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Deutsche Erinnerungskultur Der Philosoph Karl Jaspers sprach bereits 1945 davon: „Was
und wie wir uns erinnern, und was wir darin als Anspruch
gelten lassen, das wird mit entscheiden über das, was
aus uns wird“
Der Sowjetunion und ihren Alliierten verdanken wir die Befreiung
vom Faschismus.
Leider war für Deutsche lange Zeit das Kriegsende nur
mit dem Begriff der Niederlage verbunden. „Wir haben
ja den Krieg verloren…“, so lautete eine fast überall
vernehmliche Redewendung. Dass die Niederlage eine Befreiung
war, setzte sich erst nach Jahren der Entnazifizierung und
Reeducation in den Köpfen der Deutschen durch.
Noch 1955 wurden die Folgen des II. Weltkriegs für
die Deutschen zumeist gelöst aus dem historischen Zusammenhang
gesehen. Die von der Bundeszentrale für Heimatdienst
herausgegebene Zeitung Das Parlament stellte den Vormarsch
der Roten Armee als das unerwartete Hereinbrechen „bestialischer
Horden“ dar, die an „Unschuldigen unmenschliche
Vergeltung übten“. Der Münchner Merkur titelte: „Asien überfällt
Europa“ und deutete so den unmittelbar vorausgegangenen
Vernichtungskrieg der deutschen Wehrmacht gegen die Sowjetunion
zu einem „heldenhaften Abwehrkampf gegen den Bolschewismus“ um.
Erst die Ende der 50er Jahre ansatzweise in Gang gekommene
juristische Verfolgung und Aufarbeitung der NS-Verbrechen,
der Prozess gegen Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem, der Auschwitz-Prozess
1963–1965 in Frankfurt schärften das öffentliche
Bewusstsein die deutsche Schuld betreffend. … »» |
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Kommentar
In das viele Gute und Richtige, was die Stadtspitze anlässlich
des 60. Jahrestages des Kriegsendes verlauten ließ,
mischen sich leider auch solche Passagen:
„Der 8. Mai 1945 war in Europa der Tag der Befreiung
von einem mörderischen Unrechtssystem, Ende der Bombenangriffe
und der sinnlosen Vernichtung von Menschen und Städten.
Es war ein Tag der Befreiung für Europa, auch wenn
für viele dieser Tag noch nicht den Beginn eines wirklichen
Friedens bedeutete: Soldaten gingen in Kriegsgefangenschaft,
Flucht und Vertreibungen dauerten noch Monate und Jahre an.
Es folgten schwere Hungerwinter, es gab Rache und Abrechnung,
Gewalt und Trauer. […]
Auch in Augsburg wurden Gegner der nationalsozialistischen
Diktatur verfolgt, Widerstandskämpfer hingerichtet oder
in Konzentrationslager geschickt. Regimegegner, Kriegsgefangene
und Zwangsarbeiter mussten in den KZ-Außenlagern Haunstetten,
Pfersee und Kriegshaber Sklavenarbeit verrichten. In dieser
Stunde denken wir an alle, die damals entrechtet wurden,
besonders aber an diejenigen, die das Naziregime mit ihrem
Leben bezahlten – in den Folterkellern, in den Konzentrationslagern,
auf den Schlachtfeldern, im Bombenkrieg und auf der Flucht.
[…]“ aus dem Grußwort von OB Wengert
zur Gedenkveranstaltung 60 Jahre Kriegsende am 8. Mai 2005
im Rathaus, Goldener Saal
„Ende der Bombenangriffe und der sinnlosen Vernichtung
von Menschen und Städten“ ist eine zweischneidige
Formulierung, die „sinnlose Vernichtung“ kann
sich auf das Naziregime beziehen vor allem aber auch auf
die „Bombenangriffe“. „Flucht
und Vertreibungen dauerten noch Monate und Jahre an. […]
es gab Rache und Abrechnung, Gewalt“: diese
Formulierungen sind eindeutig, sie relativeren den 8. Mai
1945 als Tag der Befreiung massiv. Sie machen – zumindest
nach 1945 – die Opfer des deutschen Faschismus zu
Tätern. Sie klassifizieren bedeutende Teile des Potsdamer
Abkommens – und dazu gehörten Aussiedlungen
und Enteignungen – als Unrecht und reihen sich damit
ein in die unsägliche und arrogante deutsche Missachtung
des Völkerrechts und der unumgänglichen Folgen
des Naziterrors. Wengert gedenkt aller, „die
damals entrechtet wurden“: im Zusammenhang mit „Schlachtfeldern“, „Bombenkrieg“ und „Flucht“ ist
diese zweideutige Formulierung zweifellos auch gemünzt
auf die Wehrmachtstoten auf den Schlachtfeldern, auf die
deutschen Luftkriegsopfer und auf Deutsche auf der „Flucht“ z.B.
vor der Roten Armee.
Gerade auch der Augsburger Allgemeinen lag etwas
an diesen Formulierungen. Diese Zeitung zitierte aus diesen
Passagen nicht nur mit Genuss, sondern stellt diese Aussagen
noch in einen Zusammenhang, den Wengert so im Wortlaut gar
nicht gesagt hat: „Wengert erinnerte daran, dass
mit dem 8. Mai 1945 noch lange kein Schlussstrich unter Elend
und Leid gezogen worden sei: „Flucht, Vertreibung,
Hunger und Rache dauerten noch Jahre an.““ Augsburger
Allgemeine 9.5.2005
Mit der Schlussstrich-Formulierung frisierte die
Augsburger Allgemeine die Aussagen Wengerts auf die schmutzige
Linie, die der Bundespräsident vorgegeben hatte: „Es
gibt keinen Schlussstrich.“ Wobei diese Aussage ganz
eindeutig auch auf die “deutschen Opfer”, die “Entrechtung
der Deutschen", die “Verbrechen an den
Deutschen” gemünzt
ist. In diesem Zusammenhang klingt die Formulierung Köhlers,
dass es keinen Schlussstrich geben dürfe, fast wie eine Drohung.
Im Kommentar geht der Chefredakteur der Augsburger Allgemeine
noch einen Schritt weiter:
„Zur heutigen Siegesparade in Moskau erscheinen Politiker
der ehemaligen Sowjetunion und des Ostblocks, jetzt als Vertreter
freier, souveräner Staaten. Sie erinnern den Gastgeber
daran, dass halb Europa nach dem Krieg vom Naziterror in
die stalinistische Gefangenschaft geriet. Die Freiheit und
der Sieg über Stalin kamen für diese Völker
erst ein halbes Jahrhundert danach. […] Die Befreiung
kam aus dem Westen, nicht aus dem Osten.“ Augsburger
Allgemeine 9.5.2005
Selbstverständlich fehlte diese antikommunistische
Hetze auch im Rathaus nicht. Leider wurde sie vom Ehrenbürger
Ernst Cramer – einst Verfolgter des Naziregimes, später
Herausgeber der Welt am Sonntag – in Anwesenheit von
Rainer Barzel und Leo Kirch vorgetragen, wenn man der Augsburger
Allgemeine glauben darf:
„In Augsburg sagte der Publizist und Ehrenbürger
Ernst Cramer, die Demokratie sei zwar inzwischen eine Selbstverständlichkeit,
trotzdem müsse man wachsam bleiben. „Die Gefahr
lauert nicht nur am rechten, sondern auch am linken Rand“,
betonte Cramer, dem 1939 als einem der letzten Juden die
Flucht aus Deutschland gelungen war und der 1945 als US-Offizier
zurückkehrte.“ Augsburger Allgemeine 9.5.2005
Leider konnte die andere
Ehrenbürgerin und Widerstandskämpferin
Anni Pröll von der VVN wegen Krankheit nicht an dieser
Veranstaltung teilnehmen. Die Feierstunde im Rathaus wäre
sonst sicher etwas ausgewogener verlaufen.
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| Während im Goldenen Saal des Rathauses zweideutige Reden vor
viel Prominenz gehalten wurden, beging der Verein Kranich e.V.
den 8. Mai doch recht eindeutig als Tag der Befreiung vor allem
auch durch die sowjetische Armee. Ausdrücklich wurde ein alter
Teilnehmer am Großen Vaterländischen Krieg im Moritzsaal geehrt. |
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| Der Ob kann auch bessere
Reden halten |
OB Wengert auf der Gedenksitzung
des Stadtrats
am 28. April
[…] Sehr geehrte Damen und Herren,
die Erinnerung ist jedoch nur ein Teil des heutigen
Gedenkens, allerdings ein wichtiger. Genauso wichtig ist es,
trotz oder gerade wegen der zeitlichen Distanz, immer wieder
an solchen „Denk-Tagen“ innezuhalten und zu fragen:
Gehen wir mit den Lehren und Folgen des 28. April 1945 so um,
wie es deren Bedeutung für unsere Stadt entspricht?
Diese Bedeutung ist von einer Reihe von historischen Elementen
getragen: An erster Stelle nenne ich bewusst die Befreiung
von einem totalitären System, dessen Politik unser Land
und unsere Stadt in Tod und Elend geführt und in Schutt
und Asche gelegt hatte. Dies sei jenen ins Stammbuch geschrieben,
die diese dunkelste Epoche unserer Geschichte beschönigen
oder relativieren und die neuerdings sogar wieder in Parlamenten
ihr braunes Gift verspritzen, die mit ihren Auftritten die
Opfer von Krieg und Terrorherrschaft verhöhnen.
Der von den Nazis angezettelte Krieg und seine furchtbaren
Folgen sowie der Terror gegen die eigene Bevölkerung verschonten
auch unsere Stadt nicht. 4871 Gefallene, 3415 Vermisste und
3144 Soldaten in Gefangenschaft war die traurige Bilanz der
Jahre 1939 – 1945. Hinzu kamen 1499 Luftkriegstote. Von
den bis 1933 in Augsburg lebenden 1250 Bürgern jüdischen
Glaubens blieben 1945 nur ein Handvoll übrig. Lediglich
einem kleinen Teil unserer jüdischen Mitbürger gelang
es zu emigrieren, für die meisten war der Todesweg in
die KZs vorgezeichnet.
Der Widerstand gegen das NS-Regime war auch in unserer Stadt
erfolglos. Doch trotz Tod und Qualen konnten den großartigen
Menschen, die sich gegen ein verbrecherisches System auflehnten,
die Ehre und ihre von tiefer Humanität getragene Geisteshaltung
nicht genommen werden.
Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaftler, Angehörige
der Bayerischen Volkspartei und kirchliche Gruppen gehörten
dazu. Ich danke stellvertretend für viele andere Bebo
Wager und Clemens Högg, Pfarrer Metzger, Hans Adlhoch
und Leonhard Hausmann. Wir können stolz sein auf diese
Patrioten! […]
Oberbürgermeister Wengert, Rede zum 60. Jahrestag
des Kriegsendes in Augsburg, Gedenksitzung des Stadtrates
am 28. April 2005 im Rathaus, Goldener Saal (Auszug) |
| Hintergrund |
Die Wehrlosigkeit des Dritten Reiches
im Frühjahr
1945 – eine deutsche Geschichts-Erfindung »»
Artikel aus Politische Berichte 4/2005 |
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