sans papiers

eine papierbreifiktion

 

Morgen

       sind wir

Vergangenheit.

Bratislav Rakić

 

1

ja: es war eine stadt in mitteleuropa.

sie hatten einen himmel aus blauem löschpapier

hinter die skyline gehängt,

damit man nicht merkte, dass alles nur auf dem papier existiert,

& als ich näher kam, wurde er von minute

zu minute dunkler, als breite sich ein wasserfleck aus

wie ein stein, der seine kreise in papier zieht,

anstatt es zu schneiden.

als ich die stadt erreichte, biss mir graupel ins gesicht,

mit fetzen der letzten morgenzeitung vermischt,

die mir ins gesicht wehten & meine augen erstickten:

EU STARTET INITIATIVE ZUR ENTSCHÄRFUNG DER KOSOVO-KRISE

& ich höre deine telefonstimme aus belgrad zwei abende vorher

mit musik aus dem wohnzimmer deiner schwester dahinter,

die nicht so klang, als würde bald in deiner nähe

eine bombe einschlagen,

& saß hier inmitten von dem, was sich für abendland hält

& westliche welt nennt oder gar freie,

im club der toten dichter & gehenkten toten,

& war so multikulturell,

dass ich deinen slibowitz aus dem whiskyglas trank,

& buchstabierte dir durchs telefon die deutschen untertitel

für deine visitenkarte, die lesbar sein soll

an beiden enden der westlichen welt:

am rand & in der mitte.

 

2

zeitungen auf deutsch & deine faxnummer in zwei sprachen

an allen rändern der westlichen welt: aus papier.

an allen wänden aus restlichem geld fängt es feuer.

im asylantencontainer in deutschland genauso

wie in den häusern der albaner in restjugoslawien: papier.

der stoff, aus dem die staatsverträge sind

& die diplomatischen depeschen

die neue grenzverläufe anerkennen

& asylgesuche ablehnen.

die arbeitserlaubnisse manchmal erteilen

& aufenthaltsgenehmigungen entziehen.

KINKEL WILL DRUCK AUF JUGOSLAWISCHEN PRÄSIDENTEN MILOŠEVIĆ VERSTÄRKEN,

nachdem letztes mal das protokoll in flammen aufging,

als der beitrittsvertrag der DDR den dichterfürsten des balkans

dabei half, aus ihrer welt eine altpapiercollage zu rupfen:

pflugscharen zu schwertern, papierbrei

zu werkausgaben.

 

3

wenn wir sprechen, können wir

das papier nicht verlassen: was,

wenn die telefonrechnung deiner schwester in belgrad

die letzte vor dem ersten bombenangriff ist.

& der notizblock der kellnerin in augsburg

holt uns ein, noch bevor der wein alle ist.

doch die chlorgebleichten knochen der analphabetischen toten

reden zu mir aus den wahlplakaten in kyrillisch & diesem sogenannten latein,

mit dem sie hier längst schon am ende sind.

 

westliche welt, halt den rand.

was hast du uns jemals geboten außer einer dritten person

in sammellagerbegriffen:

/der eingeborene/, /der feind/, /der jude/, /der gastarbeiter/, /der asylant/

an & für sich & vor allem für /den/ echten patrioten,

den es westlich von wladiwostok überall gibt.

& zwar immer in diesem kollektivsingular,

in diesem naziplural.

 

4

wir können das papier nicht verlassen.

aber mach, dass die westliche welt ihren rand hält

& all ihre marionettenstaaten, von psychiatern regiert,

die morden mit der kaltblütigkeit von bauchrednerpuppen,

gut versteckt in der dritten person.

nimm den brief an die familie & das telegramm aus der heimat

& die kyrillischen umschreibungen deutscher tiefkühlprodukte

auf allen einkaufs- & votivzetteln aus allen kirchen

jeder konfession & allen schlaflosen nächten

& die worte des mannes, den wir trafen im krieg ’94 in mitteleuropa,

der nicht wissen wollte, ob er serbe oder bosnier oder was immer war.

der sagte: ich hielt mich immer für einen jugoslawen in deutschland.

was soll mir das alles, wovon die jetzt reden?

 

nimm all das & mach es zu kalligraphien

in den farben von flüssen, hölzern & moosen.

lass sie einwachsen in die landschaften & zwischen dem westen

& dem schwarzen meer alle grenzen zuwuchern.

& dann mag das papier mit den staatsverträgen verfaulen

& die leiber der mörder werden zu humus,

gewickelt in ihre dekrete, die damit getilgt sind.

lass die buchstaben zu ameisen werden, die wandern

über unsere atmende haut

diesseits des verschrifteten pergaments.

 

5

na ja: die westliche welt hat den rand

doch schon immer gehalten: der kopf von ohm krüger in gold,

ein beliebtes anlageobjekt aus dem land der apartheid.

schwarz auf weiß eingetragen in die landschaft: hier musst du daheim sein.

/homeland/ heißt das stück erde, auf dem man zu sterben hat.

(das ist dann, küss die handke, /authentisch/.

auch wenn es standrechtlich ist.)

danach wird fast immer ein papier ausgefertigt.

das unterscheide uns von den /schriftlosen völkern/,

die westliche von der restlichen welt.

auf dem balkan hat jetzt jeder staat seine eigene währung:

jedem sein ethnisch gesäuberter krügerrand.

für den anfang tut’s dafür auch papiergeld.

für papiergeld konnten sich 1991 die landlos gewordenen bürger

der republik jugoslawien im ausland

bei den botschaften der nachfolgestaaten neue ausweise kaufen:

wir nehmen ihre gebrauchte geburtsurkunde in zahlung.

wünschenswert deutlich: in /wahrheit/

ist /identität/ nur eine frage des geldes.

& /wahrheit/ ist es selbstredend, selbstschreibend auch.

schriftlich die wahrheit über die wahrhaftigkeit

der beschriebenen papiere zu papier bringen wollen, ist sinnlos.

die binsenwahrheit des papiers ist, dass man geld daraus macht.

aus diesem dickicht kommt man nur raus,

wenn man die scheine zu papierbrei verkocht,

um aus diesem unbeschriebene blätter zu machen,

räume für die möglichkeit anderer welten aus text.

 

6

& warum nicht bücher machen? warum

das büchermachen den dichtern & henkern

& ihren arbeitgebern überlassen?

wer hat uns denn das /homeland/ definiert als ein stück blutige erde,

als /blut & boden/, /feld der ehre/, /amselfeld/?

das sind doch nur geschichten, in schulbüchern gelesen,

geschichten aus dem täglichen totschlag.

das sind geschichten aus büchern, die du nicht ausbrennen kannst

aus köpfen, sondern nur zu korrigieren versuchen mit anderen büchern.

&  »jeder von uns ist ein buch«, sagte mir ein mann aus der türkei,

der in deutschland lebt, über sich & all jene, deren zunge

sich vom papier der grundbücher gelöst hat.

 

& warum nicht bücher machen?

oder flugzettel verteilen & das so verdiente geld

der schwester schicken, die ihre wohnung verlor,

weil sie den sohn nicht zur serbischen armee lassen wollte,

um auf kroaten zu schießen. (sein vater, ihr mann, war selbst kroate.)

& das restliche geld in neue flugzettel stecken,

in kopierkosten, papier & druckfarbe,

in zeitschriften, bücher & briefe,

in schriften, die nicht machtworte sind, sondern text.

 

danke, bratislav, für den honig, den tee, den rahm & die texte.

für die stunden in den labyrinthen jenseits der lexika.

für das begreifen, was es bedeutet, wenn die stimme im innern

der wörter, die wörterflucht vor der flammenschrift

kein luxus mehr ist, sondern etwas, das sein muss,

etwas, das keinen goldschnitt trägt,

etwas zwischen essen & trinken & atmen,

etwas, das so ist wie die liebe:

folgenlos & unzerstörbar, unwiderstehlich & flüchtig.

morgen sind wir vergangenheit, aber noch

hört man einen atem rauschen in deinen gedichten,

der das papier übertönt & seinen brand überdauert.

 

05. März 1998–02. Mai 2004

 

Gerald Fiebig