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Pax as possible
Ibrahim Kayas aphoristische Nachlese zur
Augsburger „Friedensausstellung“
„Als Frieden möglich war“ hieß die
große Ausstellung im Augsburger Maximilianmuseum, die
das Kernstück des Kulturfestivals „Pax 2005“ zum
450. Jubiläum des Augsburger Religionsfriedens bildete.
Bei zwei Rundgängen durch die Ausstellung hat der Augsburger
Autor Ibrahim Kaya seine Eindrücke in Form von Aphorismen
notiert.
Streng der Reihenfolge der Exponate folgend, untergraben
die manchmal ironischen, manchmal in poetischen Bildern formulierten
Gedankenblitze die Perspektive der Ausstellungsmacher.
Ihnen ging es um eine möglichst exakte Darstellung
der politischen, theologischen und juristischen Vorgänge
zwischen den beteiligten Parteien. Eine Perspektive, die
Päpsten und Kaisern mehr Platz einräumt als den
Lebensbedingungen der breiten Bevölkerung. Eine Perspektive
auch, die nichtchristliche Religionen weitgehend ausklammert.
Indem Ibrahim Kaya sich auf die Ausstellungsstücke seinen
eigenen Reim macht, verweist er auch auf aktuelle Friedensprobleme.
Der Titel „Als Frieden möglich war“ klingt
danach, als sei Frieden heute unmöglich geworden. Ibrahim
Kayas Titel dagegen versteht Frieden als fortdauernden Anspruch
an die politische Praxis. „Pax as possible“ ist
ein Echo der international verständlichen Formel „as
soon as possible“: Frieden so bald wie möglich,
und zwar überall.
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„Auf dem Felde wuchs brennendes Gras, Halme waren
blühende Fahnen. Um abgemäht zu werden, marschieren
die Fleischähren feldweise ineinander. Das saubere Ordnungsmuster
endet in der gemähten Körnerzahl. Die Könige
picken mit Linsen aus Glas von der Ferne die Schädelkörner
auf. Dein der Tod, mein der Sieg.“ |
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Ibrahim Kaya
Pax as possible
21.08.05 – 30.10.05 als Frieden möglich
war

- Der Eisenmann Karls V. steht unbezwingbar,
die Vergänglichkeit
seines Fleisches verhöhnend, vom Fleisch unbesiegbar
das edle, zusammengeschraubte Metall.
- Entstaubt strahlt der polierte Zitronenpressenhelm und wartet noch Zeiten ab, um strahlende Kinderaugen zu beeindrucken neben dem berüchtigten Säbel, der eine Zeit lang das Abendland in die Knie zwang.
- Der goldene Gurt hält das Weltenei in Form, welches
der gestreckte Stiefel des Gigantenkönigs zu zerdrücken
droht. Herablassend richtet er sein Gesicht auf die vergänglichen
Verderblichen.
- Das Widerhakenschwert lässt das Schmerzempfinden
im Staunen erstarren, der Blick bleibt an den Widerhaken
hängen.
- Elfenbeinhaft schimmert das Kirschholz, der Zug, aus
seinem Grund kommend, masert sich, endet dann, wenn die
Fasern zur Staub zerfallen.
- Ein Weinkelch für das Blut,
das keiner verloren haben mag.
- Ein König verkörpert durch seine Körpergröße
die weltliche Macht, die Perspektive ist sein wichtigster
Vasall.
- Die Schneckenzucht im Ritterpanzer
glänzt als Samendose
und treibt die Fruchtbarkeit aus dem Gittervisier. Die
Symmetrie trennt unüberwindbar Gut und Böse.
- Das Kinderkönigspaar lässt sich persönlich
von Gott zu Erwachsenen krönen.
- Der Kelch aus Augsburg ist so indisch,
so irdisch belagert, dass Zeit und Raum zum Leiberklumpen
verdichtet sind. Die Hierarchie der Körper ist unüberwindlich.
- Das Buch mit sieben Siegeln, in angestrengter Handschrift
verfasst, gab der Zeit die Gnade und den Sterblichen das
Blutbad.
- Der Adler ist Schrift, ist Zeichen;
zwei Köpfe,
mager bis auf die Schwingen.
- Auf dem Felde wuchs brennendes Gras,
Halme waren blühende
Fahnen. Um abgemäht zu werden, marschieren die Fleischähren
feldweise ineinander. Das saubere Ordnungsmuster endet
in der gemähten Körnerzahl. Die Könige picken
mit Linsen aus Glas von der Ferne die Schädelkörner
auf. Dein der Tod, mein der Sieg.
- Der Himmelsschlüssel zerbricht, die Bücherbeine
des Throns wanken, der Teufelshund bellt und hat das Feuerspeien
vergessen angesichts der Worte, die die Welt wachrütteln
sollen.
- Der Tod des Lebens, sei es durch
den Galgen oder durch den Pfahl, drängt den Blick in die Gewalt des Krieges
und lässt uns bangen. Musste es so sein?
- Die Linde würde bluten, wenn das von Augen der Menschen
Gesehene ihr zuflösse; der Krieg verzehrt seine Kinder,
abgemagert und der Geschmack verdorben.
- Das Schlangentier flüchtet vor den Füßen
der Mannsfrau, die sich Frieden nennt.

- Bringen wir das Licht zum Spielen,
damit die Mächtigen
im Raum ihrer Macht und ihres Reichtums zu schimmernden
Klumpen werden.
- Skulpturale Schrift; der Pferdearsch
glänzt, der
Ritter ist stolz. Die Details gezeichnet mit dem scharfen
Meißel des Henkersprotokollanten.
- Die Stadt ist aus grünem Eis; sind es winterlich
Tanzende oder übermütige Krieger, die die Mauern
erstürmen wollen?
- Erstarrte Skulpturen, gefangene
Gäste der Zeit,
Bedeutungen der Macht für heute, von saurem Regen
geätzte Brunnenfiguren.
- Das goldene Kettennetz, das Himmel
und Erde verwebt, ist durchlässig, angespannt und
fest.
- Die Semmel gibt es schon so lange,
und ein üppiges
Mal war damals auch manchem gegönnt.
- Der Glaube der anderen ist ein Piratenschiff,
trägt
fort Mutter und Kind, kreuzigt es am Mast und verseucht
die Länder am Ufer.
- Das goldene Schiff ist der Kelch,
der die Gemeinschaft in die rauschende Zukunft trägt.
- Schwerter jonglieren auf ihren Spitzen,
haben so die Zeit überdauert und Rost angelegt.
- Die Postmoderne hat dem Glauben die Macht zuerkannt,
sich wissenschaftlich darzustellen und sich so zu nennen.
- Bauchige Karaffen aus Gold zeugen
vom sauer verdienten Reichtum der Weingießer.
- Die Sanduhren sagen mir, es ist
Zeit die Einsamkeit zu verlassen, denn die Vergänglichkeit klopft an die
Tür des Herzens.
- Der Muschelkelch gibt preis, die
Wiedererweckung ist nur durch Sinnlichkeit möglich.
- Den Pokal der Fruchtbarkeit reiche
ich dir, gefüllt
mit meinem Herzblut.
- Macht über den Menschen ist nicht ausreichend; Macht über
Völker muss verankert werden, Macht über den
Geist bindet die Zeit.
- In den Augenringen der Dame erkenne ich den Hunger nach
Stille.
- In der Obhut der Religionen mästet
sich der Hass gegen das ungezwungene Leben.
- Meine Stadt wuchs mit ihrem Schatten über
die Mauern.
- Gelassenheit im munteren Treiben,
wenn nur nicht der Hunger wäre.
- Die Dunkelheit hat sich verkrochen
in die Räume,
die Augen des Hauses sind schwarz.
- Bilder pressen sich wolkenhaft aus der Tafel, der dunkle
Grund gibt das Gold frei zur Feier der Augen.
- Die Wappentafel der übersichtlichen Welt hängt über
dem Bett des Kaisers und schläfert ihn ein mit dem
Versprechen, dass die Welt einfach sei.
- Das abgegriffene Schwert ist gerade
wie der Strahl, den er „Vater“ nennt.
- Als Spielmänner waren die Fremden
immer gern gesehen.
- Das Pferd steht geneigt an den Klippen,
den König
weht der nächste Wind fort.

- Dieser Krieg kostete ihn den Kopf und den Spitzenkragen.
- Die Elefantenuhr trägt die Welt, die Zeit steht
still, unbekümmert, die Vergänglichkeit hat den
Uhrmacher eingeholt.
- In seinem deutenden Wissen ein Fingerzeig
aus der Vergangenheit; verschrumpelt trägt er den Ring des Wissens und der
Macht unbekümmert.
- Der Mensch als ewige Stütze
wirft seinen Saum in den Wind; Verachtung und Schmach
trugen ihn vorher vor die Prahlerei und den Hohn der
Fledderer.
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