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Neuordnungspläne
für Irak und die ganze Region – BRD betreibt EU-Nachrüstung
Der Krieg wird zum Eroberungskrieg
8.04.2003
Die schweren Bombenangriffe der US-Alliierten auf die eingeschlossene
irakische Hauptstadt und die immer wieder ins Stadtzentrum vorstoßenden
US-Panzerverbände fordern inzwischen ungeheure Opfer unter der Zivilbevölkerung.
Auf dem Höhepunkt der Kämpfe am Wochenende wurden in Bagdad
stündlich 100 und mehr verletzte Zivilisten in die Notaufnahmen der
Krankenhäuser eingeliefert. Berichte sprechen von Tausenden Toten.
Die Gesundheitsversorgung bricht zusammen, in Kerbela, Hillah und anderen
Städten gibt es keine Medikamente mehr, kein Wasser. In Bagdad sind
die Kapazitäten der Krankenhäuser mehr als erschöpft. Da
die Elektrizitätsversorgung unterbrochen wurde, sind sie auf Notstromaggregate
angewiesen, die häufig ausfallen. Die internationalen Hilfsorganisationen
warnen dringend vor einer humanitären Katastrophe. Wie lange die
irakischen Soldaten und Milizionäre ihren verzweifelten und äußerst
verlustreichen Widerstand gegen den übermächtigen Feind aufrecht
erhalten, ist ungewiss. Käme es zum Häuserkampf in Bagdad, müssten
auch die alliierten Truppen mit schwereren Verlusten rechnen - die Opfer
auf irakischer Seite indes würden ins Unermessliche wachsen. Es hat
nicht erst in diesen Tagen den Anschein, dass die USA bei größtmöglicher
Vermeidung eigener Verluste sich den Irak durch Brutalisierung des Krieges
zu unterwerfen suchen, d.h. durch Massaker an irakischen Soldaten und
Zivilbevölkerung, wie am 29. März in Hillah, als in einer einzigen
Nacht 61 Menschen, meist in ihren Häusern, durch Clusterbomben zerfetzt
und unzählige verletzt wurden (1), und durch die großflächige
Zerstörung der Infrastruktur.
Immer
deutlicher wird, dass der Krieg gegen den Irak als Eroberungskrieg geführt
wird
Währenddessen
schließen die USA ihre Planungen für die „Nachkriegsordnung“
im Irak ab. In Kuwait hält sich der pensionierte General Garner bereit,
der mit seinem „Amt für Wiederaufbau und humanitäre Hilfe“
die Zivilverwaltung übernehmen soll. Ihm unterstehen mittlerweile
mehrere hundert Personen, pensionierte Offiziere, Ex-Botschafter, Verwaltungsexperten
usw. (2) Auch die neuen Geldnoten, die unter der Kolonialverwaltung zum
Einsatz kommen sollen, sind bereits gedruckt. Während die europäischen
Mächte, einschließlich Großbritannien, und andere Länder
der UNO die entscheidende Rolle beim „Wiederaufbau“ des Irak
zuweisen und UN-Generalsekretär Annan den Koordinator für den
Wiederaufbau des Iraks auch bereits ernannt hat, beharrt die US-Regierung
darauf, gestützt auf ihre Truppen, die auf Jahre im Irak bleiben
sollen, auch die Zivilverwaltung in der Hand zu behalten.
Zwischen Mitte Februar und Anfang März hatte die US-Regierung Baufirmen,
ausschließlich US-Konzerne, aufgefordert, Angebote für Wiederaufbauarbeiten
im Nachkriegs-Irak in zunächst sechs Bereichen einzureichen. Dabei
ging es um ein Auftragsvolumen von bis zu 900 Mio. $ für Instandsetzung
zerstörter Infrastruktur wie Straßen, Brücken, Krankenhäuser,
Flughäfen, Wohnhäuser, Regierungsgebäude ... In der ersten
Aprilwoche wurden die Ausschreibungsverfahren auf vier weitere Aufgabengebiete
ausgeweitet. Zuvor schon war ein Konzessionsvertrag abgeschlossen worden,
der den Betrieb des einzigen Tiefseehafens des Iraks, Umm Kasr, einem
Konzern aus Seattle zuschlägt. Inzwischen sind zehn Großverträge
mit einem Volumen von insgesamt 1,9 Mrd. $ abgeschlossen. (3) Die Mittel
sind erst einmal in dem knapp 80 Mrd. $ umfassenden Kriegshaushalt enthalten,
den Senat und Repräsentantenhaus kürzlich verabschiedeten –
das Repräsentantenhaus mit dem Zusatz, dass Firmen aus Deutschland,
Frankreich, Russland und Syrien keine Aufträge beim Wiederaufbau
erhalten sollen. Der Aufschrei der solchermaßen ausgeschlossenen
Konkurrenten war gewaltig. Einig sind sich aber alle, dass der zerstörte
Irak seinen Wiederaufbau aus den Einnahmen des Ölexports selbst zu
finanzieren hat.
Der Washington Post zufolge soll der frühere Shell-Manager Carroll
Verwaltung und Betrieb der irakischen Ölindustrie übernehmen,
um genau das zu sichern und den Wiederaufbau der irakischen Ölindustrie
unter der Kontrolle und zu Nutzen internationaler, vor allem US-amerikanischer
Ölkonzerne zu organisieren. Die Wirtschaftsteile der großen
Zeitungen erwarten, dass mit Kriegsende der Startschuss zu einer Ölbonanza
fällt, wie die Ölkonzerne ihn lange nicht erlebt hätten.
Denn viele bekannte Ölfelder des Irak, der nach Saudi-Arabien die
zweitgrößten bekannten Ölreserven birgt, sind noch nicht
erschlossen, die bestehenden Ölförderanlagen veraltet und unproduktiv,
Erschließung und Neuinvestitionen gelten als überaus profitträchtig.
Überdies wird erwartet, dass in vielen bisher noch nicht untersuchten
Regionen des Landes weitere große Ölvorkommen zu entdecken
sind.
Der „Modernisierungskrieg“
oder Iraks „Vorreiterrolle“
Das Wall Street Journal machte jetzt auf ein vertrauliches Dokument der
US-Regierung mit dem Titel „Vision for Post-Conflict Iraq“
aufmerksam. Es wurde von einer Amtsstelle des Pentagon ausgearbeitet und
fungiert dem Blatt zufolge als eine Art Drehbuch für den „Wiederaufbau
eines neuen Iraks, dem gemäß den Vorstellungen im Weißen
Haus eine Art Vorreiterrolle bei der Verankerung von Marktwirtschaft und
Demokratie im arabischen Raum zukommen soll“. (3) Das Papier enthält
Festlegungen über die zu schaffenden Rahmenbedingungen für die
wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Neuordnung. Diese Festlegungen
sind äußerst detailliert, um die Überprüfung der
„Fortschritte“ zu ermöglichen. So sollen, um ein einziges,
nicht unwichtiges Beispiel zu nennen, im ersten Nachkriegsjahr 25.000
Schulen mit Material und Lehrpersonal ausgestattet werden, erst dann werde
die Schulverwaltung an das Erziehungsministerium übergeben. In praktisch
allen Bereichen werden die Weichen gestellt. Aber in welche Richtung?
Aufschlussreich ist eine Frage, die das „Handelsblatt“ Außenminister
Fischer im Rahmen eines Interview stellte. Bei der Bemerkung Fischers,
dass der offene Weltmarkt eine enorme friedenserhaltende Wirkung habe,
hakt das Handelsblatt ein: „Es gibt aber auch eine andere Theorie.
Dass der Krieg Länder in den Prozess der Globalisierung einbindet,
in die sie bisher nicht integriert war.“ In der nächsten Frage
spricht das Blatt gar vom „Modernisierungskrieg“. Fischer
Antwort übrigens: „Das entscheidende Problem ist eher eine
Modernisierungsblockade in vielen arabischen Ländern. Aber ob zu
dessen Überwindung ein Krieg mit allen seinen Unwägbarkeiten
und Risiken das richtige Instrument ist, wage ich doch sehr zu bezweifeln.“
(4)
Die als Kriegsziel propagierte Neuordnung des Mittleren Ostens geht über
die Kontrolle des Öls weit hinaus. Es geht um die Erschließung
bisher weitestgehend verschlossener riesiger Kapital-, Waren- und Arbeitsmärkte
für die internationalen Konzerne, gesichert durch militärische
Übermacht und ein System von Staaten zweiter und dritter Ordnung,
nicht nur in der arabischen, sondern darüber hinaus in der nicht-arabischen
islamischen Welt. (5) Dabei macht die US-Administration keinen Hehl daraus,
dass sie einer Art „Domino-Theorie“ folgt und in der Eroberung
des Irak den Hebel sieht, den sie sodann gegen weitere Länder ansetzt.
Wenn Bush verspricht: „Diese lebenswichtige Region wird umgestaltet,
indem Millionen Menschen in den Genuss von Hoffnung und Fortschritt kommen“,
ist das mehr als eine blumige Phrase oder auch vage Drohung: Vor wenigen
Tagen hat der US-Präsident eine Studie in Auftrag gegeben. Der Atlantic
Council, eine überparteiliche Denkfabrik in Washington, soll die
Möglichkeiten eines Regimewechsels im Iran untersuchen, wobei ausdrücklich
„alle Optionen“ eingeschlossen sein sollen, also auch Krieg.
„Außerdem will das Weiße Haus wissen, welche ,Führungsfiguren’
für eine Demokratie-Bewegung in Frage kämen. Und in welchem
Stadium sich das iranische Nuklear-Programm befindet.“ (6)
Die Zukunft des Irak ist ungewiss. Mit der Arroganz der Macht erörtern
die verschiedenen Exponenten in der US-Regierung die Frage der „Übergangsregierung“,
streiten um Personen und Posten und Perspektiven und Formen der „Übergabe
an Irakis“. Es ist ja keineswegs auszuschließen, dass all
die Pläne zur „Umgestaltung“ und „Neuordnung“
des Iraks daran scheitern, dass die US-Militärmacht das Saddam-Regime
zwar stürzen, den Widerstand aber nicht brechen und die irakische
Gesellschaft nicht „befrieden“ kann. Die Gefahr der Einsetzung
von Warlords und der Errichtung neuer blutiger Diktaturen, des Zerfalls
und der Zerteilung des Irak und im Gefolge der Verschärfung bestehender
und der Zunahme neuer Konflikte im Mittleren Osten ist groß.
Im Schatten
des Krieges: Die Militarisierung der EU wird forciert
Am 3. April hielt Bundeskanzler Schröder eine Regierungserklärung
„zur internationalen Lage und den Ergebnissen des Europäischen
Rates in Brüssel“, in der er die deutschen Vorstellungen über
die „Zukunft des Irak und die politische Neuordnung des Landes nach
dem Ende des Krieges darlegte. (7) Die Regierungserklärung macht
ein weiteres Mal deutlich, wie die BRD im Schatten des Irak-Konflikts
ihre hegemonialen Absichten in Europa voranbringt und dabei die Entwicklung
der EU zu einer Militärmacht forciert. Die Perspektive, die Schröder
aufweist, ist die „Europäische Sicherheits- und Verteidigungsunion“.
Gerade in diesen Tagen hat die Militarisierung der EU einen gewaltigen
Schub erfahren. Seit dem 1. April führt die EU erstmals in ihrer
Geschichte eine militärische Operation durch, und zwar durch die
Übernahme der sog. Friedensmission in Mazedonien. Hier geht es um
die Bereitstellung einiger hundert Soldaten. Als nächsten Einsatz
bereitet die EU die Übernahme der bisher noch von der NATO geführten
Mission in Bosnien-Herzegowina vor. Hier sind bislang 12.000 Soldaten
unter dem Kommando der NATO stationiert. Den Einsatz in Mazedonien übernahm
die EU-Eingreiftruppe, die 1999 auf dem Helsinki-Gipfel beschlossen worden
ist. Die bis zu 60.000 Soldatinnen und Soldaten, die ad hoc zu Militäreinsätzen
zusammengestellt werden - bis zu 18.000 stellt die Bundeswehr - sollen
in einem Radius von 4000 km eingesetzt werden können. Daneben existiert
bereits eine ganze Reihe stehender Korps mit Verbänden aus jeweils
unterschiedlichen Ländern (Frankreich und die BRD sind fast immer
dabei).
Am 29. April nun treffen sich die Regierungen Frankreichs, Belgiens, Deutschlands
und Luxemburgs, also derjenigen Länder, die sich gegen den Irak-Krieg
aussprachen und dabei den Konflikt und die breite Ablehnung des Krieges
in allen EU-Mitgliedsländern zu nutzen versuchten, die Gleichberechtigung
der Mitgliedsstaaten bei der Formulierung der Gemeinsamen Außen-
und Sicherheitspolitik auszuhebeln. (8) Bei diesem Treffen geht es vor
allem um die Absicht der betreffenden Länder, eine EU-Armee –
als stehendes Heer –aufzubauen und die verschiedenen Schritte auf
diesem Weg einzuleiten. Befragt, ob die Debatte über die Europäische
Sicherheits- und Verteidigungsunion angesichts der Tatsache, dass nicht
alle Staaten die Entwicklung mittragen, „nicht auf ein Kerneuropa
hinaus(läuft)“, antwortete Außenminister Fischer dem
Handelsblatt: „Die Europäer müssen mehr Gemeinsamkeit
innerhalb der EU-Verträge vereinbaren. Wenn das nicht gehen sollte,
dann muss wie beim Schengen-Abkommen eben notfalls eine Gruppe von Ländern
vorangehen, außerhalb der Verträge. Später kann das dann
in die Verträge überführt werden. Es gibt eine alte Grundregel
in der EU: Keiner muss wollen; aber die, die wollen, müssen auch
dürfen.“ (4)
Aber was wollen die vier genannten Regierungen - andere, etwa die österreichische,
haben ihr Interesse ebenfalls angemeldet - eigentlich „dürfen“?
Weder die EU-Eingreiftruppe noch die existierenden Korps sind geeignet,
schnell Widerstand niederwerfen zu können, zum Beispiel auf dem Balkan
oder in anderen Grenzregionen der EU. Dazu bedarf es eines stehenden Heeres,
das im Einsatzraum präsent ist, gruppiert und schnell, d.h. binnen
Stunden oder Tagen, nicht binnen Wochen oder Monaten, einsetzbar. Darum
geht es.
In der linken Debatte neigen viele dazu, den Konflikt um den Irak-Krieg
und die gerade von Deutschland und Frankreich betriebene Militarisierung
der EU als Ausdruck sich verschärfender innerimperialistischer Widersprüche
zu interpretieren. Mehr spricht dafür, sie als Ausdruck der Absicht
gerade Deutschlands und Frankreichs zu verstehen, in Arbeitsteilung mit
den USA ein neues internationales System von Herrschaft und Abhängigkeiten
zu installieren. scc
Vorabdruck eines
Artikels aus der Zeitschrift Politische
Berichte 08/2003, GNN-Verlag
(1) Independent / ZNet,
2.4.2003, http://www.zmag.de/article/article.php?id=556
(2) Siehe u.a.: NZZ, 5.4., „Iraks neue Regierung wartet bereits in
Kuwait“
(3) Nach: NZZ, 5.4., „Der schwierige Wiederaufbau des Iraks, Privatwirtschaft
und US-Regierung in den Startlöchern“
(4) 3.4.03, http://www.bundesregierung.de/interview,-477175/Bundesaussenminister-Fischer-i.htm
(5) Das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung (198
Mio.) ist Indonesien.
(6) Handelsblatt, 7.4., Die Weltbeglücker aus Washington
(7) http://www.bundesregierung.de/regierungserklaerung,-477127/Regierungserklaerung-von-Bunde.htm
(8) siehe ausführlich Politische Berichte Nr. 04/2003, S. 20, und Nr.
05/2003, S. 5
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