Der Wahlsieg von Hugo Chavez und seine Pläne für die südamerikanische Ölindustrie

Caracas. Präsident Chavez, über dessen Präsidentschaft durch eine Volksabstimmung am Sonntag (15.8.04) entschieden wird, hat ehrgeizige Pläne, um die südamerikanischen Energiekonzerne unter der Führung Venezuelas zu integrieren.

Das wichtigste Element dieses Plans ist die Schaffung eines multinationalen Ölkonzerns, Petroamerica, in Südamerika. Dieses Projekt muss noch viele praktische und bürokratische Hürden überwinden, aber das Konzept steht im Mittelpunkt seines Programms, das sich zum Ziel gesetzt hat, Südamerika politisch und wirtschaftlich zu einigen, ganz im Sinne seines großen Vorbilds Simon Bolivar, dem berühmten Freiheitskämpfer aus der Zeit des Kolonialismus.

Es ist nicht ganz klar, ob seine Motivationen politischer oder wirtschaftlicher Art sind.

Der größte Kunde Südamerikas sind nach wie vor die Vereinigten Staaten, die begierig sind, die riesigen Ölvorräte aufzukaufen, aber Chavez hat in letzter Zeit eine Außenpolitik forciert, die von der Ölwirtschaft bestimmt wird, und er hat mit einer Reihe von Staaten, kleinen und großen, Abkommen über Öllieferungen getroffen.

Die Regierung (Venezuelas) erklärt, dass eine Integration der Infrastruktur der lateinamerikanischen Öl- und Gasindustrie die Energieversorgung für diesen Teil der Welt billiger und effektiver machen würde und außerdem der Region mehr Einfluss in der weltweiten Energieversorgung verschaffen würde.

„Die Republik Südamerika sollte eine starke Republik sein,“ erklärte er auf der Pressekonferenz am letzten Donnerstag.

David Voght, ein leitender Direktor der Firma IPD Latin America, der in Venezuela als Berater tätig ist, beurteilt diesen Plan positiv. „Ich glaube, das wäre ein wichtiger Schritt nach vorne“, meinte er. „Es wäre für die Wirtschaft Lateinamerikas offensichtlich von Vorteil, wenn sie gemeinsam handeln würden.“

Diplomaten und Kenner der Ölwirtschaft behaupten aber, dass der Plan praktisch einem politischen Ziel dienen soll, nämlich, dass Venezuela, der mächtigste Ölproduzent Lateinamerikas, sich hier eine Koalition von Ländern schafft, die selbst über wenig Energiequellen verfügen, die die Politik Venezuelas mit ihren Stimmen in internationalen Organisationen wie der UN, oder der OAS, unterstützen würden.

Venezuela hat die OAS (Organisation of American States) in den letzten Monaten dazu benutzt, seine amerikanischen Kritiker abzuschmettern und die Versuche der Opposition ihn abzusetzen erfolgreich abgeschlagen. Politische Analysten sagen, dass Chavez sich rechtzeitig zur Verteidigung eines günstigen Ergebnisses der Volksabstimmung wappnen will, falls man die Abstimmung als Wahlfälschung bezeichnen würde.

„Noch nie ist Öl dazu benutzt worden, Wahlstimmen einzufangen, erklärt Albis Munoz, Präsident von Fedeamericas, des größten Handelskonzerns in Venezuela. „Aber jetzt werden wir genau damit konfrontiert."

Roger Tissot, ein Analyst bei der Firma PFC Energy in Washington, sagt, dass Venezuela schon immer eine Politik der Kooperation aktiv verfolgt hat. Aber heute verfolgt die Regierung neue Ziele mit einem neuen Selbstbewusstsein. „Was neu ist ist, dass Chavez die staatliche Ölgesellschaft für seine politischen Ziele benutzt“, meinte er.

Chavez versucht auch, die kleinen, verstreuten Staaten in der Karibik zu organisieren – sie alle haben eine Stimme in der UN und der OAS – um eine regionale Ölgesellschaft, die Petro-Caribe, ins Leben zu rufen. Diese sollte mit günstigem Öl aus Venezuela beliefert werden. Auf einem Treffen von Vertretern von 13 Staaten der Karibik in Caracas versprach Chavez, dass Petro-Caribe die karibischen Staaten vor den multinationalen Ölkonzernen schützen würde. Petro-Caribe „wird unsere Brüder in der Karibik unterstützen, denn diese kleinen Staaten haben große Schwierigkeiten mit ihrer Energieversorgung und sie werden deshalb ausgebeutet“, sagte er.

Chavez liefert jetzt schon täglich 55 000 Barrels Öl zu einem sehr niedrigen Preis an Kuba, Venezuelas engstem Verbündeten, zum großem Ärger der US-Regierung. Als Gegenleistung hat Kuba Tausende von Ärzten nach Venezuela geschickt, die dort in den Armenvierteln und Slums tätig sind. Außerdem schickt ihnen Kuba Trainer für den Sport und Militärberater.

Aber die politische Zusammenarbeit bleibt nicht auf diese Länder beschränkt. Chavez hat auch mit Argentinien ein Abkommen für Öllieferungen getroffen, ein kompliziertes Tauschhandelsgeschäft, und er strebt auch eine Zusammenarbeit mit Bolivien an, um dort der staatlichen Ölgesellschaft unter die Arme zu greifen.

Im Juli trafen Chavez und der Präsident Kolumbiens, Alvaro Uribe eine Vereinbarung für den Bau einer 200 Mio. Dollar teuren Pipeline für Erdgas, die im Laufe der Zeit auch Kalifornien und Asien versorgen könnte.

Alle diese Unternehmungen werden von der Opposition, die hauptsächlich aus ehemaligen führenden Angestellten der staatlichen Ölgesellschaft besteht, als politischer Aktivismus kritisiert, da sie praktisch gesehen kaum zu realisieren wären. Sie weisen darauf hin, dass Venezuela im vorigen Herbst seine Öllieferungen in die Dominikanische Republik vorübergehend eingestellt hatte, weil der frühere Präsident Venezuelas, Carlos Andres Perez sich dort niedergelassen hatte und Chavez ihn verdächtigte, dass er gegen ihn intrigierte.

„Eine Diplomatie, die auf Öl begründet ist, ist einfach lächerlich“, meint Ignacio Layrisse, der führt bei der staatlichen Ölgesellschaft Venezuelas, Petroleos de Venezuela, für Forschung und Produktion zuständig war.

„Nur der Markt und die wirtschaftlichen Bedingungen, nicht die Politik, sollten bestimmen, an welches Land man Öl verkauft“, erklärte Larysse, der nach dem 60-Tage Streik im Januar/März 2003, zusammen mit 18 000 staatlichen Angestellten gefeuert worden war.

„ Die profitabelsten Geschäfte macht man mit den USA und den karibischen Staaten, es gibt keinen Grund, warum man nach Argentinien exportieren sollte.“

Aber nachdem seit Wochen die höchsten Benzinpreise seit 21 Jahren gehandelt werden, hat Venezuela einen unvorhergesehenen Dollarsegen vereinnahmen können und so ist es ihnen leicht möglich, sich als Wohltäter der Region zu betätigen.

Die Regierung bestreitet, dass sie sich Verbündete schaffen will. Sie erklärt, dass es das Ziel von Chavez sei, den lateinamerikanischen Ländern ein größeres Mitspracherecht zu erkämpfen, damit sie mitbestimmen können, wie ihr Öl gefördert und vermarktet wird.

„Es ist das Ziel unserer Regierung, den Handel zwischen gleichberechtigten Partnern zu fördern,“ sagte Ricardo Dorado, der Minister für Arbeit und ein führender Politiker Venezuelas. „Die Welt ist multipolar und nicht nur auf ein einziges Land (die USA) konzentriert. Wir wollen Lateinamerika dabei helfen, dass sein Einfluss in der Wirtschaft wächst.“

Auch wenn Venezuela weiterhin einen großen Teil seines Öls in die USA exportiert, so müssen wir uns doch auch nach anderen Abnehmern umschauen, meinte Dorado.

Man weiß nicht, was diese günstigen Handelsabkommen Venezuela kosten oder noch kosten werden. Und trotz des politischen Gewinns, den Chavez vielleicht damit erzielen kann, machen bestimmte Projekte, wie die Pipeline nach Kolumbien, durchaus auch wirtschaftlich gesehen Sinn, sagen die Analysten.

Venezuela hat sich schon länger um Abnehmer außerhalb Südamerikas bemüht. Die Regierung Chavez verhandelt zurzeit mit China, das dringend neuer Öllieferanten für seine wachsende Wirtschaft sucht.

Mit seiner linken Ideologie und seiner aggressiven Haltung gegenüber Washington glaubt man, dass Chavez nur zu gern sein Öl an den Vereinigten Staaten vorbeifließen lassen möchte. „Es ist klar, dass sie den Markt außerhalb der USA so schnell wie möglich entwickeln wollen“, erklärte ein westlicher Diplomat in Caracas, der aber anonym bleiben wollte.

Juan Forero und Brian Ellsworth, International Herald Tribune und New York Times vom 14.8.2004
Übersetzung: Hanna Corniels