So weit mein Auge reicht

Jeden Tag begegne ich lebendigen Toten.
Überfluss lässt sie im Keim ersticken.
Kleider ummänteln Attrappen.
Sie funktionieren wie Maschinen.
Macht und Geld sind ihr Treibstoff.
Gesichter lachen Grimassen.

Jeden Tag sehe ich schmerzgepeinigte Menschen.
Ausgezehrte misshandelte Körper
betteln um Brot.
Vergewaltigte Kreaturen
schreien nach Gerechtigkeit,
suchen MENSCHEN.

Jeden Tag berichten Medien
von unmenschlichen Regimen,
politischen Gewaltverbrechern.
Werkzeuge sind Menschen gegen Menschen.
Sie säen Hass,
ernten Leichen,
hinterlassen ein Tal von Tränen.

Jeden Morgen weckt die aufgehende Sonne
ein Fünkchen Hoffnung in mir.
Ich flehe,
der Alltag sei nur ein Alptraum.
Und am Abend suche ich am Himmel
den Stern des Friedens vergebens.

Manchmal glaube ich,
ihn endlich entdeckt zu haben.
Möge ein Heer von Engeln ihn beschützen.
Doch grausame Realität verschließt meine Kehle
mit dem ehernen Ring der Angst,
da Hass und Vergeltungsdrang drohen,
aufkeimenden Frieden zu ersticken.

Menschen – ich bitte euch
Zündet ein ganzes Meer von Friedenssternen an,
dass es in den Herzen niemals dunkel wird.

Christine Gradl

 

Christine Gradl
geb. 1948 in Vilseck, schreibt Lyrik und Kurzprosa. Veröffentlichungen in Zeitschriften, Anthologien und Editionen. Fünf eigene Buchveröffentlichungen.