New York
Die Religion spaltet unsere Gesellschaft
immer mehr
Am Freitag feierten die Katholiken das Fest Mariä
Himmelfahrt, den Tag, an dem, wie sie glauben, die leibliche Muttergottes
in den Himmel aufgenommen wurde. Das ist ein guter Tag für die folgende
Statistik: Dreimal so viele Amerikaner glauben an die Jungfrauengeburt
(83%) wie an die Evolution (28%).
Es ist wohl diese Religiosität, die Amerika von dem Rest der industrialisierten
Welt trennt. Religion ist ein zentraler Aspekt im Leben der Amerikaner
und sie gewinnt immer mehr an Bedeutung, im Gegensatz zu allen anderen
industrialisierten Ländern, mit der möglichen Ausnahme von Südkorea.
58% der Amerikaner glauben, dass man ohne Religion kein moralisches Leben
führen kann. In den anderen westlichen Ländern glaubt die überwiegende
Mehrheit, dass Religion dabei keine Rolle spielt. In Frankreich teilen
nur 13% die Auffassung der Amerikaner. Der Glaube an die jungfräuliche
Geburt ist nur ein Beispiel dafür, dass sich die Christen in Amerika
immer weniger vom Verstand und immer mehr von der Mystik leiten lassen
... .
Mein Großvater war typisch für seine Generation. Er war ein
Mitglied der Presbyterianischen Kirche und aktiv im Vorstand tätig,
aber glaubte selbstverständlich an die Evolution und die jungfräuliche
Geburt hielt er für eine fromme Legende. Aber solche gläubige
Mitglieder der traditionellen Kirchen gibt es immer weniger. Seit 1960
hat sich die Zahl der Mitglieder der Pfingstgemeinde vervierfacht, während
die Episkopalkirche (Anglikanische) Kirche fast die Hälfte ihrer
Mitglieder verloren hat.
Das hat dazu geführt, dass sich nicht nur ein tiefer Graben aufgetan
hat zwischen Amerika und dem Rest der industrialisierten Welt, auch in
unserem eigenen Land geht eine Spaltung quer durch die Gesellschaft. Es
besteht heute eine gefährliche Kluft zwischen den intellektuell und
rational denkenden Amerikanern und denen, deren Denken von der Religion
beherrscht wird ... .
Auf der Website http://www.dutyisours.com/gwbush.htm
wird die Präsidentenwahl von 2000 folgendermaßen erklärt:
„Gott hat die Philister und andere Feinde mit den Waffen der Verwirrung
besiegt. Die abgeknickten und eingerissenen Wahlscheine waren vielleicht
nur ein Zeichen von Gottes Interventionen bei denen, die falsch gewählt
hatten.
Warum ist G.W. Bush heute Präsident? Weil Gott es
so wollte …
Obwohl die jungfräuliche Geburt weder wissenschaftlich noch historisch
bewiesen werden kann, glauben nicht nur 91% der amerikanischen Christen
an sie, noch erstaunlicher ist es, dass auch 47% der Nichtchristen in
Amerika daran glauben.
Nun möchte ich niemanden wegen seines Glaubens kritisieren. Und ich
behaupte auch nicht, dass ich weiß, warum die Amerikaner so viel
religiöser sind als der Rest der Welt. Aber ich glaube, dass in Amerika
eine starke religiöse Bewegung (Great Awakening) im Entstehen ist,
aber auch wenn sie vielen fromme Tröstung spenden mag, so polarisiert
sie doch zunehmend die amerikanische Gesellschaft.
Mit großer Sorge sehe ich, wie die großen intellektuellen
Errungenschaften der katholischen und protestantischen Kirchen immer mehr
verloren gehen und damit der Gegensatz zwischen den wissenschaftlich und
rational denkenden Amerikanern und den religiösen Amerikanern immer
schärfer wird.
Ich sehe diese Gefahr gerade deswegen, weil ich so viele selbstgerechte
und dogmatische Mullahs und Imame persönlich kennen gelernt habe,
denn auch der Islam befindet sich in der Krise, weil er sich von seinen
großen intellektuellen Traditionen immer mehr entfernt und immer
mystischer wird.
Das Herz ist zwar ein wunderbares Organ, aber unser Gehirn ist das auch.