Protest gegen Gebirgsjägertreffen in Mittenwald 2004

Sommer, Sonne, Edelweiß, Massenmord und Polizeieinsatz

Zum dritten Mal fand die Protestaktion gegen das jährliche Treffen der Gebirgsjägertruppen auf dem Hohen Brendten in Mittenwald statt. Es waren Gäste aus Griechenland, Italien und Frankreich dabei – Überlebende der Massaker, die von den schon damals als Eliteeinheiten geltenden Wehrmachtstruppen verübt wurden. „Kommeno, Distomo, das war Mord – Entschädigung der Opfer jetzt sofort!“ war deshalb auch die am häufigsten skandierte Parole im Demonstrationszug.

Mit etwa 400 TeilnehmerInnen war die Demonstration am Samstag 29. Mai in Mittenwald, die sich kreuz und quer durch den kleinen Ort bewegte, auf jeden Fall beeindruckend und hinterließ auch ihre Spuren. Nicht alle BürgerInnen am Rand zeigten sich empört und wollten am liebsten noch KZ-Überlebende vergasen lassen. Denn „die hätte man ja damals vergessen“. Viele lasen auch die verteilte Demo-Zeitung „Mittenwalder Landbote“.

Der Hauptredner der Auftaktkundgebung war Uli Sander, Sprecher der VVN/NRW. Er wies darauf hin, dass schon in den 1960-er Jahren die Parole ausgegeben wurde, „die Gebirgsjäger kämpften für ein vereintes Europa“ – Parolen die man auch jetzt im Verfassungsentwurf der EU wieder findet. Das politisch vereinte Europa soll Parlamentsbeschlüsse für Militäreinsätze überflüssig machen. Wenn in den US-Medien über die Foltermethoden im Irak gesagt wird „solche Dinge passieren eben in einem Krieg“, so sage die BRD-Regierung das gleiche über die Nazi-Verbrechen.

Auch fänden bei der Ausbildung der Gebirgstruppe in der Infantrieschule in Hamelburg Methoden Anwendung, bei denen Vergewaltigungen nachgestellt und diese dann „psychologisch aufgearbeitet“ würden. Auch würden Offiziersstudenten in der Publikation „Information der Truppe“ mit Parolen wie „Abwehr kultureller Überfremdung“ geimpft… Wenn Neonazis sagen „unsere Opas waren in Ordnung“ so wird dies von des Ex-General Thilo unterstützt. Nur wegen der Selbstamnestierung der NS-Generäle, die ihnen von den herrschenden Kreisen der Nachkriegszeit zugestanden wurde, entkam Thilo dem Nürnberger Gerichtshof. Wehrmachtsoberst Karl-Wilhelm Thilo unterzeichnete als Chef des Stabes der
1. Gebirgsdivision Massenmordbefehle gegen Jugoslawen und Griechen. Thilo gründete übrigens in den 60er Jahren den Wehrpolitischen Arbeitskreis der CSU in Augsburg und hielt jahrelang am Volkstrauertag die Festrede. Sander wies darauf hin, dass das Simon-Wiesenthal-Center nun die Aktion gestartet habe „die Mörder sind unter uns“.

Statt das VVN-Büro in Wuppertal zu durchsuchen und ihn selbst wegen „Beleidigung der Mitglieder der Gebirgstruppe“ anzuklagen, solle die Staatsanwaltschaft lieber die Archive des Kameradenkreises Gebirgstruppe beschlagnahmen. Dort würden sie dann genügend Belege für die Beweise finden, dass die von der Edelweiß-Truppe verübten Verbrechen stattgefunden haben. Stattdessen würde Sander als verfassungsfeindlicher Extremist bezeichnet und im „Verfassungschutzbericht“ Schilys genannt – eine „Auszeichnung“ die Sander selbst als Kompliment betrachte. Nachdem nun auch höchste Gerichte in Italien Urteile gefällte hätten, wonach die BRD Entschädigungszahlungen leisten muss, wäre es endlich an der Zeit die Opfer zu entschädigen.

Eine Diskussion über geplante EU-Verfassung könnte auch eine Auseinandersetzung über den Rüstungshaushalt sein. Der Abbau des Sozialstaats durch die Agenda 2010 bedeute auch eine erhöhte Kriegsgefahr für die Völker.

Soweit der Kollege Sander. Auf der Zwischenkundgebung erhielt Tobias Pflüger das Wort. Auch er rief dazu auf, die unsägliche Tradition zwischen Bundeswehr und Wehmacht zu beenden. Von der Gründung der Bundeswehr bis heute gäbe es Traditionslinien, die auf die Wehmacht zurückgehen. Innerhalb der europäischen Union werden militärische Spezialkräfte aufgebaut. Die Elite-Kampftruppe der Bundeswehr „Kommando Spezialkräfte“ in Calw ist daran beteiligt. Dieses Kommando „kämpft“ übrigens in Afghanistan. Angeblich seinen dort „keine Gefangenen gemacht worden“. Diese wurden aber aller Wahrscheinlichkeit nach an das US-Militär abgegeben. So sei die Bundeswehr nun „Zulieferer“ für das US-Militär in Afghanistan, wo die Folter freigegeben ist.
Der Anführer des „Kommandos Spezialkräfte“ ist übrigens General Günzel, der Hohmann für seine antisemitischen Äußerungen gelobt hat.
Es bestünde kein Unterschied, ob die US-Truppen oder EU-Truppen Krieg führten. In Mittenwald seien 2000 Soldaten stationiert, die als „Elitetruppen der Bundeswehr schon bei allen Auslandseinsätzen dabei waren. Deshalb sei eine der wichtigsten Forderungen „sofortige Auflösung der Elitetruppen“.
Schröder wolle einen Sitz im Sicherheitsrat der UNO für die BRD. Die Wahlkampfplakate der großen Parteien, die Deutschland als „neue Friedensmacht“ in Europa darstellen seien eindeutig. Wir aber wollten „keine Weltmacht Deutschland“ und keine Soldaten, die in Mittenwald für eine Kriegsmacht Deutschland üben. Eine Forderung, die von den DemonstrantInnen begeistert mit „nie, nie, nie wieder Deutschland“ unterstützt wurde.

Ansonsten zeigten sich Polizei-Truppen verglichen mit dem letzten Jahr moderater. Allerdings ging es natürlich nicht ohne die übliche Schikane im Vorfeld: Straßenkontrollen, Autos mit autonomen Linken herauswinken, Durchsuchen, Transparente photographieren, vorläufige Festnahmen (drei – soweit dies über Lautsprecher bekannt gegeben wurde). Gefilmt wurde seitens des Staats wie Weltmeister – teilweise durch zivile Polizei, die als Kamerateam auftrat. Die Hoffnung, dass das Filmmaterial als Beispiel staatsbürgerlicher Widerstandspflicht in Schulen verwendet wird, wird sich vermutlich nicht erfüllen.

Allerdings gab es eine Beteiligung von SchülerInnen aus der „Gegend“ an der Protestaktion. Eine Arbeitsgruppe des Werdenfelser Gymnasiums in Garmisch fertigte im Werkunterricht eine Gedenktafel für die Opfer der Gebirgsjägertruppen im 2. Weltkrieg an. Diese sollte als Ersatz für das im letzten Jahr am Rathaus befestigte Provisorium dienen. Ein Provisorium für eine endgültige Gedenktafel, die hoffentlich bald in Mittenwald das bisherige „Gebirgsjägerdenkmal“ ersetzen wird. Für die antifaschistische Gedenktafel werden noch Entwürfe gesammelt (auch am Ort!). Lange hing die Tafel der SchülerInnen des Gymnasiums leider nicht an der Katholischen Kirche im Ort. Schon wenige Minuten, nachdem der Demozug weiter gezogen war, wurde sie von „einheimischen“ Jugendlichen abgemacht und kaputtgeschlagen. Trotzdem zeigt sich allmählich auch ein Erfolg der Protestaktion. Auch der katholische Pfarrer wollte in diesem Jahr nicht mehr am Feldgottesdienst der „Traditionspfleger“ teilnehmen.

Nach der Demonstration fand eine „Dauerkundgebung“ in Mittenwald statt, bei der auch TouristInnen, die Möglichkeit haben sollten, über ein offenes Mikrophon eine Debatte über die Kriegsverbrechen der Wehrmacht zu führen und Kollagen zum bayerischen Ministerpräsidenten Stoiber zu bewundern. Lieder der Partisanen und Hits der Alliierten sollten für Stimmung sorgen.
Gleichzeitig gab es eine Veranstaltung mit Beiträgen von Überlebenden zu den NS-Kriegsverbrechen der Gebirgsjäger in Frankreich, Italien und Griechenland.

Demo-Parolen:
Kriegsverbrecher Militärstrategen – wie werden euch das Handwerk legen!
Gegen jeden Geschichtsrevisionismus – Nie wieder Deutschland – nie wieder Faschismus!
Massaker, Vertreibung, Deportation – das ist deutsche Tradition!
Lasst es krachen, lasst es knall’n – Deutschland in den Rücken fall’n!
Zitat: Soldaten sind Mörder – Tucholsky hat Recht!
Eure Taten das war Mord – zahlt Entschädigung jetzt sofort!
Gebirgsjägerdivision – mörderische Tradition!
Kommeno, Distomo, das war Mord – Zahlt Entschädigung jetzt sofort!
Kein Vergeben kein Vergessen – Mörder haben Namen und Adressen.
Deutsche Täter sind keine Opfer!

Zur Aktion am Sonntag, 30. Mai auf dem Hohen Brendten hier zwei kurze Auszüge aus dem Münchner Merkur, die zeigen, dass die teilnehmenden Militaristen weniger und die Antimilitaristen mehr werden und die Kampagne doch erhebliche Wirkung hat:

Knapp 800 Gebirgssoldaten und ihre Angehörigen werden es, laut Polizeiangaben, gewesen sein, die zur Pfingstfeier der Gefallenen und Vermissten auf den Hohen Brendten zum Ehrenmal gekommen waren - sicher weniger als noch vor zehn, zwanzig Jahren. …
Dann erklingt über Mikrofon die Stimme von Stephan Stracke. „Es müssen Namen genannt werden“, fordert der Sprecher des Arbeitskreises „Angreifbare Traditionspflege“. Und er nennt die Namen, auch von Wehrmachtsoffizieren aus dem Werdenfelser Land, die im besetzten Feindesland tagsüber Massaker verübten und abends dann im Blutrausch „Apfelkompott und Pudding verspeisten“. „Kein Vergeben, kein Vergessen, Mörder haben Namen und Adressen“, skandieren Strackes rund 400 Sympathisanten. „Und was macht die Bundeswehr beim Pfingsttreffen?“, fragt sich der wortgewaltige Historiker. Die stifteten solchen Kriegsverbrechern auch noch einen Kranz.
11 Uhr, der Gottesdienst auf dem Hohen Brendten hat mit halbstündiger Verspätung begonnen. Die Lautsprecher der Demonstranten schweigen - müssen schweigen. Nur noch vereinzelt schmettern Demonstranten ihre bekannten Parolen: „Edelweiß - Nazischeiß“.

Bemerkenswert war freilich auch, dass der Präsident des veranstaltenden Kameradenkreises, Brigadegeneral a. D. Ernst Coqui, in seiner Ansprache auch auf Verbrechen von Gebirgssoldaten im Zweiten Weltkrieg einging: „Wir sind uns in gleicher Weise der großen Leistungen der Gebirgstruppe im Krieg bewusst wie leider auch von Gebirgssoldaten begangener Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, erklärte Coqui. Heute wisse man um so manches moralische Versagen militärischer Führer vor den Zumutungen des Nationalsozialismus und teilweise sei die Truppe schuldhaft verkettet, teils schuldlos im Glauben an Rechtmäßigkeit schändlich missbraucht worden. Coqui: „Es darf keine Tabus in der Aufarbeitung der eigenen Geschichte geben. Dies trifft im Besonderen auf den Partisanenkampf zu, der zu allen Zeiten grausam und unritterlich ist und mehr Opfer in der Zivilbevölkerung fordert als jeder reguläre Kampf.“ Unredlich sei es dagegen, nicht zu differenzieren und pauschale Urteile zu fällen, denn es gebe nur persönliche Schuld. mm 01.06.2004

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Presseschau zum 30.5.2004:

GEBIRGSJÄGERTREFFEN IN OBERBAYERN
Mit dem Hakenkreuz zum Gedenken an die toten Soldaten
Trotz Proteste ehren Gebirgsjäger von Wehrmacht und Bundeswehr weiter gemeinsam ihre toten Kameraden - darunter auch einige Kriegsverbrecher Frankfurter Rundschau »»

Keine Pauschalurteile und Tabus in der Geschichts-Aufarbeitung
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„… denn die Hölle wartet schon“
Keine Zusammenstöße während der Kundgebung am Luttensee - Sicherheitskräfte haben Lage im Griff Garmischer Tagblatt »»

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Heftiger Protest gegen Gebirgsschützen-Treffen - 20 Festnahmen Münchner Merkur »»


   
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