Wir trauern um Johanna Corniels, die am 18. Juni 2005 nach einer schweren Krankheit starb. Fast bis zuletzt war Johanna mit 69 Jahren noch als Stadtführerin tätig. Dabei kämpfte Sie nicht nur um ihren Lebensunterhalt. Wo es ging, versuchte sie auch, den Spuren des Faschismus nachzugehen und ihr verblüffendes Wissen über die unselige Stadtgeschichte weiterzugeben. Die VVN und das Forum solidarisches und friedliches Augsburg verdanken Ihr unschätzbare Kenntnisse und ein Stück Kampfgeist, der aus dieser Frau nur so sprudelte. Ihre Kenntnisse waren deshalb so wertvoll, weil sie aus wissenschaftlichen Studien, Dokumenten aus ihrem Privatarchiv und persönlichem Kontakt zu Zeitzeugen und Widerstandskämpfern seit den 50er Jahren stammten – und aus einer leider nicht unverwüstlichen Energie, diese Erkenntnisse zu retten. Für uns ergibt sich die Verpflichtung, den alternativen Stadtrundgang fortzuführen, den Johanna in Augsburg revitalisiert hatte. Dabei können wir uns auch auf die Bibliothek von Johanna stützen und eine Dokumentation, die die VVN bereits ihren zu Lebzeiten noch begonnen hat. Im Andenken an Johanna Corniels eröffnen wir mit diesem Nachruf die Stadtgeschichte als neue Rubrik auf unserer Homepage.

Das Kapitel Faschismus war Johanna auch deshalb wichtig, weil ihre Eltern verfolgt wurden. Sie wurden kurz nach dem Reichstagsbrand inhaftiert. Als Gründe wurden Fluchthilfe für den jüdischen Otto Hertz angegeben, Mitgliedschaft im Sozialdemokratischen Studentenbund SDS und Abhören von Feindsendern. Johannas Vater Karl Kunz wurde als entarteter Künstler eingestuft, beide Eheleute erhielten Berufsverbot. Sie standen vor dem Nichts und mussten von Halle nach Augsburg flüchten. Bezeichnender Weise mußte die Familie nach dem Krieg die Stadt Augsburg wieder verlassen und nach Hessen auswandern. Johanna schrieb dazu: „Unmittelbar nach dem Krieg, wurden Frau Dr. Kunz als politisch unbelastete Lehrkraft viele Stellen an den Augsburger Schulen angeboten. Nach der Entnazifizierung der Lehrer, 1948, wurden ihr die Stunden derartig gekürzt, dass die Familie mit ihrem Einkommen kaum mehr leben konnte. Da sich der Staat Bayern weigerte, sie als Beamtin einzustellen, wandte sich Frau Dr. Kunz an das Land Hessen…“

Fast verzweifelt versuchte Johanna in den letzten Monaten und Jahren, die Stadt dazu zu bringen, das Lebenswerk ihres Vaters zu würdigen. Karl Kunz gehörte zu der sogenannten „Verschollenen Generation“ von Künstlern, die im Nationalsozialismus diffamiert wurden und es auch danach nicht leicht hatten. Die Stadt ist ihm schon was schuldig. Immerhin organisierte Karl Kunz im Augsburger Schaezler-Palais die erste deutsche Kunstausstellung moderner Kunst nach dem 3. Reich… Es gelang Johanna, die Stadt zu bewegen, zum hundertsten Geburtstag ihres Vaters heuer im Herbst eine große Retrospektive in der Toskanischen Säulenhalle im Zeughaus zu bringen. Johannas Kinder bemühen sich um die erfolgreiche Fortsetzung der Ausstellungsvorbereitung.

Mit einer Biografie Johanna Corniels’ können wir nicht dienen, dazu war ihr Leben zu bewegt und manchmal auch geheimnisvoll. Jedenfalls spielten antifaschistische und linke Künstlerkreise eine prägende Rolle in ihrem Leben, aber auch eine Auswanderung in die USA, wo sie sich immerhin zwanzig Jahre aufhielt. Ihre Sprachkenntnisse und ihr Einblick in die US-Gesellschaft und -Politik, die sie auch nach ihrer Rückkehr weiter pflegte, waren für uns sehr wertvoll. Als es ihr noch besser ging, entwickelte sich Hanna zu einer Art Sonderkorrespondentin für die USA auf unserer Webseite und trat auch als Rednerin und Übersetzerin bei Veranstaltungen der Augsburger Friedensinitiative auf. Einmal erzählte sie, dass ihr Ehemann in den USA für Caterpillar arbeitete und früh starb. Bei Caterpillar gibt es nicht nur Knochenjobs sondern auch äußerst schmutzige Geschäfte, die Johanna – wie nicht anders von ihr zu erwarten – prompt aufdeckte. So liefert(e) Caterpillar die Bulldozzer an die israelische Armee, mit denen die Häuser von Palästinensern zerstört wurden. Für solche und andere brisante Informationen – z.B. Hinweise auf eine braune Vergangenheit des Gouverneurs Schwarzeneggers – war Hanna immer gut. Ihre Erzählungen über rassistische und faschistische Tendenzen in der US-Gesellschaft waren erschütternd, die Wiederwahl von Bush war für sie vielleicht die größte Katastrophe. Sie wollte dazu im vergangenen Herbst unbedingt eine Veranstaltung machen, zu der es aber nicht mehr kam.

Wirklich beeindruckend war bei Hanna bei aller Vehemenz und linkspolitischer Emotion ihre unbeirrbare Wissenschaftlichkeit und ein phänomenales historisches Gedächtnis. Noch im Alter begann sie an der Augsburger Universität ein Studium der Geschichte und Anglistik, das sie aber aus Geldmangel wieder abbrechen mußte. Ihr wahrscheinlich letzter Auftritt in der politischen Szene war ein denkwürdiger Vortrag beim Bund für Geistesfreiheit zum Thema „Wie friedlich war der Augsburger Religionsfrieden“, den wir leider nicht mehr schriftlich bekommen konnten. Einige ihrer Gedanken finden sich aber wieder im einleitenden Beitrag der Broschüre des Forums Pax 2005 – Anspruch und Wirklichkeit, die wir demnächst auch online zur Verfügung stellen.

Hanna Corniels sprühte noch vor Plänen, die sie leider nicht mehr verwirklichen konnte. Die VVN und andere haben sich vorgenommen, ihr Lebenswerk zu sichern und – wo möglich – fortzuführen. Sie war eine Stadtführerin, die selbst in die Geschichte der Stadt eingehen sollte.

Interview mit Johanna Corniels und
ihrem Bruder Michael Kunz

Interview durch Josef Pröll
Mai 2001
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