Anni Pröll (86), Widerstandskämpferin und Ehrenbürgerin Augsburgs
am 19.4.2003 auf dem Moritzplatz

Grußwort zum Augsburger Ostermarsch 2003

Ein Grußwort soll es werden, dabei ist das Herz voll Bitternisse. Eine große Friedenssehnsucht ist gewachsen und dann die Friedensbewegung nach den Jahren des Zweiten Weltkrieges. Mehr als 55 Millionen Menschenleben sind zu Grunde gegangen. Nationale Überheblichkeit, Rassenhass und der Glaube an ein germanisches Sendungsbewusstsein hat große Teile unseres Volkes verführt, an einem Verbrechen gegen die Menschheit schuldig zu werden.
In Rassen wurden die Menschen eingestuft. Lebenswerte und unwerte Menschen getrennt. Ungeheuerliche Verbrechen wurden begangen, für die einfache Worte nicht ausreichend sind.
Mit Lügen haben sie die deutsche Jugend präpariert. Man hat sie gegen einen Feind gehetzt, der keiner war.
Verbrannte Erde ist zurückgeblieben und ein großes Schweigen.

Lange, allzu lange konnte dieses Schweigen nicht durchbrochen werden und die Friedensbewegung wurde allzu lange diffamiert:
Heute sind es viele geworden, die gegen den Krieg demonstrieren.
Damals gab es Warner, mitten aus dem Volke sind sie gekommen: Um des Friedens willen haben sie Todesurteile auf sich genommen.
Es war zu spät, als die Menschen in unserem Lande am eigenen Leibe spürten, was Krieg bedeutet. Die Anderen sollte es doch treffen, ihre Kornfelder, ihre Produktionsstätten wollten wir haben, die Reichtümer ihrer Erde sollte den Germanen gehören. Die Arbeitskraft der „minderen Rasse“ hat der Herrenrasse zu dienen.
Ein deutsches Leben war mehr wert, sagten sie als eine ganze Stadt voller Menschen. Ich denke an Lidice, an Oradour und Marzabotto. Solches sollte niemals wieder geschehen.

Aber um solches zu verhindern, muss man das Wissen den jungen Menschen vermitteln.
Nein, die Warner damals hatten es nicht verhindert, dieses Morden, das die gewählten Vertreter des deutschen Volkes veranstalteten. Auch ich hatte als blutjunges Mädchen zusammen mit jungen Anderen geglaubt an die Kraft des friedliebenden Volkes, an die Kraft der Gewerkschaften und an die Kraft der allmächtigen Kirchen.
In den Zuchthäusern, in den Todeszellen haben sie sich getroffen und in Dachau – in den Konzentrationslagern Buchenwald-Sachsenhausen und in vielen anderen. Überall wo die Stiefel der deutschen Faschisten hintraten, brauchten sie diese Terrorlager um das Volk an der Stange zu halten.
In tiefer Verzweiflung denke ich heute an die Verbrechen in Auschwitz, an die Verbrechen an den Kriegsgefangenen.

Nie wieder Krieg, stand auf den Transparenten nach dem Mai 1945.
Eine Friedensbewegung ist gewachsen, und ich möchte heute an dieser Stelle erinnern:
An den großen Schloten der Fabriken haben die Augsburger Arbeiter Losungen angebracht: „Krieg dem Kriege!“ Das war eine Kampfansage, die wir heute aufnehmen müssen.
Das beinhaltet auch heute: Nach dem Terroranschlag am 11. September haben wir nicht das Recht zurückzuschlagen – in dem Bewusstsein „gleich wen es trifft“.

Nach den Ursachen müssen wir forschen. Das ist die notwendige Aufgabe.
An dieser Stelle erinnere ich an die Geschwister Scholl, die in einem Flugblatt die Antwort auch für heute gaben: „Jedes Volk, jeder Mensch hat ein Anrecht auf die Güter der Welt!!“

Die Alliierten haben uns mit Bomben und Feuer befreit. Wir haben es alleine nicht geschafft.

Aber wenn wir jetzt zusammenstehen und miteinander versuchen Völkerfreundschaft zu erkämpfen, aus der Vergangenheit zu lernen, dann wird der Frieden in der Welt keine Utopie sein.
Schließt Euch zusammen mit den Friedensfreunden in der ganzen Welt und denen in Amerika, dann wird es gelingen, dass unsere Enkel und Enkelskinder leben können in Frieden - ohne Angst vor den Bombern.

Das ist aber auch eine weitere Aufgabe: Langen wir uns an die Brust und fragen wir: „Wachsen die alles vernichtenden Waffen auf den Bäumen? – Oder?“
Da müssen wir ansetzen, wenn wir verhindern wollen, dass weiterhin Leben zerstört wird.

Als die Buchenwalder Häftlinge am 11. April 1945 den Stacheldraht zerschnitten, haben sie 21000 Überlebenden die Hoffnung gegeben zu leben.

Der Schwur von Buchenwald ist noch nicht erfüllt, übernehmt ihn für Eure Kindeskinder: 21tausend Häftlinge aus mehr als 23 europäischen Ländern haben die Hand zum Schwur erhoben: ,,Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“

Danke.


   
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