Wenn die Haifische lesen könnten

Herr K. ging in die Stadtbücherei, weil er erfahren hatte, dass bisher unbekannte Geschichten vom größten Dichtersohn seiner Stadt gefunden und veröffentlicht worden seien. Er fragte die Angestellte nach dem Standort des Buches.
„Bedaure“, sagte sie. „Die Stadtbücherei hat kein Geld, um neu erscheinende Bücher zu kaufen.“
„Wirklich bedauerlich“, sagte Herr K. „Wo stehen denn die anderen Werke des großen Dichters?“
„In dem Pappkarton unter dem Waschbecken der Herrentoilette, direkt neben dem Abgang zum Keller. – Wir haben keinen Platz mehr, um neue Regale aufzustellen“, entschuldigte sie sich auf Herrn K.s verwunderten Blick hin. „Bitte passen Sie auf, dass Sie die Bücher beim Entnehmen nicht nass machen“, rief sie Herrn K. hinterher, der sich auf den Weg zur Herrentoilette machte. Er war froh, dass die Bücher, die ihn gerade jetzt interessierten, auf der Herrentoilette standen, fragte sich aber insgeheim, ob das dem Verhältnis des großen Dichters zur Frauenwelt, das allgemein als gespannt galt, zuträglich sein würde. Als er das gesuchte Buch, vor dem Waschbecken kniend, aus dem feuchten Karton nestelte, gab er den bei Betreten der Stadtbücherei noch gehegten Plan auf, sich noch ein Buch der diesjährigen Literaturnobelpreisträgerin mitzunehmen. Wer wusste, wo sich das befinden mochte.
Herr K. nahm das Buch mit ins Lesecafé und machte es sich auf dem Betonboden gemütlich, direkt unter dem Schild: „Tische und Stühle mussten verkauft werden, um Zahlungsengpässe bei unseren Gehältern zu überbrücken. Wir bitten um Ihr Verständnis. Ihr Stadtbücherei-Team“.
Hungern kann ich überall, dachte Herr K., Hauptsache, ich habe etwas zu lesen. Erwartungsvoll schlug er das Buch auf: die berühmten Keuner-Geschichten vom nicht minder berühmten Brech.
Brech? Herr K. stutzte und suchte erneut die freundliche Angestellte auf.
„Im Namen des Dichters fehlt ein T.“ Er hielt es ihr unter die Nase. Berol Brech, stand auf dem Umschlag. „Oder vielmehr: Alle Ts“, korrigierte er sich.
Die Angestellte lächelte entschuldigend. „Ja, da haben wir leider einen kleinen Engpass. Das werden Sie auch noch bei anderen Büchern bemerken, bei Homas Mann oder Heodor Fonane beispielsweise, aber auch bei Goehe, Adalber Stifer und Rakl. Die Stadt musste doch alle ihre T-Aktien verkaufen, um ein großes Bauprojekt zu finanzieren. Na ja, und weil sie gar nicht so viele T-Aktien hatte, mussten eben wir ein paar Ts zugeben.“ Sie sah Herrn K. hilfesuchend an.
„Das nennt man dann wohl: von der Substanz zehren“, sagte dieser. „Handelt es sich bei diesem Bauprojekt denn wenigstens um den Neubau der Stadtbücherei?“
„Nein“, sagte die Bibliothekarin. „Um den zehnspurigen Ausbau der Stadtautobahn.“
Herr K. begab sich wieder ins Lesecafé. Am Wasserhahn an der Stelle, wo früher der Kaffeeautomat gestanden hatte, entnahm er eine Tasse lauwarmes Wasser und warf dafür 1 Euro in die Sammelbüchse für die Gehälter der Angestellten.
Da es wegen der über die Dächer führenden Brücke der achtspurigen Stadtautobahn zu dunkel zum Lesen war, drückte er den Lichtschalter. Der Raum blieb finster.
„Das Licht im Café geht nicht“, sagte Herr K., als er zum dritten Mal vor der geduldigen Büchereimitarbeiterin stand.
„Ich weiß“, sagte sie bedrückt. „Der zuständige Beamte hat beschlossen, dass wir Strom sparen müssen, damit unsere Stellen nicht gestrichen werden.“
Herr K. runzelte die Stirn. „Glaubt dieser Beamte denn, die Stadtbücherei wäre für diese Stadt entbehrlich?“
Die Bibliothekarin leckte sich nervös die Lippen, sah sich um und sagte dann: „Dazu möchte ich lieber nichts sagen. Aber wie Sie wissen, ist der Straßenbau für das Wohlergehen unserer Stadt unentbehrlich.“
„Nun gut, dann lese ich eben hier“, sagte Herr K. und kauerte sich unter der 25-Watt-Birne vor dem abgeschalteten Ausleihterminal nieder. Und las:

Der unentbehrliche Beamte

Von einem Beamten, der schon ziemlich lange in seinem Amt saß, hörte Herr Keuner rühmenderweise, er sei unentbehrlich, ein so guter Beamter sei er. „Wieso ist er unentbehrlich?“ fragte Herr Keuner ärgerlich. „Das Amt liefe nicht ohne ihn“, sagten seine Lober. „Wie kann er da ein guter Beamter sein, wenn das Amt nicht ohne ihn liefe?“ sagte Herr Keuner, „er hat Zeit genug gehabt, sein Amt so weit zu ordnen, dass er entbehrlich ist. Womit beschäftigt er sich eigentlich? Ich will es euch sagen: mit Erpressung!“

Herr K. fand Gefallen an der Brech-Geschichte, obgleich sie nicht neu war, nicht einmal neu erschienen. Er beschloss, gleich noch eine zu lesen, und nahm sich eine etwas längere vor:

Wnn di Haifisch Mnschn wärn

„Seltsam, die Ausgabe muss doch neu sein. Anscheinend ist sie schon auf die neue Rechtschreibung umgestellt“, murmelte Herr K., der es vermieden hatte, sich mit der orthografischen Reform zu beschäftigen. Er begann zu lesen.
Bert BrechtWenn die Haifische Menschen wären
„Wnn di Haifisch Mnschn wärn“, fragt Hrrn Kunr di klin Tochtr sinr Wirtin, „wärn si dann nttr zu dn klinn Fischn?“
„Sichr“, sagt r. „Wnn di Haifisch Mnschn wärn, würdn si im Mr für di klinn Fisch gwaltig Kästn baun lassn, mit allrhand Nahrung drin, sowohl Pflanzn als auch Tirzug. Si würdn dafür sorgn, dass di Kästn immr frischs Wassr hättn, und si würdn übrhaupt allrhand sanitärisch Maßnahmn trffn, wnn z.B. in Fischlin sich di Floss vrltztn würd, dann würd ihm soglich in Vrband gmacht, damit s dn Haifischn nicht wgstürb vor dr Zit.“

„Nein, das kann nicht an der Rechtschreibreform liegen“, rief Herr K. und hielt der Angestellten erneut das – diesmal aufgeschlagene – Buch vors Gesicht. „Dieses Buch ist beschädigt“, sagte er mit Nachdruck. „Auf dieser Seite fehlen alle Es!“
Der tapferen Bibliothekarin fiel das freundliche Lächeln endgültig aus dem Gesicht. „Ja, ich weiß! Glauben Sie denn, die Bedingungen hier würden nicht irgendwann die Bücher angreifen? 50 Jahre alte Mauern, nie saniert, Fenster, durch die kein Licht fällt wegen der Autobahnbrücke! Der Wertachkanal, der durch unseren Keller umgeleitet werden musste, um ein weiteres Hochwasser zu vermeiden! Bühnenbildner, die mit ihren Lösungsmitteln in unseren Lagerräumen hantieren müssen, weil im Theater auch längst kein Platz mehr ist! Wundert es Sie da, dass die Buchstaben irgendwann verschwinden, weil das Papier zerfällt?!“

„Eigentlich nicht“, murmelte Herr K. und las weiter.

„Dmit di Fischlin nicht trübsinnig würdn, gäb s b und zu groß Wssrfst; dnn lustig Fischlin schmckn bssr ls trübsinnig.
s gäb ntürlich uch Schuln in dn großn Kästn. In disn Schuln würdn di Fischlin lrnn, wi mn in dn Rchn dr Hifisch schwimmt. Si würdn z.B. Gogrphi bruchn, dmit si di großn Hifisch, di ful irgndwo rumlign, findn könntn. Di Huptsch wär ntürlich di morlisch usbildung dr Fischlin.“

„Aber“, sagte die Büchereiangestellte, die sich wieder etwas gesammelt hatte, zaghaft zu Herrn K., „wenn wir auch wegen mangelnder Dringlichkeit des Bauvorhabens nicht mit einem Neubau der Stadtbücherei rechnen können, so gibt es doch auch für Sie als Büchereinutzer Positives zu vermelden. Nach Fertigstellung des zehnspurigen Ausbaus bekommen wir eine eigene Ausfahrt, sodass Sie uns viel besser mit dem Auto erreichen können.“
„Ich habe kein Auto“, brummte Herr K. „Ich habe eine Netzkarte der Verkehrsbetriebe. Aber die stellen ja, wie Sie wissen, zum nächsten Ersten ihren Betrieb ein und verkaufen ihre Fahrzeuge zum Schrottwert, um noch einen Monat lang ein paar Lehrer in den städtischen Grundschulen zu bezahlen.“
„Ach!“ Die Bibliothekarin brach nun wirklich in Tränen aus. „Wo sollen die Kinder denn überhaupt noch lesen lernen?“
„Wäre das nicht eine Aufgabe für eine moderne Stadtbücherei?“, fragte Herr K. leise, mehr zu sich selbst gewandt. Und las weiter:

„Si würd urrich wrd, dss s ds Größ ud Schös si, w i Fischli sich friwillig ufopfr, ud si ll di Hifisch glub müß, vor llm, w si sg, si würd für i schö Zukuf sorg. M würd d Fischli bibrig, dss dis Zukuf ur gsichr si, w si Ghorsm lr. Vor ll idrig, mrilisisch, goisisch ud mrxisisch igug müß sich di Fischli hü, ud s sofor mld, w is vo ih solch igug vrri.
Di hr uf dm Mrsgrud würd zig, wi hldmüig Fischli bgisr i di Hifischrch schwimm, ud di Musik wär so schö, dss di Fischli ur ihr Kläg, di Kpll vor, räumrisch, ud i dr llrghms Gdk iglull, i di Hifischrch sröm.
Übrigs würd s uch ufhör, dss ll Fischli, wi s jz is, glich sid. iig vo ih würd Ämr bkomm ud übr di dr gsz wrd. Di i wig größr dürf sogr di klir frss. Dis wär für di Hifisch ur ghm, d si d slbr öfr größr Brock zu frss bkäm. Ud di größr, Pos ihbd Fischli würd für di Ordug ur d Fischli sorg, Lhrr, Offizir, Igiur im Ksbu wrd.
Kurz, s gäb rs i Kulur im Mr, w di Hifisch Msch wär.“

Kurz, es gäbe erst eine Kultur im Meer, wenn die Haifische Menschen wären.

Gerald Fiebig, Träger des Kunstförderpreises der Stadt Augsburg