Die Schäbigkeit der Stadt gegenüber den Juden hat eine lange Tradition

Was ist den verantwortlichen Politikern jüdische Kulturarbeit wert?

Gerade das von Faschisten geplante Attentat auf das jüdische Zentrum in München mahnt uns auch in Augsburg, auf jüdische Einrichtungen besonders zu achten. Eminent wichtig ist hier das Jüdische Kulturmuseum mit der Synagoge in der Halderstraße. Das Kulturmuseum sieht es als seine Aufgabe an, zu bezeugen, welchen Beitrag die jüdische Bevölkerung seit langem zum kulturellen Leben ihrer Stadt leistet. Der Synagogenbau von 1917 sei ein Beispiel für eine produktive Phase der deutsch-jüdischen Kulturarbeit, sagt Dr. Benigna Schönhagen, die als Historikerin das Museum leitet: „Dieses gelungene Miteinander haben die Nationalsozialisten nur 15 Jahre später brutal beendet“.

Die Integrationsleistungen und kulturellen Beiträge der jüdischen Bevölkerung sind durch die neofaschistischen Umtriebe erneut gefährdet. In einem bemerkenswerten Interview mit der Augsburger Allgemeine erläutert Benigna Schönhagen die vielfältigen Aufgaben des Jüdischen Kulturmuseums bis hin zum Auftrag, die jüdische Geschichte ganz Schwabens zu vermitteln. Die Neofaschisten wollen diese Vermittlungsarbeit torpedieren, weil sie zu Verständigung und Abbau von Antisemitismus wesentlich beiträgt. Aber was tun die politisch verantwortlichen Demokraten in der Stadt und im Bezirk, um diese wertvolle Vermittlungsarbeit zu fördern? Frau Schönhagen führt eine im Ton sanfte, in der Sache aber sehr harte Kritik an den Kommunalpolitikern:

„Was also fehlt, damit das JKM (Jüdische Kulturmuseum, – Red.) auf seine Schätze aufmerksam machen und ein sinnvolles museumspädagogisches Angebot – Projekttage oder Themenreihen – anbieten kann, sind nicht nur weitere treue Freunde und Förderer, sondern auch Politiker, die die Notwendigkeit dieser Kulturarbeit bei den Etatberatungen wirkungsvoll unterstützen. Leider sucht man bisher auch bei der Argumentation für die Kulturhauptstadt-Bewerbung die jüdische Kultur vergeblich.“ – Soweit die Leiterin des JKM gegenüber der Augsburger Allgemeine.

Von der CSU ist es man ja fast gewohnt, aber von Regenbogen ist es doch schon recht schäbig, wenn sie sich so was nachsagen lassen müssen und – nach dieser öffentlichen Kritik – nicht mal öffentlich antworten oder Konsequenzen ziehen. Ganze 900 Euro bekommt das Jüdische Kulturmuseum für seine Veranstaltungstätigkeit pro Jahr als Zuschuss. Aber für die Hetzveranstaltungen der Vertriebenenverbände gibt der Stadtrat tausende von Euro, Jahr für Jahr. Ein europaweiter Tag der jüdischen Kultur, den das Jüdische Kulturmuseum unlängst auch in Augsburg ausrichtete: Was ist er den Stadtverantwortlichen wert? Im Vergleich zum Sudetendeutschen Tag so gut wie gar nichts! Die Schäbigkeit der Stadt Augsburg gegenüber den Juden hat leider eine sehr lange Tradition. Hanna Corniels hat uns dazu einige interessante Gesichtspunkte aufgeschrieben:

Wichtig ist, dass von 1440 bis 1803 keine Juden in Augsburg wohnen durften. Vor ihrer Austreibung 1438 waren sie sogar gezwungen worden, gelbe Ringe auf ihre Kleidung aufzunähen. Das war aber nicht nur in Augsburg Vorschrift, sondern auch in vielen anderen europäischen Städten (z.B. Venedig). Die Juden durften sich aber ab dem 16. Jh. in der Markgrafschaft Burgau niederlassen, da diese dem Herrschaftsbereich der Habsburger angehörte und die Habsburger die Juden als Bankiers und Kaufleute schätzten. Daher die jüdischen Gemeinden in Kriegshaber, Burgau, Ichenhausen, Binswangen, etc. Wollten die Juden nach Augsburg, durften sie nur durch das Gögginger Tor (Königsplatz) in die Stadt kommen, natürlich mussten sie dafür bezahlen. Lange Zeit wurden sie von einem bewaffneten Begleiter bewacht, solange sie in der Stadt waren. Bei Einbruch der Dunkelheit mussten sie die Stadt verlassen.

1803 stand die Stadt Augsburg vor dem Bankrott. Die drei jüdischen Wechselhäuser Ullmann, Obermayer (beide in Kriegshaber) und Westheimer & Straßburger in München haben damals die gesamte Schuldenlast der Stadt übernommen, sie haben sämtliche Obligationen der Stadt aufgekauft und Augsburg eine Baranleihe von 200 000 Gulden gegeben (1873 wurde ein Gulden mit 1,72 Goldmark berechnet). Die Stadt verpfändete ihnen dafür als Sicherheiten die Einkünfte aus den „Wag- und Zollgefällen“. Damit hatten diese drei jüdischen Handelsfamilien ihre Daueraufnahme in die Stadt durchgesetzt, aber sie bekamen immer noch kein Bürgerrecht, weil sie kein bürgerliches Gewerbe ausübten. Für ihr Aufenthaltsrecht mussten sie zusätzlich jährlich zwischen 250 und 750 Gulden bezahlen. Sie blieben aber als Wechselhändler bis zum Jahr 1810 von der Augsburger Börse ausgeschlossen.

Das war der Dank der Stadt Augsburg! Der Widerstand gegen die Niederlassung der Juden in der Stadt ging aber nicht so sehr von der Stadtregierung aus, sondern vor allem von den Handelshäusern, weil sie die Konkurrenz fürchteten.

Seit 1800 gibt es die Synagoge in Kriegshaber, 1847 wurde eine Synagoge in der Wintergasse gebaut, 1914-1917 die Synagoge an der Halderstr. Es gab also in Augsburg immer zwei Synagogen.

Über den 9. November 1938 haben wir die Tagebuchnotizen der jüdischen Gemeindeschwester Sophie Dann (s. „Die alten und die neuen Herren“, 3. Band der Reihe der IG Metall „Dokumente zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Augsburg“, S.160-163, oder „Hakenkreuz und Zirbelnuss?“, S.41). Dazu den Augenzeugenbericht des Henry Landauer, den er anlässlich des 50. Jahrestags der Kristallnacht am 9. Nov. 1998 in der Synagoge vorgetragen hat. Wie fast alle jüdischen Männer aus Augsburg wurde er noch in der gleichen Nacht verhaftet und nach Dachau verbracht, wo er fast totgeschlagen wurde. Der Sohn des letzten Rabbiners der Synagoge, Ernst Jacob, berichtet, dass sein Vater in der Pogrom-Nacht von der Gestapo beschuldigt wurde, die Synagoge angezündet zu haben. Er wurde aufgefordert, ein Geständnis abzulegen und dann aus dem Fenster zu springen. Als er sich weigerte, wurde auch er nach Dachau gebracht, wo er aber überlebte. Trotz dieser schrecklichen Ereignisse hat Ernst Jacob seine Heimatstadt nie vergessen. Bis 1949 hatte er mehrmals im Jahr von der USA aus Rundbriefe an Augsburger Juden in 28 Ländern verschickt, diese Briefe waren mit einem Stempel verziert, der den Davidstern mit der Zirbelnuss zeigte.

Dass aber viele Augsburger, auch PGs, diese Brutalitäten verurteilt haben, dafür gibt es auch Beispiele. Wendelin Immler, Ingenieur bei der AEG, und Luitpold Jenner, Hausmeister des Gebäudes des SD, retteten gemeinsam nach der Plünderung der Synagoge 10 Torahrollen und andere Kultgegenstände, die sie nach dem Krieg dem Rabbiner David Horowitz zurückgeben konnten. Beide Männer waren damals Mitglied der NSDAP. Überlebende Juden haben auch berichtet, dass die Lebensmittel, die ihnen vom Kolonialgeschäft Bader gespendet worden waren, sie vor dem Verhungern bewahrt haben. Auch der Bauingenieur Walter Groos, der 1995 im Yad Vashem geehrt wurde, hat vielen KZ-Häftlingen auf seinen Baustellen das Leben gerettet. (Mehr bei Gernot Römer, „Es gibt immer zwei Möglichkeiten ...“).

Die jüdische Gemeinde in Augsburg war eine reformierte, sehr moderne Gemeinde. Die Synagoge im byzantinischem Stil ist ungewöhnlich farbenfreudig und hatte sogar eine Orgel. Der Versuch, die Orgel nach dem Krieg wieder zurückzukaufen scheiterte aber, trotz der großzügigen Unterstützung von Bischof Stimpfle. Die Augsburger Jüdische Gemeinde ist nach dem Krieg orthodox geworden, sie bestand hauptsächlich aus Zuwanderern aus Osteuropa, denen eine Orgel in der Synagoge fremd war. Heute steht auf der Empore eine Menorah, die Bischof Stimpfle gestiftet hat.

Ganz ungewöhnlich waren die Bat Mitzwa, eine Bar Mitzwa für Mädchen, die unter dem Rabbiner Ernst Jacob gefeiert wurden um die Gleichberechtigung der jüdischen Frauen zu demonstrieren.

»» Alternativer Stadtrundgang der VVN, Dokumentation (enthält auch ein Kapitel über die Synagoge)

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