“An der Lärmkulisse erweist sich die Stadt”

Werkkreis-Autoren skizzieren experimentelles Live-Hörspiel zum Thema Industriekultur

Am 16. Juni 2004 fand im Garten des Architekturmuseums Schwaben in der Thelottstraßeeine Veranstaltung mit dem Werkkreis-Autor Ibrahim Kaya und seinem Kollegen Gerald Fiebig teil, der in der Augsburger Werkstatt mitarbeitet.

Mit der Lesung fand die Reihe „Literaturlandschaften in Bayern“ einen würdigen Abschluss am Ort. Mit 40 Teilnehmern war sie besser besucht als die Eröffnungsveranstaltung im Bürgerhaus, wo sieben eher prominente Autoren langweilten, darunter Leipprand und Dempf. Von derlei kleinbürgerlichen Fantasien, kindischen, frommen, dilettantischen oder aufgeblasenen Darbietungen wurde man im Garten des Architekturmuseums verschont.

In gewisser Weise war die Lesung eine Art Gegenveranstaltung zur üblichen apolitischen Duselei. Der Autor Gerald Fiebig stellt fest: „Die Veranstaltung fand statt im Rahmen der Veranstaltungsreihe Literaturlandschaften Schwabens, und so war es uns einerseits ein Anliegen, einen möglichst konkreten Bezug zum Veranstaltungsort herzustellen, andererseits wollten wir uns von einer affirmativen "Heimatliteratur" absetzen.“ – Es ist schon sehr selten in Augsburg, dass man wirklich gute Literatur hört, die den Alltag in der Stadt, die Arbeitswelt, die Migration, die Lokalgeschichte und Lokalpolitik nicht verharmlost oder ausklammert, sondern der nötigen, zum Teil gnadenlosen Kritik unterzieht. Hier Auszüge aus der Lesung, von den Autoren selbst ausgewählt »»

 Willy Messerschmitt (links) 1938 im Gespräch mit Generalfeldmarschall Erhard Milde (rechts) und Generaloberst  Ernst Udet (zweiter von links)

gerald fiebig 

wir sitzen hier bei messerschmitt
& keiner hat ein messer mit

Warum führt man auf dem Schild der „Professor-Messerschmitt-Straße“ nur unter seinem Professorentitel und nicht auch unter seinen Rangbezeichnungen in der Nazihierarchie? Eine Friedensstadt, die mit diesem Namen Ernst macht, darf sich nicht von wirtschaftlichen Standortrücksichten erpressen lassen, weil Frieden, der nur konjunkturbedingt möglich ist, seinen ethischen Wert verliert.
Warum gibt es kein Zusatzschild zum Straßenschild, das ihn als einen der wichtigsten Konstrukteure von Nazi-Wunderwaffen ausweist? Einer Friedensstadt Augsburg stünde außerdem ein deutlich sichtbares Mahnmal für ihre Zwangsarbeiter gut zu Gesicht.

sprechverbot in der versuchsabteilung.
seit damals jedes buch im spind,
jeder frontbrief: ein toter.
der volkssturm versickerte in flugbenzintanks.
die pilotenfische trieben bäuchlings am himmel.

(wir sitzen hier im abraum & reden
vom braunen potenzial der fabriken)

die bibliothek & die PROFESSOR-MESSERSCHMITT-STRASSE
folgen dem aufriss der hangars,
der bomberteststrecke.
blaues zucken hinter den fadenkreuzen der wände,
aug in auge mit dem sperrfeuer im fensterfrontabschnitt

(wir sitzen hier bei messerschmitt
& keiner hat ein messer mit)

in der NEUEN UNIVERSITÄT auf dem alten flugplatz.

Wenn ich mir das Leben meines Großvaters anschaue und womit Menschen heute hier ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, wenn ich nur hier den Hang hochgehe und ein paar hundert Meter die Straße hinunter zum Rüstungsbetrieb Renk – also auch MAN – oder ein paar Kilometer weiter zum Rüstungsbetrieb Messerschmitt, dem Lieferanten des Standardjägers der Naziluftwaffe – auch wenn die Firma heute einen weltläufigeren Namen trägt – , wenn ich mir anschaue, womit auch er und viele aus seiner Generation ihren Lebensunterhalt verdienen mussten, dann stelle ich mir vor, dass er sich manchmal gefragt haben muss: Wie können sie es wagen, mir, damit ich meine Frau und meine Kinder ernähren kann, Arbeit zu geben, bei der ich Waffen bauen muss, die letzten Endes immer Leute wie ich gegen andere einsetzen müssen und die am Ende Frauen wie meine und Kinder wie meine und Soldaten umbringen, wie ich selber einer war? Und ich stelle mir vor, dass er über die Selbsttitulierung Augsburgs als Friedensstadt bedächtig den Kopf geschüttelt hätte.


   
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