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Rede von Jost Eschenburg beim Ostermarsch 2005 Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger! Manchmal, nicht sehr oft, bin ich mit meinem christlichen Mitbruder
George W. Bush einer Meinung. Ja, er hat Recht: Es geht tatsächlich um Gut und Böse. In Israel und Palästina sind seit 2000 etwa 5000 Menschen dem Krieg zum Opfer gefallen, darunter mehr als 600 Kinder. Dieser Konflikt spielt sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit ab, deshalb erfahren wir von solchen monströsen Begebenheiten. Der Irakkrieg hat seit März 2003 nach vorsichtigen Schätzungen die zwanzigfache Zahl an Opfern gefordert, eine Zahl, die nur eine schwache Ahnung von dem Ausmaß des Elends vermittelt. Aber von Pannen wie Abu Ghraib abgesehen erfahren wir nichts davon, denn die "embedded journalists" der amerikanischen Armee veröffentlichen keine Einzelheiten über die Grausamkeit ihrer Arbeitgeber, und andere Journalisten riskieren ihr Leben, wenn sie Ungenehmigtes berichten. George W. Bush und seine Leute halten es für eine gute Sache, was im Irak passiert ist und weiter passiert. Die Tyrannei wurde besiegt, die Demokratie hielt Einzug. Das Gute siegte, Happy End! Unser ehemaliger Mitbürger Bert Brecht schrieb
kurz vor dem Zweiten Es geht wirklich um Gut und Böse. Als Mathematiker habe ich berufsmäßig
mit Logik und Denken zu tun. Oft schon habe ich mich gewundert, dass
es zwei Arten des Denkens zu geben scheint: Im Frieden glauben wir an die Gerechtigkeit: Niemandem
soll Unrecht geschehen, für jeden soll es Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten
geben, und was wir für unser eigenes Recht halten, das billigen
wir im Prinzip auch allen anderen zu. Im Krieg dagegen geht es nur um
ein einziges Ziel: den Sieg der eigenen Seite. Alle anderen Werte, Gerechtigkeit,
Moral, Mitgefühl, die kreatürliche Tötungshemmung gegenüber
Schwachen und Schutzbedürftigen, sogar der allem Leben innewohnende
Selbsterhaltungstrieb müssen dahinter zurücktreten. Die Untaten
der anderen Seite sind abgrundtief böse, die der eigenen nur die "legitime
Antwort" gegenüber Leuten, die bekanntlich "nur die Sprache
der Gewalt" verstehen. Es geht um Gut und Böse. Zum Glück ist das Friedensdenken der Normalfall, sonst wäre
ein Zusammenleben von Menschen unmöglich. Es muss also Arbeit geleistet
werden, um eine Gesellschaft in den geistigen Kriegszustand zu versetzen.
Diese Arbeit heißt Kriegspropaganda, und sie funktioniert immer
nach denselben Prinzipien. Es gibt ein hübsches kleines Buch darüber
von der belgischen Historikerin Anne Morelli, die ihrerseits die Beobachtungen
des englischen Pazifisten Lord Ponsonby aus der Zeit des Ersten Weltkrieg
fortschreibt. Die wichtigsten dieser Prinzipien 1. Wir wollen keinen Krieg, der Feind zwingt uns dazu. So dumm diese immer gleichen Lügen auch escheinen mögen, sie
tun ihren Dienst. Wir haben es im Kosovokrieg erlebt - genau heute vor
sechs Jahren begann er - wie die Propagandamaschine in Gang gesetzt wurde
und eine völlig gleichförmige Berichterstattung und Kommentierung
in allen Medien erzeugte. Es geht um Gut und Böse! Doch halt - ist es nicht unsere Pflicht, gegen Unterdrückung zu
kämpfen? Seit dem 11. September 2001 hat das menschenfreundliche Motiv zur Kriegführung allerdings an Bedeutung verloren, stattdessen werden Worte wie "Bedrohung" und "Feind" aus der historischen Requisitenkammer geholt. Wieder läuft die Propagandamaschine. Colin Powells "We know" - wir wissen, dass es im Irak Massenvernichtungswaffen gibt - klingt uns noch in den Ohren; jetzt lesen wir täglich, dass der Iran nach Atomwaffen strebe. Die dortige Regierung kann noch so oft beteuern, dass sie sich weiterhin an den Atomsperrvertrag hält, es nützt ihr nichts. Jeder Journalist darf das Gegenteil behaupten, je öfter, desto wahrer. Es geht um Gut und Böse. Es kommt noch schlimmer: "Wir" haben einen Feind, der uns
vernichten will, und gegen den wir uns wehren müsssen: Der "Islamismus".
In Europa ist ein solches Denken erst in Ansätzen zu finden, aber
wir holen auf. Eine Kostprobe gibt ein Aufsatz des holländischen
Schriftstellers Leon de Winter vom September 2004: Kriegsdenken macht blind. Sonst hätte Leon de Winter vielleicht eine Welt wahrgenommen, in der westliche Truppen zwei islamische Länder angegriffen und besetzt haben, in vielen weiteren stationiert sind und andere offen bedrohen. Wer strebt da nach der Weltherrschaft? Er hätte vielleicht auch gesehen, dass der westliche Kapitalismus und sein Wachstumswahn für einen großen Teil des Elends und der Umweltzerstörung in der Welt verantwortlich ist, dass unsere Gesellschaft nicht weiß, wie sie überleben kann, wenn die Ölreserven verbraucht sind, die gespeicherte Sonnenenergie einer fernen Vergangenheit (seit dem Irakkrieg hat sich der Rohölpreis verdoppelt), dass diese Gesellschaft schon heute nicht mehr in der Lage ist, Arbeit und Einkommen auf alle ihre Mitgleider zu verteilen, dass sie sich Kinder nicht mehr leisten kann und jedes Jahr tausende von ihnen vor der Geburt umbringt, dass sie die Tiere, unsere Mitgeschöpfe, nur als Teil des industriellen Produktionsprozesses begreift - zum Beispiel werden in unserem Land jedes Jahr 40 Millionen frisch geschlüpfte Küken vergast oder zerhäckselt, weil sie das falsche Geschlecht haben. (Quelle: br-online.de, 5.11.04) Es geht um Gut und Böse. Nein, unsere Gesellschaftsform ist trotz einiger Errungenschaften kein Exportschlager; es gäbe da ein paar Probleme zu lösen, bevor wir andere mit unserem Gesellschaftsmodell beglücken könnten. Liebe Freunde, ich spreche hier für die Augsburger Friedensinitiative,
die seit 25 Jahren besteht. Ihre Mitglieder, Gruppen und Einzelpersonen,
sind sehr unterschiedlich und in vielen Fragen verschiedener Meinung.
Aber sie haben eine Überzeugung gemeinsam: Das wunderbare Geschenk
des Lebens ist viel zu schön und zu wertvoll, um es dem tödlichen
Kriegsdenken zu überlassen; der Aufstand gegen den Tod ist auch
einer der Kerngedanken von Ostern. Wir alle, die wir hier stehen, wollen
gemeinsam für das Leben und gegen die Saat des Todes kämpfen.
Kriege können nur geführt werden, wenn sie die Herzen und das
Denken der Menschen ergriffen haben, und auch der Friede hat dort Anfang
und Ursache. Wir wollen die Kräfte des Friedens und der Gewaltfreiheit
in uns und in unserer Gesellschaft stärken. Wir wollen uns gegen
jede Art von Kriegspropaganda wappnen und ihr mit Reden, Schreiben und
Aktionen entgegentreten. Wir wollen denen mit Offenheit und Freundlichkeit
begegnen, die unter dem Kriegsdenken am meisten zu leiden haben; das
sind zur Zeit die Muslime. Es würde der Stadt des Religionsfriedens
zur Ehre dienen, wenn sie durch eine Moschee bereichert würde. Der Dritte Weg Vielen Dank! J.-H. Eschenburg, Augsburg, 26.3.05
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