Rede von Jost Eschenburg beim Ostermarsch 2005

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Manchmal, nicht sehr oft, bin ich mit meinem christlichen Mitbruder George W. Bush einer Meinung. Ja, er hat Recht:
Es geht im jetzigen "Krieg gegen den Terror" um Gut und Böse. Am 5. Oktober
2004 hat sich bei Rafah im Gazastreifen Folgendes ereignet. Die palästinensische Schülerin Iman al-Hams, 13 Jahre alt, kam einem israelischen Posten in einem militärischen Sperrgebiet zu nahe und wurde beschossen. In panischer Angst warf sie ihren Schulranzen ab und flüchtete sich hinter einen Zaun. Des Kommandant der Einheit verließ den Posten, ging zu ihr und durchsiebte sie mit Kugeln, um, wie es hieß, "den Tod sicherzustellen". Der Soldat ist noch auf freiem Fuß; es wurde Anklage gegen ihn erhoben.
Jeder normale Mensch würde alles tun, was in seinen Kräften steht, sogar sein Leben einsetzen, um ein bedrohtes Kind zu retten. Das Leben von Kindern zu schützen gehört zu unserem grundlegenden Selbstverständnis als Menschen, ja, als lebende Wesen. Niemand kann sich diesem Gebot des Lebens entziehen, ohne sich gänzlich aufzugeben. Doch dieser Mensch rettete das Kind nicht, sondern "stellte seinen Tod sicher". Er wurde zum Kindesmörder, nicht aus eigenem Antrieb, sondern als Teil des Militärapparates, der das Unrecht der Besatzung und Landnahme absichert.

Es geht tatsächlich um Gut und Böse.

In Israel und Palästina sind seit 2000 etwa 5000 Menschen dem Krieg zum Opfer gefallen, darunter mehr als 600 Kinder. Dieser Konflikt spielt sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit ab, deshalb erfahren wir von solchen monströsen Begebenheiten. Der Irakkrieg hat seit März 2003 nach vorsichtigen Schätzungen die zwanzigfache Zahl an Opfern gefordert, eine Zahl, die nur eine schwache Ahnung von dem Ausmaß des Elends vermittelt. Aber von Pannen wie Abu Ghraib abgesehen erfahren wir nichts davon, denn die "embedded journalists" der amerikanischen Armee veröffentlichen keine Einzelheiten über die Grausamkeit ihrer Arbeitgeber, und andere Journalisten riskieren ihr Leben, wenn sie Ungenehmigtes berichten. George W. Bush und seine Leute halten es für eine gute Sache, was im Irak passiert ist und weiter passiert. Die Tyrannei wurde besiegt, die Demokratie hielt Einzug. Das Gute siegte, Happy End!

Unser ehemaliger Mitbürger Bert Brecht schrieb kurz vor dem Zweiten
Weltkrieg: "General, der Mensch ist sehr brauchbar. Er kann fliegen, und er kann töten. Aber er hat einen Fehler: Er kann denken." Und doch ist es gerade die Fähigkeit zum Voraus-Denken, die den Menschen so brauchbar macht für den Krieg.
Auch Tiere verteidigen ihr Revier gegen Artgenossen, aber sie forschen nicht an Biowaffen, produzieren keine Atomsprengköpfe und führen keine Präventivkriege.

Es geht wirklich um Gut und Böse.

Als Mathematiker habe ich berufsmäßig mit Logik und Denken zu tun. Oft schon habe ich mich gewundert, dass es zwei Arten des Denkens zu geben scheint:
Kriegsdenken und Friedensdenken. Wie kann dieselbe Logik zu so verschiedenen Resultaten führen? Nicht die Logik macht den Unterschied, sondern die Ausgangspunkte. Die gesellschaftlichen Zustände "Frieden" und "Krieg" sind mit konträren Denkmustern verbunden.

Im Frieden glauben wir an die Gerechtigkeit: Niemandem soll Unrecht geschehen, für jeden soll es Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten geben, und was wir für unser eigenes Recht halten, das billigen wir im Prinzip auch allen anderen zu. Im Krieg dagegen geht es nur um ein einziges Ziel: den Sieg der eigenen Seite. Alle anderen Werte, Gerechtigkeit, Moral, Mitgefühl, die kreatürliche Tötungshemmung gegenüber Schwachen und Schutzbedürftigen, sogar der allem Leben innewohnende Selbsterhaltungstrieb müssen dahinter zurücktreten. Die Untaten der anderen Seite sind abgrundtief böse, die der eigenen nur die "legitime Antwort" gegenüber Leuten, die bekanntlich "nur die Sprache der Gewalt" verstehen.
Dies ist der Widerspruch der Gewalt: Wir lehnen Gewalt ab, aber die Gewalt der eigenen Seite unterstützen wir.

Es geht um Gut und Böse.

Zum Glück ist das Friedensdenken der Normalfall, sonst wäre ein Zusammenleben von Menschen unmöglich. Es muss also Arbeit geleistet werden, um eine Gesellschaft in den geistigen Kriegszustand zu versetzen. Diese Arbeit heißt Kriegspropaganda, und sie funktioniert immer nach denselben Prinzipien. Es gibt ein hübsches kleines Buch darüber von der belgischen Historikerin Anne Morelli, die ihrerseits die Beobachtungen des englischen Pazifisten Lord Ponsonby aus der Zeit des Ersten Weltkrieg fortschreibt. Die wichtigsten dieser Prinzipien
sind:

1. Wir wollen keinen Krieg, der Feind zwingt uns dazu.
2. Der Feind trägt dämonische Züge.
3. Wir kämpfen für das Gute, nicht für eigennützige Ziele.
4. Der Feind benutzt unerlaubte Waffen.
5. Unsere Mission ist heilig.
6. Wer unsere Berichterstattung bezweifelt, ist ein Verräter.

So dumm diese immer gleichen Lügen auch escheinen mögen, sie tun ihren Dienst. Wir haben es im Kosovokrieg erlebt - genau heute vor sechs Jahren begann er - wie die Propagandamaschine in Gang gesetzt wurde und eine völlig gleichförmige Berichterstattung und Kommentierung in allen Medien erzeugte.
Ich habe nicht vergessen, wie der jugoslawische Botschafter in einer Fernsehdiskussion, zu der er eingeladen war, niedergeschrieen wurde - der Vertreter des Bösen durfte nur vorgeführt werden, nicht selbst zu Wort kommen. Zu den Wenigen, die von Anfang an durchblickten, gehörte Kurt Köpruner. Ich freue mich, dass er heute zu uns sprechen wird und empfinde es als hohe Ehre für mich, mit ihm in einer gemeinsamen Veranstaltung auftreten zu dürfen. Zwei Jahre später hatte der "diensthabende Teufel" gewechselt; er hieß jetzt Omar, regierte eines der ärmsten Länder der Welt und bedrohte die USA und die Frauen. In beiden Fällen kämpften "wir" für das Gute, für die Menschenrechte, gegen Terror und Unterdrückung. Dass dabei viele Tausende von Menschen ihre Heimat, ihre Gesundheit, ihr Leben verloren, war eine bedauerliche Nebenerscheinung.

Es geht um Gut und Böse!

Doch halt - ist es nicht unsere Pflicht, gegen Unterdrückung zu kämpfen?
Dürfen wir uns aus der Verantwortung stehlen? Sind wir nicht zur Hilfeleistung verpflichtet, für die Unterdrückten, gegen die Verletzung von Menschenrechten? Und schon sind wir der Kriegspropaganda aufgesessen. Denn nicht "wir" leisten diese Hilfe, sondern unsere politischen und militärischen Führer. Das war schon zu Caesars Zeiten nicht anders: Wehe dem gallischen Volksstamm, dem er zu Hilfe eilte. Die Politiker spielen Gott; sie bestimmen Leben und Schicksal von Tausenden von Menschen und stürzen ganze Gesellschaften ins Chaos. Der Krieg ist die schlimmste aller Menschenrechtsverletzungen. Das kann nicht unser Weg sein. Doch es gibt Wege, Menschen zu helfen, sich gegen Unrecht und Unterdrückung zu wehren; einen davon zeigen wir ab 5. April in einer Ausstellung in der Stadtbücherei, andere werden wir im Sommer im Rahmen des Augsburger Friedenslaufs vorstellen.

Seit dem 11. September 2001 hat das menschenfreundliche Motiv zur Kriegführung allerdings an Bedeutung verloren, stattdessen werden Worte wie "Bedrohung" und "Feind" aus der historischen Requisitenkammer geholt. Wieder läuft die Propagandamaschine. Colin Powells "We know" - wir wissen, dass es im Irak Massenvernichtungswaffen gibt - klingt uns noch in den Ohren; jetzt lesen wir täglich, dass der Iran nach Atomwaffen strebe. Die dortige Regierung kann noch so oft beteuern, dass sie sich weiterhin an den Atomsperrvertrag hält, es nützt ihr nichts. Jeder Journalist darf das Gegenteil behaupten, je öfter, desto wahrer.

Es geht um Gut und Böse.

Es kommt noch schlimmer: "Wir" haben einen Feind, der uns vernichten will, und gegen den wir uns wehren müsssen: Der "Islamismus". In Europa ist ein solches Denken erst in Ansätzen zu finden, aber wir holen auf. Eine Kostprobe gibt ein Aufsatz des holländischen Schriftstellers Leon de Winter vom September 2004:
"Und erneut meldet sich ein unerträglicher Gedanke: Wir Menschen im Westen haben einen Feind. Er will unseren Untergang. Nach den Katastrophen des 20.
Jahrhunderts gibt es erneut eine Ideologie, die nach der Weltherrschaft strebt und bereit ist, dafür alles, was der Westen an menschlicher Zivilisation hervorgebracht hat - und wofür er unglaubliche Anstrengungen hat erbringen müssen - zu vernichten. Es ist beängstigend, dass wir, hier im freien Westen, uns nicht über die Art dieser Gefahr einig sind."

Kriegsdenken macht blind. Sonst hätte Leon de Winter vielleicht eine Welt wahrgenommen, in der westliche Truppen zwei islamische Länder angegriffen und besetzt haben, in vielen weiteren stationiert sind und andere offen bedrohen. Wer strebt da nach der Weltherrschaft? Er hätte vielleicht auch gesehen, dass der westliche Kapitalismus und sein Wachstumswahn für einen großen Teil des Elends und der Umweltzerstörung in der Welt verantwortlich ist, dass unsere Gesellschaft nicht weiß, wie sie überleben kann, wenn die Ölreserven verbraucht sind, die gespeicherte Sonnenenergie einer fernen Vergangenheit (seit dem Irakkrieg hat sich der Rohölpreis verdoppelt), dass diese Gesellschaft schon heute nicht mehr in der Lage ist, Arbeit und Einkommen auf alle ihre Mitgleider zu verteilen, dass sie sich Kinder nicht mehr leisten kann und jedes Jahr tausende von ihnen vor der Geburt umbringt, dass sie die Tiere, unsere Mitgeschöpfe, nur als Teil des industriellen Produktionsprozesses begreift - zum Beispiel werden in unserem Land jedes Jahr 40 Millionen frisch geschlüpfte Küken vergast oder zerhäckselt, weil sie das falsche Geschlecht haben. (Quelle: br-online.de, 5.11.04)

Es geht um Gut und Böse.

Nein, unsere Gesellschaftsform ist trotz einiger Errungenschaften kein Exportschlager; es gäbe da ein paar Probleme zu lösen, bevor wir andere mit unserem Gesellschaftsmodell beglücken könnten.

Liebe Freunde, ich spreche hier für die Augsburger Friedensinitiative, die seit 25 Jahren besteht. Ihre Mitglieder, Gruppen und Einzelpersonen, sind sehr unterschiedlich und in vielen Fragen verschiedener Meinung. Aber sie haben eine Überzeugung gemeinsam: Das wunderbare Geschenk des Lebens ist viel zu schön und zu wertvoll, um es dem tödlichen Kriegsdenken zu überlassen; der Aufstand gegen den Tod ist auch einer der Kerngedanken von Ostern. Wir alle, die wir hier stehen, wollen gemeinsam für das Leben und gegen die Saat des Todes kämpfen. Kriege können nur geführt werden, wenn sie die Herzen und das Denken der Menschen ergriffen haben, und auch der Friede hat dort Anfang und Ursache. Wir wollen die Kräfte des Friedens und der Gewaltfreiheit in uns und in unserer Gesellschaft stärken. Wir wollen uns gegen jede Art von Kriegspropaganda wappnen und ihr mit Reden, Schreiben und Aktionen entgegentreten. Wir wollen denen mit Offenheit und Freundlichkeit begegnen, die unter dem Kriegsdenken am meisten zu leiden haben; das sind zur Zeit die Muslime. Es würde der Stadt des Religionsfriedens zur Ehre dienen, wenn sie durch eine Moschee bereichert würde.
Lassen Sie mich, wofür wir stehen, mit den Worten der unvergessenen Dorothee Sölle ausdrücken:

Der Dritte Weg
Wir sehen immer nur zwei wege
sich ducken oder zurückschlagen
sich kleinkriegenlassen oder ganz groß herauskommen getreten werden oder treten Jesus du bist einen anderen weg gegangen du hast gekämpft aber nicht mit waffen du hast gelitten aber nicht das unrecht bestätigt du warst gegen gewalt aber nicht mit gewalt Wir sehen immer nur zwei möglichkeiten selber ohne luft sein oder anderen die kehle zuhalten angst haben oder angst machen geschlagen werden oder schlagen Du hast eine andere möglichkeit versucht und deine freunde haben sie weiterentwickelt sie haben sich einsperren lassen sie haben gehungert sie haben die spielräume des handelns vergrößert Wir gehen immer die vorgeschriebene bahn wir übernehmen die methoden dieser welt verachtet werden und dann verachten die anderen und schließlich uns selber Laßt uns die neuen wege suchen wir brauchen mehr fantasie als ein rüstungsspezialist und mehr gerissenheit als ein waffenhändler und lasst uns die überraschung benutzen und die scham die in den menschen versteckt ist.

Vielen Dank!

J.-H. Eschenburg, Augsburg, 26.3.05


   
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