“Erinnern heißt Handeln!”

Nachruf auf Anni Pröll

Am 28. Mai 2006 starb Anni Pröll nach schwerer Krankheit kurz vor ihrem 90sten Geburtstag. Mit ihrem Tode haben wir nicht nur eine unersetzliche Zeitzeugin des deutschen Faschismus und der Nachkriegsgeschichte verloren. Anni Pröll war einer der letzten noch lebenden Menschen aus dem Widerstand in Augsburg. Sie setzte den Widerstand fort bis zuletzt. In einem Aufruf zum 9. November 2003, dem Jahrestag der Pogrome gegen jüdische BürgerInnen, warnte sie zusammen mit anderen ehemaligen NS-Verfolgten und WiderstandskämpferInnen:

„Der Antisemitismus, der nach 1945 das Tageslicht scheute, ist wieder gesellschaftsfähig geworden. Parolen werden zu Taten. Jüdische Grabstätten und Einrichtungen werden fortwährend geschändet. Das zum 9. November geplante Sprengstoffattentat auf ein im Bau befindliches jüdisches Gemeindezentrum in München konnte noch rechtzeitig verhindert werden ... Aus der Erfahrung unseres Lebens sagen wir: Nie mehr schweigen, wegsehen, wie und wo auch immer Antisemitismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit hervortreten! Erinnern heißt Handeln!“

Das Bundesverdienstkreuz für ihre mutige Widerstandstätigkeit während der NS-Zeit und für ihre unermüdliche antifaschistische Aufklärungstätigkeit in all den Jahrzehnten danach nahm Anni Pröll von Stoiber nur bedingt an. „Wenn ich diese Auszeichnung annehme, dann nur, weil ich sie als eine Ehrung der Vielen verstehe, die dasselbe getan haben wie ich, aber heute nicht hier sein können, weil sie nicht überlebt haben“, sagte sie 86-jährig beim Festakt in München.

Diese Auszeichnung im Jahre 2002 war zugleich eine Schande für die Stadt Augsburg und Stadt Gersthofen, die Anni Pröll eine Ehrung bis dato verweigerten. In den 90er Jahren regten der Vorsitzende der deutsch-israelitischen Kultusgemeinde Gernot Römer und die Historikerin Annette Eberle anlässlich des 80. Geburtstages von Anni Pröll vergeblich eine Ehrenbürgerschaft beim Oberbürgermeister der Stadt Augsburg Menacher (CSU) an. Der Bürgermeister von Gersthofen ging noch weiter. Als Anni Pröll zusammen mit einem Historiker aus Nordrhein-Westfalen bei der Stadt Gersthofen die Umbenennung der Wernher-von-Braun-Straße verlangte, lehnte Bgm. Deffner (CSU) nicht einfach ab. Er ließ einen Ausschuss tagen, die Ablehnung beschließen und schickte Anni einen Gebührenbescheid von ca. 200 DM.

Die späte Ehrung durch den Oberbürgermeister der Stadt Augsburg Wengert (SPD) im Jahre 2003 war für Anni und die AntifaschistInnen selbstverständlich eine Genugtuung. Aber Anni ließ sich nicht einsalben. …

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Anni Pröll in Ihrem Grußwort beim Ostermarsch 2003: Das ist aber auch eine weitere Aufgabe: Langen wir uns an die Brust und fragen wir: „Wachsen die alles vernichtenden Waffen auf den Bäumen? – Oder?“

Anni Pröll spricht am Grabstein von Leonhard Hausmann, Stadtrat in Augsburg, KPD-Sekretär, Thosti-Betriebsrat und erstes Blutofper im KZ Dachau zu dessen 70. Todestag auf dem Westfriedhof am 17.5.2003: Hermann Göring hatte für diese Morde weitgehend Straffreiheit beordert: “Jede Kugel, die jetzt aus einer Polizeipistole kommt, ist meine Kugel. Wenn man das Mord nennt, dann habe ich gemordet, das habe ich befohlen, ich decke das… Hier habe ich keine Gerechtigkeit zu üben, hier habe ich nur zu vernichten und auszurotten – weiter nichts. Und sie mordeten weiter – die Gefängnisse waren überfüllt. Wie Spinnennetze wuchsen die Konzentrationslager in ganz Deutschland. Der Krieg gegen das eigene Volk hatte begonnen. …

Zum Bericht über die Gedenkfeier und einem historischen Porträt Anni Prölls auf der Webseite der VVN-Augsburg   »»  


   
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