Teil 1

Soll die Familie Rrahmani/Ramadani ausgehungert werden?

Das Ausländeramt der Stadt Augsburg hat wieder eine Roma-Familie im Visier

 

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Das massive und rechtswidrige NATO-Bombardement mit deutscher Beteiligung wirkt nach

Das berüchtigte Ausländeramt der Stadt Augsburg und der zuständige Ordnungsreferent Dirk Wurm haben eine weitere Roma-Familie im Visier, die seit vier Jahren im Lager Schülestraße (beim Roten Tor) untergebracht ist. Aufgrund einer sogenannten „Zuweisungsentscheidung – innerbayerische Umverteilung von Amts wegen“ der Regierung von Oberbayern soll sich die Familie Rrahmani/Ramadani in das zentrale Abschiebelager nach Manching/Ingolstadt begeben. Der Bescheid enthält eine Fristsetzung von einer Woche. Für den Fall, dass die sechsköpfige Familie sich nicht rechtzeitig in die Ankunfts- und Rückführungseinrichtung I Bayern (ARE I) Ingolstadt begibt, wird „die Vollstreckung durch unmittelbaren Zwang“ angedroht. Es handelt sich also um eine gewaltsame, zunächst innerbayerische Vertreibung in das Lager Manching. Dort soll die Roma-Familie einem beschleunigten Abschiebeverfahren und einer Deportation nach Mazedonien oder in den Kosovo entgegenzittern.

Von links: Efraim, Florent, Arxhent, Zilfije Rrahmani, Faruk Ramadani. Das Baby Elmedin liegt im anderen Zimmer und schläft

Für den deutschen Gesetzgeber gilt die EJR Mazedonien (Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien) seit November 2014 als „sicheres Herkunftsland“, seit Oktober 2015 auch der Kosovo. Faktisch erwartet die Familie Rrahmani/Ramadani aber keineswegs „Sicherheit“, sondern in Mazedonien unbeschreibliches Elend und Diskriminierung und im Kosovo noch Schlimmeres. Immerhin wurde ein Großteil der Familie von Faruk Ramadani im Kosovo von albanischen Terroristen umgebracht. Die ersten beiden Verwandten Faruk Ramadanis wurden am 14.11.1999 vier Monate nach Ende des NATO-Bombardements ermordet, nachdem NATO und KFOR die Warlords der Kosovo-Albaner wüten und einen Großteil der serbischen Bevölkerung vertreiben ließen. Der durch den NATO-Angriff und das folgende Friedensdiktat erzwungene Rückzug der jugoslawischen Truppen aus ihrem eigenen Land Kosovo machte natürlich auch die Roma-Minderheit dort schutzlos. Deutschland, das sich mit seiner Luftwaffe hemmungslos an diesem Angriff auf Jugoslawien beteiligte, trägt dadurch natürlich auch eine schwere Mitverantwortung für Elend, Diskriminierung und Vertreibung der Roma im Kosovo und auch in Mazedonien, von wo die Familie Rrahmani/Ramadani herstammt und herkommt. Davon ist natürlich in den eiskalten Bescheiden und Urteilsbegründungen im Asylverfahren nicht die Rede.

Die Brutalität des Gesetzgebers im Asylrecht und die Verantwortung der örtlichen Vollstrecker

Außerdem ist Faruk Ramadani schwer krank und auch seine Frau Zilfije Rrahmani gilt als reiseunfähig wegen erheblicher gesundheitlicher Probleme, wie die zentrale Rückkehrberatung Südbayern der Ausländerbehörde der Stadt Augsburg im Dezember 2015 bestätigte. Zudem würden die vier Kinder, von denen zwei bereits seit drei bzw. sieben Jahren in Augsburg zur Schule gehen, brutal aus einer vertrauten Umgebung gerissen und in ein unbekanntes Nichts geworfen.

Für diese Brutalitäten ist natürlich letztendlich die Politik, der Gesetzgeber und das BAMF (Bundesamt für Migration) verantwortlich. Aber es gibt auch Vollstrecker, die sich nicht aus der Verantwortung stehlen sollten. Auf welcher Grundlage entscheidet das BAMF? Wer informiert das BAMF und wie informiert sie/er das BAMF? Wie sehen die Berichte, Stellungnahmen und Gutachten der Augsburger Ausländerbehörde aus, die dem Innenministerium und dem BAMF vorliegen?

Nachdem der Asylantrag der Familie Rrahmani/Ramadani nach zweimaliger Berufung endgültig abgelehnt ist, wehrt sich die Familie dennoch mit einem Widerspruch und ärztlichen Attesten gegen die Umverteilung nach Manching. Die Behörden argumentieren, dass auch in Ingolstadt Nervenärzte zur Behandlung zur Verfügung stünden. Faruk Ramadani ist seit 2012 wegen einer dissoziativen Störung in neurologischer Behandlung in Augsburg. In einer Stellungnahme weist sein Arzt darauf hin, dass nicht nur die Behandlung als solche zählt, sondern auch die Vertrauensübertragung und das Vertrauensverhältnis, das seit dreieinhalb Jahren besteht.

Im Internet findet man zur dissoziativen Störung zum Beispiel: „Bei einer dissoziativen Störung können zusammengehörige Informationen, Wahrnehmungen oder Gedanken nicht mehr miteinander in Verbindung gebracht werden. Betroffen sind beispielsweise Erinnerungen, das Bewusstsein für die eigene Identität oder die Kontrolle von Körperbewegungen. Daher auch die Bezeichnung Dissoziation (lat. für Trennung, Zerfall). Diese Bewusstseinsspaltung steht meist im Zusammenhang mit einem traumatischen Erlebnis oder gravierenden Konflikten.“[1] Wie soll Faruk Ramadani seine wahrlich traumatischen Erlebnisse im Kosovo – wir kommen noch genauer darauf zu sprechen – verarbeiten, wenn man ihm androht, ihn genau dorthin wieder abzuschieben?

Soll die Familie Rrahmani/Ramadani ausgehungert werden?

Das ist das eine. Das andere ist aber, dass die Augsburger Ausländerbehörde alle Zahlungen an die Familie eingestellt hat mit der Begründung, es läge noch keine gerichtliche Antwort auf ihren Widerspruch gegen die Umverteilung nach Manching vor. Man stelle sich diese Ungeheuerlichkeit vor: Nach einem uns vorliegenden Bescheid über die Gewährung von laufenden Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz vom April 2015 stehen der Familie für Faruk Ramadani (39 Jahre) 293,01 Euro zu, für Zilfije Rrahmani (32 Jahre) 311,37 Euro, für Arxhent Rrahmani (13 J.) 236,88 Euro, Florent Rrahmani (9 J.) 236,88 Euro, Efraim Rrahmani (5 J.) 209,23 Euro, Elmedin Ramadani (1 J.) 146,46 Euro, insgesamt also ein Anspruch der Bedarfsgemeinschaft von 1433,83 Euro im Monat. Nachdem die Behörde im Dezember und Januar noch Gutscheine ausgegeben hat und im Februar dreimal Zahlungen zwischen 100 und 150 Euro erfolgten, gab es für die Monate März, April und Mai nichts mehr, weder Geld noch Essensgutscheine. Die Ausländerbehörde zahlt nichts mehr, d. h. die Familie Rrahmani/Ramadani wird faktisch ausgehungert.

Nachdem die Unterstützer der Familie monatelang Hilfe und Geld mobilisiert hatten, sind sie jetzt am Ende. Als ich mit Faruk am 6. Juni sprach, sagte er, das Essen würde für sie nur noch bis zum 9. oder 10. Juni reichen. Die Betreuer der Familie sagten, sie hätten die Familie jetzt bei der Tafel angemeldet. Dort könnten sie einmal in der Woche Essen holen.

Der Unterstützer_innenkreis hat sich nun entschlossen, an die Öffentlichkeit zu gehen und zu Spenden aufzurufen. Hierfür steht ein Konto des diakonischen Werkes Augsburg zur Verfügung:

Diakonisches Werk Augsburg e.V.

Kennwort: Ramadani

Stadtsparkasse Augsburg

IBAN: DE95720500000000004200

BIC: AUGSDE77XXX

(Bei Angabe der Adresse wird eine Spendenbescheinigung ausgestellt)

Der Staat will sich der Krankheitskosten entledigen und verhindern, dass sich das Aufenthaltsrecht der Roma-Familien verfestigt

Bei Faruk Ramadani kommen weitere Krankheiten hinzu, darunter ein ernster Leberzellschaden. Laut ärztlichem Attest vom Januar diesen Jahres ist Faruk Ramadani so krank, dass er engmaschiger medizinischer, auch klinischer Kontrollen bedarf und bis auf weiteres absolut Reise- bzw. flugunfähig ist. Eine Abschiebung nach Kosovo bzw. Mazedonien sei aus medizinischer Sicht dringend zu vermeiden, da eine Verschlechterung des Gesundheitszustands mit schwerwiegenden Folgen droht. Kaum zu fassen ist, wie Leuten in einem solchen Zustand das Asylrecht, ja sogar eine Duldung verweigert wird. Dabei ist der Ausländerbehörde und dem Verwaltungsgericht bekannt, dass Faruk Ramadani in Mazedonien, von wo er und die Familie kamen, keine Krankenversicherung hatte und auch keine bekommen wird – also nicht behandelt wird. Soll er dort draufgehen?!

Offensichtlich will der deutsche Staat die Kosten einer medizinischen Behandlung der Familie Rrahmani/Ramadani mit einer Abschiebung einsparen. Solange sie das nicht einsehen wollen, wird ihnen eben das Essen gestrichen. Es geht aber nicht nur um Kosten. Es fällt auf, dass systematisch Roma-Familien vertrieben werden sollen.

Es ging los mit der hinterhältigen Abschiebung der neunköpfigen Familie Rama.[2] Dann sollte die Familie Emini kurz vor Weihnachten in das Lager Manching verbracht werden, um sie von dort abzuschieben.[3] Die Familie lebt seit fünf Jahren in Augsburg, ist bestens integriert. Die größeren Kinder besuchen Seite über vier Jahren die Schule, der zweijährige Sohn kommt in die Kindergruppe der Unterkunft Windprechtstraße. Die Familie Emini konnte bisher eine Verlegung nach Manching verhindern, da der Vater schwer krank ist. Die Familie lebt aber seitdem in Angst und die älteren Kinder trauen sich kaum in die Schule – aus Angst, ihre Eltern wären weg, wenn sie wiederkommen.

Beim ältesten Sohn der Familie Rrahmani/Ramadani, Arxhent Rrahmani (13 J.), wäre im Februar 2017 ein Antrag nach Paragraf 25a Bleiberechtsregelung für gut integrierte Kinder und mindestens vierjährigem Schulbesuch möglich. Damit bekäme dieser Jugendliche sehr wahrscheinlich eine Aufenthaltserlaubnis, die auch für die übrige Familie ein Bleiberecht oder eine Duldungsmöglichkeit bringen würde.[4]

Es geht also bei der Familie Rrahmani/Ramadani für die Ausländerbehörde auch darum, einer erfolgreichen Antragstellung nach Paragraf 25a Bleiberechtsregelung mit einer Abschiebung zuvorzukommen. So wie das die Behörde vergangenes Jahr mit der Familie Rama praktizierte und die Familie früh morgens mit einer unangekündigten Polizeiaktion abschob just an dem Tag, an dem der Vater nachmittags im Ausländeramt den Antrag auf Paragraf 25a vorlegen wollte (was dem Ausländeramt, das die Abschiebung vollzog, vorher bekannt war).[5]

Antiziganismus

Aus der Vortragsveranstaltung mit Markus End: Sinnstruktur und Kontinuität von „Zigeunerbildern“ in der Debatte um sichere Herkunftsstaaten, 31.5.2016, Universität Augsburg, im Rahmen der Aktionswoche gegen Antiziganismus. Nina Warken und Thomas Strobl sind MdBs der CDU

Wie schon gesagt, fällt es auf, dass sich die Behörden systematisch die Flüchtlingsfamilien der Roma greifen, auch wenn sie schon vier oder fünf Jahre hier sind, auch wenn die Kinder in den Schulen gut integriert sind, Freund_innen haben, auch wenn die Eltern schwer krank sind … Sie müssen raus, sie müssen verschwinden. Dies hat unserer Meinung nach auch etwas zu tun mit einem strukturellen Antiziganismus. Oder sagen wir besser, es handelt sich um Roma-feindliche Einstellungen, Ideologien, Vorurteile, die wie beim Antisemitismus mit religiösen, sozialen, politischen und rassistischen Ideologie nehmen und Motiven begründet werden.[6] Laut Wolfgang Wippermann, Professor für neuere Geschichte an der FU Berlin und Experte für Bonapartismus, Faschismus, Totalitarismus sowie Antisemitismus und Antiziganismus, war und ist die Feindschaft gegenüber den Roma in allen europäischen Ländern weit verbreitet: „Sie [die Roma-Feindschaft] war so etwas wie der kulturelle Code europäischer Gesellschaften der niemals hinterfragt, geschweige denn überwunden worden ist.“[7]

Wir können dieses Thema hier nicht vertiefen, wollen es aber auf jeden Fall kurz anreißen. So gab es vor kurzem, vom 31. Mai bis zum 4. Juni, eine Aktionswoche gegen Antiziganismus, die maßgeblich vom AStA, Studierendenvertretung der Universität Augsburg, organisiert wurde. Vielleicht erstmals in dieser Stadt wurde dieses Thema dabei mit nennenswertem Nachdruck öffentlich aufgeworfen. Unter anderem gab es einen Vortrag mit Markus End: Sinnstruktur und Kontinuität von „Zigeunerbildern“ in der Debatte um sichere Herkunftsstaaten.

Migrationsprofil Westbalkan

Dieser vielsagende Titel bringt den Antiziganismus in Zusammenhang mit der zynischen Asylpolitik der sogenannten „sicheren Herkunftsstaaten“. Bei diesen handelt es sich aktuell hauptsächlich um die Staaten des Westbalkan, was ein politischer Sammelbegriff für Albanien und die Nachfolgestaaten Jugoslawiens unter Ausschluss Sloweniens ist. Und sehr viele Asylbewerber von dort sind Roma, bis Ende 2014 stellten sie sogar die Mehrzahl der Asylbewerber. Und die Zahl der Flüchtlinge aus dem Westbalkan stieg vom Jahr 2013 bis zum Jahr 2015 auf fast 150.000 Asylanträge an. Auch heuer sind es im ersten Quartal bereits über 10.000 Anträge.[8] Geht man von den Zugangszahlen aus – einer anderen Statistik als die Zahl der Asylanträge – so waren es im Jahr 2015 bereits im Oktober 160.000 Migranten aus den Staaten des westlichen Balkan.[9]

Vielfach sind darunter eben die Angehörigen von Minderheiten wie Roma, Ashkali, Serben und Ägypter. In einer Broschüre des BAMF mit dem Titel Migrationsprofil Westbalkan heißt es: „Die Gruppe der Roma zählt in ihren Herkunftsstaaten zu den am stärksten marginalisierten Gruppen. Es sind daher zu einem erheblichen Teil die Angehörigen dieser ethnischen Minderheit, die in Deutschland und anderen europäischen Staaten Asyl beantragen.“[10]

Bei den sogenannten „freiwilligen Ausreisen“ und bei den Abschiebungen aus Deutschland stehen die Westbalkanländer an der Spitze. Die allermeisten Flüchtlinge, die im vergangenen Jahr freiwillig Deutschland verlassen haben, sind in die Westbalkanländer gereist. Insgesamt hätten 37.220 ausreisepflichtige Ausländer „freiwillig“ die Bundesrepublik verlassen, 87 Prozent seien Bürger der Westbalkanstaaten gewesen. Auch unter den im Jahr 2015 abgeschobenen 20.916 Menschen – eine Zahl die sich übrigens gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt hat – bilden die Menschen aus den Westbalkanländern die größte Gruppe.[11] Auch das bayerische Innenministerium bestätigte für den Freistaat, wo letztes Jahr 4195 Menschen abgeschoben wurden, die Entwicklung, dass die Menschen aus den Westbalkanstaaten die größte Gruppe an Abgeschobenen stellen.

Eine besonders rabiate Abschiebepraxis des bayerischen Innenministeriums und der Ausländerämter in Bayern …

Die Abschiebepraxis in den einzelnen Bundesländern unterscheidet sich übrigens stark. So schreibt der Spiegel: »Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Stephan Mayer (CSU), kritisiert die geringen Abschiebungszahlen mancher Bundesländer. „In einzelnen Ländern, wie Bremen, finden kaum Abschiebungen statt“, sagte er der Zeitung. „Ein Bleiberecht für alle, unabhängig davon, ob sie berechtigt Anspruch auf Asyl oder auf Anerkennung als Flüchtling haben, darf es nicht geben.“«[12] In Bremen wurden 2015 nur 43 Menschen abgeschoben, in Bayern etwa hundertmal so viel. Berücksichtigt man die unterschiedlichen Einwohnerzahlen, so werden in Bayern immer noch fast fünfmal so viele Menschen abgeschoben wie in Bremen. Es ist also nicht nur das BAMF für die Abschiebungen verantwortlich, sondern es kommt schon noch eine besonders rabiate Abschiebepraxis des bayerischen Innenministeriums und der Ausländerämter in Bayern hinzu, die sogar statistisch messbar ist!

… und die vollständige Aufhebung des Asylrechts für den Westbalkan

Inzwischen verhindert das deutsche Asylrecht fast vollständig, dass Flüchtlinge aus dem Westbalkan in Deutschland als Asylbewerber anerkannt werden. Asylanträge von Staatsbürgern aus diesen Ländern werden fast vollständig abgelehnt. So schreibt die ARD auf ihrer Homepage: „Das gilt beispielsweise für sämtliche Flüchtlinge aus Serbien und Bosnien und Herzegowina, deren Anträge im ersten Halbjahr 2015 bearbeitet wurden. Von den 15.600 Asylbewerbern in diesem Zeitraum darf kein einziger bleiben. Aus Mazedonien bekamen gerade einmal sechs Flüchtlinge Asyl in Deutschland, von insgesamt 4100 bearbeiteten Anträgen in diesem Zeitraum. Ähnlich ist es bei den anderen Westbalkanstaaten wie Montenegro, Albanien und Kosovo.“[13]

Die ARD kommt zu der bestürzenden Feststellung: „Das deutsche Asylrecht bildet erst die rechtliche Grundlage dafür, dass Flüchtlinge vom Westbalkan grundsätzlich massenhaft abgeschoben werden.“[14] Kann man es deutlicher ausdrücken, dass das deutsche Asylrecht nur noch eine Perversion von Asylrecht darstellt? Eigentlich handelt es sich laut ARD, bzw. laut dem Korrespondenten Jan von Osten vom WDR, nicht um Asylrecht, sondern um Abschieberecht. Und die Erklärung der sechs Westbalkanstaaten zu „sicheren Herkunftsländern“ bedeutet eigentlich nichts anderes, als die rechtlich illegale Aufhebung des Asylrechts für Menschen aus dieser Region. Und das trifft die Roma wahrscheinlich am härtesten. Und deshalb handelt es sich bei dieser Gesetzgebung u. E. um Antiziganismus.

Die üble Rolle Bayerns bei der „Zigeunerverfolgung“ von Anfang an

Der Referent Markus End bei der Aktionswoche gegen Antiziganismus ging auch historisch auf die Rolle Bayerns bei der „Zigeunerverfolgung“ ein. Dabei läuft einem ein leichter Schauder über den Rücken und man wird das Gefühl nicht los, dass die Zeiten noch nicht ganz vorbei sind:

Bayern war Vorreiter bei der polizeilichen Verfolgung. Hier wurde 1899 schon eine spezielle Polizeieinheit eingerichtet, ein so genannter Zigeunernachrichtendienst. Sie haben schon im Kaiserreich angefangen, Steckbriefe zu sammeln und haben sich darüber mit anderen Polizeidienststellen im Deutschen Reich, aber auch in den europäischen Nachbarländern ausgetauscht. Dieses Wissen wurde danach immer weiter ausformuliert und sowohl in der Weimarer Republik als auch im Nationalsozialismus galt diese bayerische Einheit gewissermaßen als die Experten. Und die wurde 1938 tatsächlich von München nach Berlin verlegt und bildete dann den Kern der kriminalpolizeilichen Verfolgung von Menschen als Zigeuner im Nationalsozialismus. Diese bayerische Stelle, die Münchner Beamten, waren in Berlin dafür zuständig, Deportationen zu organisieren. Das war auch nicht Sache des Sicherheitsdienstes oder der SS oder der Gestapo, sondern des Reichssicherheitshauptamtes.[15]

Direkt 1946 schon ist dann in München wieder, zunächst intern, eine solche Stelle gegründet worden. Dann gab es ein langes Hickhack und Hin und Her, ob diese Stelle beim BKA angesiedelt wird oder doch bei den Landeskriminalämtern. Und dann war das Bayern, das 1954 wieder eine „Landfahrerzentrale“ gründete. Und nicht ein oder zwei, sondern fünf oder sechs Beamte, die vorher in dieser NS-Zentrale in Berlin gearbeitet haben, haben dann wieder für diese Landfahrerzentrale gearbeitet. Und waren wieder für die anderen Polizeidienststellen der Bundesrepublik der Ansprechpartner. Da gibt es verschiedene Akten, wie dann Ende der Fünfzigerjahre in Hamburg jemand festgenommen wird und dann rufen die in München an und fragen, ob die Informationen über diese Person haben. Und dann zitieren die aus NS-Rasseakten ... Das ist also etwas, wo die bayerische Polizei eine ganz besondere Verantwortung hat. …

Diese spezielle Verantwortung und die mangelnde Aufarbeitung dessen ist eigentlich sehr, sehr frappierend. Es gibt bis heute eben keine komplette wissenschaftliche Darstellung, dieser Biografien oder dieser internen Vorgänge. Die [die bayerischen Beamten] haben in den Fünfzigern und Sechzigern das kriminalpolizeiliche Handeln in der ganzen Bundesrepublik geprägt, Konferenzen organisiert. Die haben Vorträge gehalten, die haben Broschüren herausgegeben, wie man mit Zigeunern umgehen soll. Die haben also nicht nur im Stillen weitergewerkelt, sondern die hatten tatsächlich noch mal ganz massiv diesen polizeilichen Zugriff, – wo es immer etwas Besonderes war, wenn Menschen Sinti oder Roma waren, dass dann anders mit diesen umgegangen werden soll – das haben diese bayerischen Beamten eben weiter gepflegt.

Soweit das Statement von Markus End auf der Veranstaltung am 31. Mai an der Universität Augsburg. In diesem Zusammenhang sei noch hingewiesen auf die hochinteressante Studie des jüdischen Autors Gilat Margalit „Die deutsche Zigeunerpolitik nach 1945“ in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte.[16] Hier kommt auch Bayern nicht zu kurz.

In einem Folgeartikel wollen wir uns noch einmal mit dem Umverteilungsbescheid für die Familie Rrahmani/Ramadani befassen und was eine Verlegung nach Manching faktisch bedeuten würde. Eine Stellungnahme des Bayerischen Flüchtlingsrates vom Dezember 2015 lautet: Bayern „konzentriert“ Balkan-Flüchtlinge in Sonderlagern. Bei dieser Formulierung, die aus einem Umverteilungsbescheid der Regierung von Oberfranken entnommen ist, läuft es uns kalt über den Rücken. Ferner soll es im Folgeartikel auch über die Lage in Mazedonien und im Kosovo gehen, die zur Flucht der Romafamilie geführt hat und die sie bei einer Abschiebung erwartet.

Peter Feininger, 13.6.2016

wird fortgesetzt

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3] „Zwei weitere Familien von Abschiebung bedroht“, 30. Dezember 2015. http://abschiebungrama.blogspot.de/2015/12/zwei-weitere-familien-von-abschiebung.html.

4] s. hierzu: „Aufenthaltserlaubnis nach Paragraf 25 A AufenthG, 7.1 Aufenthaltsrechtliche Situation, aus: asylrechtlicher Leitfaden des Flüchtlingsrats Niedersachsen e. V.“ Flüchtlingsrat Niedersachsen. Zugegriffen 12. Juni 2016. http://www.nds-fluerat.org/leitfaden/6a-die-aufenthaltserlaubnis-nach-25a-aufenthg/81-aufenthaltsrechtliche-situation/.

5] s. dazu: Roma-Familie aus Augsburg abgeschoben. Mittellos, obdachlos, einige z. T. schwer krank – steht die Familie Rama in Belgrad vor dem Nichts und wartet auf den Winter. Das Drama ist unvorstellbar, genauso unvorstellbar ist die Kaltblütigkeit der Augsburger Ausländerbehörde … 9.11.2015 http://www.forumaugsburg.de/s_2kommunal/Migration/151109_abschiebung-roma-familie/index.html

6] Nach: Wolfgang Wippermann. „Bis zum Völkermord. Antisemitismus und Antiziganismus, Schwerpunkt Antiziganismus – Vergangenheit und Gegenwart, Zeitschrift iz3w Ausgabe 334, Januar/Februar 2013“. iz3w - Informationszentrum Dritte Welt, Januar 2013. https://www.iz3w.org/zeitschrift/ausgaben/334_antiziganismus/Wolfgang%20Wippermann.

7] Ebd.

8 Leubecher, Marcel. „Noch immer kommen Zehntausende vom Westbalkan“. Welt Online, 18. April 2016, Abschn. Politik. http://www.welt.de/politik/deutschland/article154454321/Noch-immer-kommen-Zehntausende-vom-Westbalkan.html.

9] Lohse, Eckart. „Westbalkan-Flüchtlinge: Werden es weniger?“ Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Oktober 2015. http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/fluechtlingskrise-zahl-der-westbalkan-fluechtlinge-gesunken-13869149.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2.

10] Stefan Alscher, Johannes Obergfell, und Stefanie Ricarda Roos. „Migrationsprofil Westbalkan. Ursachen, Herausforderungen und Lösungsansätze“. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, 2015. https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/WorkingPapers/wp63-migrationsprofil-westbalkan.pdf?__blob=publicationFile.

11] Germany, SPIEGEL ONLINE, Hamburg. „Flüchtlinge: 37.000 abgewiesene Asylbewerber verlassen Deutschland freiwillig“. SPIEGEL ONLINE, 9. Februar 2016. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fluechtlinge-grossteil-von-freiwilligen-ausreisen-geht-in-westbalkanstaaten-a-1076338.html.

12] Ebd.

13] Demian von Osten, WDR. „Faktencheck: Die Balkan-Flüchtlinge und die Vorurteile“. tagesschau.de, 29. September 2015. https://www.tagesschau.de/inland/balkan-fluechtlinge-105.html.

14] Ebd.

15 Beim Landesverband Bayern Deutschen Sinti und Romaheißt es in einer Chronologie: „1. Oktober 1938. Übernahme der NS-„Zigeunerpolizeistelle“ München in das Reichskriminalpolizeiamt (ab 27.9.1939 Amt V des Reichssicherheitshauptamte/RSHA) unter Leitung von SS-Oberführer Arthur Nebe, dem nun auch Ritter untersteht. [Über diesen Ritter wird vorher vermerkt: November 1936. Einrichtung des „Rassehygieneinstituts“ unter Leitung von Dr. Robert Ritter im Reichsinnenministerium.] Die Deportation der Juden und „Zigeuner“ führt Adolf Eichmann im Amt IV. B24 durch. Die Gestapo zieht das bei den Deportationen geraubte Vermögen der Sinti und Roma ein.

„Chronologie des Völkermords“. Verband Deutscher Sinti und Roma - Landesverband Bayern. Zugegriffen 13. Juni 2016. http://www.sinti-roma-bayern.de/Chronologie-des-Voelkermords_index7.htm.

16] Gilad Margalit. „Die deutsche Zigeunerpolitik nach 1945“. Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 45, Nr. 4 (1997). http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1997_4_3_margalis.pdf.


   
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