Besprechung
Gedichte, die einer Qualitätsprüfung
im Jahre 2005 (und darüber hinaus!) standhalten wollen,
benötigen in ihren Versen (u.a.!) die virtuell-authentische
Wiedergabe verschiedenster Geräuschpegel, die die gewollt
oder ungewollt ins Ohr dringenden Geräusche (durch Apparate
aller Art (Automaten), Bohrer, CD-Player, Drehmotoren, Elektrogeräte,
Feuerwerkskörper, Gaspistolen, Handys, idiosynkratische
(1) Instrumente, Jubel, Kakophonien, Lkws, Menschen (Maschinen),
Neuronen, Orks, Pkws, Querdenker, Radios / Rechner, Streichhölzer,
Telefone, Uhren, Vertreter, Walkmans, X-Strahlen, Y-Töne
und/oder Zünder aller Art hervorGERUFEN) lyrisch ver-
und bearbeiten und so dem Leser ins Hirn treiben. Der Titel
von Gerald Fiebigs neuem Gedichtband geräuschpegel ist
somit Programm. Hier gelingt es dem (u.a.!) an der Lyrik
Rolf Dieter Brinkmanns und Thomas Klings geschulten Dichter,
die verschiedensten Elemente seiner von ihm messerscharf
beobachteten, sensibelst belauschten und seismographisch
registrierten Umwelt nicht nur zu sammeln und zusammenzustoppeln,
sondern – in
bester lyrischer Tradition – zu Sprachkunstwerken zu
modellieren, deren katachresische (2) Synästhesien (3)
die Geschichte der Jäger und Sammler im neuen Jahrtausend
schildern – in jedem Gedicht mit dem entsprechenden „geräuschpegel“ unterlegt: „in
der gefliesten vollmondnacht, gegen die nur/ ein walkman helfen
kann, & aus den wiesen steiget/ das kleine label wunderbar...“ (Wobei
die ironische Verarbeitung von Matthias Claudius’ Abendlied
zeigt, daß Gerald Fiebig die nötige lyrische Lockerheit
beherrscht, seine Verse zu fügen. Das dürfte auch
einen Gottfried Benn überzeugt haben, dessen bahnbrechender
Aufsatz „Probleme der Lyrik“ noch heute volle Gültigkeit
besitzt, wenn es darum geht, vor einer allzu lyrikbeflissenen
und total ernsten Tonart zu warnen.) Schließlich: Daß der
in Augsburg lebende Gerald Fiebig sich nicht von seinen eigenen
Versen blenden und übermannen läßt (ein Riesenproblem
in diesen Zeiten eitelster Eitelkeiten), beweist er Gedicht
für Gedicht in seinem Buch geräuschpegel,
das ich vorläufig einmal an die erste Stelle der von mir
in diesem Jahr zur Kenntnis genommenen aktuellen Neuerscheinungen
in der deutschsprachigen Lyrik setzen möchte.
Theo Breuer www.theobreuer.de
Anmerkungen der Redaktion:
(1) idiosynkratisch:
Eigentümlich [1],
nicht vorhersehbar [2], sensibel [3] nach Wiktionary
(2) katachresisch u.a.
missbräuchlich,
unstimmig. Katachrese, griech. Katachresis: Missbrauch
Unter einer Katachrese versteht man
in der antiken Rhetorik die „schlechte Nachahmung“, eine unstimmige Metapher
bzw. Metaphernverbindung. Sie ist in sich widersprüchlich
gefügt, d.h. es kommt zu einer Bildvermengung, einem Verstoß gegen
die Einheit eines Bildes durch Vermischung nicht zusammenpassender
sprachlicher Elemente. In der Antike war sie nur erlaubt, um
Komik zu erzeugen, meist tritt sie jedoch als unfreiwilliger
und lächerlich wirkender Stilfehler auf, z.B: „Der
Zahn der Zeit, der schon so manche Träne getrocknet hat,
wird auch über diese Wunde Gras wachsen lassen.“ Ein
anderes schönes Beispiel ist die Äußerung des
ehemaligen Bundeskanzlers Ludwig Erhard: „Es ist erfreulich,
daß die politischen Extremitäten in Deutschland
keinen Fuß fassen konnten.“ Erst wenn man diese
Bilder genau nachvollzieht, offenbaren sie sich in ihrer Absurdität. http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/poetik/katachrese.htm
Der Begriff Katachrese steht aber
auch für eine verblaßte
Bildlichkeit, eine erloschene Metapher: z.B. Bein des Tisches.P.
Szondi: Einführung in die literarische Hermeneutik,
Frankfurt am Main 1975.
(3) Das Wort Synästhesie ist
abgeleitet von den altgriechischen Wörtern syn und aisthesis,
laut Duden die „Miterregung eines Sinnesorgans bei Reizung
eines anderen“. Synästhesie ist ein zusätzlicher
Kanal der Wahrnehmung.
Man schätzt, dass sich bei jedem 2000. Menschen die Sinne überschneiden:
Sie riechen, wenn sie etwas ansehen, oder sie hören, wenn
sie eigentlich sehen („Farbenhören“). Das
Wort Synästhesie ist abgeleitet von den altgriechischen
Wörtern syn und aisthesis, laut
Duden die „Miterregung eines Sinnesorgans bei Reizung eines
anderen“. Synästhesie ist ein zusätzlicher
Kanal der Wahrnehmung. Manche Synästhetiker können
Buchstaben fühlen, andere können Töne in bunten
Farben sehen. Die meisten sehen Texte und Zahlen in Farbe.
Manchen erscheint die zusätzliche Information wie auf
einem Bildschirm vor Augen, bei anderen findet sie im Kopf
statt. Besonders aufschlussreich ist der Fall des russischen
Komponisten Alexandr Skrjabin, der schon um die Jahrhundertwende
versuchte, seine synästhetischen Erfahrungen dem Publikum
zu vermitteln. Seine Symphonie „Prométhée“ enthält
eine Partitur für ein so genanntes Lichtklavier, das Töne
in Farben und Formen übersetzen sollte.
Das Gehirn bildet die Außenwelt nicht einfach ab, wie
das ein Fotoapparat oder ein Tonbandgerät tut. Es interpretiert
die Signale von außen und setzt daraus eine ganz persönliche
Welt zusammen. Aus den Signalen der Außenwelt wird also
eine Innenwelt geschaffen, und sehr oft haben beide Dinge nur
wenig miteinander zu tun. Unsere Nervenzellen erschaffen nicht
nur ein Abbild, sondern bewerten es auch. So kann das Bild
einer roten Rose unwillkürlich den Duft der Blume in uns
aufsteigen lassen, vielleicht auch die zärtliche Erinnerung
an eine große Liebe. All das geschieht, ohne dass davon
etwas in unser Bewusstsein dringt. Der amerikanische Neurophysiologe
Benjamin Libet fand heraus, dass das Bewusstsein etwa eine
halbe Sekunde hinter den Aktivitäten des Gehirns hinterherhinkt.
Wenn unser Bewusstsein glaubt, eine Entscheidung zu fällen,
hat unser Gehirn schon längst alle Informationen der Außenwelt
analysiert, bewertet und sich zurechtgelegt, was es mit
diesen Informationen anfangen will. All das, was wir davon
nicht merken sollen, wird vom Gehirn herausgefiltert.
Es kann sein, dass bei Synästhetikern die Informations-
und Wahrnehmungsfilter durchlässiger sind als bei der
Mehrzahl der Menschen. Doch diese These ist umstritten, die
Ergebnisse eines Tierexperiments scheinen sie jedoch eher zu
stützen: Werden Nervenbahnen nämlich in einer frühen
Entwicklungsphase falsch verschaltet, so kann ein Tier sogar
mit dem Hörzentrum des Gehirns sehen. Mriganka Sur und
seine Arbeitsgruppe vom MIT leiteten bei neugeborenen Frettchen
die vom Auge kommenden Nerven in das Hörzentrum um. Unter
dem Einfluss der vom Auge kommenden Reize bildeten sich Nervenzellen
aus, die in typischer Weise optische Eindrücke verarbeiten.
Allein
die Qualität des einlaufenden Signals, so folgern
die Forscher, entscheidet über die Funktion eines
speziellen Hirnteils.
Der britische Neurologe Simon Baron-Cohen
glaubt, dass im Gehirn von Synästhetikern eine ungewöhnliche
Verdrahtung existiert. www.quarks.de/hoeren/03.htm
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