Martin Droschke
Provinz oder In Bulgarien
Erzählung

Irgendwo in der Provinz sitzen die alten Freunde Frosch und Johannes beisammen und erzählen sich Geschichten aus den schmerzhaften Tagen ihrer Jugend. Geschichten, in denen weihnachtliche Familienbesuche in Kämpfe zwischen den Geschlechtern ausarten. In denen sich Brüder rücksichtslos gegen das vermeintlich schwächere Unterleibsorgan des Jüngeren durchsetzen. In denen sich osteuropäische Bauern rein aus Aberglauben am „Zumpt“ packen. Und in denen am Ende keiner mehr das „verkörpert“, was er anfangs gewesen war. Was wie Betroffenheitsprosa klingt, entpuppt sich schnell als hinterhältige Collage, deren fatale, von Martin Droschke und Gerald Fiebig zweistimmig durchexerzierte Logik enthemmtes Lachen beim Zuhörer garantiert. Selten wurde die Entwicklung der sexuellen Identität des Menschen mit einem so trockenen Humor behandelt wie in Martin Droschkes Erzählung, die mit Schnäpsen der Verzweiflung getränkt ist.
Soweit das Presseinfo von http://www.gebrauchtemusik.de/. Es handelt sich um eine 40-minütige Lesung des Autors auf CD mit kurzen Einschüben von Gerald Fiebig, der komplette Text ist als Booklet beigelegt. Am 25. Oktober darf man das von den beiden auch live hören, s. unsere Terminseite »»

Der Text scheint sich streng an Adornos Minima Moralia zu halten. Er frönt der barbarischen Askese gegen die Barbarei der Massenkultur. Klar dass solche Texte alles Schöne vermeiden müssen. Im Stil sachlich bis trocken werden abstoßende Verhältnisse geschildert. Schauplatz ist der Bayerische Wald.
Das einheimische Tourismusgewerbe beschreibt den Bayerischen Wald anders als der Autor Martin Droschke: „Gepriesen werden seine dunklen Wälder, seine Ruhe, seine Abgeschiedenheit. Er gilt als letztes Reservat wilder, ursprünglicher Natur. Das reizvolle Waldgebirge samt Kunst und Kultur läßt Alltag und Sorgen für eine Weile vergessen.“
Auf die Personen der Erzählung scheint der Bayerische Wald eine andere Wirkung zu haben. Von „Kunst und Kultur“ keine Spur. Die Mutter roh, der Vater brutal, für die Kinder eine öde und bedrohte Jugend. Selbstverständlich ist der Vater ein Handwerker, Sägewerksbesitzer, Holznarr und Holzdepp. Klar, die Mutter macht alles mit.
Als noch größere Deppen und Barbaren gelten im Dreiländereck Bayern – Tschechien – Österreich natürlich die Tschechen, Slowenen, Serben und Bulgaren. Das wird mit skatologischen (1) Sprüchen unterlegt, die dem slawischen Brauchtum zugerechnet werden. So zotig und chauvinistisch diese Sprüche anmuten, erfährt man am Ende überrascht, dass es meist Zitate aus dem Werk von John Gregory Bourke „Der Unrat in Sitte, Brauch, Glauben und Gewohnheitsrecht der Völker“ sind, „einem Buch, das Sigmund Freud sehr schätzte“.
Mehr erfährt man leider nicht, man muss schon selbst recherchieren und erfährt dann z.B.:
John Gregory Bourke (1846–1896) war ein amerikanischer Kavallerie-Offizier, „der im Kampf gegen die Indianer einen Kulturschock erfuhr“. Bei einem rituellen Reinigungstanz in New Mexiko sah er, wie die Medizinmänner der Nehue-Cue Urin tranken und in Ekstase verfielen. „Von diesem Trauma hat er sich nie wieder erholt.“ Er verbrachte ein Jahrzehnt damit, die skatologischen Riten und Bräuche aller Völker der Erde zu erforschen. Sein Buch des Unrats gilt als Klassiker der kulturgeschichtlichen Skatologie. In einem Geleitwort schrieb Sigmund Freud: „Das meiste und Beste, was wir über die Rolle der Ausscheidungen im Leben der Menschen wissen, ist in diesem Buche zusammengetragen.“ Laut Hans Magnus Enzensberger gilt dieser Befund heute noch.
So weit, so gut. Wir wissen jetzt, auf welchem Kulturschock J. Gregory Bourkes Schriften beruhen. Wir ahnen noch nicht, auf welchem Kulturschock Martin Droschkes Schriften beruhen. Die Jugend in „Provinz oder In Bulgarien“, geprägt durch den Stumpfsinn des Waldes und die Rohheit der Eltern, scheint nur eine Perspektive und eine Lust zu kennen: die Geschlechtsumwandlung, die eigene oder bei Geschwistern erzwungene. Andere Freuden scheint es im Bayerischen Wald nicht zu geben. Natürlich müssen auch dabei die Tschechen herhalten:
„Für Geld operieren Tschechische Ärzte alles. Wenn Gerald einen Hund hätte haben wollen, hätten mich die Tschechen zum Hund operiert.“ – Immerhin, die Tschechen beherrschen nicht nur altmodische Bauernbräuche und slawische Piss-Riten, sie haben Gott sei Dank auch Kliniken mit korrupten Chefärzten, die illegale Operationen durchführen.
Natürlich soll keiner am Ende der Erzählung wissen, zu was die „hinterhältige Collage“ – so die Herausgeber – dienen soll. Wir können nur Vermutungen anstellen.
Vielleicht soll uns eine neue Gattung der Latrinenliteratur nahe gebracht werden. Oder sollen wir mehr am Ödipus-Mythos arbeiten, uns öfter am „Zumpt“ packen? Oder braucht man einfach vierzehn Jägermeister zum besseren Verständnis wie die Erzähler in der Erzählung oder eine Wirtschaft namens „Bulgarien“, in der der Vater seinen Zorn ertränkte?
Sei es wie es sei. Eine kritische Anmerkung müssen wir machen. Der Autor mag der Meinung sein, die rassistischen anti-slawischen Tiraden entlarven sich von selbst, weil sie von hinterwäldlerischen deutschen Trotteln geäußert werden. Durch die Erwähnung von Bourke und Freud bekommen diese Tiraden aber einen nicht näher erläuterten wissenschaftlichen Background. Und das entlarvt sich nicht mehr von selbst, weil die Zusammenhänge zu kompliziert sind. Und so bleibt – bei allem Humor, den man hier schon aufbringen muss – ein undefinierbarer Rest mit einem schalen Beigeschmack.
Dennoch – nach diesen Vorwarnungen – können wir Interessierten nur empfehlen, sich am 25. ins Kunstkraftwerk zu begeben, raten aber dringend, mindestens eine Flasche Jägermeister mitzunehmen.


Anmerkung: Man kann den Text einsehen bei http://www.storaverlag.de/body_droschke2.html

(1) „Skatologie“ hat zwei Bedeutungen: 1) wissenschaftliche Untersuchung von Kot, 2) Vorliebe für anale Ausdrücke.