"An der Lärmkulisse erweist sich die Stadt"
Werkkreis-Autoren skizzieren experimentelles Live-Hörspiel zum Thema Industriekultur

Am 16. Juni 2004 fand im Garten des Architekturmuseums Schwaben in der Thelottstraße 11 eine Veranstaltung mit dem Werkkreis-Autor Ibrahim Kaya und seinem Kollegen Gerald Fiebig statt, der in der Augsburger Werkstatt mitarbeitet. Gerald Fiebig dokumentiert im Folgenden die Veranstaltung anhand von Auszügen aus dem Lesemanuskript der Autoren, das von den live gehörten Formulierungen lediglich an einigen Stellen geringfügig abweicht.

Die Veranstaltung fand statt im Rahmen der Veranstaltungsreihe Literaturlandschaften Schwabens, und so war es uns einerseits ein Anliegen, einen möglichst konkreten Bezug zum Veranstaltungsort herzustellen, andererseits wollten wir uns von einer affirmativen "Heimatliteratur" absetzen. Für meinen etwa 40-minütigen Lesebeitrag, mit dem die Veranstaltung begann, wählte ich daher Gedichte aus, die sich sehr konkret auf Augsburger Örtlichkeiten und Begebenheiten beziehen. Diese wurden eingebettet in Reflexionen zum Thema "Heimat", die Heimat nur als etwas Herzustellendes, nicht als etwas positiv Gegebenes darstellten:

"Heimat, sagt Ernst Bloch, ist das, was jedem in die Kindheit schien, was aber keiner je gesehen hat. Wenn dieser etwas dumpfbackige Satz stimmen soll, sagt Georg Seeßlen, dann müsse seine Heimat Entenhausen sein. Das habe er zwar noch nie gesehen, aber das habe ihm, durch die Lektüre von Donald-Duck-Comics, ganz massiv in die Kindheit geschienen.
Dadurch ist für mich der Satz von Bloch aber nicht widerlegt, im Gegenteil. Erst durch dieses Beispiel habe ich überhaupt verstanden, was er bedeuten könnte. Denn: Meine Heimat ist auch Entenhausen. Mit den Donald-Duck-Comics, die meine Mutter mir vorlas, habe ich lesen gelernt, indem ich die gehörten Wörter mit den gedruckten Wörtern in den übersichtlichen Sprechblasen verband."

Dass der Ort, an dem man zufällig lebt, stets der politischen Verbesserung bedarf, wurde sodann anhand der Stadtlandschaft Augsburg vorgeführt, indem sich die Schauplätze des Textes nach und nach vom Veranstaltungsort (unterhalb des Wittelsbacher Parks) weg verschoben - vom mit Hakenkreuz-Schmierereien verschandelten Rudolf-Diesel-Gedächtnishain im Wittelsbacher Park zur Kongresshalle, wo schon die Sudetendeutsche Landsmannschaft tagte, bis zu Renk und ins Univiertel: "Wenn ich mir das Leben meines Großvaters anschaue und womit Menschen heute hier ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, wenn ich nur hier den Hang hochgehe und ein paar hundert Meter die Straße hinunter zum Rüstungsbetrieb Renk also auch MAN oder ein paar Kilometer weiter zum Rüstungsbetrieb Messerschmitt, dem Lieferanten des Standardjägers der Naziluftwaffe auch wenn die Firma heute einen weltläufigeren Namen trägt , wenn ich mir anschaue, womit auch er und viele aus seiner Generation ihren Lebensunterhalt verdienen mussten, dann stelle ich mir vor, dass er sich manchmal gefragt haben muss: Wie können sie es wagen, mir, damit ich meine Frau und meine Kinder ernähren kann, Arbeit zu geben, bei der ich Waffen bauen muss, die letzten Endes immer Leute wie ich gegen andere einsetzen müssen und die am Ende Frauen wie meine und Kinder wie meine und Soldaten umbringen, wie ich selber einer war? Und ich stelle mir vor, dass er über die Selbsttitulierung Augsburgs als Friedensstadt bedächtig den Kopf geschüttelt hätte."

An dieser Stelle wurde die Lesung durch eine Klangeinspielung unterbrochen: Eine Collage aus Luftschutzsirenen und Zitaten aus den auf dieser Website publizierten kritischen Fragen des Forums zur Friedensstadt Augsburg. Solche selbstproduzierten Einspielungen aus irritierenden Geräuschen zogen sich durch meinen gesamten Lesebeitrag. Sie wurden auf der praktischen Ebene eingesetzt als akustische Akzente, um die Konzentration des Publikums wachzuhalten, doch sind (Stör-)Geräusche in diesem Zuammenhang auch interpretierbar als Symbole für die unschönen Informationen, die aus der "offiziellen" Sprache gerne verdrängt werden.

"Warum sind ein paar Kilometer von hier die Straßen nach Kampfpiloten des Kaisers und der Naziluftwaffe benannt, nach von Richthofen, Hermann Köhl und Josef Priller? Eine Friedensstadt Augsburg würde es verdienen, dass ihre Straßennamen nach Friedensfreunden benannt werden.
Warum nennt man den Alten Flugplatz "Univiertel" und nicht "Ehemaliges Bombertestgelände"? Eine Friedensstadt, die für eine friedliche Zukunft lernen will, darf ihre Augen vor solchen wunden Punkten nicht verschließen.
Warum führt man auf dem Schild der "Professor-Messerschmitt-Straße" [diesen] nur unter seinem Professorentitel und nicht auch unter seinen Rangbezeichnungen in der Nazihierarchie? Eine Friedensstadt, die mit diesem Namen Ernst macht, darf sich nicht von wirtschaftlichen Standortrücksichten erpressen lassen, weil Frieden, der nur konjunkturbedingt möglich ist, seinen ethischen Wert verliert.
Warum gibt es kein Zusatzschild zum Straßenschild, das ihn als einen der wichtigsten Konstrukteure von Nazi-Wunderwaffen ausweist? Einer Friedensstadt Augsburg stünde außerdem ein deutlich sichtbares Mahnmal für ihre Zwangsarbeiter gut zu Gesicht. [...] Warum hält irgendjemand das so genannte Univiertel mit dem Konzept einer Friedensstadt für vereinbar? Eine Friedensstadt erweist sich daran, dass über solche Fragen argumentativ, also eben geistig und gewaltlos, gestritten wird.
Warum spricht keiner davon?
[...]
weil meine großmütter auch in den spinnereien & webereien
an mechanischen webstühlen standen, von denen sich manchmal
die schiffchen lösten & wie projektile durch die fabrikhallen schossen
& arbeiterinnen töteten. die webstühle von jakob masterplan fugger
schafften das noch nicht, die webstühle von jakob masterplan fugger
waren noch nicht so schnell, aber jakob masterplan fugger
webte das netzwerk, das später die webstühle finanzierte,
in manchester, in lodz, das einst, wie W.G. sebald berichtet, polski manchester hieß,
in augsburg, das, wie das architekturmuseum berichtet, deutsches manchester hieß,
& das netzwerk besteht aus geld, das es nur auf dem papier gibt,
aber es ist straff wie ein drahtkorsett um unsere lungen,
ein drahtnetz in dem wir alle drinhängen"

Wenn die eingespielten Geräusche die Wiederkehr einer verdrängten Geschichte bedeuten, die auch mein Lesebeitrag durch solche der eigenen Familiengeschichte entlehnten Beispiele einer "Geschichte von unten" betrieb, so wurde am anderen Ende dieser symbolischen Achse im Verlauf des Textes die Musik angesiedelt, die sozusagen jenseits der Sprache einen utopischen Raum der Freiheit eröffnet:

"Kein Ort aber ist für so viele Menschen so gut, dass er ohne Veränderung auskäme. Jede Stadt bedarf der Verbesserung, jedes Land ständig neuer Ideen. Entenhausen verändert sich nie, deshalb habe ich es verlassen durch die Musik. Wenn man aus Entenhausen kommt, ist Augsburg Exil, aber Augsburg als Ort in der wirklichen Welt lohnt im Gegensatz zu Entenhausen den Versuch, es zu ändern. Wie jeder andere Ort auf der Welt mag es als Ausgangspunkt dienen für Prozesse, die den ständig erneuerten Entwurf von Utopie möglich machen. Denn Heimat ist nicht im Ansässigsein, in der Wurzel. Heimat ist im Vorfinden, Umdenken, Neuerfinden, Verändern und Werden. Heimat ist ein Ort, an dem man zu Architektur tanzen kann. Ein Ort, den es nicht gibt, der aber möglich werden muss. Und zwar für alle auf dieser seltsamen Erde."

Im ersten Teil der Lesung war anhand von Zitaten aus einem Text unseres in Augsburg lebenden Werkkreis-Kollegen Bratislav Rakic angeklungen, dass "Heimat" und Kapitalismus sich selten gut vertragen, weil Armut und Krieg allzuoft Migration und Flucht erzwingen. Im zweiten Teil versuchten Ibrahim Kaya und ich in unserem ganz persönlichen "interkulturellen Dialog" die Erinnerung an die Geschichten unterschiedlicher Kämpfe produktiv zu machen, die sich mit unserer unterschiedlichen Herkunft verbinden:

die generationen vor mir kämpften für eine welt
deren todessiegel nicht der hunger sein sollte
ich lebe nun in dieser welt
die aus sich gekommen ist
durch diese wünsche und diese taten der vergangenen generationen
wo wir uns befinden sollte ein pflock in den fluss der zeiten gerammt
werden den herauszureißen keiner kommen wird
dieses gefilde das wir durchströmen ist ein lichtloses tal
dessen sonne nie aufgehen wird
denn als wir uns eine neue zukunft suchten
lief alles formbare in ein fremdes bett
und überflutete die orte aus denen neue generationen wachsen sollten
stattdessen verdorren wir in einer wüste voller wasser
am ufer einer unermesslichen zukunft

Aus der lyrischen Verbindung dieser konkreten Erinnerung mit politischen und philosophischen Theorien versuchten wir eine poetische Verbindung herzustellen, die die utopische Hoffnung auf ein Jenseits des Kapitalismus offenhält. Wir taten dies anhand von Zitaten aus unserem gemeinsam verfassten Langgedicht zweistromland, das im Herbst 2004 in der Bielefelder Edition Blackbox erscheinen wird.

als mahnmal markierung für eine chronoarchäologische ausgrabung
die einen tunnel nach außen in die zukunft eröffnet,

wurde auch in diesem Teil der Veranstaltung eine von uns produzierte Geräuschcollage eingesetzt, die der etwa 25-minütigen Darbietung die Form eines Montagehörspiels gab, zu dem wir die Texte live einsprachen. Einen weiteren symbolischen Schritt über den reinen Text hinaus - und damit über die zu überwindenden Verhältnisse, die er beschreibt - machten wir mit einer kleinen Performance, die vor der Geräuschkulisse der Augsburger Bahnhofshalle (und der optischen Kulisse der ehemals großbürgerlichen Villa, in der sich das Architekturmuseum Schwaben befindet!) die Rituale entfremdeter Arbeit (z.B. der Pendler, die täglich diese Bahnhofshalle durchqueren) persiflierte: heute abend kam ich von der arbeit
war das meine arbeit aus der ich kam?
ich bog heute abend in eine straße ein
war dies die straße in die ich jeden abend abbiege?
heute abend ging ich in das haus
war das mein haus in das ich jeden abend gehe?
heute abend betrat ich wieder die wohnung
war es meine wohnung die ich jeden abend betrat?
heute abend sitze ich in der küche auf dem tisch ist der kopf eines schweins eines hahns und einer schlange
sind diese meine mitbewohner oder meine innereien die ich heute abend in einer wohnung finde in einem haus in einer straße die mir so unbekannt sind wie das schwein der hahn und die schlange denen sie jetzt fehlen