Wunsiedel 21.08.04


Jährlich treffen sich an diesem Datum Rechtsextremisten aus ganz Europa zum Gedenken an den Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess. Nachdem im letzten Jahr die Zahl der Neo-Nazis „nur“ ca. 3500 betrug, stieg sie in diesem Jahr wieder auf ca. 4600 an.

Hier der Ablauf unserer Erlebnisse:

1. Vorkontrolle:

Kurz vor Wunsiedel wurde unser Bus aus Süddeutschland zu einer Vorkontrolle umgeleitet. Trotz der Erfahrungen der letzten Jahre gab es keine getrennten Kontrollen für Nazis und AntifaschistInnen, so dass wir uns plötzlich zwischen drei Nazi-Bussen befanden. Aus Sicherheitsgründen gab es ein Verbot der Polizei auszusteigen. Dies wurde aber von den Faschisten nicht sehr lange eingehalten. Die nur zehn Polizisten wollten dies aber scheinbar nicht einmal wahrnehmen als eine Gruppe von ca. 25 Nazis unseren Bus mit Steinen angriff. Sie anzuzeigen gestaltete sich dann auch noch sehr schwierig. Die Polizisten waren nicht sehr aufnahmefähig und wollten selbst nach genauer Beschreibung einiger der Täter nicht zur Tat schreiten, da wir ja keine Namen wussten. Komisch – woher hätten wir denn die wissen sollen??? Inzwischen hatte der Bus jedenfalls einige Löcher in der Frontscheibe!!

Nach insgesamt 2 ½ Stunden konnten wir dann endlich nach Wunsiedel einfahren.

2. Wunsiedel:

Nach kurzer Irrfahrt durch die Stadt landeten wir dann erst mal angeleitet durch die Polizei direkt im Nazi-Gebiet. Zum Glück entkamen wir aber dann, obwohl einige der Rechten sich schon zu vermummen begannen und auf den Bus losschritten.

Auf dem Wunsiedler Marktplatz fand schon einige Zeit eine Kundgebung der Bürgerlichen statt. Auch mit dabei der CSU-Bürgermeister, der die ganze Zeit nur von einer nötigen Einschränkung des Versammlungsrechtes sprach. Auf der anderen Seite der Nazi-Route fand gleichzeitig eine Antifa-Kundgebung statt. Bei dieser wurden die Leute gleich mal 25 Meter von der Strasse abgedrängt und durch Absperrgitter eingezäunt. So wurde auch verhindert, dass zu viele Antifas auf die „bürgerliche“ Seite gelangen konnten.

Einige Zusammenstöße gab es vor allem deshalb, da des Öfteren kleine Gruppen von Faschisten, geduldet von der Polizei, versuchten sich unter die Gegenveranstaltungen zu mischen. Bei einer dieser Auseinandersetzungen wurde ein Antifaschist von einigen Polizisten bei der Festnahme schwer verletzt (Beinbruch, Gehirnerschütterung und durch zu fest angezogene Kabelbinder blau angelaufene Hände). Der Festgenommene hatte einer Gegendemonstrantin geholfen, die von einem Nazi angegriffen wurde. Während die Polizisten erst nur zusahen als der Nazi die Frau brutal im Schwitzkasten hielt, griffen sie sofort ein als der Nazi etwas abbekam!!

Hierzu erklärte uns ein Polizist , dass es dieses Jahr wohl Taktik sei auf Zusammenstöße zu setzten, vor allem auch zwischen Bürgern und den Nazis um einen guten Grund zu haben die Veranstaltung nächstes Jahr zu verbieten.

3. Der Trauerzug:

Um 16.30 Uhr begann dann der Marsch der um Hess trauernden Nazis. Ausgerüstet mit Reichskriegsfahnen (auch mit Reichsadlern und Keltenkreuzen darauf) und Transparenten marschierten sie durch Wunsiedel. Zu einem kurzen Stopp kam es bei einer Blockade-Aktion der Bürgerlichen an der auch der Bürgermeister teilnahm. Weiterer von Schülern vorbereiteter Widerstand war eine Aktion bei der Transparente mit Sprüchen wie „Nazis sind Narren“ über der Straße aufgespannt waren. Aus diesen fiel dann – während die Nazis unten durch marschierten – buntes Konfetti auf sie herunter, was das Motto der Stadt „Bunt statt braun“ verdeutlichen sollte (Gut gemeint, aber etwas Grotesk, da der Zug dadurch eher wie eine umjubelte Parade wirkte). Gut vertreten im Nazi-Zug war auch ein Italienischer, Spanischer und Schweizer-Faschistenblock, sowie metal-Nazis und die Metal-Rider (eine Motorradgang).

Nach dem die Nazis endlich fertig vorbei gezogen waren, gab es noch ein von der Stadt organisiertes Aufkehrkommando, das den „braunen Müll“ symbolisch von der Straße fegte.

Danach ging es für uns schnellstens und geschlossen zum Bus zurück, da man als AntifaschistIn an diesem Tag in Wunsiedel sehr gefährdet war.

Unser Fazit zu diesem Tag ist, dass nächstes Jahr auf jeden Fall sehr viel besser mobilisiert werden muss. Es darf einfach nicht möglich sein, dass fast 5000 Nazis aufmarschieren können und über die 500 Polizisten und 400 GegendemonstrantInnen triumphieren.

Gute Ansätze gab es schon in Hessen und Leipzig, dort wurden Nazi-Busse, die sich auf dem Weg nach Wunsiedel befanden, von AntifaschistInnen gestoppt und an ihrer Fahrt gehindert.

a.c.t.