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zum Brief an Herrn Oberbürgermeister Dr. Wengert vom
21.11.2004 Die Bundesrepublik hat den Atomwaffensperrvertrag 1975 ratifiziert.
Sie duldet aber die Stationierung von US-Atomwaffen auf ihrem
Gebiet. Gegenwärtig sind noch mindestens 100 amerikanische
Atomwaffen auf deutschen Boden gelagert, u.a. in den Militärbasen
wie Ramstein und Büchel in der Eifel. Dieser Widerspruch
zum Atomwaffensperrvertrag – im folgenden Nichtverbreitungsvertrag
(NVV) bezeichnet – wird von den Nuklearmächten,
namentlich der USA in Komplizenschaft mit Nicht-Nuklearstaaten
so hingedreht: Die Nuklearmächte „interpretieren“ den
NVV eigenmächtig so, dass er eine Stationierung ihrer
Atomwaffen in anderen Staaten erlaubt. Und die Stationierungsländer
wie die BRD weisen darauf hin, dass sie nicht die Verfügungsgewalt über
die Atomwaffen besitzen und damit keine Weiterverbreitung
vorläge.
Im Rahmen der sogenannten „nuklearen Teilhabe“ der
NATO partizipiert Deutschland aber an der nuklearen Planung,
an Kommando, Kontrolle und Konsultationen über den Einsatz
nuklearer Waffen. Dies geschieht im Rahmen ihrer Mitarbeit
in der Nuklearen Planungsgruppe (NPG).
Schlimmer noch: Sechs nicht-nukleare Staaten in Europa – Belgien,
Deutschland, Griechenland, Italien, die Niederlande und die
Türkei – verfügen in technischer Hinsicht über
alle erforderlichen Mittel, um amerikanische Nuklearwaffen
während eines Krieges einsetzen zu können. Sie
halten konventionell und nuklear nutzbare Flugzeuge (dual
capable aircraft - DCA) mit technischer Sonderausstattung
bereit, sie haben für den Nuklearwaffeneinsatz geschulte,
voll ausgebildete und regelmäßig überprüfte
Piloten. Zwischen diesen Staaten und den USA wurden sogenannte „Programs
of Cooperation“ einschließlich einer großen
Zahl technisch-militärischer Detailabkommen abgeschlossen,
die die erforderlichen Informationen für Überstellung,
Handhabung, Behandlung, Einsatz nuklearer Waffen und technischer
Geräte regeln.
Auf einem Fliegerhorst in jedem dieser Länder werden
Nuklearwaffen aus den USA für den Einsatz durch die
nicht-nuklearen NATO-Mitglieder gelagert. Wie Sie selbst
in Ihrer Presseerklärung feststellen, geschieht dies
in Deutschland in Büchel. […]
Ein Einsatz nuklearer Waffen durch die NATO-Staaten verstößt
gegen die Artikel I und II des NVV, wenn dabei die nukleare
Teilhabe zur Anwendung kommt und Flugzeuge nicht-nuklearer
NATO-Staaten US-Nuklearwaffen zum Einsatz bringen. Die Verfügung über
Nuklearwaffen würde dabei von einem Nuklearwaffenstaat
an einen nicht-nuklearen Staat übergehen.
Die Mehrheit der NVV-Vertragsparteien betrachtet die nukleare
Teilhabe als Vertragsverletzung und über 100 neutrale
und nicht-paktgebundenen Staaten haben schon Ende der 90er
Jahre die NATO-Staaten aufgefordert, die nukleare Teilhabe
aufzugeben.
Die Stadt Augsburg sollte sich dieser Position anschließen
und darauf hinwirken, dass alle nicht-nuklearen Mitglieder
der NATO – also auch die BRD – zugunsten der
Stärkung
des NVV künftig auf die technische Fähigkeit
zum Einsatz nuklearer Waffen im Rahmen der nuklearen Teilhabe
des Bündnisses verzichten. […]
Es wäre besser, wenn die Bundesregierung hier mit gutem
Beispiel voranginge, anstatt Ländern wie dem Iran zu drohen,
weil sie ein Nuklearprogramm verfolgen. Es ist eine äußerst
fragwürdige Politik Deutschlands, Staaten wie dem Iran
ein Nuklearprogramm zu verbieten mit der unbewiesenen Behauptung,
es könne oder würde der Produktion von Waffen dienen,
und selbst nicht im Traum daran zu denken, auf die eigenen – durchaus
bewiesenen – technischen Fähigkeiten zum Einsatz
nuklearer Waffen zu verzichten. […]
Das Pariser Institut für strategische Studien (ISS),
beauftragt verschiedene Einsatzszenarien für EU-Truppen
auf Grundlage des EU-Verfassungsvertrages und der EU-Sicherheitsstrategie
zu erarbeiten, legte im Oktober 2004 eine Studie hochrangiger
Militärberater unter dem Label „European Defense
Paper“ vor. Das Ergebnis ist bemerkenswert: Die Autoren
der Studie fordern eine energische, unverzügliche und
umfassende Aufrüstung der EU. Ziel müsse sein, den
Status einer zur Führung von Angriffskriegen fähigen
Weltmacht zu erreichen. „Präventives Engagement“ ist
in dieser Strategie ein geradezu selbstverständlicher
Teil. Angriffskriege werden damit jetzt auch auf europäischer
Ebene verankert. Nukleare Optionen werden nicht mehr ausgeschlossen.
Lothar Rühl, ehemaliger Staatssekretär im deutschen
Verteidigungsministerium und Mitautor des „European Defence
Paper“, stellt zufrieden fest, dass das Thema ,,Präemption/Prävention“ in
dem Dokument zwar vorwiegend unter dem Aspekt von Kriegseinsätzen
mit konventionellen Streitkräften und operativen Spezialkräften
behandelt wird. „Immerhin“ werde aber die Möglichkeit
erwähnt, britische und französische Nuklearstreitkräfte „explizit
oder implizit“ einzubeziehen. In der Tat heißt
es in dem Strategiepapier bezüglich der Kriegsszenarien
der künftigen EU-Streitmacht: ,,[W]e have not avoided
presenting scenarios in which the national nuclear forces of
EU member states (France and the United Kingdom) may enter
into the equation either explicitly or implicitly.“ […]
zum
Brief von AFI und Forum an den OB »» |