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| US-Folter
– Good Morning, Vietnam! Augenzeugen, die Täter, der verhaltene Aufschrei, US-Gefängnisse, Partys Hanne Corniels Bagdad: Augenzeugenbericht eines gefolterten Irakers Hayder Sabbar Abd schämt sich so sehr, dass er sich nicht traut, in sein altes Viertel in der Stadt zurückzukehren. Am liebsten würde er den Irak ganz verlassen, denn inzwischen hat man in der ganzen Welt diese Bilder gesehen, die er nun noch einmal betrachtet. Er zeigt uns die wichtigsten Personen, da sind zum Beispiel die drei amerikanischen Soldaten, die lachend für die Kamera posieren. „Das ist Joiner“, sagt er
und zeigt auf einen Soldaten mit einer Brille, einem schwarzen Hut und
Gummihandschuhen. Er steht mit verschränkten Armen hinter einem Stapel
nackter irakischer Gefangener, deren Köpfe mit Säcken verhüllt
sind. „Das ist Miss Maya“, sagt er und zeigt auf das Gesicht
einer jungen Soldatin, die hinter dieser menschlichen Pyramide fröhlich
lachend zu sehen ist. „Das bin ich“, sagt er und
berührte leicht das Foto des verkrümmten Gefangenen, dessen
Hände auf dem mit einer Kapuze verhüllten Kopf verschränkt
sind. Das änderte sich im November, als
gegen die Gefangenen wegen einer Streiterei Maßnahmen ergriffen
wurden, die zu Folterungen ausarteten. In dieser Nacht, sagt er, wurden
er und sechs andere Gefangene nackt ausgezogen und geschlagen, sie wurden
gezwungen, sich nackt so übereinander zu legen, damit es aussah,
als hätten sie oralen Sex miteinander. Die Wärter schrieben
dann mit einem Magic Marker auf ihren Rücken „rapist“
(Vergewaltiger). Und während der ganzen Zeit, berichtete
er, haben die Blitzlichter der Kameras den düsteren Raum erhellt,
in dem früher die Gefangenen Saddams eingesperrt worden waren. Die
Aufnahmen, die dort gemacht worden sind, sind es vor allem, die in der
arabischen Welt so viel Wut erzeugt haben und das Ansehen Amerikas beschädigt
haben in einem Land, dass nun von den Besatzern nur noch das Schlimmste
erwartet. Abd war mit einem Taxi unterwegs nach Baghdad, wo er seine Rente beantragen wollte, als das Auto an einem Checkpoint von amerikanischen Soldaten angehalten wurde. Offensichtlich hatte der Taxifahrer nicht die richtigen Papiere bei sich, daher stieg Abd aus, um zu Fuß von dem Checkpoint wegzukommen. Aber einer der Soldaten hielt ihn an und fragte ihn, wo er hin wollte. „Ich sagte, ich bin nicht der Fahrer, ich bin nur ein Passagier, was habe ich mit den Autopapieren zu tun?“ (Quellen: IHT/New York Times, 5.5.200) Die Täter Inzwischen sind sechs der Folterer im Abu Ghraib Gefängnis bekannt und die US-Regierung ist bemüht, sie als Einzeltäter darzustellen und anzuklagen. Inzwischen kennt die Welt aber den Taguba-Bericht und die Veröffentlichung des Internationalen Roten Kreuzes über die systematischen Misshandlungen von Gefangenen in den US-Gefängnissen in Guantanamo Bay und in Afghanistan, es wird für Rumsfeld und Co. also immer schwerer diese Fiktion aufrecht zu erhalten. Trotzdem sollte man sich die Biografien dieser SoldatInnen ansehen, denn sie sind typisch für viele Amerikaner, die bei den US-Streitkräften als Freiwillige dienen. Zunächst kennt man die Namen des jungen Paares, das hinter der menschlichen Pyramide posiert. Es sind der Spc. (Obergefreite) Charles Graner und seine Freundin Pfc. (Gefreite) Lynndie England. Charles Graner, 35 Jahre, wurde 1997 von
seiner Frau Staci geschieden. Von 1997 bis 2001 musste seine geschiedene
Frau drei Mal Polizeischutz gegen ihren Exmann beantragen. Er brach mehrmals
in das Haus ein, in dem sie mit ihren Kindern wohnte. Heimlich hatte er
in ihrem Haus eine Überwachungskamera installiert und er zeigte ihr
später die Aufnahmen. Er drohte ihr, dass er in dem Haus mehrere
Waffen versteckt hatte, dass er ein abgesägtes Gewehr und eine Pistole
bei sich trug und sie töten werde. Einmal zog er sie an den Haaren
aus dem Bett, zerrte sie ins Treppenhaus und drohte ihr, dass er sie die
Treppe herunterwerfen würde. Diese und ähnliche Vorfälle
sind alle gerichtlich dokumentiert, aber Graner wurde dafür niemals
vor Gericht gestellt. Alle sechs Folterer waren keine regulären GIs, sondern Reservisten. Sie waren Soldaten des 372nd Military Police Company, die ihr Hauptquartier in Cumberland/Maryland hat. Als Reservist des US-Militärs wird man normalerweise nicht in den Krieg geschickt, es handelt sich sozusagen um „Weekend Warriors“, die in der Heimat bei Katastrophen oder zur inneren Sicherheit eingesetzt werden. Pfc. Lynndie England, 21 Jahre, ist aus einer der ärmsten Gegenden in den USA, Fort Ashby/West Virginia. Vor diesem Skandal hatte ihr Bild einen Ehrenplatz im örtlichen Court House, zusammen mit den anderen Soldaten aus dieser Gegend, die im Irak dienen. Bis auf den heutigen Tag, nachdem fast jeden Tag wieder ein neues Foto erschien, auf dem sie lachend nackte Iraner quält, glaubt in diesem abgelegenen Nest keiner an ihre Schuld. Sie war nur „zur falschen Zeit am falschen Ort“. Staff Sergeant Ivan Frederick, 37 Jahre,
hat auch als Gefängniswärter gearbeitet, in Dillwyn in seinem
Heimatstaat Virginia. Alle diese SoldatInnen haben eines gemeinsam,
sie stammen aus dem südlichen Appalachengebirge, das als das Armenhaus
Amerikas gilt. Die Appalachen, ein Mittelgebirge, das sich im Osten der
USA von Maine im Norden bis nach Georgia im Süden erstreckt, hat
durch den Kohletagebau die Staaten Virginia und West Virginia fast völlig
verwüstet, ebenso das westliche Maryland und Teile von Pennsylvania.
Genau dies sind die Gegenden, in dem diese Männer und Frauen wohnen.
In dieser einst sehr schönen Landschaft haben seit Generationen schlecht
bezahlte Bergarbeiter unter oft unmenschlichen Bedingungen gearbeitet.
Ganze Bergkuppen wurden durch den Tagebau abgetragen, die Wälder
abgeholzt und verwüstet. In den verlassenen Gruben brennen oft jahrelang
Schwelfeuer, die die Luft, das Wasser und den Boden vergiften. Inzwischen sind die meisten Kohlegruben
unrentabel geworden und verlassen, die Möbelindustrie ist nach Asien
und Südamerika verlagert worden und ein großer Teil der Bevölkerung
hat Schwierigkeiten, sich über Wasser zu halten, das zeigen schon
die vielen heruntergekommenen Hütten und Wohnwagen, die dort allgegenwärtig
sind. Wo bleibt der Aufschrei des amerikanischen Volkes? Sicher, die Empörung in den USA über die Vorgänge im Irak ist groß, vor allem in den Medien. Aber wenn die Zustimmungsquote für Bush immer noch bei 49% liegt, so heißt das, dass fast die Hälfte der Bevölkerung immer noch hinter der Politik von Bush-Cheney steht. Nach dem Verhör von Rumsfeld im Senat am letzten Freitag gaben 65% der amerikanischen Bevölkerung an, dass sie gegen einen Rücktritt Rumsfelds wären. Verglichen mit dem Aufschrei über Janet Jacksons entblößten Busen während ihrer Vorstellung bei der Superbowl, ist jetzt die Reaktion auf die Bilder der nackten, misshandelten irakischen Männer geradezu verhalten. Ein paar Anrufe bei Freunden in Amerika haben diesen Eindruck nur bestätigt. Weite Teile der Bevölkerung, die sich ihre politische Meinung weniger vom TV, und schon erst recht nicht durch die Zeitungen bilden, stehen schon seit 1990 unter dem Einfluss der „Call in Radios“, deren DJs im Namen der Bibel und des amerikanischen Patriotismus dem einfachen Volk predigen: für die Todesstrafe, gegen eine Waffenkontrolle, für einen noch brutaleren Strafvollzug und gegen jede Zuwanderung. Der bekannteste von ihnen, Rush Limbaugh, verglich die Vorgänge in Abu Ghraib mit einem Studentenstreich. Da sollte man sich nicht wundern, dass ein Volk, das auf diese Weise seit Jahren zur Gewalttätigkeit systematisch erzogen worden ist, auf die sadistischen Bilder aus dem Irak anders reagiert als wir in Europa, schließlich handelt es sich doch ihrer Meinung nach bei den Opfern um Araber, die schuld sind an dem Attentat vom 11. September. Die brutalen Verhältnisse in den US Gefängnissen Wenn man bedenkt, dass es die Amerikaner seit Jahren hinnehmen, dass Amerikaner in amerikanischen Gefängnissen gefoltert werden, sollte man nicht überrascht sein, wenn ein großer Teil der Bevölkerung sich wenig darüber empört, wenn Gräueltaten gegenüber „feindlichen“ Gefangenen bekannt werden. Man kann davon ausgehen, dass mindestens 80 Prozent der über 2 Millionen Insassen der Gefängnisse in den USA zur Unterklasse gehören. Die wenigsten können so viel lesen und schreiben, wie man es von einem Viertklässler erwarten würde, viele sind überhaupt Analphabeten, oder sie können als Mexikaner nur Spanisch sprechen. So ist es verständlich, dass nur wenig Informationen über die Zustände im amerikanischen Strafvollzug an die Öffentlichkeit gelangen. Mehr Bildung bedeutet mehr Geld, und so können sich die besser gestellten Angeklagten die besseren Anwälte bezahlen oder die hohen Kautionen aufbringen, die sie vor dem Gefängnis bewahren. Aber es gibt Ausnahmen. 2004 erschien das Buch „Reflections of An American Political Prisoner“, in dem Michael Billington seine zehn Jahre Haft in den Gefängnissen von Virginia beschreibt. 2002 erregte das autobiografische Buch von Jimmy Lerner „You Got nothing Coming“ in GB einiges Aufsehen. Beide Autoren schildern übereinstimmend die brutale Behandlung von Neuankömmlingen in den Gefängnissen. Nur bekleidet mit einem Overall aus Papier werden sie tagelang in eine Betonzelle ohne Fenster eingesperrt, die Uhr hat man ihnen abgenommen, sodass sie nie wissen, welche Zeit es ist, denn das grelle Licht brennt Tag und Nacht. Zum Schlafen bekommt man einen Betonblock oder eine stählerne Liege, keine Matratze, Kissen oder Decke. Wann immer ein Gefangener aus der Zelle geholt wird, muss er mit dem Gesicht zur Wand niederknien, Hände und Füße werden ihm gefesselt und er wird verschnürt „wie eine Weihnachtsgans“. Am schlimmsten sind die ständigen „strip searches“, wobei sich die Gefangenen nackt ausziehen müssen und ihre sämtlichen Körperöffnungen untersucht werden, bei Frauen ebenso wie Männern. Diese strip searches werden je nach Lust und Laune der Wachmannschaften befohlen, vor allem aber finden sie vor und nach jedem Besuch statt, den der Gefangene erhält. Auch das Hetzen von Hunden auf die Gefangenen
wird in den Gefängnissen in den USA praktiziert mit dem Vorwand,
dass nach Drogen gesucht wird. Dabei werden die Gefangenen in den USA
immer jünger, schon 14-jährige Kinder werden nach dem Erwachsenen-Strafrecht
verurteilt und inhaftiert. Es ist daher nicht überraschend, dass
die amerikanische Besatzungsmacht im Irak nun auch wegen Kindsmisshandlungen
angeklagt wird. Good Morning, Vietnam! Es war der bekannte Journalist Seymour Hersh von dem Elite-Magazin „The New Yorker“, der den Taguba-Report des Pentagons und die Amateurfotos aus dem Abu Ghraib Gefängnis im Internet entdeckt und sofort veröffentlich hat. Interessanterweise war es auch Seymour (Sy) Hersh, der 1968 die erschreckenden Bilder von dem Massaker in My Lai in Vietnam an die Öffentlichkeit gebracht hatte. Im gleichen Jahr organisierte er den Wahlkampf des Friedenskandidaten, Senator Eugene McCarthy, der die große Friedensbewegung der amerikanischen Jugend gegen den Vietnamkrieg und Lyndon Johnsons Politik auf den Weg brachte. Hersh ist einer der kompromisslosesten Kritiker der Bush-Regierung, unermüdlich deckt er immer neue Fälle von Korruption und Verfassungsbrüchen auf. Gefragt, wie er die derzeitige Situation im Irak mit dem Vietnamkrieg vergleicht, wies er darauf hin, dass selbst nach dem Bekanntwerden der amerikanischen Gräueltaten in Vietnam, der Krieg noch vier Jahre lang weitergeführt wurde. Die Kriegsberichterstattung hat sich seitdem grundlegend geändert. In Vietnam hatten die Reporter überall Zugang, um von dem Geschehen zu berichten. Heute wird die Öffentlichkeit der USA nur sehr beschränkt durch zensierte Berichte informiert, aber die Popularität der winzigen Digitalkameras hat dazu geführt, dass die Zensur durchbrochen wurde. Nach einem Jahr Fotografierverbot in Dover/Delaware, wo die Leichen der gefallenen Soldaten heimlich eingeflogen werden, gelang es einer Amateurfotografin mit ihrer Digitalkamera, die verbotenen Aufnahmen von den Särgen zu machen und sie ins Internet zu stellen. Die Bilder von dem Abu Ghraib Gefängnis wurden von Tätern selbst aufgenommen und auf eine CD gebrannt, die sie ihren Kameraden vorführten. So viele Partys – es ist eine Qual Während in der ganzen Welt die Fotos der gequälten, gedemütigten Iraker über die Bildschirme flimmerten und Ted Koppel in seiner Sendung „Night Line“ demonstrativ die Namen der 134 amerikanischen Soldaten im Fernsehen verlas, die alle im April gefallen sind, besuchten Rumsfeld, Wolfowitz und Präsident Bush eine Party nach der anderen. Während Rumsfeld in einem Fernsehinterview behauptete, dass er einfach nicht die Zeit gehabt habe, den umfangreichen Bericht von General Antonio Taguba über die Missstände in den US-Gefängnissen zu lesen („das ist so ein dicker Wälzer, ein Untersuchungsbericht“), lässt er keine Gelegenheit aus auf Gesellschaften und Dinners zu erscheinen, auf denen Gelder für seine Wiederwahl gespendet werden. Den gut gelaunten Präsidenten trifft man bei Baseballspielen und Partys, auf denen hauptsächlich darüber diskutiert wird, ob sein Bruder, Jeb Bush, nach George W.s zweiter Amtszeit die Nachfolge antreten kann. Aber man soll nicht sagen, dass die Bushregierung keine Konsequenzen aus ihrer derzeitigen desaströsen Situation ziehen will: Rumsfelds Vize, Douglas Feith, plant nun ein neues Amt in Washington einzurichten, das für die Organisation der Nachkriegszeit bei den zukünftigen Kriegen verantwortlich sein soll. »»
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