Karl Wahl verglich später seine Funktion mit dem Amt eines Regierungspräsidenten, der keinen Einfluss auf die Politik des Reiches gehabt habe. Tatsächlich war er seit 1934 Präsident der Regierung von Schwaben und Neuburg, aber er war eben auch Gauleiter von Schwaben. Als Leiter eines der 36 deutschen NSDAP-Gaue gehörte er schon zu einer sehr hohen faschistischen Führungsebene. Nur durch herausragenden aktiven Einsatz für die NSDAP und langjährige persönliche Bekanntschaft und Zusammenarbeit mit den Führungsspitzen des faschistischen Reichs konnte man eine solche Stellung erreichen und halten. So gehörte Wahl zu den Gründern der NSDAP in Augsburg, 1928 wurde er Gauleiter von Schwaben. Unter seiner Führung wurden 850 Ortsgruppen der NSDAP in Schwaben von 1928–1933 geschaffen. Karl Wahl war 1944 bei der Reichsleitung in Berlin sogar als möglicher Nachfolger des Reichsschatzmeisters im Gespräch.

 

Wahl behauptete nach dem Ende des Dritten Reiches, aus seiner demokratischen Gesinnung nie ein Geheimnis gemacht zu haben. Er will auch nie ein antisemitisches Wort geäußert und auch vom Schicksal der Juden nichts gewusst haben. Gernot Römer fragt ihn in seinem Buch Es gibt immer zwei Möglichkeiten… u.a.:

 

„Waren Sie nicht zugegen bei der Zusammenkunft der Reichs- und Gauleiter am 12.12.1941 in Hitlers Privaträumen in der Reichskanzlei? Der Historiker Christian Gerlach schreibt, dass Hitler dort den Reichs- und Gauleitern seine Pläne zur Vernichtung der Juden bekannt gegeben habe. Laut Gerlach bestand Präsenzpflicht.“

 

Was ging nun eigentlich auf das Konto eines „gemäßigten“ Gauleiters und einer – nach 1945 – verfolgten Unschuld Namens Karl Wahl? Von dem, was alles auf sein Kerbholz ging, können wir hier nur wenig andeuten:

 

Gründung der ersten nationalsozialistischen Zeitung 1931 in Augsburg Neue National-Zeitung durch Karl Wahl. Bis 1945 hatte die NS-Gauverlag Schwaben GmbH ein Zeitungsimperium ungekannten Ausmaßes errichtet und alte, teilweise Jahrhunderte währende Strukturen zerstört. [i] Die von Wahl dirigierte Presse hetzte zynisch gegen die Arbeiterbewegung, Juden und politisch Andersdenkende und verhöhnte die Opfer noch bei ihrer Einlieferung in den Katzenstadel oder ins KZ.

Besetzung des Rathauses mit SA-Leuten 1933. Vertreter anderer Parteien, namentlich der SPD, ließ er unter Androhung von Gewalt aus dem Rathaus verweisen.

Trug maßgeblich zur Vernichtung und Arisierung des jüdischen Gewerbes bei, die in Augsburg scheinbar so krass wie in keiner anderen deutschen Stadt war. [ii] Bereits 1931 ließ Karl Wahl in der von ihm gegründeten NS-Presse offen zum Boykott jüdischer Geschäfte aufrufen. Beim Judenboykott im Dez 1934 hat er allen Parteigenossen mit Ausschluss aus der NSDAP gedroht, die sich nicht daran beteiligten.

Natürlich ging die planmäßige Ausschaltung der jüdischen Bevölkerung in der Stadt v.a. auch auf das Konto des Gauleiters. Angefangen von der Reichskristallnacht mit der Brandschatzung der Synagoge, der Vertreibung der Juden und der Verschleppung der 500 noch in Augsburg verbliebenen in die Vernichtungslager.

Hetzte in der Zeitung Schwabenland 1938 gegen die „Juden und Judenknechte“ und brandmarkte „das verbrecherische Treiben dieser unverbesserlichen Volksschädlinge“. Die Zeitung wurde auch an die schwäbischen Soldaten im Feld verteilt.

Gründete 1940 die Zeitschrift Front und Heimat, die bis Kriegsende vielen schwäbischen Soldaten bis in die Schützengräben zugestellt wurde.

Besuchte die schwäbischen Truppen in Frankreich persönlich. Wahl hielt sich auch sechs Wochen (!) bei den schwäbischen Gebirgsjägern im Donez-Gebiet auf, schreibt Gernot Römer. Die Gebirgsjäger zählten generell zu den Spezialeinheiten, die sich schwerster Kriegsverbrechen schuldig machten. Über das Wüten der deutschen Wehrmacht im Donez-Gebiet und die Absichten des NS-Regimes in dieser Region s. Junge Welt. [iii]

 

Wie erging es dem Reichs-Gauleiter nach dem Ende des Reichs?

Zwei Entnazifizierungsinstanzen reihten Wahl in die Gruppe I der Hauptschuldigen ein. Später wurde er beim Appelationsverfahren in die Gruppe II der Belasteten zurückgestuft. (Gernot Römer) Die Berufungskammer machte die Sühnemaßnahmen rückgängig. U.a. wurde der Einzug seines Vermögens auf 10% reduziert. Den innerstädtischen Baugrund, der dem Gauleiter von der Stadt „geschenkt“ wurde, mußte er zurückgeben. Selbstverständlich klagt Wahl dagegen und muss in einem Vergleich 1955 das Grundstück abgeben, erhält aber ein Viertel des aktuellen Wertes.

Zum Vergleich: In einem Durchhalteappell an die Bevölkerung nach dem Großangriff alliierter Bomber verkündete der Gauleiter Karl Wahl: „Keiner kann Euren Kummer über diese grausame Nacht mehr nachfühlen, als ich, der ich selbst von meiner Habe nur das gerettet habe, was ich am Leibe trug.“ [iv] Wenn er wirklich nichts mehr gehabt hat, wie konnte dann die Spruchkammer sein „Vermögen“ taxieren und 10% davon einziehen? Und das städtische Grundstück zählte er wohl erst zu seiner „Habe“, als man es konfiszieren wollte.

Landete 1958 als Bibliothekar bei der Fa. Messerschmitt, wo er zehn Jahre lang wirkte. So bekam der treue Faschist sein Gnadenbrot von dem Rüstungsproduzenten und Kriegsverbrecher Prof. Willy Messerschmitt. Messerschmitt, dessen Rüstungsbetrieb im Faschismus auf über 18 000 Beschäftigte anschwoll, wurde 1945 als Kriegsverbrecher eingestuft und bis zum Frühjahr 1948 interniert. Danach legte er sofort wieder los. Karl Wahl oblag es wohl als Bibliothekar, das Firmenarchiv zu bereinigen und aufzupolieren. Immerhin erstrahlte Prof. Messerschmitt bereits ab den 60er Jahren wieder als hochgeehrter Luftfahrtpionier und Mäzen – und selbstverständlich als Rüstungsunternehmer: bayerischer Verdienstorden, Bundesverdienstorden, eine schwerreiche Firmenstiftung, die in Augsburg „denkmalpflegerisch“ tätig wurde…

So weit brachte es der Gauleiter nach dem Ende des Dritten Reichs nicht. Dennoch wurde er geehrt – und wenn er es selber tun mußte. So schrieb er ein Buch Patrioten oder Verbrecher – Aus Liebe zu Deutschland: 17 Jahre als Hitlers Gauleiter, in dessen liebevoller Rezension bei Amazon (die er am Ende selbst geschrieben hat) er gerühmt wird:

 

Karl Wahl war NSDAP-Gauleiter von Schwaben. In den Schützengräben des Ersten Weltkriegs wurde er Patriot und blieb es sein ganzes Leben lang. Seine politische Pflicht erfüllte er so, wie es ihm sein Gewissen befahl. Für seine schwäbische Bevölkerung aller Schichten und Stände opferte er sich unermüdlich auf. 140 eidesstattliche Erklärungen aus allen Bevölkerungskreisen lagen 1948 der Entnazifizierungs-Spruchkammer vor, die ihm seine Ehre nicht nehmen konnte. In diesem Buch griff ein Mann, der enge Kontakte zu Hitler, Rommel und Sepp Dietrich pflegte, zur Feder.“ [v]


Im Buch selbst wird er noch deutlicher, wer zu seinen Fürsprechern bei der Entnazifizierung gehörte: Willy Messerschmitt – wen wundert das noch?

 

„Die Beweisaufnahme lief ohne Unterbrechung zu meinen Gunsten. Der Aufmarsch der vielen Entlastungszeugen, vom Bischof angefangen über eine Reihe von Betriebsführern und hohen Beamten, wie Herr Professor Messerschmitt, bis hinüber zu Bahnarbeitern war beglückend. 140 eidesstattliche Erklärungen aus allen Berufsständen, auch von Juden, legten einwandfrei Zeugnis ab über mein untadeliges Verhalten.“ (Karl Wahl, Patrioten oder Verbrecher)

 

Wie ist die Entnazifizierung eigentlich gelaufen, vor allem in Bayern, und was geschah mit den Akten? Hierzu einiges Hintergrundmaterial aus dem Internet. [vi] Besonders interessant darin vielleicht die Schülerfacharbeit aus dem Viscardi-Gymnasium Fürstenfeldbruck Entnazifizierung und Umerziehung in Fürstenfeldbruck. Gibt man bei der Suchmaschine MetaGer [vii] entnazifizierung fürstenfeldbruck ein, so findet man diese Facharbeit an 1. Stelle. Gibt man nur entnazifizierung ein, so findet sich die Facharbeit immerhin noch an 30. Stelle. Gibt man entnazifizierung augsburg ein, so findet sich gar nichts, außer an 22. Stelle einen Lobgesang auf Willy Messerschmitt aus dem Stadtarchiv auf der Webseite der Stadt Augsburg! [viii]

Wie soll man sich das erklären?  Hat der Gauleiter und seine Mannschaft in der Stadt noch dermaßen gründlich weitergewirkt? Hat Schule und Wissenschaft versagt? Waren alle Antifaschisten in der Stadt ausgerottet worden? Oder ist das Interesse an der Entnazifizierung in der Stadt einfach auf unerklärliche Weise geschwunden? – Wir meinen, das darf man gerade in einem Rüstungszentrum wie Augsburg auf keinen Fall auf sich beruhen lassen.

 



[i] Vgl. Manuela Rapp, Nationalsozialistische Publizistik zwischen Weimarer Republik und Drittem Reich am Beispiel der Augsburger „Neuen National-Zeitung“ und ihrer Vorgängerorgane unter besonderer Berücksichtigung der Jahre bis 1939, 333 Seiten, Pb, Tectum Verlag 2004 http://www.tectum-verlag.de/8624TEXT.HTM

 

[ii] […] veranstalteten insbesondere die SA und später die NS-Hago zahlreiche Boykottmaßnahmen gegen jüdische Betriebe, die ihre Wirkung nicht verfehlten. So entschlossen sich viele jüdische Gewerbetreibende, vor allem Einzelhändler, bereits 1933 dazu, ihr Geschäft zu verkaufen bzw. zu liquidieren. Bei dieser ersten „Arisierungswelle“, die in diesem Ausmaß in anderen Städten nicht zu beobachten ist, muß allerdings auch die damalige schlechte wirtschaftliche Lage Augsburgs mit berücksichtigt werden, aufgrund derer viele Betriebe ohnehin geschwächt waren. Nach einem erheblichen Rückgang der Maschinenbauindustrie als einer der beiden wichtigsten Branchen litt die Stadt unter hoher Arbeitslosigkeit, so daß der Umsatz des Einzelhandels ohnehin rückläufig gewesen sein dürfte. Der Aprilboykott und andere lokale Boykottmaßnahmen des Jahres 1933 traf vor allem die bereits geschwächten Betriebe so hart, daß sie sich zur Aufgabe gezwungen sahen.

aus AKKUMULATION www.ruhr-uni-bochum.de/akku/16_02.pdf

 

[iii]  

11.10.2003 

 

Dietrich Eichholtz

 Verbrannte Erde

 

Befreiung am Kuban, Donez und Dnepr 1943: Wehrmacht nahm auf dem Rückzug mit, was nicht niet- und nagelfest war

 

Im Herbst 1943 zerschlug die Rote Armee die Hoffnung der deutschen Führung, ihre Armeen hinter einer unbezwingbaren Verteidigungslinie (»Ostwall«) verschanzen zu können. Dort sollten die Kräfte aufgefrischt und zu gegebener Zeit die Offensive in Richtung Wolga und Kaukasus wieder aufgenommen werden. Die eroberten Ressourcen an Rohstoffen, Industriewerken und Arbeitskräften erschienen gewaltig: Eisenerz (Kriwoj Rog), Manganerz (Nikopol), Kohle und Stahl (Donez-Dnepr-Industrierevier), Elektroenergie (Dnepr-Staudamm) und die »Kornkammern« der Ukraine. Rüstungsminister Albert Speer und die deutschen Großkonzerne hatten sich seit 1941/42 in den russischen und ukrainischen Montanwerken festgesetzt und Pläne für eine große Rüstungsbasis geschmiedet, die für die Ostfront gewaltige Mengen an Munition, Sprengstoff, Maschinen und Material für riesige Reparaturwerke und Aluminium für die Luftrüstung liefern sollte (»Iwan-Programm«).

 

Damit war Schluß. Befreit wurden Charkow am 23. August, Stalino (Donezk) am 8. September, Mariupol am 10. September, Noworossisk am 16. September. Dem Angriffsdruck der Roten Armee war die Wehrmacht fast nirgends mehr gewachsen. Die Reserven waren aufgezehrt.

 

Am 9. Oktober, nach dreißigtägigem erbitterten Kampf, befreite die Rote Armee die Taman-Halbinsel und verjagte die Wehrmacht vom letzten verzweifelt gehaltenen Flecken des Kuban-Gebiets. Das war der Brückenkopf, von dem aus Hitler »zu gegebener Zeit den Griff nach dem Öl des Kaukasus zu erneuern gedachte« (Generalfeldmarschall v. Manstein). Der Oberbefehlshaber der sowjetischen Nordkaukasusfront, General I. E. Petrow, würdigte das Ereignis in seinem Tagesbefehl: »Das Tor zum Kaukasus ist für die Feinde unserer Heimat endgültig zugeschlagen.«

 

Am 11. November, als Saporoshje, Dnepropetrowsk und Kiew befreit waren und die Front am Dnepr stand, hielt Speer Hitler Vortrag über »Die Bedeutung von Nikopol und Kriwoj Rog für die deutsche Eisenerzeugung«. Werde Nikopol aufgegeben, so argumentierte er, dann würden die deutschen Manganbestände binnen 18 Monaten erschöpft sein und die deutsche Stahlerzeugung weitgehend zum Erliegen kommen. Daraufhin verstärkte die Wehrmachtführung mit allen Kräften die Verteidigung südlich von Saporoshje. Der dortige Brückenkopf östlich des Dnepr blieb der am längsten umkämpfte aller deutschen Dnepr-Brückenköpfe. Erst Ende Januar, Anfang Februar 1944 drückte ihn die Rote Armee ein und befreite die Erzstädte. Ende 1943 hatte die Rote Armee den Dnepr, das Kernstück des »Ostwalls«, von Gomel im Mittelabschnitt der Ostfront bis zur Mündung ins Schwarze Meer auf einer Länge von 700 Kilometer fast ohne Lücke breitflächig überschritten.

 

Nach dem Fall von Kiew (6. November) versuchte Generaloberst Alfred Jodl, Chef des Wehrmachtführungsstabes im OKW, vor den Reichs- und Gauleitern der NSDAP die Lage zu beschönigen. Es gebe zwar eine Krise der Kriegführung, und man müsse »mit der Möglichkeit weiterer schwerer Krisen rechnen«. Aber bis zur deutschen Grenze, so Jodl, sei es 1000 Kilometer weit. Dieses »räumliche Kapital, von dem wir heute zehren«, sei eine »hauptsächliche strategische Größe«; im Osten sei »kein Erfolg des Feindes ... unmittelbar tödlich, außer die Ausschaltung des rumänischen Ölgebietes«.

 

Nüchterner rechnende Vertreter der Wirtschaft äußerten sich skeptisch, ob man alles Eroberte bei einem Friedensschluß werde behalten können. Selbst konservative Hitlergegner wie Carl Goerdeler hielten aber daran fest, daß eine weit vorgeschobene Position im Osten gehalten werden müsse, um »alle europäischen Völker westlich Rußlands ... gegen eine russische Übermacht und Vorherrschaft (zu) sichern« (»Friedensplan« vom Sommer/Herbst 1943). Polen und die baltischen Republiken seien unter Kontrolle und im Herrschaftsbereich des »europäischen Großwirtschaftsraumes« zu halten, und auch Südosteuropa sei als deutsche Interessensphäre zuverlässig abzuschirmen.

 

Die Industriebosse wollten beim Rückzug alles mitgehen lassen, was nicht niet- und nagelfest war. Schon Ende Juli, Anfang August stellten der Flick- und der Hermann-Göring-Konzern Listen zusammen von ganzen Werkseinrichtungen in Taganrog, Mariupol, Stalino, Saporoshje, Kramatorsk und vielen anderen Orten, die sie »räumen« lassen wollten. Hitler gab Speer freie Hand und die Anweisung, daß »alles, was im Donezgebiet nicht unbedingt notwendig ist, von dort zu verschwinden habe«. Kraftwerksanlagen und Werkshallen sollten abgebaut und zum Abtransport vorbereitet, Rohstahlblöcke beschleunigt abgefahren werden. Vom 1. September an jagte ein Räumungsbefehl den anderen.

 

Bei dem hektischen Tempo des deutschen Rückzugs gelang die gründliche »Ausschlachtung« des Donez-Industriereviers bei weitem nicht überall. Alles, was zurückblieb, sollte auf barbarische Weise vernichtet, »verbrannte Erde« zurückgelassen werden. Hitlers Zerstörungsbefehl für Kuban, Donez und Dnepr vom 4. September für die Wehrmacht sprach Bände:

 

»a) Alle dem Gegner nutzbringenden Anlagen, Unterkunftsmöglichkeiten, Straßen, Kunstbauten, Dämme usw. müssen nachhaltig zerstört werden.

 

b) Sämtliche Eisenbahnen und Feldbahnen sind abzubauen bzw. restlos zu zerstören. (...)

 

d) Die im Kubanbrückenkopf befindlichen Anlagen für Ölgewinnung müssen vollständig vernichtet werden.

 

e) Der Hafen von Noworossisk ist so zu zerstören und zu verseuchen, daß seine Benutzbarkeit durch die russische Flotte auf lange Zeit unmöglich gemacht wird.

 

f) Zur Zerstörung gehört auch weitgehendste Verseuchung mit Minen, Zeitminen usw.

 

g) Der Gegner muß ein auf lange Zeit vollkommen unbrauchbares, unbewohnbares, wüstes Land, wo noch monatelang Minensprengungen vorkommen, übernehmen.«

 

Die Rüstungskonzerne und deutschen Rüstungsbehörden bereiteten die Zerstörungen fachmännisch vor und kontrollierten nach Möglichkeit auch den Erfolg. In Saporoshje übernahmen sie die Verantwortung für die Vernichtung des für das »Iwan-Programm« vorgesehenen Großwerks: »Die Zerstörung wurde am 22. September 1943 befohlen. Gestellte Frist 4–5 Tage. ... Das Werk ist zerstört. Verbrauchte Munition 59 Tonnen Sprengstoff und 60 Stück Fliegerbomben (500 kg)«.

 

Beim Rückzug aus dem Donezgebiet und der östlichen Ukraine sind nach sehr unsicheren deutschen Angaben 3 000 Eisenbahnzüge mit industriellen und landwirtschaftlichen Gütern und Produktionsmitteln abtransportiert worden. Es wurden abgefahren (bis zum 5. November): 248 Waggons Raubgut aus dem Steinkohlenbergbau (Pumpen, Motoren, Transformatoren, Schalter, Kabel usw.); 413 Waggons aus den Werken der Eisenmetallurgie (Maschinen, Anlageteile, Ferrolegierungs- und andere Nichteisenmetalle usw.); 67 Waggons mit »Rücklaufgut« der Elektrizitätswerke (Turbinen, Transformatoren, Elektroden, Kabeltrommeln, Nichteisenmetalle usw.). Aus dem Gebiet der Dneprstädte einschließlich Kiew meldete man 3437 Waggons Raubgut aus Werken der Eisen- und Stahlindustrie und 518 Waggons aus den Elektrizitätswerken.

 

Im Januar/Februar 1944, nach der Befreiung von Kriwoj Rog und Nikopol, fand die deutsche Herrschaft über Donez und Dnepr ihr Ende. Ungeheuer waren die im größten sowjetischen Industrierevier angerichteten Schäden und die Opfer und Leiden der Bevölkerung. Die Lasten des viele Jahre währenden Wiederaufbaus, denen gegenüber die ostdeutschen Reparationen nur ein Tropfen auf den heißen Stein waren, trugen die arbeitenden Menschen.

 

http://www.jungewelt.de/2003/10-11/035.php

 

 

[iv] Extrablatt der ANZ und NAZ v. 26./27.2.44, veröffentlicht in Filser/Thieme (Hrsg.), Hakenkreuz und Zirbelnuß

 

[vi] Staatliche Archive übernehmen rund 3.500 Meter Spruchkammerakten

 

Rund fünfzig Jahre nach Abschluss der Entnazifizierung geben die Amtsgerichte seit Beginn des Jahres 2000 die bei ihnen verwahrten Unterlagen der Spruchkammern an die Staatsarchive ab. Mittlerweile konnte der Großteil der Akten archiviert werden. Der Rest wird voraussichtlich im Verlauf des Jahres 2001 an die Archive übergehen. Der Gesamtumfang der Unterlagen einschließlich der dazugehörigen Findhilfsmittel (vor allem Register und Karteien) beträgt rund 3.500 laufende Meter. Aufgrund der umfangreichen Aktenbestände beim Amtsgericht München entfallen davon allein etwa 1.500 laufende Meter auf das Staatsarchiv München. Die Spruchkammern waren 1946 in den Stadt- und Landkreisen zum Vollzug des die Entnazifizierung regelnden Befreiungsgesetzes eingerichtet worden. 1948 wurden sie in den Hauptkammern München und Nürnberg zusammengefasst.

http://www.gda.bayern.de/an44.htm#Spruchkammern

 

Paul Hoser

Die Entnazifizierung in Bayern

 

Bei ihrem Einmarsch in Deutschland verfügten die US-Amerikaner über keine einheitlichen Entnazifizierungsrichtlinien. Bis zum Herbst 1945 dehnten sie unter dem Druck der öffentlichen Meinung die Kategorien der aus ihren Stellen zu entfernenden Personen immer mehr aus. Da sie jedoch Truppen und Besatzungspersonal erheblich reduzieren wollten, waren sie Anfang 1946 bereit, die Aufgabe der politischen Säuberung völlig auf deutsche Stellen unter ihrer Oberaufsicht zu übertragen. Das Befreiungsgesetz vom 5. März 1946 versuchte das US-amerikanische Prinzip rein formaler Belastungsprinzipien mit dem der Würdigung der individuellen Schuld zu verbinden, was ein Widerspruch in sich war. Da ihrer Ansicht nach bis Herbst 1946 viel zu viel Belastete als Mitläufer eingestuft wurden, war die US-amerikanische Militärregierung äußerst unzufrieden.

In Bayern mussten nach dem unsystematischen Vorgehen des ersten Sonderministers Heinrich Schmitt unter dem zweiten, Anton Pfeiffer, 60 % aller Entscheidungen revidiert werden. Schon Ende 1946 bahnte sich eine Wende der US-amerikanischen Politik an. Durch Amnestien wurden unter dem populistischen dritten Sonderminister Alfred Loritz 85 % aller Fälle erledigt. Seit Mitte 1947 verloren die US-Amerikaner das Interesse an der Entnazifizierung. Für sie stand jetzt die wirtschaftliche Funktionsfähigkeit Deutschlands angesichts des Gegensatzes zum kommunistischen Osten im Vordergrund. So wurden weitere gesetzliche Schleusen geöffnet. Der Bundestag ging dann durch verschiedenen Gesetze zwischen 1948 und 1954 mit seiner Großzügigkeit bis an die äußersten Grenzen.

Getroffen wurde durch die Säuberung nur die eigentliche Parteielite. Der ursprünglich geplante Austausch der belasteten Eliten von Industrie und Beamtenschaft kam nicht zustande. Allerdings lösten die von der US-Besatzungsmacht und den Spruchkammern verhängten Sanktionen bei den Betroffenen einen Schock aus, der die Anpassungsbereitschaft an die neue Demokratie förderte. In Bayern ist die Regelung für die Benutzung der inzwischen in die staatlichen Archive gelangten Spruchkammerakten großzügig, so dass der Forschung eine neues Feld offen ist.

http://www.linz.at/19324_26294.asp

 

 

Informationen zur politischen Bildung (Heft 259)

Demokratisierung durch Entnazifizierung und Erziehung

 

Wolfgang Benz

Kurzbeschreibung:   

Eine Darstellung des Entnazifizierungsprozesses, in welchem ehemalige NSDAP-Mitglieder aus vielen Ämtern ausgeschlossen wurden und doch einige in Amt und Würden weitermachten. Außerdem ein Bericht über die „re-education“ der Schüler in Deutschland. …

 

„1. Hauptschuldige, 2. Belastete (Aktivisten, Militaristen und Nutznießer), 3. Minderbelastete (Bewährungsgruppe), 4. Mitläufer“ und „5. Entlastete (Personen der vorstehenden Gruppen, welche vor einer Spruchkammer nachweisen können, daß sie nicht schuldig sind)“.

http://www.bpb.de/popup_druckversion.html?guid=09142436200182028172765483128665

 

Quelle:

http://www.bpb.de/publikationen/09142436200182028172765483128665,0,0,

Demokratisierung_durch_Entnazifizierung_und_Erziehung.html

 

 

Facharbeit im Leistungskurs Geschichte

Entnazifizierung und Umerziehung

in Fürstenfeldbruck

 

„Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus“ vom 5. März 1946, das die dazu beauftragten deutschen Ministerpräsidenten ausgearbeitet hatten. Damit ging „die Durchführung der Entnazifizierung auf deutsche Stellen über; die Oberaufsicht behielt sich jedoch die Militärregierung vor.“ Das Ziel des Befreiungsgesetzes blieb ähnlich gesteckt: „Alle,‚die die nationalsozialistische Gewaltherrschaft aktiv unterstützt oder sich durch Verstöße gegen die Grundsätze der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit oder durch eigensüchtige Ausnutzung der dadurch geschaffenen Zustände verantwortlich gemacht haben‘, sollten ‚von der Einflußnahme auf das öffentliche, wirtschaftliche und kulturelle Leben ausgeschlossen und zur Wiedergutmachung verpflichtet‘ werden.“

http://www.viscardi-gymnasium.de/facharbeiten/ericende/#2.2.2.2

 

 


   
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