Neofaschistische Bluttat in Heidenheim

Zu den Hintergründen

Ein Neofaschist ersticht am 19. Dezember drei junge russische Migranten vor einem alternativen Kulturzentrum in Heidenheim. Die regionalen Medien kennen keine Neofaschisten. Für die Augsburger Allgemeine ist der Täter ein "Schüler", ein "junger Mann", ein "verdächtiger Berliner". Die Behörden können bis heute keinen rechtsextremen Hintergrund der Tat erkennen. Ein Täterfoto wird nicht veröffentlicht. Laut Spiegel soll es einen 17-jährigen Gymnasiasten mit Seitenscheitel und Nickelbrille zeigen. [i] Die Berliner Zeitung - weit weg, aber eben dort, wo der Täter herkommt - kennt ihn als Faschisten mit "Glatze, Nickelbrille und Springerstiefel". [ii] Die Freundinnen und Freunde der Opfer werden dagegen von den Medien bundesweit ohne Hemmungen abgebildet in hilflosen, fassungslosen Kleingruppen, am liebsten mit Kerzen.

Antifaschistischen Widerstand gibt es für die bürgerlichen Medien nicht. Weder vor der Tat noch danach. Die spontane Demo von 200 Leuten wird nur kurz erwähnt. Über die Trauerkundgebung der Stadtverwaltung, zu der 1500 Menschen kamen, berichtet die Augsburger Allgemeine nur noch in ihrer Dillinger Ausgabe, aber ohne ein Wort von den Jugendlichen, die auch sprachen. Nur die Kirchenvertreter und der CDU-Bürgermeister kommen zu Wort.

Die Protestdemonstration am 27. Dezember 2003, zu der Linke und Antifaschisten aus der Region, darunter auch die VVN,  aufriefen [iii], wird in der Augsburger Allgemeinen und der gesamten überregionalen Presse nicht erwähnt. Selbst die Heidenheimer Zeitung bringt nur eine dürre Notiz: "Die Veranstaltung selbst, an der über 250 Menschen teilnahmen, lief friedlich ab. Danach wurden 65 Demonstranten von der Polizei überprüft und bekamen einen Platzverweis für die Heidenheimer Innenstadt."

Donnerwetter - die Polizei kann auch Platzverweise aussprechen. Aber anscheinend nicht für neofaschistische Banden. Das Verhalten der Medien und der Behörden stinkt zum Himmel.

Die Berliner Zeitung und der Spiegel - ortsfern - lassen noch am meisten raus. Der Täter kommt offensichtlich aus der Berliner Neonazi-Szene. "Blitzschnell und ohne Vorwarnung stach der Neonazi vor der alternativen Disco "Kulturbühne 2" am Freitag um 23.30 Uhr die drei jungen Russland-Spätaussiedler ab. Er zielte jedes Mal auf das Herz und stach jeweils zwei Mal zu, erst in die Brust, dann in den Hals. Wie ein Nahkämpfer." [iv] "Später fragt man sich, wie es einem Einzelnen gelingt, drei andere zu ermorden, ohne dass jemand eingreift, und wie der Täter zu Fuß entkommen kann." [v]

Nahkampf  und Rückzug will geübt sein. Man lernt das in der neofaschistischen Szene offenbar mit mörderischer Präzision. Leonhardt S. erwarb seine Ausbildung offenbar in Berlin. Nach seinem Wechsel nach Heidenheim konnte er dort offenbar mühelos andocken. Er wollte aber offenbar noch professioneller werden und auch an Waffen rankommen: "Gerade hatte er sich bei der Bundeswehr als Zeitsoldat beworben." [vi]

Die Polizei hatte den Neofaschisten am gleichen Abend an der gleichen Stelle schon einmal kontrolliert. Hatte er da schon den selbstgebauten Schussapparat dabei und den Dolch mit der 20 Zentimeter langen Klinge? Oder hat er die Waffen erst besorgt, bevor er das zweite Mal aufkreuzte? Kann man dann von "Totschlag im Affekt" sprechen, wenn einer schon schwerbewaffnet aufkreuzt?

Nach der Tat passieren dann eigenartige Dinge: Der Täter war gar nicht allein vor dem K2, es bleibt im Dunkeln, wieviele es waren. Einer hat anscheinend den Türsteher des K2 abgelenkt. Behörden und Medien scheinen sich nur für Leonhardt S. zu interessieren. Der Täter entkam offenbar mühelos zu Fuß. Die Polizei telefonierte mit ihm (!) und er versprach, sich zu stellen. Er ließ sich aber bis Mittag des nächsten Tages Zeit. Laut Augsburger Allgemeine führte die Spur des Täters auch nach Dillingen. Die Polizei fordert Spezialkräfte aus Nürnberg an und umstellt dort erfolglos ein Haus. [vii] Mehr erfährt man nicht. Wenn es nach Dillingen faschistische Kontakte gibt, braucht das die Öffentlichkeit nicht zu interessieren. Inzwischen kreuzt der Täter mit zwei Anwälten bei der Polizei auf und schweigt seitdem. Für die Presse ist die Angelegenheit anscheinend damit erst mal erledigt.

Die Polizei scheint zunächst nur die selbst gebaute Schusswaffe zu interessieren, auf die sie vom Täter selbst hingewiesen wurde. Sie wurde von Tauchergruppen des THW aus einem tiefen See geholt: "Durch einen Gutachter muss laut Polizeibericht erst festgestellt werden, ob die selbst gebaute Waffe überhaupt schussfähig ist und als Schusswaffe eingestuft werden kann." [viii] Anscheinend ist es den Behörden sehr wichtig, das Delikt illegalen Schusswaffenbesitzes aus der Welt zu schaffen.

Man muss nun eine sehr beunruhigende Frage stellen: Warum wollen Regionalpresse und Behörden - wenn überhaupt - nur kriminelle Handlungen sehen, aber ums Verrecken keine neofaschistischen Vergehen? Warum reagieren sie nicht auf die ganzen Warnungen und Aktionen der Jugend und der Antifaschisten sondern behindern diese eher noch?

Überregionale Medien wie die Süddeutsche Zeitung "analysieren": "Wohl ist der Anteil der Ausländer in Heidenheim seit 1996 von 15,8 auf 14,2 Prozent leicht gesunken. Dennoch habe es in der 50 000 Einwohner zählenden einstigen Hochburg von NPD und Republikanern auf der Ostalb öfter Handgreiflichkeiten unter Skinheads und Punks gegeben." [ix]

Mit solchen "Analysen" werden uns also ein "Ausländer"-Problem, eine traditionell rechtslastige Einwohnerschaft und jugendliche politisch verbrämte Bandenkriege angeboten.

Nur, wo "Ausländer" sind, also Arbeitsmigranten, da gibt es auch Betriebe und in den Betrieben gibt es bekanntlich keine "Ausländer"-Probleme. Wenn es in den Betrieben Probleme gibt, dann in der Regel nicht zwischen Belegschaftsteilen sondern zwischen Belegschaft und Unternehmensleitung.

Das zweite Argument der Süddeutschen Zeitung ist noch verlogener: Heidenheim als "einstige Hochburg von NPD und Republikanern auf der Ostalb". Die NPD hat in den Bundestagswahlen seit 1987 nur einmal mehr als 100 Stimmen in Heidenheim bekommen. In den drei Bundestagswahlen zuvor erhalten alle sonstigen Parteien, zu denen auch die NPD zählte, zusammen lediglich zwischen 0,6 und 0,9%. 1994 trat die NPD gar nicht mehr an, 1998 erhielt sie ganze 22 Zweitstimmen. Wahrlich eine "Hochburg" für die NPD!

Und die REPs? Die haben bei den Bundestagswahlen 1990 mit 5,5% angefangen und sind jetzt bei 1,2% gelandet. Ihre Stimmen wurden weitgehend von der CDU übernommen. Alle rechten Parteien zusammen erhielten bei den Bundestagswahlen 2002 ganze 543 Stimmen, das sind 2,3%. Bei den 98er Wahlen waren es 5,4%. [x] Die Ergebnisse von REP und NPD in Heidenheim liegen exakt auf dem Landesdurchschnitt. Also auch keine REP-Hochburg!

Aber wenigstens eine provinzielle, miefige CDU-Hochburg? Mitnichten! Die CDU hat bei den letzten Bundestagswahlen zwar zugelegt, aber die SPD ist immer noch stärkste Partei mit 41,5% der Zweitstimmen weit über dem Landesdurchschnitt von 33,6%. Bei den Erststimmen liegt die SPD mit 46% weit über den Zweitstimmen und hat praktisch gegenüber 1998 keinen Einbruch zu verzeichnen.

Das dritte Argument der Süddeutschen Zeitung: Ein jugendlicher Bandenkrieg, der sich dann zu Gewalttaten hochschaukelt, und nur politisch verbrämt ist?

Heidenheim ist eine Arbeiterstadt und die ganze Region ist eine Industrieregion. Die Gewerkschaften haben was zu melden in der Region. Die linke Szene ist relativ stark und hat mit der DKP sogar ein Stadtratsmandat und mit dem K2 ein friedliches linksalternatives Kulturzentrum und Discotreff. Es gibt diverse Einrichtungen der höheren Bildung, wo auch Linke wirken. Alles nicht gerade ideale Voraussetzungen für "Bandenkriege".

Im Gegenteil: die Jugend, die Gewerkschafter, die Linken, die Antifaschisten sind besonnen und wachsam gegenüber faschistischen Aktivitäten. Mit einer für örtliche Verhältnisse wuchtigen antifaschistischen Aktion sind sie 1999 gegen einen Nazi-Laden vorgegangen und gegen die Organisation, die dahinter steckte: den FVB Freiheitlicher Volks Block, der sich selbst als "zeitgemäße SS" bezeichnet. "Paddys Military Shop" gibt es inzwischen nicht mehr. Die Antifa hat damit Reorganisationsversuche der vom Landes-Innenministerium verbotenen Heimattreuen Vereinigung Deutschlands (HVD) verhindert. Die fortschrittliche Szene in Heidenheim hat zielsicher verhindert, dass Nazis Strukturen schaffen, um Jungnazis zu rekrutieren. Die fortschrittliche Szene fasste ihre Befürchtungen damals so zusammen:

"Um Jungfaschisten an sich binden und nationalsozialistisch schulen zu können, betreibt nun eben dieser Jürgen Boer in Heidenheim einen als Military-Shop "getarnten" Laden, in dem sich das deutsch gesinnte Publikum frei treffen kann, um Angriffe auf alles als "nicht-deutsch" Definierte planen und ausführen zu können." [xi]In ihrem Aufruf zur Demonstration am 27. Dezember 2003 stellt die Antifa fest, dass die rechtsextreme Szene sich in den letzten Jahren in Heidenheim nicht mehr offen zeigen konnte. Seit einige Monaten allerdings werde gezielt Jagd auf Menschen gemacht, das K2 spielt dabei eine wichtige, wenn nicht zentrale Rolle. Es ist im Visier der Neofaschisten.

Die neofaschistischen Verbrechen kommen also nicht aus der örtlichen Atmosphäre. Was vertuschen die überregionalen Medien, wenn sie ein solches falsches Bild zeichnen?

Sie wollen nicht zeigen, dass es ein gefährliches faschistisches Netzwerk gibt, faschistische Organisationen und Banden, die überregional operieren und dort, wo sie keine regionale Basis haben, strategisch ihre Kräfte verlagern um in bestimmte Gegenden und örtliche Strukturen einzudringen.

Wie die Antifa aufdeckt, spielt dabei auch ein relativ kleiner Haufen wie der VFB eine Rolle: Heidenheim, Göppingen, Ulm, Nürnberg, Halle. Nicht von ungefähr hatte der FVB seinen ersten großen Auftritt bei einer rechten Demonstrationgegen die Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht von 1941-1944", wo VFBler teilweise uniformiert in eigenen Blöcken mitmarschierten. Nicht von ungefähr war der Pächter des Heidenheimer Military-Shops Mitglied in der Nazigruppe "United German Warriors - Vereinigte Deutsche Kämpfer".

Die Neofaschisten sind vor allem auch Militaristen, nicht nur in Gedanken, nicht nur indem sie auf die Verbrechen der deutschen Wehrmacht positiv Bezug nehmen. Nein, sie versuchen auch, eigene militärische Strukturen zu bilden und - was und!? Hier hakt es aus bei unseren aufgeklärten Medien - und natürlich setzen die Neofaschisten vor allem auf die Bundeswehr und operieren auch innerhalb dieser und mit dieser. Offenbar weit massiver, als das die bürgerliche Öffentlichkeit zugeben will.

Es ist aber noch schlimmer. Es sind nicht einfach rechtsgesinnte, nostalgische Soldaten, die da die alten Lieder singen und ansonsten über Deutschland wachen. Die BRD bereitet eine Außenpolitik vor, die militärische Interventionenund Angriffskriege einschließt. Das Personal dafür kann man nicht aus dem Hut zaubern, es muss ausgesucht und ausgebildet werden. Es muss bedenkenlos töten können, auch im Nahkampf - und dazu bereit sein. Wer könnte sich besser dafür eignen als Neofaschisten?

Selbst die große USA hat Probleme, solche Leute für den Irak zu finden und vergattert jetzt die Nationalgarde. Leonhardt S. war bereit für eine solche Karriere, in der Bundeswehr, im KSK, an den zukünftigen Fronten. Es klingt in der Berliner Zeitung fast bedauernd: "Gerade hatte er sich bei der Bundeswehr als Zeitsoldat beworben. Jetzt sitzt er im Knast."

Man muss damit rechnen, dass sie für Militäraktionen solche Leute finden, die Frage ist, ob sie genügend finden und ob sie lange Freude an ihnen haben. Wer ist "sie"? Offensichtlich nicht nur die Bundeswehrbehörden, sondern auch andere Behörden, Politik und Medien sind verwickelt, indem sie die bundesweite Rekrutierung verschleiern, decken, anagen, die Hintergründe verschweigen, wenn was schief geht, die Antifa desavouieren und zermürben, die Vorselektion im neofaschistischen Lager selbst überwachen. Es ist ein übles, abgekartetes Spiel, was da im Hintergrund anläuft.

Uns dämmert langsam, warum die Medien so auffallend in die falsche Richtung lenken. Der Verdacht keimt auf, dass es sich um ein bundesweites Medienkomplott handelt. Und wir glauben, die Linke täuscht sich, wenn sie sagt, die Behörden seien wie gewohnt auf dem rechten Auge blind. Sie sind nicht blind auf dem rechten Auge! Sie brauchen "junge Männer" - aber nicht im Knast sondern wo anders. Die Antifa stört hier ungemein!

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[iii] Macht die Augen auf ...

In der Nacht zum 20. Dezember 2003 mussten Viktor, Aleksander und Waldemar sterben. Sie

wurden von einem 17jährigen Neonazi erstochen.

Wir trauern um die Opfer und sind in Gedanken bei den Angehörigen.

Auf den ersten Blick scheinen die grausamen Morde die Tat eines verrückten Einzeltäters zu sein.

Dies ist aber nicht der Fall. Der Täter ist Teil neonazistischer Strukturen.

Die rechtsextreme Szene, die sich in den letzten Jahren in Heidenheim kaum offen gezeigt hatte, macht schon seit Monaten organisiert Jagd auf Menschen, die nicht in ihr kaputtes Weltbild passen. Am 3. Oktober 2003 lauerten ca. 15 Neonazis vor einer Diskothek in Heidenheim 2 Punks auf und schlugen sie zusammen. Die Neonazis waren bewaffnet: Teleskopschlagstöcke kamen zum Einsatz, eine Bierflasche wurde auf dem Kopf eines der Opfer zerschlagen. Er musste ins Krankenhaus gebracht werden.

Der Tatort: der Hof vor der Diskothek K2, dieselbe Stelle an der am 19. Dezember drei Menschen sterben mussten.

Einer der Täter: der Mörder von Waldemar, Viktor und Aleksander

Eine Woche nach dem Überfall auf die zwei Punks, am 10. Oktober 2003, sammelten sich schon wieder an die 50 Rechtsextreme in Heidenheims Strassen, die offenbar auf ,,Rabatz" aus waren. In den Wochen danach wurden wiederholt Morddrohungen ausgesprochen. Ein junger Heidenheimer bekam an einer Tankstelle den Satz zu hören: ,, Das nächste mal steche ich dich ab!" Die Presse wiegelte diese Vorfälle als Teile eines Bandenkriegs rechter und linker Jugendlichen ab, die Polizei sah nach den Morddrohungen offenbar keinen Handlungsbedarf.

Die grausamen Morde stehen sehr wohl in direktem Zusammenhang mit dem rechtsextremen Umfeld des Täters und den Geschehnissen der letzten Wochen. Die Neonazis gingen schon vorher organisiert auf Menschenjagd und wenn nichts dagegen unternommen wird, tun sie es wieder. Ihre kranke Ideologie liefert den Nährboden für solche Taten und ihre Musik den Soundtrack. Es kann also nur gelten, rassistische und neonazistische Strukturen zu zerstören und ihren Unterstützern in der sogenannten gesellschaftlichen Mitte den Boden unter den Füssen wegzuziehen.

... Kampf dem Faschismus!

Demonstration ,,Macht die Augen auf ... Kampf dem Faschismus!"
Samstag, 27. Dezember, 14:00 Uhr, Eugen-Jaeckle-Platz - Heidenheim.
AG KuK Heidenheim, SDAJ Heidenheim, Antifaschistische Aktion Ulm/Neu-Ulm, DKP, VVN-BdA

http://ulm.antifa.net/

[iv] BZ, a.a.O..

[v] SPIEGEL ONLINE, a.a.O..

[vi] BZ, a.a.O..

[vii] "Spur des Täters führt auch in den Kreis Dillingen . Der junge Mann sollte sich nach ersten Erkenntnissen in der Wohnung eines Bekannten im Raum Aschberg aufhalten. . Nach ersten Erkenntnissen konnte die Polizei auch davon ausgehen, dass die Tatwaffe möglicherweise im Stadtgebiet Dillingen versteckt worden war." Augsburger Allgemeine 22.12.2003 http://www.augsburger-allgemeine.de/Home/Nachrichten/Bayern/sptnid,982676723377_arid,1071977250623_regid,2.html

[viii] Augsburger Allgemeine, a.a.O..

[ix] SZ 22.12.2003

[x] unter Rechte haben wir REP, NPD, CM (Christliche Mitte) und Schill zusammengefasst. Quelle: http://www.statistik.baden-wuerttemberg.de/SRDB/home.asp?H=4&R=GE135019

[xi] Rückblick: Zur Demonstration "Weg mit dem Naziladen! - Den rechten Vormarsch stoppen!" in Heidenheim an der Brenz

Am 10. April 1999 haben in Heidenheim an der Brenz mehr als 400 AntifaschistInnen gegen den dortigen Naziladen "Paddys Military Shop" demonstriert. Zu dieser Demo (unter den Mottos "Weg mit dem Naziladen!", "Den rechten Vormarsch stoppen" und "Den antifaschistischen Widerstand organisieren") hatten mehr als 40 Gruppen/Organisationen/Parteien aus dem süddeutschen Raum aufgerufen.

Seit ca. zwei Jahren wird "Paddys Military Shop", in dem es "neben Waffen ... auch Reichskriegsflaggen und Kleidung ehemaliger KZ-Häftlinge sowie Artikel aus dem nationalistischen »Donner-Versand« ... zu kaufen [gibt]" (aus dem zur Demo mobilisierenden Antifa Offensive 99-Flugblatt "Weg mit dem Naziladen! - Den rechten Vormarsch stoppen!"), von Jürgen Boer betrieben. Er ist Leiter der FVB-Ortsgruppe Heidenheim. Der FVB, der Freiheitliche Volks Block, wurde nach dem Verbot der Heimattreuen Vereinigung Deutschlands (HVD) im Januar 1994 gegründet. Die HVD, die sich zu Adolf Hitler und den wesentlichen Grundlagen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei bekannte, wurde 1988 von den ehemaligen FAP-Funktionären Dirk Plankenhorn, Andreas Rossiar sowie anderen, teilweise beim Titan-Sicherheitsdienst beschäftigten Nazis ins Leben gerufen. Sie wuchs schnell zur größten neofaschistisch-militanten Kaderorganisation Baden-Württembergs heran, die mit geschichtsrevisionistischen Positionen, einem unverhohlenen Militarismus und aggressiver Fremdenfeindlichkeit an die Öffentlichkeit trat. Auf ihr "Konto" gingen in der Folgezeit mehrere Angriffe auf Flüchtlingsheime, Schändungen von KZ-Gedenkstätten/jüdischen Friedhöfen (u. a. in Überlingen und Birnau) sowie "Wehrsportübungen" in Frankreich (mit der Heimattreuen Vereinigung Elsaß [HVE]) und Dänemark.

"Im November 1992 werfen Teilnehmer eines Informationsabends der HVD in Heidenheim Fenster eines nahe gelegenen Flüchtlingsheimes ein." (Jens Mecklenburg [Hrsg.]: Handbuch Deutscher Rechtsextremismus, Berlin: Elefanten Press, 1996, Seite 272)

Am 08.07.1993 wird die HVD, die unter ihrem "Dach" einige militante junge NeofaschistInnen vereinigen konnte und gute Kontakte zur ebenfalls verbotenen Wiking Jugend unterhielt, aufgrund einer "nicht tragbaren" Anzahl von sogenannten "Propagandadelikten" vom (rechtskonservativen) Innenministerium Baden-Württemberg verboten - um einige Monate später in einer neugegründeten Organisation namens FVB "aufzugehen". Mit von der Gründungspartie waren selbstverständlich nahezu alle Mitbegründer bzw. Mitglieder der HVD (u. a. Dirk Plankenhorn und Konrad Petraschek [Bundesvorsitzender]).

"Der FVB, der sich selbst als »zeitgemäße SS« bezeichnet, hatte seinen ersten großen Auftritt bei einer Demonstration gegen die Ausstellung »Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht von 1941-1944« am 01.03.1997 in München, auf der ca. 100 FVBlerInnen - teilweise uniformiert - in eigenen Blöcken mit marschierten. (...) Innerhalb der FVB-Blöcke lief der in Niederstotzigen [bei Heidenheim, Anm. d. Red.] wohnende Jürgen Boer als Ordner mit." (aus dem Flugblatt "Weg mit dem Naziladen! - Den rechten Vormarsch stoppen, a.a.O.)

Um Jungfaschisten an sich binden und nationalsozialistisch schulen zu können, betreibt nun eben dieser Jürgen Boer in Heidenheim einen als Military-Shop "getarnten" Laden, in dem sich das deutsch gesinnte Publikum frei treffen kann, um Angriffe auf alles als "nicht-deutsch" Definierte planen und ausführen zu können. Pächter dieses Ladens ist bezeichnenderweise Dirk Plankenhorn.

"Plankenhorn besitzt außerdem einen Versand in Pfullingen (»In- und Outdoor Pladi Versand«) sowie einen weiteren Military-Laden in Balingen (»Rüsthaus«). Er ist unter anderem wegen illegalen Waffenbesitzes und der Fortführung der verbotenen Aktionsfront Nationaler Kameraden/Nationale Aktivisten (ANS/NA) vorbestraft. Außerdem war er Leiter einer FAP-Kameradschaft der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) und Mitglied in der Nazigruppe »United German Warriors - Vereinigte Deutsche Kämpfer«. [...] Plankenhorn ... soll beim [rassistisch motivierten] Titan-Sicherheitsdienst beschäftigt sein, [dessen] Einsatzbereich [sich] neben mehreren Discos in Reutlingen auch über die Schwäbische Alb bis in den Schwarzwald erstreckt. (...) Für den Sicherheitsdienst sollen Leute aus Heidenheim, Ulm, Nürnberg und Göppingen angeworben werden. In exakt diesen Städten hatte die HVD früher ihre Stützpunkte und ist der FVB heute aktiv." (ebd.)

Die Demo in Heidenheim, einem 50.000 Seelen-Städtchen auf der schwäbischen Ostalb, sollte unter Beweis stellen, dass es auch in der sogenannten Provinz, quasi im politischen "Hinterland", möglich ist, neonazistische Infrastrukturen effektiv anzugreifen. Das ist ihr durchaus gelungen. Klar muss aber sein, dass ein großes Polizeiaufgebot mit Absperrgittern verhinderte, dass der Naziladen, um dessen Schließung es den anwesenden AntifaschistInnen ging, während der Ansammlung mehrerer Hundert Menschen gestürmt - und dadurch "nur" ein Zeichen für zukünftige Gegenmaßnahmen gesetzt werden konnte. Wir hoffen, dass die von dieser Demo ausgehende Handlungsanweisung so deutlich war, dass wir bald - wie in den Fällen "Hehls World" und "Café Germania" - davon berichten können, dass "Paddy's Military Shop" aufgrund vehementen antifaschistischen Widerstands schließen mußte. Gerade in Heidenheim, einer Stadt, in der 1998 bei der Bundestagswahl "mehr als 11.000 Frauen und Männer ihre Stimmen rechtsradikalen Parteien von den Republikanern bis hin zur NPD" (ebd.) gegeben haben, ist es wichtig, dass dem Aufbau faschistischer Infrastrukturen frühestmöglich effektiver Widerstand entgegengesetzt wird. Eine Demo, wie es sie in so einer Stadt schon lange nicht mehr gegeben hat, ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung. Bleibt zu hoffen, dass sie Aktionen nach sich zieht, die endgültig zum Aus für "Paddys Military Shop" führen.

Autonomes Redaktionskollektiv

http://www.linkeseite.de/Texte/2003/dezember/20-6.htm


   
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