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Linker 1.
Mai 2003
Rede des Forum solidarisches und friedliches Augsburg
Liebe Freundinnen
und Freunde,
der diesjährige
1. Mai steht im Zeichen von Imperialismus und Krieg.
Die Imperien führen moderne Kolonialkriege, bombardieren Städte,
verwüsten Regionen, unterwerfen ganze Völker und vernichten
Staaten. Das Völkerrecht wird außer Kraft gesetzt und durch
das Faustrecht zum Zwecke des Profits und der Weltmacht ersetzt. Die imperialen
Mächte beabsichtigen nicht weniger als eine weltweite Militärdiktatur
mit Zonen abgestufter Rangordnung.
Die Bundesrepublik Deutschland ist in wechselnden Rollen bei diesem mörderischen
Spiel dabei. Nach dem Irakkrieg möchte die Bundesregierung am liebsten
sagen „Schwamm drüber!“ und möglichst schnell Beute
machen. Mit dem Aufbau einer Militärmacht der Europäischen Union
verfolgt die Bundesregierung noch größere Schlagkraft unter
den Räubern.
Hartnäckig weigert sich die Bundesregierung, den Waffengang gegen
den Irak als völkerrechtswidrig zu bezeichnen. Die Regierung weiß
warum: sonst könnte sie ihre eigenen Verbrechen in Jugoslawien und
Afghanistan nicht rechtfertigen und neue Militäraktionen schlecht
begründen.
Auf der anderen Seite hat sich eine starke, weltweite Friedensbewegung
entwickelt, die deutlich antiimperialistische Züge trägt. Diese
Bewegung konnte den verbrecherischen Angriff auf den Irak nicht verhindern,
aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen!
Besonders ermutigend ist es, wenn die Widerstandsbewegung sich in den
Zentren des Konflikts erhebt. Gegenwärtig eben z.B. im Irak und in
den USA selbst.
Schon sehr bald nach der sogenannten Eroberung von Bagdad demonstrierten
zehntausende unter Parolen: „Wir werden unser Land nicht verkaufen!“
und „Nein zur Okkupation!“ Vergangene Woche versammelten sich
fünf Millionen schiitische Iraker in Kerbela. Laut Bayerischer Rundfunk
riefen sie auch: „Kein Imperialismus, keine Besatzung!“
In den USA hat sich eine kräftige Friedensbewegung entwickelt, wie
sie in der Kampagne „Cities for Peace“ zum Ausdruck kommt.
Gegen das Klima der Angst und Einschüchterung in den USA, gegen die
Aufhebung der Grundrechte durch den US Patriot Act, gegen die Verfolgung
von Migranten, armen Schwarzen und Dissidenten hat sich eine Bewegung
formiert. Diese Bewegung schließt sich mit der Friedensbewegung
zusammen zu einer Kampagne „United for Peace & Justice“.
Neu ist, dass diesmal auch die amerikanischen Gewerkschaften sich einschalten,
in denen sich die rechtlosen und ausgebeuteten Einwanderer massiv organisiert
haben.
Auch hierzulande fällt auf, dass die Gewerkschaftsbewegung sich immer
deutlicher politisch positioniert. So hat ein Verdi-Funktionär beim
Ostermarsch in Augsburg klar gemacht, dass man die NATO-Logistik schon
blockieren müsse – von den Häfen bis zu den Flughäfen
– und die Rüstungsproduktion stilllegen, wenn man es ernst
meine.
Der stellvertretende IG-Metall-Bevollmächtigte von Augsburg kritisierte
bei der Friedenskundgebung Ende März die Bundesregierung wegen der
Unterstützung des Krieges. Er forderte den Abzug der deutschen Soldaten
aus Kuwait und der AWACS-Maschinen und betonte, dass der deutsche Luftraum
nicht für den Aufmarsch der US-Truppen benutzt werden dürfe.
Die Verdi-Jugend in Bayern hat auf ihrer Internetseite ein ausgefeiltes
antimilitaristisches Programm:
• Sofortiger Abzug der Bundeswehr aus anderen Ländern
• Für die Abschaffung der Bundeswehr
• Völlige Entmilitarisierung Deutschlands gemäß
Potsdamer Abkommen von 1945
Die jüngere Generation in den Gewerkschaften schalten sich in wichtige
Fragen von Politik und Gesellschaft ein. Neben dem Militarismus nimmt
zum Beispiel die Verdi-Jugend in Bayern den Überwachungsstaat und
die Gefährdung des Demonstrationsrechts aufs Korn. Schon im vierten
Jahr führen sie die Kampagne ZibU „Zivilcourage im beruflichen
Umfeld“. Zur Begründung sagt verdi: „Intoleranz, Gewaltbereitschaft
und Fremdenfeindlichkeit machen auch vor Berufsschule und Betrieb nicht
halt. ‚ZibU’ möchte eine möglichst breite und dauerhafte
Auseinandersetzung mit Themen wie … Diskriminierung, Rassismus und
Rechtsextremismus ins Rollen bringen.“
Sehr erfreulich ist es, dass sich im Zuge der Kampagne gegen den Irakkrieg
auch eine Schülerbewegung formiert hat, die auf eine zunehmende Politisierung
an den Schulen bzw. im Jugendbereich schließen läßt.
Gersthofer Schüler z.B. haben sich einen Namen gemacht mit der Erforschung
der Zwangsarbeit in ihrer Stadt während der NS-Zeit. Empörend
ist, dass 60 Jahre vergehen mußten, bis an dieses Thema überhaupt
gerührt wurde. Empörend und bezeichnend ist, dass rechte CSU-Kreise
den Schülern das Stadt-Archiv verweigern wollten. Das bedrückende
Ergebnis der Schüler-Recherchen: Nicht nur die Konzerne, auch der
Mittelstand bis hin zum Kleinstbetrieb haben reihenweise Zwangsarbeiter
beschäftigt. Die Unternehmer brauchten die Zwangsarbeiter nur über
das Arbeitsamt anfordern.
Das ist sehr beunruhigend! Man fragt sich, wohin es heute gehen soll,
wenn Lohndumping, Leiharbeit, Bruch von Tarifverträgen, Verlängerung
der Arbeitszeiten, Angriff auf den Kündigungsschutz, Streichung von
Arbeitslosengeld, Kürzung der Sozialhilfe … massiv um sich
greifen? Wenn Arbeitskraft millionenfach wieder rechtlos, spottbillig,
ungeschützt werden soll und verbrauchte Arbeitskraft vor dem Nichts
stehen soll?
Wir müssen an einen üblen Jahrestag erinnern: Am Dienstag den
2. Mai 1933, also vor 70 Jahren wurden die Gewerkschaften durch die Nazis
zerschlagen. 162 Millionen Mark Vermögen wurden beschlagnahmt. Die
seitens der Arbeitnehmerschaft entwickelte Solidarität fand ihr jähes
Ende unter der unheilvollen Allianz des deutschen Kapitals und der Konservativen
mit den Nationalsozialisten. Nackte Gewalt und Terror gegen Andersdenkende
herrschten. Engagierte Arbeiter/Innen bezahlten ihren Widerstand mit dem
Tod. Ermordet von der Gefolgschaft dieser Allianz. Eins des ersten Opfer
war Leonhard Hausmann, Betriebsrat bei Thosti, im Stadtrat und Vorsitzender
der KPD in Augsburg. Ermordet am 17. Mai 1933 in Dachau – von einem
Augsburger SS-Mann. Der erste Mord im KZ. Das Ende war der zweite Weltkrieg
mit Millionen von Opfern.
Der Faschismus beruhte auf der Verwertungslogik des Kapitals. Dem stand
und steht das Solidarprinzip und Solidaritätsprinzip gegenüber.
Es ist auch heute in Gefahr. Bei Stoiber kommt das so daher: Man müsse
"volkswirtschaftlich sinnwidrige Tarifabschlüsse“ verhindern.
Das heißt im Klartext: Er will die im Grundgesetz garantierte Tarifautonomie
beenden. Dies wäre ein staatliches Tarifdiktat und das Ende der freien
Verhandlungen. Und der gewerkschaftliche Kampf soll auch verhindert werden,
dazu will Stoiber das Arbeitskampfrecht „reformieren“. Wenn
die Gewerkschaften nicht mehr frei verhandeln können und nicht mehr
kämpfen dürfen – wie weit sind wir dann von 1933 entfernt?
Roland Koch will die Errungenschaften der 80er Jahre, Arbeitszeitverkürzung
bei vollem Lohnausgleich, rückgängig machen. Er fordert mehr
Arbeit für gleichen Lohn. Er geht aber noch weiter: „Es muss
der Grundsatz gelten, dass jeder, der es kann, auf jeden Fall zu arbeiten
hat, gegebenenfalls zu einem Lohn, der seine Lebenshaltungskosten nicht
deckt.“
Wir wiederholen: „… gegebenenfalls zu einem Lohn, der seine
Lebenshaltungskosten nicht deckt.“ – Die Arbeiterfeindlichkeit
der bürgerlichen Rechten ist kaum mehr zu überbieten. Parallel
dazu wird die staatliche Repression verschärft. Die CSU will in Bayern
die Überwachung von Telefongesprächen und Email-Verkehr ausweiten
– „präventiv“, d.h. ohne Verdacht.
Hinzu kommt, dass Antisemitismus wieder um sich greift, aber auch rassistische
Positionen gegen Araber, gegen Menschen aus dem islamischen Kulturkreis.
Das NPD-Verbot ist gescheitert, es scheint in der BRD keine rechtliche
Handhabe mehr gegen solche Parteien zu geben. Ganz im Gegenteil soll jetzt
EU-weit das Verbot linker Parteien erleichtert werden.
In Wertingen gab es vor zwei Jahren Umtriebe einer NPD-geführten
Bürgerinitiative gegen den Bau einer Moschee. Inzwischen formieren
sich auch in Thannhausen Moschee-Gegner, geführt durch einen Brauereibesitzer
und einen Unternehmensberater, und wollen am 7. Mai bei einer Großveranstaltung
in Günzburg einen Bundesverband gründen.
Diese rassistische Bedrohung der Religionsfreiheit wird begleitet von
einem Phänomen in der staatstragenden Kirche: In kirchlichen Einrichtungen
gibt es keine Betriebsräte. Oft werden Gewerkschaftsvertreter hinausgeworfen
bzw. entlassen und erhalten Hausverbot. Während Pfarrer mit durchschnittlich
4000 bis 5000 Euro im Monat sehr gut verdienen, werden die weltlichen
MitarbeiterInnen in der Regel deutlich schlechter bezahlt als bei anderen
Arbeitgebern.
Außerdem müssen sie ihr Privatleben den kirchlichen Moralvorstellungen
anpassen, d.h. bei Wiederheirat nach einer Scheidung, „wilder Ehe“
(dazu zählt auch eine ausschließlich standesamtliche Trauung),
Unterlassung einer Taufe bei ihren Kindern, allzu sichtbarem Desinteresse
an der Kirche oder unliebsamer gewerkschaftlicher Betätigung droht
ihnen sogar eine fristlose Kündigung!
Dieser so genannte „Tendenzschutz“ wird nicht nur in der kirchlichen
Verkündigung angewandt, sondern auch in Bereichen, in denen die Kirchen
öffentliche Aufgaben wahrnehmen und die daher auch ganz oder fast
völlig aus öffentlichen Mitteln finanziert werden. Wir fordern
im Namen des Bundes für Geistesfreiheit zwei Konsequenzen:
1. Die öffentliche Hand sollte nur noch solche kirchlichen Träger
mit öffentlichen Mitteln unterstützen, die die Grundrechte der
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer respektieren und insoweit auf ihre
bisherigen Sonderrechte verzichten.
2. Die Gewerkschaften sollen ihren Schmusekurs mit den Kirchen beenden,
solange sich diese in ihren eigenen Einrichtungen arbeitnehmerfeindlicher
verhalten als der schlimmste Kapitalist.
Liebe Freundinnen
und Freunde,
linke Politik muss sich vor Ort bewähren. Wir wissen, dass die Finanzkrise
der Kommune auch dem Rüstungshaushalt geschuldet ist. Nur ein Beispiel:
Der Airbus A400M soll als Militärtransportflugzeug für eine
weltweite Interventionsarmee dienen. Er wird auch von den Augsburger EADS-Werken
gebaut. Zur Zeit wird die Beschaffung der 60 deutschen Maschinen auf 8,2
Mrd. Euro beziffert. Die Bundesregierung hält die Kommunen kurz und
kann das Geld trotzdem nicht aufbringen. Aber die Firma EADS und einige
Banken geben der Regierung großzügig einen Kredit. Der kostet
wiederum 543 Millionen Euro Zinsen.
Was hat Augsburg nun von diesen perversen Projekten außer einer
steinreichen EADS, die als Staatsgläubiger ein würdiger Nachfolger
der Fugger ist? Die Stadt geht am Bettelstab, sie streicht Stellen, sie
will in den Grünanlagen keine Arbeitskräfte mehr beschäftigen,
sie streicht in der Gleichstellungsstelle für Frauen, sie gefährdet
zahlreiche gemeinnützige Projekte und Vereinigungen, sie senkt die
Löhne für die Busfahrer – eine wirklich geniale Lösung
zur Förderung des Öffentlichen Nahverkehrs u.s.w. Wir wollen
damit sagen: Die Arbeitsplätze in der Rüstungsbranche erkauft
die Kommune mit hohen anderweitigen Verlusten. Leider müssen wir
diese Kritik immer noch anstelle des DGB führen, der heute Nachmittag
erneut zu EADS fährt.
Lasst mich zum Schluss noch eine Bemerkung zum Sudetendeutschen Tag Anfang
Juni in Augsburg machen, weil außer uns anscheinend niemand in dieser
Stadt darüber sprechen will. Vor zwei Jahren trat bei dieser Gelegenheit
der rechtsextreme Witikobund in Augsburg auf. Es ist zu befürchten,
dass die Funktionäre des Sudetendeutschen Landsmannschaft im Juni
beim Sudetendeutschen Tag erneut gegen die Tschechische Republik hetzten,
die Verbrechen der Nazis herunterspielen und die Städtepartnerschaft
mit Liberec untergraben. Die Zerschlagung der Tschechischen Republik durch
das Diktat von München im Jahr 1938 jährt sich heuer zum 65.
Mal. Es folgten grausame Verbrechen, wie die Vernichtung des Dorfes Lidice
und der Versuch der Ausrottung der slawischen Völker. Das Protektorat
Böhmen und Mähren, die Unterwerfung der „Rest-Tschechei“
– alles Schnee von gestern? Mitnichten.
Die Sudetendeutsche Landsmannschaft stellte sich 1999 unverhohlen hinter
die Forderungen der UCK und begrüßte den Krieg gegen Jugoslawien,
der um nichts weniger völkerrechtswidrig war, als der Angriff auf
den Irak. Vor wenigen Wochen eröffnete die Landsmannschaft ein Büro
in der tschechischen Hauptstadt. Dreist und zynisch wird gar von einer
„Botschaft“ gesprochen. Weite Teile der tschechischen Wirtschaft
sind bereits in den Klauen deutscher Konzerne und Banken. Laut und frech
klangen im Vergangen die deutschen Drohungen gegen die östlichen
Nachbarn im Zuge der Debatte um die Beneš-Dekrete.
Wir müssen also warnen vor einem Sudetendeutschen Tag in dieser Form
und etwas dagegen unternehmen.
Liebe Freundinnen und Freunde,
ich denke, wir sind im vergangenen Jahr doch ein Stück weiter gekommen
im politischen Widerstand, in der Kritik und in der Vernetzung am Ort.
Wir wollten Euch ermutigen, in dieser Richtung weiterzumachen.
Noch ein Hinweis: Die DVU hat eine Veranstaltung am Samstag für 14.00
angekündigt. Näheres wissen wir bis jetzt nicht. Also seid wachsam!
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