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Veterans
Day, 2003
Am 11. Nov. war in den USA Veterans Day, der dieses
Jahr mit vielen Paraden und schönen Reden begangen wurde. Es gab
aber auch andere Stimmen.
Jesse Jackson in der Chicago Sun Times am 11. Nov.
Am Veterans Day wird Präsident Bush alle ehren, die
ihrem Land gedient haben. Aber am Tag zuvor hatte er weder Zeit noch Lust,
wenigstens einen der Gedenkgottesdienste für die Gefallenen im Irak
zu besuchen, er musste ja zu 2 Wahlversammlungen reisen, wo er viele Wahlkampfspenden
kassieren konnte. Der Präsident möchte die Veteranen ehren,
aber den Krieg will er lieber verstecken. Er möchte die Veteranen
für ihren Mut in der Schlacht loben, aber er verheimlicht ihnen die
Risiken, denen sie ausgesetzt sind und den Preis, den sie für ihren
Einsatz bezahlen müssen. Die Wahrheit ist immer das erste Opfer in
einem Krieg, aber selten hat es bei der Propagierung eines Krieges so
viele Opfer gegeben wie jetzt.
Die maßgebenden Mitglieder dieser Regierung nehmen weder an Begräbnissen
noch an Gedenkgottesdiensten für die im Irak gefallenen Soldaten
teil. Leichensäcke – die man jetzt als „transfer tubes“
(Röhren zur Überführung) bezeichnet – dürfen
nicht fotografiert werden. Die Stadt Dover (Delaware), wohin die Leichen
in die USA zurückgebracht werden, ist off limits.
Die Amerikaner sollen möglichst wenig über die wahren Opfer
des Krieges erfahren, deren Zahl mittlerweile in die Tausende geht. Die
Regierung spricht nur vom „Fortschritt“, die amerikanischen
Kriegsopfer werden nicht erwähnt. ...
Anders als das Pentagon uns glauben macht, ist die Stimmung unter den
Bodentruppen miserabel. Soldaten werden für gefahrvolle Aufgaben
eingesetzt, für die sie gar nicht ausgebildet sind.
Weil wir für den wachsenden Widerstand viel zu wenig Truppen haben,
sind die Soldaten übermüdet und überarbeitet. Die Mitglieder
der Nationalgarde und der Reserven werden schändlich behandelt. Viele
wurden für drei Monate einberufen, aber später wurde ihnen erklärt,
dass ihr Einsatz verlängert wird. So werden ihre Familien auseinander
gerissen. Viele von ihnen die verwundet sind, werden in primitive Baracken
gepfercht wo sie wochenlang warten müssen, bis sich ein Arzt um ihre
Verletzungen kümmern kann.
Trotz aller schönen Worte hat dieses Weiße Haus der Wirtschaftsbosse
wenig Interesse für die einfachen Arbeiter und Soldaten, die dieses
Land schließlich in Gang halten. Für die unteren Chargen der
Soldaten und Soldatinnen wird schlecht gesorgt. Viele von ihnen bekamen
als Besatzungssoldaten Kampfjacken, die noch aus dem Vietnamkrieg stammen.
Das Pentagon war sich so sicher, dass unsere Soldaten von den Irakern
als Helden empfangen würden, dass sie es nicht für nötig
erachtet haben moderne Kampfjacken zu beschaffen, die einigen sicher das
Leben gerettet hätten. Für einen Anruf nach Hause müssen
die Soldaten 1 Dollar pro Minute bezahlen. Verwundete Soldaten haben im
Lazarett das Essen aus ihrer eigenen Tasche bezahlen müssen. Bei
einem 10-tägigen Urlaub muss ihn seine Familie auf eigene Kosten
auf einer zentralen Sammelstelle abholen.
Auch an den Veteranen wird gespart. Wir haben in Amerika 600 000 arbeitsunfähige
Veteranen, diese Soldaten sind die einzigen Angestellten der US-Regierung,
die zusätzlich zu ihrer Pension keine Behindertenrente beziehen können
– und die hätten das doch am meisten verdient. ...
Am Veterans Day ehren wir alle, die ihr Möglichstes getan haben um
unsere Freiheit zu verteidigen. Wir trauern um alle, die dabei ihre Gesundheit
oder ihr Leben verloren haben.
Unsere Regierung wird sich bei ihnen bedanken, aber den Bodentruppen im
Irak wäre es lieber, wenn man ihnen den Respekt nicht mit Worten
sondern mit Taten zollen Würde.
Robert Scheer in der
LA-Times am 4. Nov.
How Many Body Bags?
(Wie viele Leichensäcke?)
Bush muss seine verfehlte Politik im Irak sofort aufgeben und den Irak
so schnell wie möglich verlassen.
Am letzten Sonntag sind 19 junge Amerikaner im Irak getötet worden,
sie sind Opfer des Hochmuts des amerikanischen Präsidenten, der sie
schmählich im Stich gelassen hat und der keine Ahnung hat, welche
Folgen seine Politik für unser Land hat.
Dieser Präsident, das ist jetzt sonnenklar, hat das Militär
und das ganze Land systematisch angelogen, was die Gründe für
diesen Krieg betrifft, nämlich mit den gefälschten Beweisen
für Saddams angebliche Massenvernichtungswaffen und die angebliche
Verbindung des Irak zu den Anschlägen am 11. Sept.
Nachdem er Amerika mit seiner Machtergreifung im Nahen Osten an der Nase
herumgeführt hat, muss er sich nun erschreckt die Frage stellen:
Was machen wir jetzt?
Als Erstes sollten wir der Behauptung von Bush, der Irak sei ein Zentrum
des internationalen Terrorismus, widersprechen. Das war nicht wahr, aber
jetzt, wenn tatsächlich Terroristen in den Irak kommen, um auf Amerikaner
zu schießen, werden wir dazu gezwungen dort zu bleiben, um gegen
sie zu kämpfen.
„Wir werden nicht davon laufen,“ erklärte Bush, damit
zeigte er offen seine Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal
der Soldaten, die diese Politik ausbaden müssen. Es bedeutet nämlich,
dass unsere jungen Männer und Frauen als Lockvögel missbraucht
werden um eine begrenzte Anzahl von arabischen Fanatikern auf sich zu
ziehen, die dann endgültig unschädlich gemacht werden sollen.
In Wirklichkeit hat aber die Besetzung des historischen Zentrums der arabischen
Welt, Al Quaida und allen anderen fanatischen Gruppen das beste Argument
für die Rekrutierung von Kämpfern geliefert, und nun bekämpfen
wir sie auf ihrem eigenen Boden und unter ihren Bedingungen. ...
Warum können wir nicht aus unseren Fehlern in Vietnam lernen, oder
von den Franzosen in Algerien oder von den Israelis in der West Bank und
Gaza. Wann war eine Besatzungsarmee jemals willkommen? ...
Die Besatzung des Irak kann und wird nicht funktionieren. Die Iraker empfinden
unsere Kultur als einen Affront und unsere Taktiken als grob und gefühllos.
Ausgerechnet der von den Amerikanern unterstützte irakische Politiker
Ahmad Chalabi hat es nach dem letzten Guerillaangriff offen ausgesprochen:
„Die Amerikaner, mit den ihnen eigenen Methoden, Operationen und
sonstigen Maßnahmen, sind am allerwenigsten dazu in der Lage, mit
diesen Problemen fertig zu werden.“ ...
Die USA könnte Chalabi und seinen Anhängern das nötige
Geld geben, um das Land zu verwalten und die fortschrittlicheren Schiiten
zu unterstützen. Sie könnten die Vereinten Nationen bitten,
dieses Chaos zu übernehmen, während wir sie dabei finanziell
unterstützen. Man könnte die Machtübergabe so geschickt
gestalten, dass der Präsident dabei sein Gesicht wahren und sogar
einen Sieg erklären könnte.
Solch eine weise Entscheidung könnte Bush sogar bei seiner Wiederwahl
helfen, schließlich ist die Zahl seiner Unterstützer seit dem
Irakkrieg abgesackt. Wenn er es schaffen würde, vor dem Abgrund,
in den uns seine viel zu aggressive Politik führt, zurückzuweichen,
könnte die Bevölkerung vielleicht so weit täuschen lassen,
dass sie ihn nochmal 4 Jahre im Amt behalten würde. Ich persönlich
bin aber davon überzeugt, dass er wegen seiner Lügen des Amtes
enthoben werden muss. Es wäre aber noch besser, wenn er seine Fehler
einsehen und seine Politik ändern würde, damit das Morden und
die Wirren im Irak und in der Welt aufhören würden.
Die Folgen des Krieges:
Was man im Fernsehen nicht sehen wird
Pat Morrison, LA-Times, 11.Nov.
... Was wir heute
am Abend des Veterans Day – und wahrscheinlich auch an keinem anderen
Tag – nicht zu sehen bekommen, sind all die anderen Soldaten, die
aus dem Irak zurückkommen.
Sie kehren zurück, verpackt in Aluminiumröhren, die mit der
amerikanischen Flagge bedeckt sind – 383 Särge, die seit Beginn
der Operation Iraqui Freedom im März im Dover Airforce Base in Delaware
angekommen sind. Wir erinnern uns an die früheren Bilder im Fernsehen:
Mit gesenktem Kopf standen die Präsidenten an den Särgen der
getöteten Amerikaner. In den Kasernen der US-Marine im Libanon und
Panama, im Kosovo, Nairobi und sogar in Afghanistan.
Aber heute ist das anders. Über die Toten aus dem Irak berichten
keine Reporter, keine Kameras, denn seit März, als der Irakkrieg
begann, hat das Pentagon verboten, dass über die Ankunft der Särge,
sei es hier oder auf anderen Militärbasen, berichtet wird ...
Und was passiert mit denen, die auf Krankenbahren oder in Rollstühlen
im Andrews Air Force Base ankommen, und nicht in Aluminiumröhren
in Dover? „Die Verwundeten,“ sagte der Demokratische Senator
von Vermont im Oktober, „werden nach Mitternacht eingeflogen, um
sicher zu gehen, dass niemand von der Presse die Ankunft der Flugzeuge
bemerkt.“ Das Nachrichten-Blackout soll angeblich die Privatsphäre
der Betroffenen schützen. Aber in Wirklichkeit geht es hier um den
„Dover-Test“ ... der besagt, je größer die Zahl
der Särge, die aus Übersee in Dover ankommen, desto geringer
wird der Appetit der Amerikaner für den Krieg. Sollte die Botschaft
nicht etwa heißen: geht nicht in den Krieg? Nein, sie heißt
nur: verheimlicht die Folgen des Kriegs. Wer die Bilder in den Medien
kontrolliert, kontrolliert auch ihre Botschaft. So bedeutet Irak nur die
Zerstörung der Standbilder von Saddam Hussein, die Siegespose des
Präsidenten auf einem Flugzeugträger oder die Rettung der zerbrechlichen
Jessica Lynch im grünen Licht der Nachtbrillen. In diesem Krieg geht
es nicht um junge Männer und Frauen, die ihre Arme oder Beine verloren
haben, und schon gar nicht um Särge.
Die unsichtbaren Toten und Verwundeten sind die neuen MIAs (Amerikas Missing
in Action im Vietnamkrieg), vermisst wird auch der Präsident, der
sich nie mit ihnen fotografieren lässt ...
Man muss sich fragen, wo der Feind eigentlich steht, wenn man sieht, was
aus den Entschädigungen für die Veteranen eigentlich geworden
ist:
– Während die Erbschaftssteuer für Millionäre abgeschafft
wird, bekommt die Familie eines gefallenen Soldaten 6000 Dollar, und die
werden besteuert.
– Den Verwundeten sind im Lazarett pro Tag 8 Dollar für ihre
Verpflegung von ihrem Gehalt abgezogen worden, bis der Kongress das gestoppt
hat.
– Um die Steuerermäßigungen für die Millionäre
finanzieren zu können, sollten 15 Millionen Dollar für die Veteranen
gestrichen werden ...
Aber wir wissen doch alle, George W. Bush ist kein Lügner!
Unter diesen Umständen
wird für die US-Regierung immer schwerer neue Truppen aufzubieten:
Die Nationalgarde und die Reservisten, die eigentlich nur beim Militär
geblieben sind um sich ein oder zwei mal im Jahr beim Kriegspielen austoben
zu können, werden jetzt alle im Irak eingesetzt. Sogar die sog. „Old
Guard“, die seit dem Ende des Vietnamkriegs nur noch zu repräsentativen
Anlässen wie Paraden oder Ehrengarden eingesetzt worden sind, müssen
nun in den Krieg. Dabei wird, wie auch im letzten Irakkrieg rücksichtslos
vorgegangen. Eltern müssen ihre Kinder verlassen, auch wenn niemand
da ist, der sich um sie kümmert. Falls sie sich weigern, werden sie
mit dem Militärgericht bedroht.
85 000 Soldaten haben inzwischen die Nachricht bekommen, dass sie schon
bald wieder in den Irak zurückkehren müssen. Auch 42 000 Mitglieder
der Nationalgarde und der Reserve müssen sich auch einen Einsatz
im Irak vorbereiten, für viele ist es schon, nach einer kurzen Pause,
ihr zweiter Einsatz im Irak oder Afghanistan.
Inzwischen haben die Regierungen Japans und Südkoreas erklärt,
dass sie zu ihren Versprechen stehen werden und Friedenstruppen in den
Irak schicken werden. Aber nach dem Angriff auf die Italiener in Baghdad
haben sie kalte Füße bekommen. Während Rumsfelds Besuch
in Tokyo am 15. Nov, der von massiven Demonstrationen begleitet war, wurde
die Entsendung japanischer Truppen nicht mehr erwähnt. Trotzdem unterstützen
Japan und Südkorea weiterhin die Politik von Bush im Irak: „Ein
Rückzug aus dem Irak würde für die Terroristen, die eine
Unterstützung der Amerikaner durch internationale Hilfstruppen verhindern
wollen, ein falsches Zeichen setzen“ (Koizumi).
Zusammenstellung
und Übersetzung Hanne Corniels
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