Gerald Fiebig

geräuschpegel

 

 

Originalausgabe
Taschenbuch
116 Seiten, € 10
ISBN 3-935269-27-7

Bezug(sbedingungen) beim
Verlag yedermann, München

http://www.geraldfiebig.net/

 

Lesung

geräuschpegel, atemtreppe.
Die Augsburger Lyriker Martin Schmidt und Gerald Fiebig lesen neue Texte.

MO 25.4.2005 Hoffmannkeller des Theaters Augsburg

 

ohratorium

Auf auditivem Weg erfahre ich christliche Nächstenliebe
Albrecht Rau, Vom Fressen und der Moral, 2003

die strahlen der kathodenröhre verlöten die scheu
klappen den stollen zu lassen den blick in die gras
narbe beißen fuß ballt sich zur faust augenspiel fällt in
höhlen ich schalt aus bau um den entleerten kopf ein haus

aus platten & T-trägern & ton freie montage am sams
tagabend die abspielgeräte für den bastelbedarfsfall
für das bedürfnis zu basteln mit klängen am raum
für die notoperation durchs ohr an meinem offenen kopf

den bypass der gelegt wird um auf mehrspurensuche
aus der enge des leergeräumten sehzentrums torraums
ins außen zu lauschen statt ins aus ins abseits
wo stimmen schichten flechten zeichen schichten

vogel stimmen menschen stimmen singen hell
stimmen von instrumenten das stimmen der welt
hell & weit & schall & rauch & luft & aus & ab
der tonarm & beinbruch da bricht lauthals aus in gesang

die gemeinde der kleinen kirche in unserer straße »herr gib
uns dein licht denn es will abblend werden auf unseren
straßen« die katholenchöre in deren gesang sich die eben noch
offenen spuren im strafraum des wohlklangs verlieren

in harmoniezwang ohne räume für das knistern der stille
auf auditivem weg notgedrungen getauft von schallwellen
die gegenaufklärung rollt wie ein sturmangriff im zweiten
halbzeitabschnitt auf mein gegnerisches ohr zu

stumm bete ich zum wachs & zu den sirenen

nach John Cage, Roaratorio, 1979

Gerald Fiebig, aus dem Buch “geräuschpegel”, Riemerling: yedermann Verlag 2005

 

Besprechung

Gedichte, die einer Qualitätsprüfung im Jahre 2005 (und darüber hinaus!) standhalten wollen, benötigen in ihren Versen (u.a.!) die virtuell-authentische Wiedergabe verschiedenster Geräuschpegel, die die gewollt oder ungewollt ins Ohr dringenden Geräusche (durch Apparate aller Art (Automaten), Bohrer, CD-Player, Drehmotoren, Elektrogeräte, Feuerwerkskörper, Gaspistolen, Handys, idiosynkratische (1) Instrumente, Jubel, Kakophonien, Lkws, Menschen (Maschinen), Neuronen, Orks, Pkws, Querdenker, Radios / Rechner, Streichhölzer, Telefone, Uhren, Vertreter, Walkmans, X-Strahlen, Y-Töne und/oder Zünder aller Art hervorGERUFEN) lyrisch ver- und bearbeiten und so dem Leser ins Hirn treiben. Der Titel von Gerald Fiebigs neuem Gedichtband geräuschpegel ist somit Programm. Hier gelingt es dem (u.a.!) an der Lyrik Rolf Dieter Brinkmanns und Thomas Klings geschulten Dichter, die verschiedensten Elemente seiner von ihm messerscharf beobachteten, sensibelst belauschten und seismographisch registrierten Umwelt nicht nur zu sammeln und zusammenzustoppeln, sondern – in bester lyrischer Tradition – zu Sprachkunstwerken zu modellieren, deren katachresische (2) Synästhesien (3) die Geschichte der Jäger und Sammler im neuen Jahrtausend schildern – in jedem Gedicht mit dem entsprechenden „geräuschpegel“ unterlegt: „in der gefliesten vollmondnacht, gegen die nur/ ein walkman helfen kann, & aus den wiesen steiget/ das kleine label wunderbar...“ (Wobei die ironische Verarbeitung von Matthias Claudius’ Abendlied zeigt, daß Gerald Fiebig die nötige lyrische Lockerheit beherrscht, seine Verse zu fügen. Das dürfte auch einen Gottfried Benn überzeugt haben, dessen bahnbrechender Aufsatz „Probleme der Lyrik“ noch heute volle Gültigkeit besitzt, wenn es darum geht, vor einer allzu lyrikbeflissenen und total ernsten Tonart zu warnen.) Schließlich: Daß der in Augsburg lebende Gerald Fiebig sich nicht von seinen eigenen Versen blenden und übermannen läßt (ein Riesenproblem in diesen Zeiten eitelster Eitelkeiten), beweist er Gedicht für Gedicht in seinem Buch geräuschpegel, das ich vorläufig einmal an die erste Stelle der von mir in diesem Jahr zur Kenntnis genommenen aktuellen Neuerscheinungen in der deutschsprachigen Lyrik setzen möchte.

Theo Breuer www.theobreuer.de

Anmerkungen der Redaktion:

(1) idiosynkratisch: Eigentümlich [1], nicht vorhersehbar [2], sensibel [3] nach Wiktionary

(2) katachresisch u.a. missbräuchlich, unstimmig. Katachrese, griech. Katachresis: Missbrauch

Unter einer Katachrese versteht man in der antiken Rhetorik die „schlechte Nachahmung“, eine unstimmige Metapher bzw. Metaphernverbindung. Sie ist in sich widersprüchlich gefügt, d.h. es kommt zu einer Bildvermengung, einem Verstoß gegen die Einheit eines Bildes durch Vermischung nicht zusammenpassender sprachlicher Elemente. In der Antike war sie nur erlaubt, um Komik zu erzeugen, meist tritt sie jedoch als unfreiwilliger und lächerlich wirkender Stilfehler auf, z.B: „Der Zahn der Zeit, der schon so manche Träne getrocknet hat, wird auch über diese Wunde Gras wachsen lassen.“ Ein anderes schönes Beispiel ist die Äußerung des ehemaligen Bundeskanzlers Ludwig Erhard: „Es ist erfreulich, daß die politischen Extremitäten in Deutschland keinen Fuß fassen konnten.“ Erst wenn man diese Bilder genau nachvollzieht, offenbaren sie sich in ihrer Absurdität. http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/poetik/katachrese.htm

Der Begriff Katachrese steht aber auch für eine verblaßte Bildlichkeit, eine erloschene Metapher: z.B. Bein des Tisches.P. Szondi: Einführung in die literarische Hermeneutik, Frankfurt am Main 1975.

(3) Das Wort Synästhesie ist abgeleitet von den altgriechischen Wörtern syn und aisthesis, laut Duden die „Miterregung eines Sinnesorgans bei Reizung eines anderen“. Synästhesie ist ein zusätzlicher Kanal der Wahrnehmung.

Man schätzt, dass sich bei jedem 2000. Menschen die Sinne überschneiden: Sie riechen, wenn sie etwas ansehen, oder sie hören, wenn sie eigentlich sehen („Farbenhören“). Das Wort Synästhesie ist abgeleitet von den altgriechischen Wörtern syn und aisthesis, laut Duden die „Miterregung eines Sinnesorgans bei Reizung eines anderen“. Synästhesie ist ein zusätzlicher Kanal der Wahrnehmung. Manche Synästhetiker können Buchstaben fühlen, andere können Töne in bunten Farben sehen. Die meisten sehen Texte und Zahlen in Farbe. Manchen erscheint die zusätzliche Information wie auf einem Bildschirm vor Augen, bei anderen findet sie im Kopf statt. Besonders aufschlussreich ist der Fall des russischen Komponisten Alexandr Skrjabin, der schon um die Jahrhundertwende versuchte, seine synästhetischen Erfahrungen dem Publikum zu vermitteln. Seine Symphonie „Prométhée“ enthält eine Partitur für ein so genanntes Lichtklavier, das Töne in Farben und Formen übersetzen sollte.

Das Gehirn bildet die Außenwelt nicht einfach ab, wie das ein Fotoapparat oder ein Tonbandgerät tut. Es interpretiert die Signale von außen und setzt daraus eine ganz persönliche Welt zusammen. Aus den Signalen der Außenwelt wird also eine Innenwelt geschaffen, und sehr oft haben beide Dinge nur wenig miteinander zu tun. Unsere Nervenzellen erschaffen nicht nur ein Abbild, sondern bewerten es auch. So kann das Bild einer roten Rose unwillkürlich den Duft der Blume in uns aufsteigen lassen, vielleicht auch die zärtliche Erinnerung an eine große Liebe. All das geschieht, ohne dass davon etwas in unser Bewusstsein dringt. Der amerikanische Neurophysiologe Benjamin Libet fand heraus, dass das Bewusstsein etwa eine halbe Sekunde hinter den Aktivitäten des Gehirns hinterherhinkt. Wenn unser Bewusstsein glaubt, eine Entscheidung zu fällen, hat unser Gehirn schon längst alle Informationen der Außenwelt analysiert, bewertet und sich zurechtgelegt, was es mit diesen Informationen anfangen will. All das, was wir davon nicht merken sollen, wird vom Gehirn herausgefiltert.

Es kann sein, dass bei Synästhetikern die Informations- und Wahrnehmungsfilter durchlässiger sind als bei der Mehrzahl der Menschen. Doch diese These ist umstritten, die Ergebnisse eines Tierexperiments scheinen sie jedoch eher zu stützen: Werden Nervenbahnen nämlich in einer frühen Entwicklungsphase falsch verschaltet, so kann ein Tier sogar mit dem Hörzentrum des Gehirns sehen. Mriganka Sur und seine Arbeitsgruppe vom MIT leiteten bei neugeborenen Frettchen die vom Auge kommenden Nerven in das Hörzentrum um. Unter dem Einfluss der vom Auge kommenden Reize bildeten sich Nervenzellen aus, die in typischer Weise optische Eindrücke verarbeiten.

Allein die Qualität des einlaufenden Signals, so folgern die Forscher, entscheidet über die Funktion eines speziellen Hirnteils.

Der britische Neurologe Simon Baron-Cohen glaubt, dass im Gehirn von Synästhetikern eine ungewöhnliche Verdrahtung existiert. www.quarks.de/hoeren/03.htm


   
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