Der Autor war der Sprecher der Knesset
von 1999 bis 2003 und ist ein Knesset-Abgeordneter der israelischen Arbeiterpartei.
Der folgende Artikel ist zum ersten mal auf Englisch in der jüdischen
Zeitung Forward in New York erschienen und er ist die Zusammenfassung
eines Beitrags, den er für die israelische Zeitung Yediot Ahronot
geschrieben hat.
Jerusalem. Die beiden grundlegenden
Prinzipien der zionistischen Bewegung waren immer: der gerechte Weg und
moralisch integre Führer. Heute fehlt es an beidem. Das Land Israel
stützt sich auf ein Gerüst aus Korruption und seine Grundfesten
bestehen nur noch aus Gewalt und Ungerechtigkeit. Daher stehen wir heute
kurz vor dem Ende der zionistischen Bewegung. Es ist durchaus möglich,
dass unsere Generation die letzte zionistische Generation sein wird. Es
mag dann noch im Nahen Osten den Staat Israel geben, aber das wird ein
anderes Land sein, hässlich und uns fremd.
Jetzt haben wir noch die Chance das Ruder herumzuwerfen, aber die Zeit
wird knapp. Was wir brauchen, ist eine neue Vision von einer gerechten
Gesellschaft und den politischen Willen, sie durchzusetzen. Und das wäre
nicht nur wichtig für die Israelis selbst, auch die Juden in der
Diaspora, die den Staat Israel als die Grundlage ihrer Identität
verstehen, müssen den Ernst der Lage erkennen und deutlich ihre Meinung
sagen. Denn wenn das Fundament zerbricht, stürzt schnell das ganze
Haus ein.
Es gibt keine Opposition mehr in Israel und Sharons Koalitionsregierung
beharrt auf ihrem Recht zu schweigen. In dieser redseligen Nation sind
plötzlich alle stumm geworden, weil es nichts Neues mehr zu sagen
gibt. Unsere Lage ist die Folge einer ganz offensichtlich verfehlten Politik.
Ja, wir Israelis haben die hebräische Sprache wieder zum Leben erweckt,
unsere Theater sind hervorragend und unsere Währung ist stark. Wir
Juden sind auch heute noch so intelligent, wie wir es schon immer waren.
Wir werden am NASDAQ gehandelt. Aber haben wir unseren Staat nur dafür
gegründet? Das jüdische Volk hat doch nicht zwei Millionen Jahre
überlebt, nur um neue Waffen, Computer-Sicherheitsprogramme oder
Antiraketen-Systeme zu entwickeln. Wir sollen ein helles Licht unter den
Nationen sein, aber da haben wir versagt.
Jetzt müssen wir erleben, dass es
in dem 2000-jährigen Überlebenskampf des jüdischen Volkes
nur noch um Siedlungen geht, in denen eine verbrecherische Clique von
Kriminellen das Sagen hat, die sich weder um das eigene Volk noch um dessen
Feinde kümmert. Ein Staat ohne Gerechtigkeit kann nicht überleben.
Mehr und mehr Israelis wird das heute klar, wenn sie ihre Kinder fragen,
wo sie ihrer Meinung nach in 25 Jahren leben werden. Sind die Kinder ehrlich,
müssen sie nämlich ihren Eltern sagen, dass sie das nicht wissen.
Der Countdown für das Ende der israelischen Gesellschaft hat schon
begonnen.
Als Zionist hat man in einer Siedlung auf der West Bank, z.B. in Beit
El oder Ofra, ein ange-nehmes Leben. Die biblische Landschaft dort ist
wunderschön. Durch die Fenster blickt man auf Geranien und Oleanderbüsche,
von der Besatzung sieht man nichts. Auf der Schnellstraße fährt
man von Ramot aus bis nach Jerusalem im Norden und Gilo im Süden
in 12 Minuten, die nahen Straßensperren im Westen für die Palästinenser
sind für sie kein Hindernis. Wir können uns nur schwer vorstellen,
wie erniedrigend es für die von uns verachteten Araber es ist, von
Straßensperre zu Straßensperre dahinzukriechen auf den ihnen
zugewiesenen Straßen, die in einem elenden Zustand sind. Die eine
Straße ist für die Besatzer, die andere für die Besetzten.
So kann das nicht funktionieren. Auch wenn die Araber für immer ihre
Köpfe senken und ihre Schande und ihren Zorn ertragen würden,
es würde so nicht funktionieren. Wenn das Funda-ment eines Gebäudes
nur Menschenverachtung ist, fällt es zwangsläufig in sich selbst
zu-sammen. Merkt Euch das heutige Datum gut, denn heute hat der Zerfall
dieses Gebäudes begonnen. Es ist am Einstürzen wie ein billig
gebauter Festsaal in Jerusalem, in dem gerade eine Hochzeit gefeiert wird.
Nur ein Verrückter würde oben weiter tanzen, während die
Säulen, die das Gebäude tragen, schon zerborsten sind.
Nachdem den Israelis das Schicksal der palästinensischen Kinder völlig
gleichgültig gewor-den ist, sollte es sie eigentlich nicht überraschen,
wenn diese Kinder sich nun in unseren Ver-gnügungszentren aus Hass
in die Luft sprengen. Sie opfern sich Allah in unseren Vergnügungs-
und Erholungszentren, denn ihr eigenes Leben ist nur noch eine Qual. Sie
vergießen ihr Blut in unseren Restaurants um uns den Appetit zu
verderben, denn zu Hause haben sie Kinder oder Eltern, die unter Hunger
und Erniedrigungen leiden.
Wir können täglich tausend Hamas-Anführer umbringen um
diese Situation zu beenden, er-reichen werden wir damit nichts, denn diese
Anführer sind ein Produkt des Hasses und des Zorns, den diese „Infrastruktur"
aus Ungerechtigkeiten und Korruption hervorbringt. Wäre diese Situation
gottgewollt und nicht zu ändern, würde ich schweigen. Aber weil
eben alles ganz anders sein könnte, ist es moralisch notwendig, dass
man laut protestiert.
Unser Premierminister sollte seinem Volk
Folgendes sagen:
Dies ist das Ende unserer Illusionen. Die Zeit ist gekommen, dass wir
uns entscheiden. Wir lieben das Land unserer Väter und, wären
die Zeiten anders, würden wir gerne das ganze Land für uns haben.
Das ist aber nicht möglich, denn auch die Araber haben ihren Anspruch
und ihre Träume.
Zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan gibt es keine klare jüdische
Mehrheit mehr. Und daher, liebe Mitbürger, können wir nicht
alles für uns beanspruchen, ohne einen Preis zu be-zahlen. Wir können
nicht die palästinensische Mehrheit unter den Stiefeln der Israelis
nieder-halten und gleichzeitig behaupten, der einzige demokratische Staat
im Nahen Osten zu sein. Es gibt keine Demokratie ohne gleiche Rechte für
alle die hier leben, ob Araber oder Juden. Wir können diese Gebiete
nicht behalten und gleichzeitig eine jüdische Majorität erhalten-
mit Methoden, die weder menschlich, noch moralisch, noch jüdisch
sind.
Wollt Ihr das ganze Land Israel besitzen? Kein Problem. Gebt die Demokratie
einfach auf. Wir werden einen gut organisierten Staat schaffen, mit Rassentrennung,
Straflagern und Ver-bannungsorten. Das Ghetto Qalqilya und den Gulag Tschenin.
Wollt Ihr, dass die Mehrheit der Bevölkerung Juden sind? Kein Problem.
Entweder wir deportieren die Araber mit Zügen, Bussen, Kamelen oder
Eseln – oder wir trennen sie ab, ohne Tricks oder Täuschungsmanöver.
Einen Mittelweg gibt es nicht. Wir müssen sämtliche Siedlungen
räumen –
und das heißt alle – und eine
Grenze ziehen zwischen dem israelischen und dem palästinensischen
Staat, die international anerkannt wird.
Das jüdische Recht auf Rückkehr ist dann nur gültig innerhalb
unseres eigenen Staates, das Gleiche gilt für die palästinensischen
Rückwanderer.
Wollt Ihr einen demokratischen Staat? Kein Problem. Dann müsst Ihr
entweder das Land Is-rael verlassen, bis auf die letzte Siedlung und den
letzten Vorposten, oder jeder bekommt das volle Bürgerrecht und das
Wahlrecht, auch die Araber. Für alle, die gegen die Gründung
eines Palästinenserstaates waren würde das aber bedeuten, dass
wir so einen Palästinenserstaat mit-ten unter uns haben werden, kraft
ihrer Wählerstimmen.
Das ist es, was unser Premierminister
seinem Volk sagen sollte. Er sollte uns eindeutig die Alternativen aufzeigen:
Jüdischer Rassismus oder Demokratie. Jüdische Siedlungen oder
Hoffnung auf eine bessere Zukunft für beide Völker. Ein Israel
mit Stacheldraht, Straßensperren und Selbstmordattentätern
oder eine international anerkannte Grenze zwischen zwei Staaten mit Jerusalem
als gemeinsame Hauptstadt.
Aber in Jerusalem ist kein Premierminister. Die Krankheit, die den Zionismus
zerfrisst, hat schon den Kopf erfasst. David Ben Gurion hat auch Fehler
gemacht, aber seine Politik war immer klar und ehrlich. Auch als Menachem
Begin falsche Entscheidungen traf, hat man nie an der Ehrlichkeit seiner
Absichten gezweifelt. Das ist jetzt vorbei. Umfragen, die vor ein paar
Wochen veröffentlicht wurden, zeigen, dass die Mehrheit der Israelis
ihren Premiermi-nister als korrupt bezeichnen, aber seiner Führung
trotzdem vertrauen. Anders ausgedrückt, unser regierender Premierminister
verkörpert beide Seiten unseres Fluches: Zweifelhaftes sittliches
Verhalten und Verachtung für unsere Gesetze – kombiniert mit
der Brutalität einer Besatzungsmacht und einer Politik, die jede
Chance zum Frieden zunichte macht. So ist unser Volk, so sind seine Führer.
Daraus folgert unerbittlich, dass die zionistische Revolution gestorben
ist.
Warum hört man dann nichts von der
Opposition? Vielleicht weil gerade Sommer ist, oder weil sie müde
sind, oder weil einige von ihnen um jeden Preis bei dieser Regierung einsteigen
wollen, auch wenn dieser Preis bedeutet, dass man an diesem krankhaften
Zustand partizi-piert. Und während sie zögern, verlieren diejenigen,
die guten Willens sind, immer mehr die Hoffnung.
Jetzt ist es für uns an der Zeit, unsere Wahl zu treffen. Alle die
sich weigern, unsere Alterna-tiven klar aufzuzeigen, machen sich an unserem
Niedergang mitschuldig. Es geht hier nicht um die Arbeiterpartei oder
die Likudpartei, oder Rechts gegen Links, sondern um Richtig oder Falsch,
um akzeptable oder unakzeptable Politik, Recht gegen Unrecht. Was wir
brauchen, ist nicht die Ablösung der Regierung Sharon durch eine
andere Regierung, sondern eine neue Vision, die uns Hoffnung gibt, eine
Alternative zu dem Niedergang des Zionismus durch Taubheit, Stummheit
und Gleichgültigkeit.
Israels Freunde im Ausland – ob Juden oder Nichtjuden, Präsidenten,
Premierminister, Rab-biner oder Laien – müssen sich jetzt entscheiden.
Sie müssen uns helfen den Weg zu finden, auf dem wir unsere nationale
Bestimmung erfüllen können, nämlich ein Licht unter den
Nati-onen zu sein, ein Volk des Friedens, der Gerechtigkeit und der Gleichheit.
Internat. Herald Tribune, 6.Sept.
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Übersetzung Hanna Corniels