„Seltsame Sterne starren zur Erde“
Sevgi Özdamar liest

bei Pustet DO 12.2.2004 19.30 Uhr

 

 

 

Bisher erschienen:
Das Leben ist eine Kawanserei (1992, 1994)
Die Brücke vom Goldenen Horn (1998, 1999 und 2002)
Mutterzunge (Erzählungen 1990, 1998)
Der Hof im Spiegel (2001)
Seltsame Sterne starren zur Erde. (Kiepenheuer & Witsch 2003)

Sevgi Özdamar erklärt ihr Leben zwischen Türkei, Ost- und Westberlin und auch Frankreich. Besser gesagt eine Geschichte über Sprache! Sevgi Özdamar lebt durch und durch in Sprache. Die Sprache ihrer gelesenen Texte und auch das was sie auf Fragen antwortet kommt nicht von oben herab, sondern von nebenan auf gleicher Augen- bzw. Ohrenhöhe zum Publikum.
Und obgleich heiter, plätschert es nicht leicht daher, sondern die Worte schleppen Gefühle mit sich. Sie schleppen Lachen und Weinen mit sich, dicht hinter sich her. Bei ihren ersten Lesungen habe sie das Gefühl gehabt, sie könne nicht das, was sie „leise gedacht habe, laut lesen“, inzwischen habe sie das aber wie eine Rolle entwickelt.
„Man kann seine Muttersprache auch im eigenen Land verlieren“, als das türkische Militär in ihrem Land diktatorisch herrschte, sagt sie „wurden meine türkischen Worte krank, sie zerbröselten“. Sie schreibt in deutscher Sprache, in Berlin lesen die TürkInnen sie auch in deutscher Sprache. Ihre Bücher sind in 10 Sprachen übersetzt. In der Türkei haben ihre Bücher starke Resonanz ausgelöst.
Emine Sevgi Özdamar wollte die Brechtsche Sprache lernen oder wie sie sagt „die brechtige Sprache“ oder meinte sie prächtig? Sie hatte früher schon 10 Jahre lang die Schallplatte mit Brechtsongs von Busch gehört und nachgesungen. Ein grandioses Versäumnis, sie nicht an diesem Literaturabend aufgefordert zu haben, einen dieser Songs vorzutragen.
Inzwischen lebt und arbeitet sie in der Sprache - literarisch und auf der Bühne und im Film, in Berlin, Paris, Bochum und Frankfurt. Demnächst kommt im ZDF wieder ein Film mit ihr. Bei der Filmarbeit meint sie, sei die Kamera unerbittlich, sie fange jedes Detail ein „und man kann sich nicht verstecken.“ Die Bühnenarbeit in Frankreich sei besonders herzlich, so erzählt sie schmunzelnd, dort seien täglich 180 Küsse nötig gewesen, denn insgesamt 30 KollegInnen hätten sowohl bei der Begrüßung als auch abends bei der Verabschiedung jeweil 3 Küsse gegeben.
Gegenwärtig ist sie „Stadtschreiberin“ von Frankfurt am Main - Bergen-Enkheim. „Mir hat dieser Begriff Stadtschreiberin gefallen. Ich dachte man geht da durch die Stadt und beschreibt z.B. die Brötchen.“ Sie wird dort die „Toten zu ihrem Recht kommen lassen“ sie will Lesungen mit der Literatur von verstorbenen Autoren machen. (Sie erinnert dabei auch an ihr Buch „Das Leben ist eine Kawanserei“) Wenn du schreibst, kannst du die Toten aufwecken, wieder lebendig machen.
Ostberlin gefiel ihr am Anfang besonders deswegen, weil die Menschen dort so viel lasen. Sie hätte in den Buchhandlungen z.B. die Arbeiter in Arbeitskleidung und blauen Latzhosen gesehen, die sich die Bücher hätten einpacken lassen, ja und sie selber habe auch immer mehr gelesen, wenn sie im Osten gewesen sei. ...

aus einem Beitrag im göttinger stadtinfo »»

Seltsame Sterne starren zur Erde

Ein großer Wurf ist Emine Özdamar in den Augen Sigrid Scherers mit ihrem Berlin-Roman gelungen, den die Rezensentin „oft komisch, manchmal ironisch“, aber immer „voller Kunst und voller Leben“ findet. Die Bachmann-Preisträgerin von 1992 breite darin das Panorama der geteilten Stadt dar. Unschwer lasse sich die Autorin in der Hauptperson erkennen, eine junge Schauspielerin, die, 1976 vor der türkischen Militärdiktatur nach Berlin entflohen, zwischen West und Ost hin- und herpendelt, um bei Benno Besson brechtsches Theater zu lernen. Doch ist der Roman für die Rezensentin weniger Autobiografie als vielmehr ein sehr genaues Buch über Teilungen: über die geteilte Stadt, die geteilte deutsch-türkische Gedankenwelt und die zwischen mehreren Männern aufgeteilte Liebe. Dies alles halte Özdamar in einer Collage aus Erzähltext, Gedichten und Schlagzeilen fest, die die Welt anzuhalten scheinen, obwohl doch alles in ihr in Bewegung sei, wie Scherer es seltsam und schön zugleich findet. Die Zeit, 20.03.2003

Alle reden vom Berlin-Roman, spottet Christoph Bartmann, „hier ist einer!“ Auch wenn keine Russenmafia und keine Love Parade darin vorkämen. Dieser Roman sei „auf sensationelle Weise von gestern“, schwärmt der Rezesent weiter. Denn rund 25 Jahre hat die türkische Schauspielerin und Autorin Özdamar ihr Tagebuch aus ihren Berliner Anfängen liegen lassen, das etwas sehr Schwärmerisches hat, wie Bartmann findet. Damals war Özdamar nach einer gescheiterten Ehe in einer politisch unruhigen Zeit von Istanbul nach Berlin gekommen und hatte sich bei Benno Besson an der Volksbühne im Osten als Hospitantin beworben. Das WG-Zimmer im Westen, arbeitete Özdamar im Osten, was ihr eine doppelte Perspektive ermöglichte, schreibt Bartmann; hier die Westberliner Kommunardenzeit und Subventionskultur, dort die kritisch-loyale DDR-Hochkultur, die den Herrn Brecht beerbt. Auch wenn verschiedene Protagonisten noch leben und wirken - Biermann, Langhoff, Besson, Castorf - so wirke alles unendlich weit weg oder unendlich lange her. Gerade das macht für Bartmann den Reiz dieser Tagebücher aus, die trotz der hochpolitischen Zeiten ungemein viel Liebes-, Lebens- und Diskussionshunger verraten. Süddeutsche Zeitung, 27.05.2003


   
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