Ein Augenzeugenbericht aus Nadschaf

Von Alex Berenson, aus der New York Times vom 28./29. August, 2004

In Nadschaf herrscht der Gestank des Krieges
In den Straßen nichts als Schutt und streunende Hunde

Die wilden Hunde in Nadschaf hatten in dieser Woche reichlich zu fressen. In dieser heiligen Stadt, im Schatten der goldenen Kuppel der Imam Ali Moschee, haben tausende von Männern in lichtlosen Kellern und leeren Krypten verzweifelt gekämpft und versucht, sich mehr oder weniger erfolgreich gegenseitig umzubringen.
Sie haben mit Messern und Gewehren gekämpft, mit Granaten und Mörsern, mit Panzern, Minen und selbst gebastelten Bomben und manchmal mit bloßen Händen.

Jetzt, nachdem nach drei Wochen die Schlacht zwischen den amerikanischen Streitkräften und den aufständischen Irakern mit einer Waffenruhe beendigt wurde, kann man sehen, welche Opfer diese Auseinandersetzungen gefordert haben. Noch am Freitagnachmittag lagen zahlreiche halb verweste Leichen in den Häusern der Altstadt von Nadschaf, die sich im Umkreis der Moschee befindet.

In einem Haus am westlichen Stadtrand fand man vier aufgeblähte Leichen, sie hatten ihre Arme und Beine verloren und sie stanken ganz erbärmlich in der heißen Sonne des Mittags. Übernacht waren sie von Hunden angefressen worden, meinte einer der Marines. Einer der Hunde beobachtete sichtbar verärgert, wie irakische Sanitäter die Leichen auf Tragen hoben, um sie mit einem Krankenwagen in die Moschee zu bringen, wo sie vor der Beerdigung erst gewaschen wurden.

Seit Anfang August sind nach amerikanischen Schätzungen etwa 1000 Guerillakämpfer getötet worden. Die amerikanischen Kommandeure melden 11 gefallene Soldaten und mehr als 100 Soldaten und Marines, die teilweise schwer verletzt wurden. An den Kämpfen waren ca. 3000 amerikanische Soldaten beteiligt, denen etwa 1000 bis 2000 irakische Guerillakämpfer gegenüberstanden, die Zahlen schwanken, weil immer wieder Iraker aufgegeben haben, während andere dazu gekommen sind.

Jeder Schuss, den sie abgegeben haben, wurde von den Amerikanern von Hunderten von Schüssen erwidert. Jede Mörserattacke der Iraker wurde von den Marines mit 100 Pfund schweren Artilleriegeschossen beantwortet. Die Aufständischen mussten ihre raketengetriebenen Granaten von Eselskarren abfeuern, während die Soldaten in ihren 70 Tonnen schweren Panzern einen Mörserangriff unbeschadet überstehen konnten.

Die Überlegenheit der Amerikaner war besonders groß während der Nacht, weil ihre Spezialbrillen es ihnen ermöglichen, in der Dunkelheit zu sehen. Beide Seiten haben zahllose Zivilisten getötet und verwundet und sie haben die Altstadt massiv beschädigt. Die ganze Gegend stinkt nach Abwasser und Ruß und die Straßen sind voller Schutt von den abgebrannten Häusern.

Auch die Moschee wurde leicht beschädigt. Am Freitag konnte sich die Zivilbevölkerung im Bereich des Gotteshauses frei bewegen, es sah aus, als ob alles friedlich wäre, aber unter der Oberfläche tobten die Leidenschaften.
Kurz vor dem Ruf zum Mittagsgebet wurde ich (A. Berenson) beschuldigt, ein Spion zu sein und ich wurde auf der westlichen Seite der Mosche von der Menge angegriffen. Guerillakämpfer des schiitischen Geistlichen Moktada al-Sadre verbanden mir die Augen, fesselten mich und drohten, mich umzubringen. Nachdem Mitarbeiter von Sadr eingegriffen hatten, wurde ich unversehrt freigelassen.

Es waren die den Irakern weit überlegenen amerikanischen Waffen, die für die schwere Zerstörung der Häuser verantwortlich sind, wer die meisten Opfer unter der Zivilbevölkerung auf dem Gewissen hat, ist unklar. Zwar wollten die Amerikaner es anscheinend vermeiden, wahllos in die Gegend zu schießen, aber wenn sie angegriffen wurden, haben sie rücksichtslos mit allem, was sie zur Verfügung hatten darauf geantwortet…

Mit der goldenen Kuppel der Moschee im Hintergrund, machten die Straßen einen geradezu surrealen Eindruck und die Soldaten waren selber davon überrascht, dass sie in nächster Nähe eines der wichtigsten Heiligtümer des Islam gekämpft hatten…

Aber am Freitagnachmittag, nach der Waffenruhe, hatte sich die Atmosphäre in der Altstadt verändert. Männer wanderten durch die Straßen, um sich das Ausmaß der Zerstörung anzusehen. Dabei liefen sie vorbei an amerikanischen Soldaten, die bald wieder abgezogen werden sollen.
Ein Sergeant der Marine, Justin Lehew, dessen Abteilung die vier Männer getötet hatten, die am Freitagnachmittag geborgen worden waren, sagte, dass seine Männer froh waren, dass die Kämpfe ohne eine Entscheidungsschlacht geendet haben.

„Die wollen nur nach Hause“, meinte Sergeant Lehew. „Wie wir alle auch.“

Übersetzt von Hanna Corniels