Der ICE Bertolt Brecht hält kurz in Augsburg

Der 50. Todestag Bertolt Brechts ist Anlass für ein großes Lyrik-Festival in seiner Geburtsstadt Augsburg

Von Gerald Fiebig

    • Erstaunliches Fazit: Politische Lyrik ist vielleicht aktueller denn je
    • Koordination zwischen Festival und sonstigem Augsburger Kulturleben muss verbessert werden
    • Stadt bezahlt Basisarbeit, die bereits kostenlos stattfindet

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http://www.abc-festival.de/index.php?view=artist&command=getartist&id=61

Die Stadt Augsburg ehrt die Dramatikerin Dea Loher in diesem Jahr mit dem Bertolt-Brecht-Preis. Die Begründung der Jury macht Lust, sich mit den Theaterstücken und der Prosa der Förstertochter aus Traunstein, die jetzt selbstverständlich in Berlin lebt, zu befassen:

»Dea Loher ist die Autorin einiger der bedeutendsten Arbeiten der deutschsprachigen Theaterliteratur der vergangenen Jahrzehnte. Mit Stücken wie „Leviathan“, „Adam Geist“, „Klaras Verhältnisse“ oder „Unschuld“ hat sie sich nicht nur als eine Meisterin der deutschen Sprache erwiesen, sondern zudem als eine dezidiert politische Autorin, die zentrale Fragen unserer Zeit mit den Mitteln des Dramas in aller Schärfe formuliert, aber vorschnelle oder ideologische Antworten auf diese Fragen beharrlich verweigert. Sie verfügt über die erstaunliche Fähigkeit, unsere komplexe Gesellschaft, die sich mehr und mehr der literarischen Darstellbarkeit zu entziehen scheint, trotz allem präzise zu porträtieren. Ihre Stück sind auf der Höhe des theoretischen Reflektionsniveaus der Gegenwart, aber zugleich von großer Sinnlichkeit und Emotionalität.

Dea Loher ist, wie Brecht, eine entschlossene Aufklärerin, die sich der Grenzen der Aufklärung jederzeit bewusst bleibt, sie ist eine Poetin des Theaters, die Bilder von großer Schönheit und zugleich erschütternder Genauigkeit entwirft, sie ist eine Virtuosin der dramatischen Formensprache mit einem wachen Blick für die Tragödien unserer Epoche, und vor allem ist sie eine Kennerin der Antriebe und Abgründe der menschlichen Seele, die ebenso anrührende wie einprägsame Theatercharaktere auf die Bühne zu stellen vermag.«

In ihrer Rede beim Festakt …

(die wir sobald wie möglich zur Verfügung stellen) sprach die diesjährige Brecht-Preisträgerin Dea Loher im Augsburger Rathaus eindrücklich über Afghanistan, wo sie im Auftrag des Goethe-Instituts am Aufbau einer Theaterszene arbeitet. Nicht zu vergessen ist, dass Deutschland eine der größten militärischen Besatzungsmächte der NATO in Afghanistan darstellt. Zum 1. Juni hat die Bundeswehr den Oberbefehl über die ISAF-Nord-Streitkräfte übernommen. Das Goethe-Institut ist in solchen Ländern grundsätzlich Propaganda-Instrument des Auswärtigen Amtes und soll im Falle Afghanistan die mit der deutschen Besatzung verfolgten politischen und militärischen Ziele kulturell absichern. Ob Dea Loher neben einer Kritik der schrecklichen Verhältnisse in Afghanistan auch eine Kritik der militärischen Besatzung übte, wissen wir (noch) nicht. Normalerweise würde so was ihr Engagement beim Goethe-Institut beenden oder zumindest gefährden. Jedenfalls war der Theatersommer Kabul 2005, den Dea Loher mitgestaltete, nicht nur von der Kulturstiftung der BRD an der Kabuler Universität organisiert und finanziert, sondern auch vom British Council, French Culture Centre und der U.S. Botschaft. Damit wären die truppenstärksten Besatzungsmächte am Kabuler Theatersommer beteiligt gewesen. Trotz dieses Vorbehalts kann es sich dort um interessante Theaterprojekte und Kooperationen handeln.

 

Nicht nur Schriftsteller wie Gerald Fiebig haben Kritik, …

auch der künstlerische Leiter des Brecht-Festivals Albert Ostermaier muss feststellen: „Dass von den Kommunalpolitikern nur einige da waren, finde ich ehrlich gesagt unmöglich. Da schuftet man, um so ein Festival zu realisieren für die Stadt, und dann zeigt die Politik so wenig Interesse. Das ist auch instinktlos, denn die vielen Künstler und Journalisten, die jetzt in Augsburg waren, die transportieren doch so einen Eindruck nach draußen.“ (aus einem Interview der Augsburger Allgemeinen mit Albert Ostermaier am Tag nach dem Festival »»)

 

Am Augsburger Brecht-Festival nahm auch der linke Schriftsteller António Lobo Antunes teil,

der als einer der bedeutendsten Schriftsteller Portugals gilt und mehrfach für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen wurde. Er schrieb an das Augsburger Festival, das er wegen Krankheit nicht eröffnen konnte, einen Brief:

„[…] Was Brecht betrifft, so sind meine Gefühle widersprüchlich. Er war während der Diktatur verboten und ich habe ihn mit 14 oder 15 Jahren in halb klandestinen französischen Übersetzungen gelesen, und selbstverständlich war das Kind, das ich damals war, begeistert von der Lyrik und dem Theater, von dem es damals erfuhr. Darin war von Dingen die Rede, deren Veröffentlichung die Zensur verbot, und ich war gebannt und begeistert.

Ich bin ihm dann erst wieder nach der Revolution begegnet, als die Kommunistische Partei die Kunstszene beherrschte, und es war dies eine geballte Begegnung. Es gab kein Theater, das ihn nicht in einer aggressiven Weise aufführte, die mich abstieß. Seine Stücke kamen mir einfältig vor, weit entfernt von der Subtilität und der Zurückhaltung meines geliebten Tschechow. Brecht wurde übrigens nicht aufgeführt: er wurde gebrüllt, geschleudert, geschmettert, uns allen in einer Abfolge proletarischer Backpfeifen ins Gesicht gepfeffert.

Ich habe ihn wieder gelesen und lange gebraucht, um zu begreifen, dass viele seiner Arbeiten aus mehr bestanden als nur aus Ingrimm und Lärm. Später erfuhr ich einiges über den Mann, dessen Persönlichkeit mir nicht gefiel, und obwohl dies nichts mit der Wertung seines Werkes zu tun hat, färbte es dennoch darauf ab. Er reicht in seiner Lyrik nicht an Benn heran und erreicht in seinem Theater nicht die gepeinigte, geniale Menschlichkeit O‘Neills, dennoch handelt es sich bei Brecht um einen wichtigen Schriftsteller, der herausragende technische Innovationen beisteuerte und dessen Stimme mehr ist als jene kriegerischen Übertreibungen, die ich hier bei seinen aufgeführten Stücken erlebt habe.

Dieses Festival wird ihm gewiss gerecht werden. Es ist ein wichtiges kulturelles Ereignis in einer Zeit, in der die Kultur wenn nicht gar ignoriert, so doch fast immer Anlass für herablassende Wertschätzung und wenig mehr ist. […]“

 

Feridun Zaimoglu, deutschsprachiger, inzwischen prominenter Autor,

der auch im Bereich der Kunst und (Migrations-)Politik was zu sagen hat:

„Brecht hat kurz und knapp gedichtet, man kann ihm folgen. Doch das Sozialbiedere stößt ab. Der Dichter im Dienst einer Weltkennzeichnungsidee langweilt.“ (geäußert gegenüber der AZ während des Festivals)

 

Der Pfarrer der Barfüßerkirche, …

wo Brecht getauft wurde, erkennt „Schnittmengen“ mit Berthold Brecht.

 

Brecht
Verlorener Sohn

Am 14. August ist er fünfzig Jahre tot, jetzt läßt er sich leichter lieben. Die Reclamheftchen bleiben ja sonnengelb, und die Erinnerung an die verbissene Verehrung stramm kritischer Deutschlehrer färbt sich schon rosa.

Sogar den spröden Bert Brecht kann Party-Deutschland mittlerweile richtig feiern, den Anfang machte ausgerechnet Augsburg, das es traditionell eher schwer hat mit seinem Sohn BB. "Meine Eltern sind Schwarzwälder", pflegte der bockig zu erklären, um dann erst ins rivalisierende München umzusiedeln und schließlich Ost-Berliner zu werden. […] Die Welt 20.7.2006

 

Im Dickicht der Kleinstädte
Augsburg feiert Brecht

Ich sah Brecht in einem Weißweinglas schwimmen, das Glas war aus Plastik, und der Tisch, auf dem das Glas stand, war auch aus Plastik, und Brecht, das können Sie mir glauben, war blau und ungeheuer unten. Er hielt sich mit einer Hand am Tisch fest, und mit der anderen Hand hielt er sein Glas, und als er trinken wollte, verschluckte er sich und hustete und sagte »Hallo aber« und lachte. Ich sah ihn also und sah ihn an und dachte, so schaut ein unglücklicher Mann aus, der gern glücklich wäre.

Ich sah ihn noch oft an diesem Wochenende, den Schreiber, den Egomanen, den Ich-Schepperer und Lebenslaufburschen, sah ihn reden und schweigen, sah ihn romantisch glotzen und ein paar Wahrheitsparolen grölen, sah ihn traurig und gemein, diesen Brecht, der so tot ist, dass sie es noch einmal versuchen wollten, in der Stadt Augsburg, wo sie ihn nie geliebt haben und deshalb mit einem Festival feiern. Brecht lebt, haben sie gesagt. Und fast hätte ich es geglaubt. […] DIE ZEIT, 20.07.2006

 

Action mit Brecht
VON FRANZ DOBLER

Der Dichter Bertolt Brecht wurde in seiner Geburtsstadt Augsburg viele Jahre nicht sehr geschätzt, der Kerl war ja ein Kommunist. Spätestens seit seinem 100. Geburtstag 1998 ist die Stadt jedoch schwer in ihren berühmtesten Sohn verknallt. Der Tourismusfaktor wurde erkannt, und Dr. Edmund Stoiber hielt eine glorreiche Rede, begeistert vom wilden, jungen Poeten und Dramatiker Brecht. Da konnte man sich fragen, warum man den Kram jemals gemocht oder irgendwie falsch gelesen hatte.

Beim großen Lyriker Bert Papenfuß aus Berlin war es genau andersrum. Als er in der DDR 1981 mit seiner Punkband in einer Kirche spielte, drehte der Pfarrer nur deshalb durch, weil sie ein Brecht-Gedicht vortrugen, "und erst ab da fing ich an Brecht zu mögen", erzählte Papenfuß und las dann sein Gedicht "Brief an Brecht", das so anfängt: "Du warst nunmal ein privilegiertes Arschloch..." Das Festival "abc: Augsburg Brecht Connected" war von einem schönen Willen zur Action geprägt, und der Programmpunkt "Brecht und das ABC von BRD und DDR" versprach viel: Der anarchistische Dichter-Aktivist Papenfuß traf auf den mit der Yuppie-Dichter-Fibel Tristesse Royal bekannt gewordenen Eckart Nickel. Dessen Beitrag verteidigte die Deutschlandhymne gegen den Vorschlag, sie jetzt mal durch Brechts "Kinderlied" zu ersetzen. Alle möglichen Boxkämpfe wurden jedoch von dem bildungshuberischen Moderator Gustav Seibt verhindert. Klarer Fall von Fehlbesetzung. […]

Ganz anders der Ansatz der deutsch-japanischen Band Shinto. Sänger Tokujiro hämmerte Brecht-Zitate in seine Texte rein, durchschossen von Platzgumers Gitarrenattacken. Da war er plötzlich, der fast vergessene, böse Brecht, der Brecht, von dem die Herrschaften nichts mehr wissen wollen, der Typ, der dich anstiften will, Dr. Stoibers Reihenhaus in die Luft zu jagen. […] Frankfurter Rundschau 17.07.2006


   
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