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Schnelle Texte, die nur fast Literatur sein wollen: Zu Michael Friedrichs‘ zweitem Buch Fast Lit

Michael Friedrichs: Fast Lit – Wortzwischenreime aus Augiasburg. Augsburg: Ubooks Verlag 2004. 128 Seiten, 9,80 Euro, ISBN 3-937536-71-X.

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In den 90er Jahren wurde politisches Kabarett in Deutschland zu einem Nischenphänomen. Was die Fernsehunterhaltung betrifft, hat das weiter keine Konsequenz – dort war das Politische schon immer ein Randphänomen, und eine Comedy-Welle, die so unterschiedliche Charaktere wie Helge Schneider (im vergangenen Jahrzehnt zweifellos der größte Sprachkünstler deutscher Zunge) und Harald Schmidt ins Rampenlicht gebracht hat, spricht eigentlich eher für einen gesunden Pluralismus.

Auf lokaler Ebene jedoch vermisst man das Politkabarett schmerzlich. Ob es daran liegt, dass sich die lokal verankerten Kleinkünstler am massenmedialen Mainstream orientieren, oder ob die Massenmedien sich verändert haben, weil die Nachwuchstalente „an der Basis“ genug hatten von dem, was sie vielleicht als „Betroffenheitskabarett der 80er“ ansahen – jedenfalls ist niemand mehr willens, die Diskussion über lokalpolitische Fragen mit saftigen Pointen und entwaffnendem Sprachwitz zu würzen und damit Lust auf bürgerschaftliches Engagement zu machen. In einer Stadt mit einer so wenig pluralistischen Presselandschaft wie Augsburg fällt so etwas umso schmerzlicher auf.

Aber es geht ja auch anders, und letzten Endes auch besser. Seit 1998 der Poetry Slam in Augsburg veranstaltet wird, eine offenen Leseveranstaltung für AutorInnen jeder Couleur, die monatlich stattfindet und stets mit der Prämierung eines Champions durch das Publikum endet, seit 1998 also nutzt Michael Friedrichs diese Bühne, um mit seinen kurzen Texten das zu tun, was früher meist weniger zugespitzt in Kabarettprogrammen verhandelt wurde. In seinem zweiten Buch Fast Lit versammelt er viele Beiträge, in denen er aktuelle und zeitlose Miseren und Marotten der 2020-jährigen Provinzkapitale zum Stein des Denkanstoßes macht: von der städteplanerischen Verheerung der südöstlichen Innenstadt durch „Citygaleere“ und Schleifenstraße über die skandalöse Vernachlässigung der Stadtbücherei bis zu Reflexionen über die Stilisierung der „Stadtheiligen“ Afra.

Oft bedient er sich dazu der Kunst des Sprachspiels, doch schreckt er auch nicht davor zurück, in seinen Texten eine ausdrückliche Moral zu formulieren. Das klingt schrecklich unmodern und ist es vielleicht, gleichwohl stehen die Texte in der ehrbaren Tradition von Erich Kästners Gebrauchslyrik und geraten nie zu Moralinkitsch, denn Michael Friedrichs’ Texte predigen dem Leser (und Zuhörer) nicht ihre vorgefertigte Moral, sondern zeigen ein Subjekt, das selbst erst gerade dabei ist, sich zu einer bestimmten Frage eine Meinung zu bilden und sich dabei auch selbst zu hinterfragen wie etwa in jenem Gedicht, in dem das lyrische Ich sein eigenes Verhalten als Nichtjude beim Besuch der Augsburger Synagoge analysiert. Mit anderen Worten: der Autor macht sich Gedanken, die jedeR von uns sich selbst auch machen sollte.

Ein weiterer Schwerpunkt des Buches umfasst Texte, in denen Friedrichs Erkenntnisse aus seiner Arbeit als Redakteur wissenschaftlicher Bücher, etwa zur Augsburger Stadtgeschichte, in komprimierter und unterhaltender Form mit einem nichtakademischen Publikum teilt – am faszinierendsten ist vielleicht der Text über Jacob Hübner, einen aus Augsburg gebürtigen Schmetterlingsforscher des 18. und 19. Jahrhunderts.
Den lokalpolitischen Glossen und den Lesefrüchten des Lektors (die nun übrigens alles andere als unmodern sind, denn dass Texte nur aus der Lektüre anderer Texte entstehen, ist ja eine ganz zentrale Erkenntnis der modernen Literatur) sind zwei Dinge gemeinsam: Sie wollen den Leser informieren und zu eigenem Nachdenken anregen. Und sie tun dies auf eine gänzlich uneitle Weise. Dem Autor, der hier spricht und schreibt, liegt nichts ferner als der Gestus des „Schaut her, was ich alles kann – ihr könnt das nicht, ätsch“. Viel näher steht ihm die Haltung: „Mein Mittel, diese Dinge zu thematisieren, die uns alle angehen, ist nun mal die Poesie – aber Gedanken darüber machen sollten wir uns alle gemeinsam.“

Für eine solch loyale Haltung gegenüber demokratischer Meinungsbildung wurde man vor 30 Jahren noch mit Berufsverbot belegt – Michael Friedrichs dokumentiert das in Fast Lit mit einem Brief ans baden-württembergische Oberschulamt aus dem Jahr 1975, das ihm aus politischen Gründen die Tätigkeit als Lehrer unmöglich machte. Vor diesem Hintergrund kann man wahrscheinlich froh sein, dass es in Deutschland überhaupt noch so basisdemokratische Foren gibt wie Poetry Slams. Umso wichtiger ist es, dass Leute wie Michael Friedrichs dieses Forum weiter und verstärkt als Speakers‘ Corner und moralische Anstalt nutzen, zur lustvollen Diskussion über die Zukunft des Gemeinwesens anstatt zur bloßen Zerstreuung der Unlust an der gemeinen Gegenwart, denn, um den Autor selbst zu zitieren:

„Das ist unverändert dringend:
Glücksritter
setzen heute auf Antisemit
wie andere auf Aktien.
Wir hoffen,
es ist nicht zu spät,
hier zu bleiben:
für uns alle.“

Rezension: Gerald Fiebig