Kundgebung der „Besorgten Eltern“ am 17. Januar, Teil 1

Herabwürdigung sexueller Vielfalt, Diffamierung des Erziehungspersonals

Berufung auf ein ominöses Netzwerk. Besitzanspruch auf die Kinder. Tendenzielle Verweigerung elementarer Menschenrechte aus der UN-Kinderrechtskonvention

zur Druckversion  


Die Kundgebung der „Besorgten Eltern“ am 17. Januar auf dem Rathausplatz gab ein eher klägliches Bild ab. Mit etwas über 50 Teilnehmern waren es deutlich weniger als noch im Oktober und die geplante Demonstration fiel aus. Zwischen 80 und 100 Gegendemonstranten brachten mit Transparenten und Sprechchören ihren Protest gegen die reaktionäre Ideologie der „Besorgten Eltern“ zum Ausdruck. Die Augsburger Allgemeine sorgte in einer ausgewogenen Berichterstattung dafür, dass auch dieser Protest zum Ausdruck kam: „»Wir sind besorgt über die besorgten Eltern«, sagte am Rand der Veranstaltung Jessica Heckler. Mit ihrer viermonatigen Tochter und Freunden war sie gekommen, um die Gruppierung live zu erleben. »Ich finde es ekelhaft, was hier abgeht und möchte nicht, dass meine Tochter mit solchem homophoben Gedankengut in Kontakt kommt.«“[1]

Stadtrat Juri Heiser (CSU), der beim letzten Mal noch zugesagt hatte, das Anliegen der „Besorgten Eltern“ zu unterstützen, kam nicht. Er wird wohl im Stadtrat etwas zu erklären haben, nachdem die Augsburger Allgemeine ihn zweimal mit seiner Unterstützung der „Besorgten Eltern“ konfrontierte.[2] Auch Cheforganisator Matthias Ebert aus Nordrhein-Westfalen kam diesmal nicht. Er hatte wohl alle Hände voll zu tun, den Aufmarsch am 24. Januar in Hamburg vorzubereiten, der dann eher zum Fiasko wurde.[3] „Sie leben in Großfamilien und haben immense Probleme mit dem Nachwuchs“ – heißt es in einer Studie über die Russlanddeutschen.[4] Auch dieser These wollen wir nachgehen, um vielleicht herauszufinden, was die „Besorgten Eltern“ tatsächlich umtreibt. Neben echten Besorgnissen sind es natürlich die freikirchlichen Pastoren und Einpeitscher, die die „Besorgten Eltern“ umtreiben. Hier führt die Spur bis zur Embassy of God in Kiew…

Julija Renner agitiert.

Herabwürdigung sexueller Vielfalt, Diffamierung des Erziehungspersonals

Der Organisator der Kundgebung der „Besorgten Eltern“ am 17. Januar auf dem Rathausplatz, Wadim Renner, und seine Tochter Julija Renner dröhnten mit einer überlauten Verstärkeranlage, was das Zeug hielt. So richtig Stimmung kam aber nicht auf und die Teilnehmer blieben unter sich. Passanten schlossen sich nicht an, sie gingen kopfschüttelnd vorbei oder schlossen sich den Gegendemonstranten an. Die „Besorgten Eltern“ nebst einiger Kinder wurden wohl wie bei der vorangegangenen Aktion im Oktober hauptsächlich von ZION Evangeliums Christen gestellt.[5] Wir glauben auch, deren Pastor Ewald Fischer auf der jetzigen Kundgebung am 17. Januar erkannt zu haben. Die Tafeln mit dümmlichen Aufschriften wie „Wir Kinder sind gegen Sex!“ oder „Stop Sexunterricht Stop“ wurden den Teilnehmern gestellt und anschließend wieder eingesammelt.

Immer wieder wurde der Song „Wir sind stark im Netzwerk“[6] gedroschen und zum Mitsingen animiert. Im Gegensatz zu den Behauptungen von Wadim und Julija Renner, sie hätten nichts gegen Homosexuelle, wird in dem Propagandasong sexuelle Vielfalt als „Sauerei“ verunglimpft. Lehrer_innen und Erzieher_innen werden diffamiert, sie könnten es kaum erwarten, Kleinkinder sexuell zu missbrauchen. In der Grundschule würde die Sauerei weitergehen. Dem Erziehungspersonal wird mit Knast gedroht nach § 176 Sexueller Mißbrauch von Kindern. Die mächtigste Waffe der „Besorgten“ scheint aber das ominöse „Netzwerk“ zu sein. Wir zitieren aus dem Song, der eindeutig diffamiert und unterschwellig sogar droht:

Ich glaube, eine Sache müsstet ihr erst mal kapieren: „Wir sind stark im Netzwerk!“ … Es ist schon ziemlich krank, wenn man liest, was ihr so schreibt: dass Kinder sexuell sind und das schon im Mutterleib. … startet ihr so früh und könnte es kaum abwarten, sexuelle Spielchen bereits im Kindergarten. In der Grundschule geht's weiter und so bringt sie Ihnen bei: die sexuelle Vielfalt und so manches Sauerei. So langsam ist das Maß voll und uns platzt jetzt echt der Kragen. Ihr denkt, wir werden schwach. Hah, dazu kann ich nur sagen: „Wir sind stark im Netzwerk!“ …

Das deutsche Strafgesetzbuch sagt es klar in … Paragraf 176 im Abs. 4: Wer Kindern Porno gibt, zu sexueller Handlung führt, dem lediglich ein Platz im Knast für fünf Jahre gebührt. … Friedlich ohne Waffen rufen wir ins ganze Land „Wir sind stark im Netzwerk!“[7]

Raffiniert wird in dem Song an einer Stelle auch die Parole untergebracht „Wir sind das Volk!“ und damit die Bewegung der „Besorgten Eltern“ quasi PEGIDA-fähig gemacht.

Man muss sich darüber im Klaren sein, dass ein solcher Song sowohl vom Text als auch von der Musik her zentral produziert wurde. Eine solche professionelle Machart entsteht nicht einfach in der „Bewegung“, sondern wird von uns unbekannten Kräften mit Geldmitteln unbekannter Herkunft organisiert, um eine „Bewegung“ zu simulieren und anzufeuern.

Auch die immer wieder vor- und nachgebetete Parole „Sex mit sechs im Unterricht – das geht nicht!“ ist im Grunde reine Diffamierung des Schulunterrichts und des Lehrpersonals. Die „Besorgten Eltern“ sind also nicht so harmlos, wie sie sich gerne geben.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Beitrag von Augsburg TV. A.tv lässt einen Vertreter des bayerischen Kultusministeriums zu Wort kommen, der Tendenzen, die Kinder dem (Sexualkunde) Unterricht zu entziehen, deutlich entgegentritt:

Wie viel Aufklärung verträgt ein Kind? Eine schwierige Frage, auf die die Bewegung „Besorgte Eltern“ eine scheinbar klare Antwort hat: möglichst wenig und möglichst spät sollen Kinder ihrer Auffassung nach mit Sexualkunde konfrontiert werden, finden die Demonstranten, die sich am Samstag auf dem Augsburger Rathausplatz versammelt haben. Am liebsten würden sie ganz auf Sexualkundeunterricht verzichten. …

Der Forderung der „Besorgten Eltern“, Sexualkundeunterricht nur noch wahlweise anzubieten, wird das bayerische Kultusministerium aber wohl nicht so schnell nachgeben.

[Henning Gießen, bayrisches Kultusministerium, im Interview mit a.tv:] „Es ist einfach festgelegt, dass Familien- und Sexualerziehung eine staatliche Aufgabe ist, die aber in Zusammenarbeit mit den Eltern stattfindet. Und ich denke, das ist auch gut so, dass eben die Kinder ein Stück weit aus einer neutralen, objektiven Perspektive von Lehrkräften informiert werden über ganz grundlegende Zusammenhänge der Biologie.“ Ein Verzicht auf den Sexualkundeunterricht in Bayern ist deshalb nicht geplant – im Gegenteil. „Alters- und entwicklungsgemäße Darstellung des Themas Sexualkunde heißt eben auch, dass man auf den veränderten Kenntnisstand bei den Kindern und Jugendlichen reagiert und entsprechend deren Kenntnisse den Unterricht auch entsprechend anpasst. Aber d. h. natürlich trotzdem, dass auf die Schutzbedürfnisse der Kinder und Jugendlichen hier besonders Rücksicht genommen werden muss.“[8]

Schwer einzuschätzendes Netzwerk

Das „Netzwerk“, in dem sie sich stark fühlen, ist schwer einzuschätzen. Auf jeden Fall handelt es sich um das Netzwerk russlanddeutscher Aussiedler und Spätaussiedler, auch im Rahmen des Bundesverbandes der Vertriebenen (BdV). Daneben hat sich mit dem Bundesverbandes der Deutschen aus Russland ein neues Netzwerk gegründet, das mit der russlanddeutschen Landsmannschaft konkurriert und aus dem Bundesinnenministerium gefördert wird. An seiner Spitze steht der Augsburger Stadtrat Juri Heiser. Seine publizistische Plattform scheint das Informationsportal RusDeutsch zu sein und dies ist ein Projekt des „Internationalen Verbands der deutschen Kultur“ (IVDK) mit Sitz in Moskau.[9] Beim von den „Besorgten Eltern“ propagierten „Netzwerk“ handelt es sich sicher auch um das Netzwerk der deutschen evangelikalen Bewegung, die gerade durch Aussiedlergemeinden in den neunziger Jahren um 300.000 Gläubige verstärkt wurde und sprunghaft auf ca. 1.300.000 Evangelikale angestiegen ist.[10] Natürlich haben evangelikale Aussiedlergemeinden auch starke und vielfältige Verbindungen die ehemaligen GUS-Staaten. So hat der Augsburger Organisator Wadim Renner, obwohl er aus Kasachstan kommt, besondere Beziehungen zur Embassy of God mit Sitz in Kiew. Und die Embassy of God hat auch politische Bezüge … (mehr dazu später). Und selbstverständlich sind evangelikale Gemeinden Bestandteil der weltweiten evangelikalen Bewegung, der bis zu 420.000.000 evangelikale Christen angehören. Die evangelikale Bewegung zählt zu den weltweit am schnellsten wachsenden christlichen Bewegungen macht zur Zeit etwa 28 Prozent der organisierten Christen weltweit aus.[11]

Besitzanspruch auf die Kinder, tendenzielle Verweigerung elementarer Menschenrechte aus der UN-Kinderrechtskonvention

Neben der Hetze gegen sexuelle Vielfalt und der Diffamierung des Personals von Kindergärten und Schulen sowie der Berufung auf ein undurchsichtiges, ominöses Netzwerk fällt eines besonders auf. Es ist der Besitzanspruch der „Besorgten Eltern“ auf die Kinder, der in der Parole gipfelt: „Finger weg von unseren Kindern!“ Auch diese Parole ist eine Diffamierung moderner Pädagogik, unterstellt sie doch in ihrer sprachlichen Doppeldeutigkeit, dass die Kinder bei der Erziehung durch Familienfremde befingert, also tendenziell missbraucht werden. Aber auch im übertragenen Wortsinn – man möge die Kinder nicht mit moderner Pädagogik behelligen sie dem Einfluss der Familie überlassen – ist die Parole reaktionär. Die Kreise der „Besorgten Eltern“ wollen damit die Kinder vor öffentlichem Einfluss abschirmen und dem Einfluss der christlichen Familie unterwerfen. Die Parole „Finger weg von unseren Kindern!“ ist im Grunde sehr weitgehend. Tendenziell wendet sie sich auch gegen die allgemeine Schulpflicht.

Unter dem Vorwand „Kinder brauchen Liebe und keinen Sex“ werden den Kindern von „Besorgten Eltern“ elementare Menschenrechte tendenziell verweigert. Dazu zählt u. a. das Recht auf Information, auf Schule, auf Schutz vor Diskriminierung und Schutz vor sexuellen Missbrauch, wie sie in der UN-Kinderrechtskonvention festgehalten sind.[12] Wenn die „Besorgten Eltern“ schon mit dem Kadi drohen, seien sie daran erinnert, dass die UN-Kinderrechtskonvention im April 1992 auch in Deutschland in Kraft gesetzt wurde. Die Kinderrechtskonvention fordert nicht nur elementare Menschenrechte für Kinder, sondern ausdrücklich auch Schutzmaßnahmen zugunsten von Kindern, die sich in der Obhut von Eltern befinden. Ausdrücklich werden auch Gefahren benannt, die Kindern durch die Familie drohen.

In der Kinderrechtskonvention wird z. B. in Artikel 28 Recht auf Bildung; Schule; Berufsausbildung die Verwirklichung des Rechts des Kindes auf Bildung insbesondere mit dem Besuch der Grundschule und weiterführender Schulen verbunden. Ausdrücklich wird von den Staaten verlangt, „Maßnahmen [zu] treffen, die den regelmäßigen Schulbesuch fördern und den Anteil derjenigen, welche die Schule vorzeitig verlassen, verringern“. Dies richtet sich auch gegen den Anspruch der „Besorgten Eltern“, ihre Kinder jederzeit aus dem Schulunterricht herausnehmen zu können.

In Artikel 29 Bildungsziele; Bildungseinrichtungen wird verlangt, „das Kind auf ein verantwortungsbewusstes Leben in einer freien Gesellschaft im Geist der Verständigung, des Friedens, der Toleranz, der Gleichberechtigung der Geschlechter … vorzubereiten“.

In der Erläuterung zu Artikel 19 Schutz vor Gewaltanwendung, Misshandlung, Verwahrlosung heißt es in der UN-Kinderrechtskonvention:

Die Vertragsstaaten müssen nach Absatz 1 Schutzmaßnahmen zugunsten von Kindern treffen, die sich in der Obhut von Eltern oder anderen Sorgeberechtigten befinden. …

Zudem genießen Kinder und Jugendliche gegenüber den Gefahren, die ihnen durch die Familie drohen, einen besonderen Schutz durch das Strafrecht. Zu nennen sind hier als einschlägige Strafvorschriften besonders § 223 b (Misshandlung Schutzbefohlener), § 170 d (Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht), § 174 (Sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen), § 177 (Vergewaltigung), § 178 (Sexuelle Nötigung), § 179 (Sexueller Missbrauch Widerstandsunfähiger) und § 180 a Abs. 4 StGB (Förderung der Prostitution bei Personen unter 21 Jahren).

Der tatsächliche, massenhafte Missbrauch von Kindern scheint die „Besorgten Eltern“ kalt zu lassen

Der absolute Verfügungs- und Erziehungsanspruch der „Besorgten Eltern“ auf und für ihre Kinder ist reaktionär und illegal. Gerade zu pervers wird es, wenn die „Besorgten Eltern“ ihren Kindern die Sexualaufklärung in öffentlichen Einrichtungen verweigern wollen und darin die Hauptgefahr für ihre Kinder sehen. Gerade jetzt wurden in den Medien wieder Statistiken genannt, dass der sexuelle Missbrauch von Kindern in die 100.000 geht. Bezeichnend ist, dass solche Fakten von den „Besorgten Eltern“ gar nicht skandalisiert, ja nicht einmal thematisiert werden. Das Schweigen der „Besorgten Eltern“ gegenüber solchen besorgniserregenden und empörenden Statistiken über den Missbrauch von Kindern ist entlarvend. Es geht Ihnen nämlich gar nicht um Kinderrechte und den Schutz der Kinder. Denn gerade Aufklärung und umfassende Sexualerziehung würden die Selbstbestimmung der Kinder und ihren Schutz vor sexuellem Missbrauch fördern.

Nach der Aufdeckung von flächendeckendem sexuellen Missbrauch von Kindern sagt der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung Johannes-Wilhelm Rörig gegenüber der Welt:

„Die Lawine von Betroffenheitsberichten hat Deutschland tief geschockt und berührt und auch Konsequenzen nach sich gezogen“, sagt er. Die Sensibilität in Kitas, Schulen, Kirchengemeinden und Sportvereinen sei gewachsen, ein Fonds sei aufgelegt, Verjährungsfristen verlängert und nach dem Fall Edathy auch „endlich das Strafrecht verschärft“ worden.

Doch das dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Schutz von Kindern vor sexueller Gewalt noch immer nicht gelebter Alltag sei. Nur wenige Einrichtungen hätten umfassende Schutzkonzepte, nur wenige Eltern wüssten, welche Gefahren sie sich mit den digitalen Medien ins Haus holen, spezialisierte Beratungsstellen und Therapieplätze seien immer noch Mangelware. Seine bittere Forderung: „Missbrauch darf nicht länger zum Grundrisiko einer Kindheit gehören.“

Vehement kämpft Rörig deshalb auch für die unabhängige Aufarbeitungskommission.[13]

Das sind harte Aussagen: Missbrauch gehört immer noch zum Grundrisiko einer Kindheit in Deutschland! Und das sagt nicht irgend jemand, sondern der Beauftragte der Bundesregierung. Man sollte meinen, solche Verhältnisse würden die „Besorgten Eltern“ massiv auf den Plan rufen. Aber nichts dergleichen!

Den „Besorgten Eltern“ geht es offensichtlich nur um zwei Dinge: Erstens um die Aufrechterhaltung fundamental-christlicher Wertvorstellungen und eines reaktionären Familien- und Geschlechterbildes. Zweitens um die absolute Verfügungsgewalt über ihre Kinder, damit diese keinen Ausbruch aus der freikirchlichen Doktrin und Lebensweise wagen und den so orientierten Familienverbund nicht infrage stellen.

Insofern haben die Gegendemonstranten die „Besorgten Eltern“ kalt erwischt mit ihrer Parole „Eure Kinder werden so wie wir!“. Dieser Spruch klingt eigentlich harmlos, muss aber für das Klientel der „Besorgten Eltern“ der wahre Horror sein. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Homepage „Besorgte Kinder | ‚Besorgte Eltern‘…? Wir machen uns Sorgen!“.[14]

Die Aufmärsche der „Besorgten Eltern“, die ja meist von irgendeiner evangelikalen Familie am Ort oder einer familiären hauskirchlichen Gemeinschaft organisiert werden, drücken im Grunde Panik aus. Panik extrem konservativer (Groß-)Familien, deren Heimat und Tradition irgendwo in fernen russischen Landen liegen, Angst um den Bestand dieser Traditionen in einer Umwelt, mit der sie oft sprachlich oder kulturell nicht klarkommen, Panik wegen immenser Probleme mit dem Nachwuchs.[15] Suchtprobleme scheinen hier eine sehr große Rolle zu spielen, aber auch die „Gefahr“, dass die Kinder den Sprung in ein moderneres Leben schaffen, andere Beziehungen aufbauen und modernere Ansichten entwickeln und damit zu einer existenziellen „Bedrohung“ für den traditionellen Familienverbund werden oder diesen verlassen.

Es verwundert nicht, dass die sozialen Aktivitäten der Freikirchen gerade auch der Aussiedler Suchthilfe und Suchtprävention in den Mittelpunkt stellen. So auch die Embassy of God Wadim Renners oder die Augsburger ZION Evangeliums-Christen. Die ZION Evangeliums-Christen mit Sitz in Oberhausen, Grimmstraße, verweisen zum Beispiel auf ein ärztlich und psychologisch betreutes Wohngemeinschaftsprojekt in Untermauerbach bei Aichach, das sich Siegreich leben – Invictory nennt.[16] Das ganze Personal von der Pädagogin, dem Psychologen bis zum Mediziner und Mitarbeiter besteht aus russischen Migrant_innen.

Ausblick

Die Embassy of God, mit der Wadim Renner nachweislich verbunden ist, hat aber nicht nur religiöse und sozial-karitative Funktionen, sondern auch politische. Vielleicht nicht so sehr hier bei uns, aber in der Ukraine auf jeden Fall. Damit wollen wir uns nach Möglichkeit in Teil 3 dieser Artikelserie befassen.

Zunächst aber soll es um Aussiedler und Spätaussiedler, vor allem aus Russland, gehen und ihre Funktion sowohl in der früheren Heimat als auch in Deutschland. In Augsburg gibt es fast 24.000 „Russlanddeutsche“. Es soll sich um die höchste Konzentration in Deutschland handeln. Dies ist ein nicht zu unterschätzendes Potenzial, in dem nicht nur christliche Fundamentalisten wie Wadim Renner wildern wollen, sondern auch Parteien und Politiker verschiedenster Couleur. Und hier kommt Juri Heiser gleich mehrfach ins Spiel. Damit wollen wir uns im nächsten Artikel dieser Reihe (Teil 2) näher befassen.

Peter Feininger, 30.1.2015

zur Druckversion  

wird fortgesetzt

Teil 1–3 finden sich unter kultur & wissen/Religion und Weltanschauung http://www.forumaugsburg.de/s_6kultur/Religion/index.htm


1] AZ 19.1.2015

2] „80 ‚besorgte Eltern‘ protestierten gegen Sexualkunde-Unterricht“, Augsburger Allgemeine, 19-Jan-2016. [Online]. Verfügbar unter: http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/80-besorgte-Eltern-protestierten-gegen-Sexualkunde-Unterricht-id32690867.html „‚Besorgte Eltern‘ demonstrieren gegen Sexualkunde-Unterricht“, Augsburger Allgemeine, 16-Jan-2015. [Online]. Verfügbar unter: http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Besorgte-Eltern-demonstrieren-gegen-Sexualkunde-Unterricht-id32654642.html

3] „1000 Gegendemonstranten: ‚Besorgte Eltern‘ protestieren in der Hamburger Innenstadt gegen ‚Frühsexualisierung‘ in Schulen“. Hamburger Morgenpost, 24. Januar 2015. http://www.mopo.de/nachrichten/1000-gegendemonstranten--besorgte-eltern--protestieren-in-der-hamburger-innenstadt-gegen--fruehsexualisierung--in-schulen,5067140,29656682.html. „Hamburg zeigte ‚Besorgten Eltern‘ die Vielfalt des Regenbogens“. queer.de, 24. Januar 2015. http://www.queer.de/detail.php?article_id=23095.

4] E. von H. Hartfeld, „Hermann Hartfeld: Identität, Integration, Independenz: Die russlanddeutschen Gemeinden in Deutschland auf dem Weg der Selbstfindung“, 05-Dez-2011. [Online]. Verfügbar unter: http://hermannhartfeld.blogspot.de/2011/12/identitat-integration-independenz-die.html. [Zugegriffen: 24-Jan-2015].

5] „Herzlich willkommen! | Zion Gemeinde“. Zugegriffen 23. Januar 2015. http://www.zion-gemeinde.de/de. „ZION Evangeliums Christen“. Facebook. Zugegriffen 23. Januar 2015. https://www.facebook.com/zion.gemeinde.

6] „Besorgte-Eltern Demo 21.06. - Wir sind stark im Netzwerk“, 25. Juni 2014. https://www.youtube.com/watch?v=prtuC4M9-Ko&feature=youtube_gdata_player.

7] Ebd.

8] „Besorgte Eltern“. a.tv, 19. Januar 2015. http://www.augsburg.tv/mediathek/video/besorgte-eltern/.

10] „Die deutsche Evangelikale Bewegung, Prof. Dr. theol. Friedhelm Jung“. Zugegriffen 26. Januar 2015. http://www.evangelikale-bewegung.de/.

11] „Evangelikalismus“. Wikipedia, 14. Januar 2015. http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Evangelikalismus

12] „Übereinkommen über die Rechte des Kindes. VN-Kinderrechtskonvention im Wortlaut mit Materialien, am 5. April 1992 für Deutschland in Kraft getreten, Herausgaber: Bundesministeriun für Familie, Senioren, Frauen und Jugend“. Zugegriffen 26. Januar 2015. http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/user_upload/PDF-Dateien/Pakte_Konventionen/CRC/crc_de.pdf.

13] Menkens, Sabine. „Über dem Missbrauch liegt Mantel des Schweigens“. Welt Online, 27. Januar 2015. http://www.welt.de/politik/deutschland/article136805368/Ueber-dem-Missbrauch-liegt-Mantel-des-Schweigens.html.

14] „Besorgte Kinder | ‚Besorgte Eltern‘…? Wir machen uns Sorgen!“. Zugegriffen 27. Januar 2015. https://besorgte-kinder.net/.

15] 2.7 Sie leben in Großfamilien und haben nicht selten immense Probleme mit ihrem Nachwuchs

… Gleichzeitig aber ist die Erziehungsproblematik in Großfamilien nicht von der Hand zu weisen. Aus der Erfahrung in der eigenen Verwandtschaft kenne ich Beispiele von vernachlässigten Kindern, welche den Mangel an elterlicher Fürsorge durch eine Drogensucht mit letalen Folgen kompensierten. Ich stand an ihrem Grab, in der Tat: Es waren Kinder baptistischer Familien.

Andererseits ist es kein Geheimnis, dass russlanddeutsche Kinder an den deutschen Schulen nach wie vor einen Schulschock erleben. Die neue Heimat war und ist für die Kinder völlig fremd. Ihr Deutsch ist oft schlecht, und sie genieren sich, Deutsch zu sprechen. Die Kinder fühlen sich von Klassenkameraden verhöhnt, ausgegrenzt und als „russische Schweine tituliert“. Sie ziehen sich zurück und akkumulieren Minderwertigkeitskomplexe. Kein Wunder, dass auch hier der Drogenkonsum für sie eine Flucht aus der Realität darstellt. Sie wollten sich angenommen fühlen und sich integrieren, erfuhren aber eine gesellschaftliche Ausgrenzung. Das ist sicherlich eines der schlimmsten Gefühle, die ein Mensch je empfinden kann.

„Hermann Hartfeld: Identität, Integration, Independenz: Die russlanddeutschen Gemeinden in Deutschland auf dem Weg der Selbstfindung“, 5. Dezember 2011. http://hermannhartfeld.blogspot.de/2011/12/identitat-integration-independenz-die.html.

16] „In Victory“. Zugegriffen 23. Januar 2015. http://www.invictory.eu/de/.


   
nach oben