jahr 1980 macht sich Todenhöfer zum ersten Mal auf eigene Faust auf nach Afghanistan. Der Krieg mit der Sowjetunion hat gerade begonnen. Unter dem Schutz des Mudschaheddin-Führers Hekmatyar reist er durch das Kriegsgebiet.

Nach unseren eigenen Recherchen sieht die Lage dort so aus: Hekmatyar wird von Pakistan und den USA unterstützt und führt eine der islamistischen Gruppierungen an. Von der Ideologie her ist seine Partei „Hezb-e islami afghanistan“ als radikal islamistisch einzuordnen (Sharia, Schleierzwang für Frauen etc.). Todenhöfer bezeichnet diese jedoch als „eine der großen Befreiungsbewegungen Afghanistans“ (15). Von der Unterstützung der islamistischen Kriegsparteien verspricht sich vor allem Pakistan eine Einflussnahmemöglichkeit, denn Pakistan braucht Afghanistan u.a. als militärisches Rückzuggebiet für seinen Krieg mit Indien. Waffen- und Geldlieferungen aus den USA laufen über den Pakistanischen Geheimdienst. Afghanistan wird missbraucht, einen Stellvertreterkrieg gegen die Sowjetunion zu führen. Die Rechnung des Westens geht auch auf, 1989 beendet die sowjetische Führung den Afghanistankrieg und zieht ihre Armee zurück. Bald darauf zerfällt die SU und der Krieg in Afghanistan hat einen nicht unerheblichen Anteil daran.

Für Todenhöfer ist die Sowjetunion der Hauptfeind. Mit typisch westlicher antikommunistischer Einstellung wird nur von einem „Inferno sowjetischer Bombenangriffe“ gesprochen (24), seine größte Sorge ist, von anderen Mudschaheddins für einen „russischen Agenten“ gehalten zu werden (27). Sein Leben hängt des Öfteren „am seidenen Faden“ (26), todesmutig filmen er und sein deutscher Kompagnon einen Hubschrauber, der sich als russischer entpuppt und das Feuer eröffnet, jedoch danebenzielt (33). Todenhöfer kommt also wie durch ein Wunder mit dem Leben davon. Die Beschreibung seiner Kriegserlebnisse erinnern teilweise an Szenen in einem amerikanischen Western („Kugeln werden ohne Betäubung herausgeschnitten“ – (19) und werden romantisiert: die Lagerfeuer der Flüchtlinge „sahen romantisch aus“ (23). Die Wortwahl macht aus dem Kriegsbericht eher einen Karl-May-Roman. Zusammen mit seinem Begleiter, den er „männlich hart“ mit „Schulze-Vorberg“ betitelt bewegt sich Todenhöfer unter bärtigen Gestalten.
Eine patriotische Einfärbung – „unter den jungen Russen gab es mindestens genauso viele anständige Kerle wie unter jungen Deutschen“ (34), wird ergänzt um einen religiösen Touch „die Mudschaheddin bieten ein malerisches Bild, wenn sie sich fast wie in Trance vor ihrem Gott verneigen“. Todenhöfer selbst würde am liebsten mitbeten, „befürchtet jedoch ihre religiösen Gefühle zu verletzen“. Der Krieg wird „auf Befehl einiger Wahnsinniger geführt“ (34). Die beschriebenen Szenen wimmeln von „gespenstischen Anblicken“.

Krieg also als Katastrophe, die hereinbricht? Die außer Kontrolle gerät?

Nein – später macht Todenhöfer klar: Krieg gegen Terroristen, die „unsere zivile westliche Welt bedrohen“ ist gerechtfertigt. Diese müssen aber „mit einem Skalpell herausgeschnitten“ werden. Eine Bombardierung der Zivilbevölkerung ist für ihn keine sinnvolle Strategie. Deshalb lehnt er die Bombardierung afghanischer Männer, Frauen und Kinder durch die USA ab. Die Bombardierung der ehemaligen jugoslawischen Bevölkerung durch die NATO aber nicht. Gibt es einen Unterschied? Männer, Frauen und Kinder in Ex-Jugoslawien sind doch auch Menschen – sollte man glauben. Die Rechtfertigung ist ganz einfach: „Milosevic ist ein Kriegsverbrecher“ (90). Über die Lügen, mit denen der NATO-Krieg gegen Jugoslawien gerechtfertigt wurde, denkt er vorsichtshalber nicht nach. Dieser Krieg bleibt unerwähnt – vielleicht weil er von der NATO und damit unter deutscher Beteiligung geführt wurde.

„Den Terrorismus bekämpft man mit dem Skalpell und nicht mit dem Schlachterbeil“ sagt Todenhöfer (112). Das erinnert fatal an die „chirurgische“ Kriegführung im 2. Golfkrieg – wie sie uns damals in den Medien präsentiert wurde. Oder aber auch an die angebliche punktgenaue Zielführung von Pershing II-Raketen und Cruise missiles, mit denen in den 80-ern der Krieg gegen die Sowjetunion noch geführt werden sollte und deren Stationierung in der BRD die größten Protestaktionen der Friedensbewegung auslöste.

Auch die übrigen von Todenhöfer vorgeschlagenen Mittel zur Terrorismusbekämpfung wie „nachrichtendienstliche Aufklärung, Unterwanderung des Umfeldes, Geld und Spezialkommandos“ sind eher den Methoden von Schily und Beckstein zuzuordnen. In der Regel geht damit innenpolitisch der Abbau demokratischer Grundrechte einher. Möglichkeiten für Abhör- und Durchsuchungsmaßnahmen werden erweitert, zivile Möglichkeiten zum Protest eingeschränkt und das Feindbild Terrorismus erweist sich als guter Rechtfertigungsgrund für die „innenpolitische Aufrüstung“ (Einsatz von Bundeswehr im Inneren).

Freunde

Einer der „guten Bekannten“ Todenhöfers ist übrigens Rasul Sayyaf (Führer der Islamischen Allianz zu Befreiung Afghanistan; Paschtune, Wahabbit) der auch vom BND finanziert wurde und u.a. Leiter eines Ausbildungscamps der Al Quaida war (Oliver Ström, Al Quaida, S.17).
Andere „gute Freunde“ sind ebenfalls dem islamistischen Lager zuzuordnen: Abdul Haq und wie schon erwähnt Hekmatyar.

Bei späteren Reisen spricht Todenhöfer auch mit dem pakistanischen Regierungspräsidenten Zia ul-Haq, dessen militaristische Despotenherrschaft (unterstützt von den USA) als eine der schlimmsten Jahre in der Geschichte Pakistans bezeichnet wird (Tariq Ali, Fundamentalismus… S. 299)
Das einzige was man von Todenhöfer über den ehemaligen General erfährt, ist dass er aussieht „wie Omar Sharif“ und dass er Todenhöfer „zur Verfügung steht“ (63).
In einer spektakulären Rettungsaktion hilft Zia ul-Haq Todenhöfer einen einzelnen schwer verletzten Jungen außer Landes zu bringen und damit dessen Operation in Deutschland zu ermöglichen. Dieser Junge heißt „Abdul“ und steht im Titel des Buches von Jürgen Todenhöfer.
Wie viele Menschen Zia ul Haq sonst auf dem Gewissen hat, wird nicht erwähnt.

Amerika

Todenhöfer ist ein Freund der USA (42). Er liebt die USA. Die Sprüche über „die großartigen Leistungen… der USA“ und dass „ die Deutschen den USA 50 Jahre Frieden und Freiheit verdanken“ kennt man zur Genüge. Nur die strategische Kriegführung, eine Zivilbevölkerung zu bombardieren, um die Auslieferung eines Terroristen zu erpressen, hält er für unklug.
G.W. Bush hält er für den Posten des amerikanischen Präsidenten für ungeeignet. Lieber wäre ihm der amerikanische Außenminister Powell. Ausgerechnet den Oberbefehlshaber im 1. Angriffskrieg gegen den Irak.

Doppelmoral und Moral

Todenhöfer hat Probleme mit der Doppelmoral des Westens. „Wir dürfen der muslimischen Welt nicht länger mit einer Politik der doppelten Moral entgegentreten“ sagt er in seinem „Strategieplan im Kampf um die Herzen der muslimischen Welt“. Als Beispiel führt er an, dass die Außenpolitik George W. Bushs „gegenüber Afghanistan und dem Irak andere Maßstäbe anlegt als gegenüber den Unrechtsregimen in Tadschikistan und Usbekistan, weil er diese als militärische Verbündete braucht“ (110).

Todenhöfer selbst nimmt es damit jedoch nicht so genau: So bezeichnet er speziell den Mudschaheddin-Führer Dostum als „Massenmörder“ (94) und fragt sich, wie so einer heute Verteidigungsminister in der Übergangsregierung Afghanistans werden kann. Dass Hekmatyar und die übrigen Clanführer der Nordallianz ebenfalls ohne weiteres zu dieser Kategorie gerechnet werden können, wird nicht erwähnt. Warum greift er sich also den Usbeken-General Dostum heraus? Vielleicht liegt es daran, dass speziell dieser von der Sowjetunion unterstützt wurde.

Ebenso bleibt die unrühmliche Rolle Karsais (jetziger Staatspräsident) als Spion der USA – wie übrigens auch die des „Freundes“ Todenhöfers Abdul Haq (86) – außer Betracht. Karzai sollte einen Aufstand in Uruzgan organisieren und wurde nach seinem fehlgeschlagenen Versuch mit einem amerikanischen Hubschrauber ausgeflogen (Pohly/Duran S.23). Er erfreut sich nach solchen Vorkommnissen verständlicherweise nicht unbedingt des Vertrauens der afghanischen Bevölkerung. Abdul Haq hatte einen ähnlichen Auftrag und wurde deshalb gleich nach seiner Rückkunft aus dem Exil von den Taliban exekutiert. Laut Todenhöfer wollte er nur „seinen Heimatstamm“ besuchen (54). Dass er dabei allerdings mit US-Dollar beladen war, leugnet auch Todenhöfer nicht (53).

Einen konventionellen Krieg gegen den Terrorismus lehnt Todenhöfer ab. Er setzt auf Dialog. „Es gibt auch andere wertvolle Gesellschaftsmodelle“, sagt er (109).
Nur solche, die eine sozialistische oder kommunistische Gesellschaft zum Ziel haben, lehnt er anscheinend ab. Dabei wäre dies nach den letzten Entwicklungen in Venezuela durchaus nachdenkenswert. (siehe z.B. Politische Berichte, GGN Verlag 19/2004 S. 19 ff. »» oder auch auf dieser Homepage).
„Die Grundsätze der Moral, des Rechts und der Verhältnismäßigkeit müssten bei der Schaffung des internationalen Friedens gelten“. „Den Terror kann man nur mit Werten überwinden“.
Welche diese „Werte“ nun aber sein sollen, westliche kapitalistische Werte (?) oder sind auch andere zugelassen (?) bleibt unklar.

Die Entwicklungshilfe will Todenhöfer verstärken. „Krieg gegen die Armut – nicht gegen die Armen“, denn „Armut ist ein gefährlicher Nährboden für Terrorismus“.
Soll dann die Entwicklungshilfe als Entgelt für die entsprechende „Wertübernahme“ stattfinden – sozusagen als „Währungsaustausch“?
Entspräche die Erkenntnis Todenhöfers „Terrorismus entsteht aus Hunger, Ungerechtigkeit und Hoffnungslosigkeit“ (111) der Wirklichkeit, müssten eigentlich ganz Indien, große Teile von Afrika und Südamerika vom Terrorismus beherrscht werden.
Aber vielleicht ist das, was jetzt in Venezuela passiert ist (ein Volksreferendum für einen sozialistischen Staat) auch ein „terroristischer Akt“ im Sinne Todenhöfers.

Eher ist es doch wohl so, dass die Einflussnahme der kapitalistischen Staaten des Westens auf die Unterdrücker-Regierungen in den arabischen Staaten dazu geführt haben, dass dort fundamentalistische Strömungen entstehen. Und eben diese – wie der Wahhabismus in Saudi-Arabien – werden von den regierenden Geldcliquen unterstützt, um eben dadurch eine ideologische Basis zu schaffen, die einen Volksaufstand verhindert. Ein solcher Aufstand würde nicht nur der regierenden Herrschaftsclique die Möglichkeit nehmen, die Bodenschätze des Landes zu ihren Gunsten auszubeuten. Er wäre vermutlich auch das Ende der politischen Einflusssphäre der westlichen Staaten, das Ende derer Möglichkeit sich selbst billig am dortigen Öl zu bereichern und das Ende, diese Länder als strategische Basis für ihre militärischen Pläne zu nutzen.

„Ohne den afghanischen Sieg hätte es keine Wiedervereinigung“ gegeben“ (12), sagt Todenhöfer und fügt damit dem Interesse Deutschlands an Afghanistan ein weiteres Motiv hinzu. Auch sonst gibt es genügend Beweggründe für eine Einmischung der BRD. „Die Interessen Deutschlands werden auch am Hindukusch verteidigt“, sagt Struck. Die Bedeutung Afghanistans als „Herz Asiens“ erkennt auch Todenhöfer.

Als Zugang zu den Ölfeldern am Kaspischen Meer, spielt Afghanistan in den Überlegungen der westlichen Welt aber auch der Anrainer-Staaten eine erhebliche Rolle. So unterstützte jede interessierte Regierung die Kriegspartei, die ihr als spätere Verbündete am geeignetsten erschien, die eigenen Ziele durchzusetzen.

Toleranz

Predigt Todenhöfer nun die Toleranz? Wiederholt werden afghanische Mudschaheddin als „südländische Hippies“ beschrieben (24). Er spricht auch von Bin Laden Camps, „in denen sich Ausländer herumtreiben“ (52). Solche Worte erinnern fatal an die reaktionäre Ausdrucksweise der 70-er Jahre, als jeder langhaarige Junge ein „Faulenzer“ war, wenn er nicht gleich dem RAF-Sympathisanten-Feld zugeordnet wurde.

Die Paschtunen sind für Todenhöfer „stolze Freiheitskämpfer, keine Terroristen“. „Ein Paschtune tötet keine unschuldigen Zivilpersonen – das widerspricht seiner Ehre“(52). „Die Afghanen hatten immer wie ein Mann zusammengehalten, wenn sie von außen angegriffen wurden“ (77).
Solche Aussprüche zeugen immer wieder von einem ausgesprochen patriarchalischen Weltbild. Frauen werden und wurden in Afghanistan immer schon unterdrückt. Nur in den Städten hatten sie in der Zeit vor dem Beginn des Krieges 1979 eine Chance, ein gleichberechtigtes Leben aufzubauen und einen Beruf zu erlernen. Mit den Taliban war auch das vorbei.

Todenhöfer nimmt hierzu keine Stellung. Allenfalls als Bombenopfer spielen auch Frauen eine Rolle. Ansonsten gibt es nur eine männlich dominierte Gesellschaft, die auch noch romantisch verklärt dargestellt wird.

Auch dass in dem Vielvölkerstaat Afghanistan neben Paschtunen auch noch Hazara, Tadschiken, Usbeken, Balutschen und Turkmenen existieren und dass die unterschiedlichen Glaubensrichtungen des Islam hier ebenfalls eine Rolle spielen, darauf geht Todenhöfer nicht ein.
Er spricht nur von einer „chaotischen Situation“, in der sich die verschiedenen Führer der Nordallianz Gefechte liefern und auch die Taliban Widerstandnester aufbauen (121). Deshalb „muss die internationale Staatengemeinschaft Karsai helfen, die Privatmilizen zu entwaffnen und eine zentrale Polizeiorganisation und Armee aufzubauen“. Die Taliban müssten einen gerechten Prozess erwarten können, damit sie keine Angst haben müssen, massakriert zu werden. Angeführt werden als Beispiel die Massaker des Usbeken-Generals Dostum an den Taliban in Mazar-i-Sharif, jedoch ohne die Massaker an der Bevölkerung in Mazar-i-Sharif zu erwähnen (122).
Hier ist auch die einzige Stelle im Buch, die den Jugoslawien-Krieg erwähnt. Allerdings nur als Massaker der Serben an der muslimischen Bevölkerung.

Ein Pazifist?

„Ich bin kein Pazifist und werde es nie sein“, sagt er selbst (110). Auch würde er „nie eine Waffe in die Hand nehmen – solange es nicht notwendig sei“ (25). Worte, die an die von Franz Josef Strauß erinnern: „Wer noch einmal das Gewehr in die Hand nehmen will, dem soll die Hand abfallen“ (1949). Später hatte der gleiche keine Probleme, einen Panzer einzuschießen. So geschehen in Augsburg mit dem Leopard auf dem Schießstand von Kuka.
Noch später war Strauß in die größten Waffenschieberskandale der Bundesrepublik verwickelt. Ein Prozess, der immer noch nicht abgeschlossen ist und dessen Nachwirkungen in Augsburg verhandelt werden (Prozess Max Strauß, Anhörung Holger
Pfahls).
Vor seiner Abreise nach Afghanistan ist es übrigens allein Strauß, den Todenhöfer davon informiert. Den Segen seiner Parteileitung hatte er nämlich nicht für sein „Abenteuer“ (16).

Der Anti-Terror-Spezialist

Nach eigenen Aussagen ist Todenhöfer dem Terrorismus häufig begegnet: Ein Jugendfreund wurde später zum RAF-Mitglied. Todenhöfer war berichterstattender Richter bei RAF-Prozessen (98). Der entführte Arbeitgeberpräsident Hans-Martin Schleyer war ein Freund der Familie Todenhöfers. Schleyer soll übrigens „großes Verständnis für die Sorgen und Nöte der Arbeitnehmer gehabt haben“ (100). Wegen seiner Äußerungen zum Thema Terrorismus erhielt Todenhöfer Morddrohungen (101).
Die RAF vergleicht Todenhöfer mit dem SS Reichsführer Himmler und spannt den Bogen zu Al Quaida (103). Ziemlich gewagt? Für Todenhöfer ist die gemeinsame Komponente „eisige Kälte“ und „Rücksichtslosigkeit gegenüber den Opfern“. Man könnte dies auch als eine wilde Mischung aus völlig unterschiedlichen Umständen bezeichnen, deren parallele Darstellung nur dazu dient, ein diffuses Feinbild zu entwickeln.
„Wären wir mit Brutalität und Maschinengewehrfeuer gegen die auf Deutschlands Straßen demonstrierenden RAF-Sympathisanten vorgegangen, gäbe es die RAF heute noch“, meint Todenhöfer (112) und hinterlässt den üblen Geschmack von Maschinengewehrfeuer auf Demonstranten.

Todenhöfer befürchtet, dass Terroristenorganisationen bald über Massenvernichtungswaffen verfügen können. Er spricht von „nuklearen Rucksackbomben“, die dann zum Einsatz kommen werden. Dass Massenvernichtungswaffen allgemein eine Gefährdung der Menschheit darstellen und diese geächtet und vernichtet werden sollten, davon spricht er nicht. Dass die EU ebenfalls über Atomwaffen verfügt und auch Deutschland an einer Teilhabe an den britischen und französischen Atomwaffen strickt, davon spricht er auch nicht.

Bin Laden wird von Todenhöfer zum Top-Terroristen erklärt. Damit macht er es sich einfach. Dass als Chef-Organisator der Anschläge auf das World Trade Center bereits 1993 ein gewisser Khalid Scheich Mohammed gehandelt wird bleibt unerwähnt. Einen Bin Laden will Todenhöfer „mit den bewährten Methoden der Terrorismusbekämpfung und dadurch, dass wir ihn von seinem Umfeld und seinen Sponsoren abschneiden“ ausschalten (118). Wenn’ s denn so einfach wäre. Der Bin Laden-Clan ist inzwischen ein weltweit verzweigtes Unternehmen, mit dem Firmen aus aller Welt (auch in der BRD) Geschäfte machen (Die verbotene Wahrheit, Jean-Charles Brisard).
Eine Einzelperson zum Abschuss freizugeben, ist nur eine Personifizierung der Liste der „Schurkenstaaten“, wie sie von den USA aufgestellt werden.

Inzwischen wurde bekannt, dass Bin Laden nicht nur in Afghanistan die Unterstützung der USA hatte. Auch im Krieg gegen das ehemalige Jugoslawien waren die Al-Quaida Truppen auf Seiten der Muslime in Bosnien im Einsatz – und das mit Kenntnis und Unterstützung der NATO. Zusammen mit den USA machten sie eine gemeinsame Offensive gegen serbische Stellungen 1995 (junge Welt, 11./12. Sept. 2004 »»)
Solange eine Zusammenarbeit zwischen dem Krieg führenden kapitalistischen Westen und den angeblich „international gesuchten“ Terroristen stattfindet, ist ein „Ausschalten“ der Terroristen mit „Rechtsstaatsmethoden“ wie Todenhöfer sich vorstellt, erstens unmöglich und zweitens von denen, die von der Zusammenarbeit profitieren, auch gar nicht erwünscht.

Der Demokrat

Um den Afghanen nun eine „demokratische“ Regierung zu geben, schlägt Todenhöfer die Einberufung einer „Schura Ulema“ (95) vor.
Eine „Schura“ ist im Arabischen eine „Ratsversammlung“. In Afghanistan gab es in den Zeiten der konstitutionellen Monarchie eine Schura als Parlament. Eine Schura stellt keine ständige Einrichtung dar, sondern wird zur Behandlung eines speziellen Themas einberufen. Teilnehmen dürfen nur Männer mit Grundbesitz.
Heute spricht man eher von einer „Loya jirga“. Wer nun allerdings eine solche einberufen kann und welche Kompetenzen diese genau hat bzw. wer daran teilnehmen soll und darf darüber sind sich auch die Experten nicht einig (Pohly S.113 bis 117 „zum Mythos der Loya jirga“).
„Ulema“ ist die islamische Theologen- und Religionsgelehrtenschaft.
Will Todenhöfer also eine Versammlung von islamischen Religionsgelehrten? Soll ein neuer Mullah-Staat entstehen? Oder will er lieber eine Ratsversammlung von Grundbesitzern als gesetzgebendes Organ?

1988 nimmt Todenhöfer an einem Treffen der „Afghan National Liberation Front“ teil (76). Der Exilpräsident Mogaddedin wirbt für eine Anerkennung der Exilregierung. Er wird auch für drei Monate zum Übergangspräsidenten gemacht. Seine Nachfolge treten Rabbani und Rasul Sayyaf an, die beide als extremistische Islamistenführer gelten, sich ideologisch nur minimal von den Taliban unterscheiden und von den arabischen Staaten unterstützt werden. Masud, der „starke Mann“ der Nordallianz, profitierte bis zu seinem Tod 2001 vom Einfluss Sayyafs auf die islamistischen Kreise und von dessen Geldquellen (Pohly S.61)

Die Kritik an Todenhöfer geht dahin, dass er dem Leser ständig irgendwelche „Figuren“ des afghanischen Freiheitskampfes präsentiert. Diese werden jedoch nur bildhaft beschrieben. Zum Beispiel erfährt man über Mogaddedi nur, dass er „ein kleiner, drahtiger, älterer Herr“ war, „keiner dieser verwegenen afghanischen Haudegen, sondern ein Mann des Ausgleichs, der Versöhnung“ (75). Nun hat man also den Eindruck von einem freundlichen, sympathischen Herrn. Über dessen Ziele, Programme, Vorstellungen jedoch erfährt man kein Wort.
Der Leser soll einfach glauben, dass der Autor Todenhöfer auf Grund seiner „Erfahrungen“ in der Politik die Kompetenz hat zu entscheiden, welche Leute für eine Regierung in Afghanistan in Frage kommen würden.

Anmerkungen zum Schluss

Um die Auseinandersetzung mit dem Buch nicht ausufern zu lassen, wird euch das Kapitel Todenhöfers zum Irak erspart. Wer nun „Tanaya“ ist, könnt ihr selbst herausfinden. Über den Irak sind die meisten auch besser informiert als über Afghanistan.

Wenn es zugelassen wäre, könnte man bei der Veranstaltung am 03.10. in Augsburg auch dem Autor selbst Fragen stellen. Leider sieht das Konzept der Veranstalter in der Regel keine Möglichkeit hierzu vor.

Man könnte zum Beispiel fragen, was denn nun eine afghanische Frau tun soll, die sich in die Wählerlisten für die Präsidentenwahlen am 9.10. eintragen will. Soll sie nun den Flugblättern der US-Soldaten glauben, die ihr sagen, wenn sie sich nicht einträgt, erhält sie keine Nahrungsmittel und medizinische Versorgung mehr. Oder soll sie den Flugblättern der Taliban glauben, die sie mit dem Tod bedrohen, wenn sie sich einträgt. Sollen sie und ihre Kinder also verhungern besser gleich sterben? »» (derstandart-at „Zwischen Taliban-Terror und fragwürdigen ISAF-Strategien“)

Man könnte auch fragen, was man davon halten soll, dass Karzai den Anführer der talibanischen Religionspolizei freigelassen hat – kleine Amnesty politischer Gefangener zu Propagandazwecken kurz vor der Wahl. Die Religionspolizei, die für das Tragen hoher Absätze Frauen geschlagen hat, für das Tragen weißer Turnschuhe natürlich auch (weiß ist die Farbe der Taliban), die Musikkassetten verboten, Fernsehen verboten, Drachensteigen für kleine Jungen verboten hat. Statt Fußball gab es Hinrichtungsveranstaltungen im Stadion von Kabul, bei denen die Bevölkerung zuschauen musste. Manch einer wurde auch gezwungen, selbst „die Blutrache“ ausüben, um nicht Gefahr zu laufen selber getötet zu werden. »»

Was soll man von einer Wahl halten, bei der die Anhänger der kandidierenden Clanführer sich bis zu dreißig Wählerkarten besorgen, um sicher zu stellen, dass „die Richtigen“ gewählt werden?
Zwei Wochen vor den Wahlen erklärte die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), dass die unsichere Situation in Afghanistan jede nennenswerte Wahlbeobachtung verhindere. Auch die EU will nur ein kleines Expertenteam schicken, das sich „jeden Kommentars“ zu den Wahlen enthalten werde. »»

Was soll man von einer Bundeswehr halten, die wie in Feisabad wegschaut, wenn zivile Mitarbeiter von NGOs verletzt werden – übrigens bei einer Demonstration, die auf eine Maßnahme Karzais folgte, nämlich der Absetzung des früheren Mudschaheddin-Führers Ismail Khan. »»

Wäre es nicht an der Zeit, über die Verlängerung des Bundeswehreinsatzes, die nächste Woche im Bundestag ansteht, ernsthaft nachzudenken? – das Bundeskabinett hat die Verlängerung um ein weiteres Jahr bereits beschlossen.
Vielleicht wird die Bundeswehr dort nicht nur zum „Aufbau Afghanistans“ gebraucht sondern auch für den bald anstehenden Einsatz im Krieg gegen den Iran?
Bundesaußenminister Fischer droht schon mit „einem gemeinsamen Vorgehen des Westens, wenn der Iran seine Atompolitik nicht aufgibt (Politische Berichte, GNN Verlag 20/2004, S.6 und 7 »»).

Elli Frana

 

Wer noch mal über Todenhöfers Buch nachdenken will –
hier einige lesenswerte Bücher zum Thema Afghanistan:

Taliban – Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad; das Standartwerk über Afghanistan von Achmed Rahid, München 2002
Die verbotene Wahrheit – die Verstrickungen der USA mit Osama bin Laden von Jean-Charles Brisard und Guillaume Dasquie, Zürich, München 2002
Al Quaida – Akteure, Strukturen, Attentate von Oliver Ström (Mitautor des Buchs „Allein gegen Kohl, Kiep & Co.“), Berlin 2003
Nach den Taliban von Michael Pohly und Khalid Duran, München 2002
Zinkjungen von Swetlana Alexijewitsch, Frankfurt/Main 1992
Fundamentalismus im Kampf um die Weltordnung – die Krisenherde unserer Zeit und ihre historischen Wurzeln („the clash of fundamentalisms – crusades, jihads and modernity“) von Tariq Ali, Originalausgabe London 2002, deutschsprachig München 2003

und speziell zur Lage der Frauen unter der Zeit des Krieges mit der Sowjetunion, unter der Zeit des Bruderkrieges und unter der Zeit der Taliban-Regierung:

Nach Afghanistan geht Gott nur zum Weinen von Siba Shakib, München 2001
Samir und Samira von Siba Shakib, München 2003
Das verbotene Gesicht – mein Leben unter den Taliban von Chekeba Hachemi, München 2001
Mein Schicksal heißt Afghanistan von Zoya mit John Follain und Rita Cristofari, Bergisch-Gladbach 2002
Ich wählte die Freiheit – die Geschichte einer afghanischen Familie Mariam Notten und Erika Fischer, München; Wien 2003
Die Politik ist ein wildes Tier – Afghanische Frauen kämpfen um ihre Zukunft von Cheryl Benard und Edit Schaffer in Kooperation mit RAWA (Revolutionary Association of the Women of Afghanistan), München 2002

* Die in Klammern stehenden Zahlen weisen auf die Seitenzahl im Buch hin.