Bunte Inseln

Kinder entdecken das Textilviertel

Ausstellung und multimediale Rauminstallation im Proviantbachquartier

Es ist mehr als beeindruckend, was die 22 Schülerinnen und Schüler der interkulturell zusammengesetzten fünften Klasse der Elias-Holl-Schule auf ihren Streifzügen alles zusammengetragen haben. Sie entdeckten und erforschten ihr Stadtteil – das Textilviertel – und setzten sich mit dem Leben im Quartier auf ihre Weise auseinander.

Anregender und spannender kann „HSK“ – wir wollen das bürokratische Wortgetüm lieber nicht aussprechen – gar nicht sein. Technisch ausgerüstet und multimedial vorbereitet von der MSA – Medienstelle Augsburg des JFF (Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, München) und einem Team von studentischen PraktikantInnen erforschten die Kinder ihr Viertel eine Woche lang praktisch auf eigene Faust. Die künstlerische Verarbeitung der Ergebnisse in Form von Videos, Fotocollagen, Fotoserien und die Dokumentation von Interviews mit „Ur“-Einwohnern ist einmalig. Im Hintergrund wirkten die Bürgerinitiative Textilviertel und die Flüchtlingsberatung mit – mitten im Viertel ist eine Asylbewerberunterkunft – aber auch die Leitung des Textilmuseums und andere.

Man spürt, wie fruchtbar die Zusammenarbeit von kommunalen Dienststellen, Schulbehörde, engagierten Wissenschaftlern, StudentInnen, Bewohnern, Aktivisten im Viertel und natürlich den Kindern sein kann, wenn sie sich solch anspruchsvollen Aufgaben stellen.

Es fällt auf, dass das Sozialreferat, das ja auch für die Jugend zuständig ist, sich kaum engagiert. Die Gründe sind unverständlich. Dabei sollte es eigentlich nicht bei solchen vereinzelten Projekten bleiben, sondern jede Schule, jede Klasse und jedes Viertel sollte in den Genuss solcher kreativen, wissenschaftlichen Projekte kommen. Wenn das nicht zu Reflexion, Verständnis und Verständigung im Viertel beiträgt, was dann?

Das Schulprojekt im Textilviertel soll im Herbst in eine zweite Runde gehen. Es soll dann noch mehr auf die Geschichte und die Entwicklung des Viertels eingegangen werden. Diese Vertiefung ist sinnvoll und notwendig, denn bisher haben die Kinder erst mal eine Bestandsaufnahme aus ihrer Sicht gemacht. In die Historie – Industriegeschichte, Kapitalismus, Faschismus und Krieg – und die Stadtentwicklungspolitik der letzten Jahrzehnte können sie natürlich nicht von selbst eindringen, hier brauchen sie Unterstützung und Hintergrundwissen, das liegt nicht auf der Strasse. Es gibt zwar jetzt schon einige Hinweise von langjährigen Bewohnern des Viertels in den Interviews, die die Kinder gemacht haben – aber das kann erst ein Anfang sein.

Der Name der Ausstellung Bunte Inseln ist mehrdeutig. Zum einen ist das Viertel von einem Kanalsystem durchzogen, so dass man tatsächlich von „Inseln“ sprechen könnte. Zum anderen handelt es sich bei den schönen, denkmalgeschützten oder eben für Kinder interessanten Stellen um „bunte“ Einsprengsel in einem von Tangenten, Mauern, Verkehr, Handelsketten und Spekulanten weiträumig geprägten und zerstörten Quartier.

Wohl in keinem anderen Stadtviertel Augsburgs sind so viele städtebauliche Verbrechen begangen worden wie im Kammgarnquartier bzw. Textilviertel. Das ging nicht erst mit der vierten Lechbrücke und der Schleifenstraße an, die zunächst nur das ECE-Center bediente. Schon vorher drängten die Handelskonzerne mit aller Macht in das Viertel und der Stadtrat, die Schwarzen und mehr noch die „Roten“ ließen sie gewähren. Der Sündenfall war der BIG an der Reichenberger Straße, der schon illegal gebaut war. Inzwischen ist er längst wieder abgerissen, aber nicht weil er illegal war, sondern weil er ausgedient hatte und auf seinen Trümmern dem Real Platz machte. Da wurden große, alte Weiden am Hanreibach abgeholzt, lange bevor bekannt wurde, dass der OBI kommt. Das wunderbare Fabrikschloss ist von hässlichen Handelsgebäuden umringt. Ein Baulöwe wie Ignaz Walter erpresste die Stadt mit der Übernahme des Glaspalastes und setzte direkt daneben den Abriss der Schrannenhallen und den Bau von grellen, völlig unpassenden Wohnblöcken durch. Lotter mit seiner HC Grundstücks GmbH treibt seit Jahrzehnten sein Unwesen im Viertel. Die denkmalgeschützten Backsteinbauten der Textilarbeiterhäuser in der Proviantbachstraße – das eigentliche Herzstück des Viertels – ließ er erst runterkommen, jetzt will er sie sanieren und als Eigentumswohnungen verkaufen. Danach werden die Migranten nicht mehr darin wohnen. Was die Kinder in der Ausstellung dokumentierten, wird dann teilweise Geschichte sein. Die Städtische Wohnungsbaugesellschaft wollte das Ensemble der Textilarbeiterhäuser nicht übernehmen, obwohl sie von Lotter der Stadt angeboten wurden.

Auch in anderen Bereichen des Viertels müssen Leute ihre Wohnungen räumen. Es setzt eine regelrechte Vertreibungspolitik ein, die vor allem Migranten trifft. Mit dem offenen, kommunikativen Charakter des Quartiers ohne Zäune zwischen den alten Blocks kann es schnell vorbei sein, wenn die Immobilienbesitzer die Privatstraßen dicht machen und die Buden verhökern. Im Asylbewerberheim in der Proviantbachstraße sind die Flüchtlinge mit ihren Kindern auf engstem Raum gepfercht und dürfen Räume, die frei werden nicht benutzen. Die Überarbeitung des Bebauungsplans nördlich der Provinostraße, die Erweiterung des Schutzgebietes kleiner Martinipark, die Berücksichtigung von Denkmalschutz, Naturschutz, sozialen Belange und städtebaulichen Perspektiven – alles muss(te) erkämpft werden. Dabei haben die Bürger, die Initiative in Zusammenarbeit mit dem Fachforum Nachhaltige Stadtentwicklung der Lokalen Agenda 21 Erfolge, Misserfolge, Teilerfolge…

Man hätte vermuten, dass die Stadtverwaltung nach dem Sündenfall mit der Schleifenstraße, die das Viertel brutal durchschneidet und trennt, vielleicht irgendwie was gut machen will. Das scheint aber nicht der Fall. Mit großer Nachgiebigkeit und scheinbar ohne gestalterische Konzeption läßt die Stadt dem Treiben der Spekulanten, Baulöwen und Handelskapitale zu viel Raum. Mit der systematischen Vermarktung von Teilflächen werden unverrückbare Fakten geschaffen. Man hat das Gefühl, der städtebauliche Rahmenplan aus dem Jahre 2000 entspricht nicht der tatsächlichen Entwicklung bzw. umgekehrt: die tatsächliche Entwicklung scheint an der städtischen Planung zu oft vorbeizugehen.

Die Kinder merken es zunächst an unzähligen Verbotsschildern, Zäunen, Zutrittssperren oder auch daran, dass sie im „grünen“ Textilviertel in grauen Höfen spielen. Doch die Kinder sollen auch wissen, woran das liegt. Und da wird die zweite Investigation im Herbst doch sehr spannend und vielleicht auch etwas heikel für die Stadtverwaltung. Denn es gibt natürlich politische Zusammenhänge und politische Gründe, an die z.B. eine Frau Leipprand – einst eine Vorkämpferin für das Textilviertel und gegen die Schleifenstrasse – nicht mehr rühren will. Aber als Kulturreferentin ist sie ja auch wirklich nicht mehr zuständig, höchsten noch für das Textilmuseum. Und so schützt die ganze rot-grüne Riege ihre Unzuständigkeit und Machtlosigkeit vor und läßt die Konzerne und Spekulanten walten? Und die Kinder von der Volksschule läßt man machen, aber nicht zu viel?

Hoffen wir, dass wir mit solchen Befürchtungen allzu schwarz sehen und unnötig übertreiben. Vor allem darf man/frau sehr gespannt sein auf  die Fortsetzung des Schulprojekts im Herbst und kann nur hoffen, dass sie auch wirklich stattfindet.

Ausstellung 1.–16. Juli 2006 im ehemaligen Obermeisterhaus, Proviantbachquartier

zur Galerie zur Galerie  »»


   
nach oben