Das Geburtstagsgeschenk

Melek hat bald Geburtstag und ich überlege mir, was ich ihr zu ihrem Dreißigsten schenken soll: einen systematischen Englisch-Kompaktkurs, damit sie ihr Buch „Englisch in dreißig Tagen“ endlich zum Teufel jagt, bevor aus den dreißig Tagen dreißig Jahre werden und sie nach wie vor nicht mehr als den dämlichen Satz beherrscht: „I‘m fine, too. Thanks!“
Oder vielleicht eine Dostojewski-Erzählung, da sie seit neuestem immer wieder das Wort Literatur in den Mund nimmt und ich dabei ihren unbändigen Nachholbedarf in Sachen Bildung spüre. Oder vielleicht ... Oder ... Ich glaube, ich habe es: Ein Buch, aber es soll den Titel haben: „Wie Sie sich gegen dumme Sprüche subtil und treffend wehren“… oder Ähnliches … Ja, das ist die Idee!
Melek, was im Arabischen „Engel“ bedeutet, sieht ganz und gar nicht wie ein Engel aus. In Tunis geboren und in einem Milbertshofener Hinterhof in München aufgewachsen, spricht sie zwar ein „akzentfreies“ energisches Münchner Hochdeutsch, aber die großen schwarzen Augen, die dichte dunkelbraune Haarpracht und der pralle Hintern vertreiben jede engelhafte Impression und bestechen mit purer Exotik, die hier nie heimisch werden wird.
Dazu kommt noch ihr Ehename „Mohamed-Ali“, wie der Boxer. Sie dachte, dieser weltberühmte Prominentenname würde ihr das Leben leichter machen als ihr zweisilbiger Mädchenname, bis ihr Vorgesetzter sie unter schallendem Gelächter fragte: „Na, hoffentlich übt Ihr Schatzi regelmäßig zu Hause für seinen Weltmeistertitel … Hahaha … Aber wir merken an Ihnen nichts davon … Hahaha … keine blauen Flecken oder Ähnliches … Hahaha …“
Ja! Ein Buch, wie sie sich gegen derartige Sprüche wehren kann.
Tja, und schon habe ich gleichzeitig ein Thema für mein Buch. Unter uns, für meinen ersehnten Bestseller. Den hätte ich mir nicht gerade als Sachbuch vorgestellt. Aber ich glaube, mir kam gerade ein genialer Einfall. Eine Marktlücke, denn derartige Sachbücher, die speziellen Rat für die hierzulande lebenden Ausländer in der Gegenwart bieten, gibt es, soviel ich weiß, noch nicht. Ein Bestseller, sagte ich? Ja, statistisch gesehen, bestehen reale Chancen, denke ich.
Nun, das ist aber meine private Angelegenheit. Jetzt zurück zu Melek, die neuerdings tagtäglich mit ein und derselben Frage traktiert wird. Frau Mittermeier fragte sie, ob sie bereits zwei Pässe hätte und fügte, ohne auf ihre Antwort zu warten, hinzu, dass sie es „also net in Ordnung“ fände … „Nein, nein“, wiederholte die alternde allein stehende Sachbearbeitern mit Nachdruck und schien sich um Meleks Meinung im Grunde den Teufel zu scheren. „Nee…, ich finde es geradezu unverschämt, wenn du zwei Pässe hast und ich bloß einen!“
Melek fiel nichts ein, was sie hätte erwidern können. Die Kollegin würde in wenigen Tagen in Rente gehen. In diesem Moment erschien die Sekretärin des Abteilungsdirektors des renommierten Münchner Verlags, wo Melek das Glück hat, eine Bürotussi-Existenz führen zu können – trotz ihrer Kameltreiber-Herkunft. Diese verkündete den Tag und die Uhrzeit, wann die Ausstandsfeier für Frau Mittermeier stattfinden werde.
An jenem Tag versammelten sich alle Tussis im geräumigen, schicken Büro des Abteilungsdirektors. Die Sekretärin hatte alles bereits adrett auf einem runden Glastisch hergerichtet. Frau Mittermeier war verständlicherweise ein bisschen aufgeregt. Sie war es nicht gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen. Und der Direktor ließ, wie gewohnt, auf sich warten.
Endlich erschien er. „Unsere liebe Frau Mohamed-Ali!“, schrie er, als er Melek die Hand gab: ‚ja, wo bleibt denn Ihr Kopftuch?“
„Was für ein Kopftuch, bitte?“, hätte sie am liebsten zurückgeschrieen. Doch sie quälte sich ein Lächeln ab und stopfte sich sogleich ein paar Nüsse in den Mund. Ach, sie will keine Mimose sein … Spaß muss sein, hört sie die anderen oft sagen.
Es wurde mehrmals auf das Wohl der Frau Mittermeier angestoßen und irgendwann war wieder das verflixte Thema der Doppelpässe im Gespräch. Melek stopfte sich eine Handvoll Nüsse nach der anderen in den Mund um nichts zu sagen. Aber der Herr Direktor hatte schon rote Bäckchen. „Und unsere liebe Frau Mohamed-Ali hat uns noch keinen putzigen kleinen Atatürk geboren … Hahaha …“
Da schluckte sie die Nüsse unwillkürlich ungekaut herunter, um sprechen zu können: „Herr Direktor, machen Sie sich lustig über mich?“ Und nach einer Weile fügte sie hinzu: „Wenn Sie lachen möchten, dann könnten wir uns auch herrlich über Ihren Bierbauch amüsieren.“
Es wurde still. Sie hätte nie gedacht, dass sie eine solche Antwort hervorbringen könnte. War das passend?
Was war in diesem Raum überhaupt passend?
Zu ihrer Erleichterung antwortete er in seiner jovialen, unbekümmerten Art: „Entschuldigung, das war doch Spaß!“
Bravo, Melek! Bravo!
Dennoch werde ich dir zum Dreißigsten ein Buch zum Thema schenken, und was die geniale Idee für meinen geplanten Bestseller betrifft, bitte ich dich, liebe Leserin, lieber Leser, um absolute Diskretion.

aus "das kleine Dienstmädchen" von Kaouther Tabai


   
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