Friedensbad in der Friedensstadt

Am 08.08.04 fand um 00.01 Uhr im Kunstlabor Striese eine szenische Lesung statt.
„Friedensbad in der Friedensstadt“ ist eine Lesung mit mehreren Vorlesenden, teilweise in Dialogen.
Es geht um den Profilierungsdruck in einer Stadt, deren Bevölkerung vieles auf die Beine stellen muss, damit Sie als Drehscheibe von Ost und West von Nord und Süd akzeptiert und anerkannt wird. In einer unglücklichen Auslegung dieser Misere kommt es gar zu einem Menschenraub, der glücklicherweise gut ausgeht.
Vortragende: Gerald Fiebig, Albrecht Rau, Lienus, Hubert Thalhofer, Gert Schröter
Autor: Ibrahim Kaya

Nach der Lesung bot sich die Gelegenheit zu einer Mondscheinprozession – falls kein Mond vorhanden – den Leuchtkäfern folgend der 1. Gang zum Friedensbad.
I. Kaya

Frieden läuft in erster Linie im Kopf ab!

lautet eine Weisheit, die ich mir im Laufe meines Lebens in der Friedensstadt Augsburg angeeignet habe.
Es sind oft Anlässe und Möglichweiten geboten, Frieden zu spüren, zu erhalten oder auszusprechen.
Leider liegt es im Schicksal und in der Natur des Friedens, dass er einer schlimmen Zeit der Entbehrungen, Zerstörungen, Not und Elend folgt; zwangsläufig – fast zwangsläufig.
Es finden sich manchmal Menschen, die den ersehnten zustand mit Raffinesse, eingegebenem Humor sowie Charme herbeiführen können, ohne dass viele viel erleiden müssen.
Die wenigen, denen anscheinend Gefahr droht – bis es soweit ist – kommen im schlimmsten Falle mit dem Schrecken davon.
Sie werden deshalb – wie erwartet – wegen der Gefahr, der sie angeblich ausgesetzt waren, anschließend von allen, die durch dieses Opfer die friedliche Erfüllung erfahren haben, gelobt und gefeiert.

Die Realität der Aggressionen und der Kriege ist leider auch in der harmlosesten Variante schlimmer als die zynischste Satire, die sich ein Mensch ausdenken kann.

Als mir die folgende Geschichte einfiel, waren die Menschen in Irak kurz davor, die Zerstörungen zu erdulden, die durch die Armeen und Strategen der Bush-Administration erfolgten.

Mir war klar, dass Bush, der den Irak unterwerfen wollte, ebenso wie der Tyrann, der dort regierte, und auch die selbsternannten Weltbefreier, die die zarten Pflänzchen der allgemeinen Menschen und Meinungsrechte samt hohen Gebäuden in die Tiefe rissen, alle eines im Sinn hatten: das Geld, das nicht mehr beherrschbare Flammenmeer, das nach und nach die Zivilisationen in Schutt und Asche zu verwandeln droht.
Mir wurde klar, dass dieser Aspekt der ungesunden Geldhaltung und -mehrung nicht unbedingt in der Kritik stand. Der globale Neoliberalismus wird leider pathetisch als ein wilder Hengst dargestellt, den es einzufangen gilt, um ihm dann Zaum und Sattel aufzusetzen. Leider sah man in diesem Kampfritt nicht die bereits angelegten Gärten und Bienenstöcke, die unter den Hufen des gejagten Wildtiers zerstampft und unbrauchbar werden.
Ich hatte den Drang dazu, eine Geschichte zu schreiben über positiven Terror, wobei mir klar war, dass mit diesem Thema nicht zu spaßen ist.
Obwohl ich aus Begriffsmangel das von mir zu beschreibende, auch der Brisanz wegen, eigentlich als die Grenze des nachträglich akzeptablen Menschenraubs verstand.

Nach der Manier des Wellenreiters, dachte ich, kann ich auf den bereits hoch aufgestoßenen Wogen mitschweben.
Erst später, so nach einem Jahr, wurde es mir klar, dass, wie in dieser Geschichte beschrieben, sich ein kühnes Team von Wagemutigen hätte verschwören müssen, um den Diktator aus dem Zweistromland zu entführen, und ihn dann vor dem den Haager Kriegsverbrecher-Tribunal wieder loszulassen.
Wäre dann die Bombardierung Bagdads durch Bush-Söldner ausgeblieben?
Einen Versuch wäre es allemal wert gewesen, diesem Schrecken vorzubeugen.
Was hätte dies bewirkt?
Wäre der Krieg verhindert worden – oder zumindest verschoben (um Jahrhunderte)?
Hätten zehntausende Menschen im Irak ihr Leben heute noch?
Und wäre die Welt dessen belehrt worden, dass vorgeplanter, temporär begrenzter und unschädlicher „Terror“ gegen Einzelne auch positiv sein kann?

Viel Wagnis in diesem Spiel sehe ich, aber nun die Geschichte.
Ziehe der/die aufmerksame Leserin selbst die Lehren daraus, falls seiner/ihrer Meinung nach welche zu ziehen sind.

Prolog:

frei nach dem Augsburger Polizeibericht vom Mai 2003: nach einer durchzechten Nacht nahm ein junger Inder im Jugendbrunnen am Königsplatz – in Augsburg – ein Erholungsbad, dann ging er in den nahegelegenen Kirchenhof von St. Anna um sich, wie er später im Polizeigewahrsam sagte, durch Auf- und Ablaufen an der warmen Morgenluft auf natürliche Weise zu trocknen.

Die Friedensstadt Augsburg ist berühmt für ihre große noch intakte Altstadt, viele beschauliche Kleinstädte und Dörfer umgeben die Stadt, die nicht nur kulturell ein Scharnier in Zentraleuropa zwischen Schwaben und Bayern bildet – nicht weit entfernt von der Landeshauptstadt München und der Erfinderstadt Ulm mit ihrer berühmten Universität auf dem Eselsberg.

In Augspurg – heißt es – sei der Ursprung der Hochkultur in dieser Region gewesen.
Schon – im Jahre 15 v. Chr. von den Römern als Garnisonsstadt gegründet und viele Jahrhunderte als solche geführt, erblühte die Stadt dann allmählich zu einem Zentrum der Handwerker und Kaufleute.
Es ist noch vieles zu spüren von dieser Zeit und den Jahrhunderten, gar Jahrtausenden bisher. Ich möchte nicht weit ausholen, aber es ist sinnvoll zu erfahren, in welcher Umgebung diese Geschichte hervorkam (entstand?).
Nun, in dieser schon erwähnten Altstadt sind neben vielen kleinen Läden, die nur karg über die Runden kommen, einige künstlerische Einrichtungen vorhanden sowie viele Kneipen und Cafés.
Seitdem die Uni und FH Tausende von jungen Leuten in die Stadt ziehen, will niemand, der ernsthaft um das Ansehen und die Gesellschaft der Stadt besorgt ist, die bunte Mischung mehr missen.
Auch außerhalb der Studieneinrichtungen ist die Bevölkerung in ihrer Zusammensetzung mannigfaltiger geworden (dies belegen neu erschienene Forschungsergebnisse der soziokulturellen Meinungsumfragen).
Hier finden wir inzwischen den Rocker-Opa, neben der Supra-Real-Oma.
Den schamanistischen Manager neben dem hedonistischen Straßenfeger.
Die radikale Öko-Mama neben der neoliberalen Kindes-Austrägerin.
Und viele mehr.
Nun, eine solch bunte Mischung kann bewirken, dass der Mensch sich überwiegend dann wohlfühlt, wenn er weiß, dass er genau das macht, was anderen noch nicht eingefallen ist.
Lange geht es nicht bequem einher mit einer solchen Haltung, wenn es die Einzelnen nicht zu Verantwortungsgefühl drängt, sich für sich, für die eigene Stadt und für den Rest der Menschheit einzusetzen.
In der sich gänzlich durchdringenden Welt – auch globalisierte Welt genannt – ist es nun mal nicht einfach, nur an sich zu denken, aber auch nicht, nur an andere zu denken.
Wichtig ist es, einen Schnittpunkt zu finden, von dem aus alle Interessen gleich entfernt sind, sozusagen den neutralen Punkt, den man noch selbst definieren darf.

In einer Altstadtkneipe um 0.45 Uhr saßen fünf junge Leute. Diese Personen sind aus eben den oben erwähnten Gründen nicht einfach zu kategorisieren, geschweige denn zu beschreiben.
Deshalb beschränke ich mich nur auf die äußeren Erscheinungen: Diese Menschen waren bereits müde, das letzte Gesprächsthema abgerissen, und da rauchten noch die Zigaretten von der Kante eines großen runden Aschentellers, das am Rand mit dem Aufdruck einer örtlichen Brauerei versehen war, die auch das Bier diesen Hauses lieferte.
Der Rauch zog auf in einen kargen Lampenschirm aus Blech und schien dort von der heißen Glühbirne noch mal verbrannt zu werden.

x-w1 ein lockiger, nicht der allerjüngste Mann hob seinen ermüdeten Kopf und sagte, „so kann es nicht weitergehen“
x-w2 (hier werden die Personen auf diese Weise bezeichnet, da es dem Geist des Konspiratismus nicht zusteht, tatsächliche wiedererkennbare Merkmale von Beteiligten preiszugeben!)
Also, x-w2 sah x-w1 an und schüttelte 1²/³ mal den Kopf.
„Was willst du denn damit sagen, Mann – wovon reden wir denn den ganzen Abend?“
x-w1 war bereits wieder in eine dösende Haltung übergegangen.
Es war ein großer hölzerner Tisch, der eigentlich aus zwei historischen Tischen zusammengelegt war und in diesem Lokal als Arbeitstisch für Gruppen dient, die im lockeren Verbund sich hier trafen und lange Abende aussaßen, bis sie gewisse Lösungen für ihre Probleme fanden, oder einfach die Sitzung auf einen anderen Abend vertagen mussten.

An diesem Tisch saßen heute Abend x-w1, x-w2, y-w1 und z-w1 sowie z-w2. Diese Gruppe war stadtweit bei aufmerksamen Kneipengängern bekannt, aber galt als harmlos, obwohl es bei ihren Sitzungen oft laut zuging. Sitzungen, die dann meist mit dem Einleiten der Sperrstunde ihr jähes Ende fanden.
Die Letzte in der Runde war eine Japanerin, die schmächtig am Rand der langen Bank saß.
Sie war infolge eines Austauschstudiums nach Augsburg gekommen, um die Wurzeln des großen Komponisten W.A. Mozart zurückzuverfolgen. Irgendwie war sie in diese verschworene Gruppe geraten und besuchte ihren allabendlichen unverbindlichen „Stammtisch“, der jedes Mal in anderen Kneipen oder Cafés stattfand.
So konnte sie sich auch einiges vom hiesigen authentischen Leben aneignen und die Methoden der kreativen Zusammenkünfte in der abendländischen Alltagskultur erforschen.

y-w1 sah alle erstaunt an: „Was soll denn noch passieren? Ihr seht doch, alles geht den Bach runter.“
X-w1 sah die um die dämmrige Glühbirne Versammelten herausfordernd an.
„Wir müssen was tun, sonst geht die Stadt vor die Hunde.“
„Waas denn?“ maulte y-w2, „was hat denn die Stadt schon zu bieten?“
Auf dieses Totschlagargument hin wurden alle wieder stumm und schauten wie gelähmt tief in die großen Biergläser vor ihnen, die teilweise knapp oder auch fast leer waren.
Es war still ohne irgendwelche Spannung.
Es schien, als dösten alle wieder, doch in den Köpfen brodelte es weiter, zwar nicht heftig, aber stetig.
Die großgewachsene Kellnerin, die sich hinter dem Tresen auf einem runden hölzernen Hocker sich platziert hatte, sah anscheinend unbeteiligt aus dem Fenster den nur noch selten vorbeihuschenden Autos nach.
Sie kam unaufgefordert zu dem letzten, noch rege belagerten Tisch und fragte ohne Gier im Ton, ob jemand noch ein letztes Getränk bestellen möchte, denn sie müsse kassieren, da die Sperrstunde nahe.
Alle am Tisch waren schnell wieder hellwach, fast jeder bestellte einen neuen halben Liter hellen Bieres, bis auf die Japanerin, da sie nicht wusste, ob diese Eilbestellung nicht auf eine Weise die Gier in einem zutage fördern würde.
Sie erlebte allabendlich dieses Ritual des letzten Bieres, war sich dennoch über die tatsächliche Bedeutung dessen nicht bewusst.
Die vier frischen Gläser Bier kamen schnell.
Während die Kellnerin von dem runden Tablett die vollen Gläser auf den Tisch stellte und die leeren an sich nahm, bekam sie mit, wie die Gruppe sich urplötzlich in eine rege Diskussion verstrickt hatte, die im Ton fast einem heftigen Streit nahe kam.
„Was hat denn München schon?“ fauchte x-w2, „Wir haben eine Uni, die einen ersten Preis gemacht hat“.
x-w1 ergänzte, „Unsere Altstadt ist eine der größten in Deutschland.“
„Und vergesst nicht die Fuggerei“ ergänzte die Kellnerin fast spaßend.
Denn diese Kneipe war in unmittelbarer Nachbarschaft der Fuggerei, es ist nicht zu verdenken, dass die Kellnerin an dieser Stelle die Aufmerksamkeit des Lesepublikums auf sich und ihre Einrichtung ziehen will.
X-w1 holte tief Luft und sagte dann, als müsse man seine Worte mit Gold wiegen:
“Unser Bert, der Bertolt Brecht – so einen gab’s im 20. Jahrhundert nur einmal.
Das wäre doch Verschwendung, wenn wir nicht etwas daraus machen würden.“
Y-w1 fragte sehr warnend, „Na und (?), meint ihr, nur weil wir den Brecht haben, kommen alle Menschen, die mal was von Brecht gehört haben, auch nach Augsburg?“
Sie hielt die Spannung in den Worten mit ihrer pulsierenden Stimme an. „Und was sollen sie hier, was haben wir denn davon, wenn irgendwelche literaturbeflissenen Habenichtse mal nach Augsburg kommen?“
x-w1 atmete tief und bewusst. Mit der Stimme eines erleuchteten Predigers nutzte er die Elektrizität der bereits gesagten Worte: „Meine Lieben, es geht nicht darum, dass jemand hier herkommt und was dalässt.
Es ist viel wichtiger, dass der Name der Stadt in das kollektive Bewusstsein der Menschheit eingraviert wird, und zwar positiv.
Denn, stellt euch vor, ihr möchtet irgendetwas irgendwo auf diesem wunderschönen Planeten vorstellen oder verkaufen, zum Beispiel ein Produkt oder ein Buch oder was auch immer.
Wenn ihr sagen könnt, das stammt aus Augsburg – und Augsburg hat einen wunderbaren Namen.
Dann heißt es überall, aaah dieses Augsburg. Du hast sofort einen Bürgen, der für dich spricht. Wichtig ist, dass dieser Name so tief wie möglich in das Gedächtnis der Menschheit eingraviert wird.“
Alle sahen mit großen glänzenden Augen x-w1 an.
Er war wiederum in sich gekehrt und verhielt sich so, als wäre er im Zwiegespräch mit einem höheren Wesen.
z-w1, der noch nicht zu Wort gekommen war, sagte konzentriert und durch Denkzeiten verzögert: „Nichts ist so wirksam, – wie etwas Bleibendes, – entweder viel Leid, – oder viel Erlösung vom Leid … wir haben den Luther, die Confessio Augustana!“ rief er begeistert.
x-w1 schüttelte ungläubig und mürrisch den Kopf, „Wir, ja wir, wir müssen eben etwas Gleichbedeutendes noch mal vollbringen … etwas, was sich einprägt in die Bildschirme und Druckerpressen.
Wir können nicht etwas nehmen, was schon in Gebrauch ist. Nein!“
Es war wieder still. Alle nahmen gleichzeitig einen grossen Schluck aus ihren Gläsern.
Die Wirtin hatte begonnen, die übrigen Tische, an denen niemand mehr saß, leer zu räumen. Sie nahm die Karten, die Aschenbecher und die Salzstreuer auf das runde Tablett, das sie wie ein Modeaccessoire immer bei sich trug und mit Leichtigkeit fliegen ließ.
Sie schien aber heute sichtlich wegen dem unturbulenten Montagabend gelangweilt zu sein.

Aus den Häuptern der Konspirativen, die sich nicht nur allmählich der physischen Ekstase näherten, schossen eine nach der anderen brillante Ideen heraus.
Zum Beispiel solle man die Kanu-WM-Strecke zu einer Indianer-Gedenkstätte umwandeln, worin Wasser-Rituale stattfänden, um alle Menschen auf das drohende Schwinden der Gletscher und Eisberge aufmerksam zu machen.
Eine andere Idee lautete, das historische Rathaus abzubauen, das von der UNESCO zum Menschheits-Kulturerbe erhoben worden war, Stein für Stein zu analysieren, zu vermessen und identisch aus Styropor wieder herzustellen, um dann das Original nach einer siebenjährigen Zeit der Abwesenheit wieder an gleicher Stelle aufzubauen, und den Styropor-Klon des Rathauses mittels eines extra dafür hergestellten Cargolifters auf Tournee durch die Welt zu schicken, damit die Menschen auf die Kopier- und Reproduzierbarkeit von Geschichte und Macht-Symbolen aufmerksam werden.
Ein weiteres Beispiel stellte alles bis dahin Dagewesene in den Schatten: Man solle alles Wasser, das in Augsburg zusammenkommt, chemisch so verwandeln, dass dieses zu einer festen Schaummasse (hydro-syl) verwandelt wird, diese mit Hilfe von leichten Gasen, die in die Poren gepresst werden, aufsteigen lassen, und damit eine ganze Region mit einer künstlichen Wolke überbauen, dass es wie ein Wolkenreich aussieht. Die Wolke solle in den verschiedensten Farben aufleuchten, so dass die Menschen, die darunter leben, Sehnsucht nach Sonne und klarem Licht erhalten und auswandern.
Eine ganze Region würde in die künstliche Eiszeit zurückgeführt und die Natur dort regenerierte sich. Diese Methode könne man dann periodisch auch in anderen Gebieten der industrialisierten Welt wiederholen und somit den drohenden Untergang der Welt verzögern, gar aufhalten.

Die fünf Verschworenen nahmen es nicht wahr, dass die Kellnerin bereits all ihre Aufräumtätigkeiten abgeschlossen hatte, welche dazu gedacht waren, die Schließzeit hinauszuzögern.
Sie stand nun mit dem ledernen Geldbeutel in der nackten Achselhöhle hinter den letzten Gästen und wollte harmlos verdeutlichen, dass es an der Zeit war zu zahlen und ohne Quengelei das Lokal zu verlassen.
Die visionären Ideen hatten bereits bei den Konspiranten sehr viele Energien freigesetzt.
y-w1 war inzwischen zum Spaßen aufgelegt und ließ sich von dem Strom der nicht mehr zu bremsenden Ideen mitreißen.
„Um auf die weltweite Situation der Erwerbsarbeit hinzuweisen“, sagte er, „reißen wir allen Passanten an einem Samstagvormittag in der Annastrasse die Hosen, Hemden und Kleider vom Leib, mit hunderten Nähmaschinen auf dem Plärrergelände nähen wir dann einen riesigen Heißluftballon daraus und hängen einen Korb daran. Dann füllen wir den Korb mit Aktienscheinen und alten DM-Geldnoten, heizen den Ballon auf. Wenn dieser in die Luft steigt, winken alle freudig nach … “.
Die Kellnerin, die aufmerksam und staunend dem Gedankenfluss gefolgt war, lachte gepackt, konnte sich aber doch nicht bremsen und unterbrach spontan: „Und wenn die Nordwinde wehen und die Ballonhülle von den lodernden Papieren Feuer fängt, dann machen wir eine Notlandung im Kuhsee … “.
Sie wollte ihre Vision fortführen, als x-w1 mit einem erstarrten Gesichtsausdruck, mit zwei tiefen Augen, die fast aus seinem Gesicht zu springen drohten, ihr ins Wort fiel, ein „Heureka“, das so scharf und laut war wie der Startschuss zum 1000-m-Lauf:

„Das ist es, K-U-H-S-E-E !“

Genf ist eine Stadt, die im global-geographischen Verhältnis gesehen, unweit von Augsburg liegt und auch an einen See angegliedert ist, den Genfer See.
Zurzeit scheint diese Bergstadt weltweit berühmter zu sein als Augsburg, dennoch sollten sich die folgenden Tage in das Gedächtnis der Menschheit derart eingraben, dass Augsburg um vieles bedeutender und berühmter wurde als Genf.
In Genf fand Ende Juli jenen Jahres, vom weltweit angesehensten Dachverband der UNO ausgerufen, eine interreligiöse Konferenz statt.
Diesmal gab es eine große Besonderheit, nicht nur die gemäßigten und friedliebenden Geistlichen und Religionsführer, sondern auch die sonstigen, die eigentlich viel mächtigeren Geistlichen, deren Anliegen es ist, ununterbrochen die einzige Wahrheit auszurufen, dass ihr Glaube der einzig wahre ist, waren angereist. Es sind solche, die leicht das Feuerschwert zücken und Kampfschwüre donnern. Der Teil der Menschheit, der durch die Medien angeschlossen war, blickte wie gebannt in Richtung der Alpen.
Es wurde viel erwartet von dieser Zusammenkunft.
Deutlich wurde auch, dass die Menschheit als Ganzes in der K. steckte.
Zumindest gegenseitiger Hass und Verachtung sollten diesmal von allen Anwesenden einstimmig verurteilt werden, und die gemeinsamen Ziele und Wege aller Religionen eine Erörterung erfahren.
Die wohl wichtigste Aufgabe bestand darin, auf höchster Ebene die gegenseitige Verachtung zwischen den Buch- und so genannten heidnischen Religionen aufzuheben.
Das Konferenzzentrum war überfüllt, alle Hotels, alle Säle im Umkreis waren ausgebucht.
Gleich nach der Eröffnungsveranstaltung, die mehrere Stunden dauerte und in vielen Sprachen gehalten wurde, kam ein kosmisches Ritual, das in die Tagung überleitete. Die Tagung begann als ein buntes Gewusel: Raunen und Wettern in allen Herren-Zungen.

Einer der wohl einflussreichsten Hindus, der Brahmane Sri-swat-mahi hatte das einmalige und einzigartige Ritual in göttlicher Rücksprache kreiert und durchgeführt, dadurch kam er in über 140 Nationen gleichzeitig auf die Bildschirme und wurde beneidet wie gefeiert. Um nun ein bisschen Ruhe zu finden und sich auf die vielversprechende Marathon-Sitzung vorzubereiten, die nun anstand, trennte er sich von seinen Begleitern und näherte sich gemächlich dem Park, in dem das Tagungszentrum errichtet war.

Sri-swat-mahi schwelgte in der transzendenten Erfüllung des kosmischen Rituals. Dies trat selten ohne Meditation und Yoga ein.
Aber als dies so von selbst eintrat, wusste er, etwas Großartiges, die Zeiten Umwälzendes stand bevor. Er erhielt erneut die Gnade, unmittelbar Zeuge und Werkzeug des göttlichen Wirkens zu werden.
So ließ er die feinen Sommerwinde der Alpen auf sich wirken.
Er wandelte im Park, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass ein junger Mann, der, gut gekleidet und mit edlen Gesichtszügen versehen, und der nichts anderes hervorzurufen gedachte als gesittete Aufmerksamkeit, ihn konzentriert beobachtete.
Er saß auf einem der Gartenstühle, die reichlich über den Park verteilt waren.
Sri-swat-mahi schritt erhaben in die Nähe des jungen Mannes und wurde auf ihn aufmerksam, als ein innerer Wink seinen Blick auf das Strahlen im Gesicht des jungen Mannes wies, sodass er ihm gezwungenermaßen zunickte.
Der junge Mann erwiderte fröhlich den Gruß.
Verlegen wie erfreut schritt der Brahmane weiter, sah sich aber nochmals höflich um.
Der junge Mann war bereits aufgestanden und schritt, zwar nicht hastig, aber zielgerichtet auf Sri-swat-mahi zu.
Dieser blieb aufgeregt stehen und sie grüßten sich mit einem herzlichen ‚namastr’.
In einem feinen und ausgewogenen Englisch bat der junge Mann, der sich als ein „Devoter seiner Heiligkeit“ vorstellte, um Aufmerksamkeit für einen Belang und um seinen Segen, woraufhin er sich verbeugte und des Gurus Hände sanft mit seiner Stirn berührte.
Sehr neugierig bat der Erleuchtete den jungen Mann, sein Anliegen zu erörtern.
Dieser erzählte in einem sanften lyrischen Fluss von der Begebenheit, dass hier im Unweiten sich vor Beginn der aufgeführten Zeiten das schwedische Reich doch befunden habe, und dass von dieser Zeit als Relikt sich ein klarer Quell sowie die alte Legende erhalten habe, dass eines Tages der Frieden der Völker und der Religionen sich von dieser Quelle erquicken würde.
Sri-swat-mahi war sichtlich neugierig geworden, und bat den jungen Mann nach einigen Stunden des Gesprächs, ihn doch an diesen heiligen Ort zu führen, um dessen Kraft zu erneuern. Bekanntlich waren an solchen alten Orten auch noch viele tausende Legenden aufzuspüren, auf die Sri-swat-mahi neugierig war. Bereitwillig bot der junge Mann seine Kenntnisse an und sie verließen durch den Park den Tagungsort, ohne dass die Sicherheitskräfte einen Grund zur Unruhe gehabt hätten.
Die Strassen waren von Sendewagen verschiedenster Fernsehanstalten belagert, die teilweise hohe Antennen aufgerichtet hatten.
Beide Männer schritten in ihr Gespräch vertieft die Gassen abwärts. Bald kamen sie an das Ufer des Sees und blickten über die blaue schimmernde Haut aus Wasser.
Der Heilige schloss seine Augen halb und schien über den See auf ein anderes, jenseitiges Ufer zu blicken.
Er wusste nicht, dass er in diesem Moment von einem Filmteam, das sich ebenfalls am See aufhielt, gefilmt wurde.
Außerdem näherte sich langsam ein schwarzer Van mit getönten Scheiben im Schritttempo dem nichts sehenden Seher.
Als der Van genau neben den beiden Wanderern anhielt, wurde die seitliche Schiebetür des Wagens aufgerissen, es sprangen drei Gestalten heraus, die gänzlich schwarz umhüllt waren, sie zogen schnell einen leuchtend roten samtenen Sack über den Heiligen, packten ihn an den Armen, umgriffen seinen Brustkorb und die Beine und beförderten ihn schnell in den Wagen.
Die Tür wurde hastig zugezogen und der Wagen raste davon, in Richtung Norden, auf die gletscherbedeckten Berge zu.
Die Filmleute waren erstaunt, doch sie wussten, was zu tun war. Sie übermittelten nach kurzer Verhandlung die Senderechte des von ihnen aufgenommenen authentischen Kidnappings eines bedeutenden hinduistischen Heiligen, der noch vor einigen Stunden weltweit zu sehen war, an CNN. Die Sender waren sehr erstaunt, dass in der beschaulichen Schweiz sich doch noch solche Ereignisse zutrugen.

An der indischen Grenze zu Pakistan kam es zu großen Menschenansammlungen.
Die Hindus hatten in Echtzeit die Entführung ihres religiösen Führers mit großem Entsetzen gesehen. Vielen war dies eine große Demütigung, die nur im Sinne des Gurus durch eine Kriegserklärung vergolten werden konnte, sodass sie den Premierminister dazu zwangen, hart gegen die Ungläubigen vorzugehen.
Ein ganzer Kontinent geriet in Aufruhr, jede Instanz und jeder Wortführer hatte eine eigene Erklärung für die Tat und das Motiv der Täter.
Von der internationalen Drogenmafia über den monotheistischen Heilsverkünder zu den Bruderschaften, die einen dritten Weltkrieg provozieren wollten, reichten die Analysen und Beschuldigungen.
Indes war der Heilige in eine weiche Mulde niedergelegt worden, um Verletzungen zu vermeiden, und ihn gegen Flucht zu sichern.
Am Abend war auf allen Kanälen in allen Nachrichtensendungen nur von der Entführung des Sri-swat-mahi die Rede.
Die Einschaltquoten waren in die Höhe geschnellt, und die telemanische Weltbevölkerung war vor die Bildschirme gebannt.
Tatsächlich bahnte sich eine Krise an, die zu schweren religiösen Ausschreitungen führen konnte.
Am nächsten Tag wurden den Medien Bilder zugestellt, die das Corpus delicti, den Entführungs-Van zeigten. Hierbei war aber etwas Absurdes.
Der Van stand vor der Kremlmauer in Moskau, fast in Pose aufgestellt.
Es folgten postwendend die alten Beschuldigungen gegenüber Russland; die Politiker in Russland würden die Spannung zwischen Pakistan und Indien schüren wollen, um dann einen Krieg anzuzetteln und damit sich den Weg nach Indien zu ebnen, denn immer noch locke das offene warme Meer die russische Seele, wurde erklärt.
Am nächsten Abend war der Van in Rom vor dem Petersdom gefilmt worden.
Es wurde nun die beunruhigende Erkenntnis laut, dass ein normal motorisiertes Fahrzeug unmöglich innerhalb einer Nacht fast 5000 km fahren könne.
Es war die Rede von internationalen Großbanden, die es anscheinend fertig bringen konnten, einen Van mittels eines Militär-Großraumflugzeuges zu transportieren, und so die Sicherheitskräfte in den verschiedensten Ländern an die Nase herumzuführen.

Außerdem, hieß es, müsse doch auch die katholische Kirche hinter der Entführung stecken, da die Flucht von Mitgliedern aus den Kirchen nur durch die Anziehung der fernöstlichen und wendischen Religionen so weit fortgeschritten war.
Am nächsten Tag sah man den Van vor der blauen Moschee in Istanbul posieren.
Hier erkannten Symbologen auch einen Schimmer an der Ersatzradkappe des Van, der einer jungen Mondsichel ähnelte. Dies galt bereits als Beweis für die islamistische Verschwörung. Die Muslime, hieß es, bekämpften ja ohnehin seit über tausend Jahren die Hindus, da diese den monotheistischen Gott leugneten und stattdessen Kühe, Schlangen, Elefanten, Ratten und Affen anbeteten und somit den Inbegriff des Kafirtums bildeten.
So geriet jeden Abend die mediale Öffentlichkeit von einer wallenden Beschuldigungs- und Schlichtungskaskade in die nächste.
Es verging kein Tag, an dem der Van nicht vor einer Sehenswürdigkeit an einem anderen Ende des Kontinents stand als am Tag zuvor.
Es blieb weiterhin ein Rätsel, wie sein Transport vor sich ging.
Über die Kindheit, die Jugend und die Wundertaten des Sri-swat-mahi war nun jeder aufmerksame Mensch auf der ganzen Welt unterrichtet worden.
Auch das Interesse derer, für die der Hinduismus bisher ein Buch mit sieben Siegeln darstellte, konnte nun sicher und geschickt mit der komplexen Ideenvielfalt hantieren als wären sie von Geburt an bekennende und praktizierende Hindus.
Doch es gab etwas sehr Sonderbares: bisher hatte sich noch niemand und keine Organisation als Bekenner für die Entführung gemeldet.
Die Anhänger des Gurus hatten Rache geschworen und wollten unter allen Umständen Vergeltung üben.
In der beschaulichen Schweiz waren inzwischen die Sicherheitsvorkehrungen ungewohnt erhöht und deutlich zu sehen.
Bürger und Migranten hinduistischen Glaubens wurden besonders beobachtet.

Am Abend des siebten August schien eine mysteriöse Botschaft gekommen zu sein.
Dies war ein Brief, handschriftlich von einem Kenner des Sanskrits verfasst. In einem alten wendischen Dialekt besagte dies ungefähr – nahm man den poetischen Überbau heraus – : die Erlösung des Friedensbotschafters werde sich morgen zutragen, nördlich der groben felsigen Sitze an der Liege der Spenderin der all-nährenden Honigmilch.
Es war alles gesagt worden, und alles blieb noch offen. Würde Sri-Swat-Mahi tatsächlich am nächsten Tag zur Welt sprechen?

Sri-swat-mahi wachte durch ein Rütteln in seinem blechernen Gefängnis auf. Er hatte oft probiert zu schreien, doch unterließ er dies einerseits, weil er das Schreien für sich nicht angemessen fand, und außerdem war der Van mit schalltötenden Kegeln versehen, sodass sein Rufen überhaupt nicht nach außen gedrungen wäre.
Hätte man ihn gefragt, ob er wüsste, wie weit und in welche Richtung man ihn gefahren hatte, so hätte er passen müssen, denn irgendwie fuhr der Wagen immer ununterbrochen ohne Halt in einem Stau oder an einer Ampel oder ohne auch nur zu parken. Er wusste auch nicht, wie lange sie unterwegs waren.
Ob einen Tag, 10 Tage oder einen Monat – er hätte das gar nicht beantworten können. Schließlich fragte ihn auch niemand irgendetwas.
Er bekam immer frische Speisen von einer Hand zugereicht, die in einen samtenen, leicht grün schimmernden Handschuh gekleidet war.
Für ihn war diese Situation endlich eine Gelegenheit, seine oft propagierten religiösen Wunder-Praktiken unter Beweis zu stellen.
Ohne jegliche Nahrungszufuhr ging er allmählich in einen übernatürlichen Überlebenszustand über.
Er konnte endlich erleben, dass Prana-Nahrung nicht nur für Wundergeschichten gut geeignet ist, sondern auch sehr hilfreich war, um freudig zu fasten, ohne seine Geistesgegenwart einzubüßen.
Er spürte, dass diese Menschen, die ihn gekidnappt hatten, etwas Besonderes mit ihm planten und wollte gerade wieder in eine meditative Denk-Leere versinken, wie er sie in der Zeit seit seiner Verschleppung unzählige Male ausgeübt hatte. Diesmal wurde ihm deutlich, dass der Wagen zum Stillstand kam.
Es war unheimlich still. Allmählich vernahm er das Singen von Vögeln, draußen, spürte er, war ein sehr klares, freudeerfüllendes Wetter.
Sein Herz begann schneller zu pochen.
Er erschrak aber zugleich, als er Schritte hörte. Mehrere Menschen stapften hastig über einen gekiesten Weg. Sie schienen immer an dem Wagen vorbei zu rennen, sie kamen und gingen wirr.
Er vernahm auch Kampfgeräusche. Mehrere Leute schienen sich mit Fäusten und Fußtritten zu schlagen. Er hörte dann tiefes Hauchen und heftiges Atmen sowie Schmerzlaute.
Dann rannten wieder mehrere Menschen auf der Kiesbahn weit fort.
Es schien, als bliebe das Herz des Heiligen stehen. Schritte näherten sich bedächtig dem Wagen, dann waren sie nicht mehr zu hören.
Der einzige Mensch, der noch da war, musste nun unmittelbar vor dem Heck des Wagens stehen. Eine Eisenstange fing an, das Schloss der Hecktür zu dehnen, bis die Tür aufsprang.
Gleißend hell war es, es war wie eine Erleuchtung, dem greisen Heiligen schossen Tränen aus den Augen.
Die ganze Welt füllte sich in sein enges Gefängnis, draußen wehten Birkenblätter rauschend in dem spielfreudigen Wind.
Es war göttlich, der Guru vernahm Plätschern. Es überkam ihn der sehnsüchtigste Wunsch, den er je hatte, in der freien Natur an einem ungetrübten kleinen Teich ein Bad zu nehmen.
Er fühlte sich als der erfüllteste und freieste Mensch und vergaß, dass er noch in einem Astronautenbett lag und sich selbst nicht befreien konnte.
Der Befreier war nicht weit. Eine schlanke zierliche Gestalt stieg in den Van und brach mit der Eisenstange in der Hand den Deckel des Astronautenbettes auf.
Durch die Lichtüberflutung konnte Sri-swat-mahi das Gesicht des Mannes nicht sehen, doch er sah, dass er von Kopf bis Fuß schwarz und europäisch gekleidet war.
Der Befreier reichte dem Liegenden seine Hand und bedeutete ihm, dass er ihn aufrichten wolle.
Sri-swat-mahi richtete sich langsam auf und stieg mit Erschwernis aus dem Astronauten-Bett. Dieses High-Tech-Produkt hatte ihn, obwohl er seit langer Zeit nicht aufrecht gestanden hatte, körperlich fit gehalten.
Er hatte sich in seinem wohligen „Sarg“ überlegt, wofür diese Erfindung genutzt werden konnte. Für lange beschwerliche Reisen für ältere Menschen, um am Ziel ohne Erschöpfung anzukommen!
Oder für das Überstehen von Katastrophen und Kriegen.
Er war aber auch inzwischen von der heilenden und verbrüdernden Kraft des Friedens ergriffen.
Ihm war von Anfang an klar, dass ihm nichts zustoßen würde.
Anfangs hielt er sich für einen Statisten in einem undurchdringlichen Geflecht. Nun begriff er, dass er den Hauptakteur eines geheimnisvollen Ereignisses darstellte, und ging bewusst seiner Bestimmung entgegen.
Der Retter war nun aus dem Van gestiegen und wartete unten geduldig wie auch ergriffen mit ausgestrecktem Arm auf den Weisen aus dem Morgenland.
Sri-swat-mahi schritt langsam aus der weit geöffneten Doppeltür des Van. Er sah vorsichtig, aber seiner sicher auf den Boden und reichte mit einer würdevollen Geste seine Hand dem Retter.
Der Retter sah mit dem Gesicht eines Menschen, der für die einmalige Aufgabe bestimmt war, einen Frieden ohne zuvor geschehenen Krieg herbeizuführen, sah mit Leuchten in den Augen zu dem alten aber klaren Mann empor, der in dem gleißenden Morgenlicht fast selbst leuchtete. Seine vanille-braune Haut schien durchgehend süß zu sein und nach neu erblühten Blumen zu riechen.
Sri-swat-mahi war plötzlich verwundert, als er momentan ernüchtert den jungen Mann, der sein Retter war, betrachtete.
Sri-swat-mahi war eigentlich über seine Erwartung verwundert, da er keinen Europäer, sondern einen Asiaten vor sich fand.
Er überlegte kurz und sprach den jungen Mann in einem der häufig gesprochenen chinesischen Dialekte an.
Der junge Mann verstand kein Wort Chinesisch, war deshalb sehr verlegen, fasste sich und sprach ihn mit einem eigentümlichen Akzent auf Englisch an. Er begrüßte ihn, nannte seinen eigenen Namen: Li-man, und sprach, dass es keine Gefahr mehr gebe, die ihn bedrohe.
Sri-swat-mahi war sehr überrascht und erkundigte sich nach seinen Eltern, seinem Land und seiner Religion.
Als er dann erfuhr, dass Li-man zwar Buddhist war, gebürtig aus Vietnam stammte und nun im Herzen Europas lebte und christlicher Theologe werden wolle, war Sri-swat-mahi umso neugieriger auf die Zusammenhänge, in die er verwickelt war.
Auf weiteres Fragen hin versicherte Li-man, dass sich später alle Einzelheiten eine nach der anderen klären würden. das Einzige, was er selbst wusste, war, dass eine göttliche Stimme ihn heute Morgen hierher geleitet hatte, und er sofort alles begriff, was in den letzten Tagen sich ereignet hatte.
Nun sei die Prophezeiung in Erfüllung gegangen.
Dass die Kriegsgefahr aus der Ferne gebannt sei.
„Welche Kriegsgefahr?“, fragte Sri-swat-mahi.
„Nun, der drohende Krieg zwischen Indien und Pakistan.“
Sri-swat-mahi verstand, dass die undefinierbare Zeit seines Wegbleibens, die er als eine Art erzwungenen Wellness-Urlaub erlebt hatte, in der Welt große Spannungen hervorgerufen haben musste.
Oder die bereits bestehenden Spannungen geschürt hatte.
„Wie konnte die Welt etwas von der Entführung mitbekommen?“ – hatten diese Leute, die er als sehr mutig einstufte, etwa Lösegeld für seine Freilassung verlangt, gar mit der Exekution des Heiligen gedroht?
Das alles hielt er nicht für wahr, denn er spürte, dass ein vollendeter und weiser Geist ihn überschirmte, bei allem, was bisher geschah.
Li-man lächelte durch und durch, seine mandelkernförmigen Augen waren mit Wissen und Sanftheit erfüllt.
Sri-swat-mahi fragte, ob hier in der Nähe eine Quelle sei, denn er hörte das Plätschern von Wasser. In ihm wurde der Wunsch stärker und immer stärker, ein Gebetsbad zu nehmen, um alles Geschehene, was es auch war, der reinigenden und sänftigenden Kraft des Wassers zu übergeben.
Li-man sprach von einem wundersamen See hier in der Nähe, worin er bestimmt seine Erfüllung finden könne.
Sie schritten in der morgendlichen Frühe durch ein dicht bewachsenes Waldstück.
Durch die brechenden Zweige und raschelnden trockenen Blätter wurde das empfindliche Mikrofon eines Fernsehteams aktiviert.
Das Team drehte im Moment einen Doku-Film über die wieder zunehmende Artenvielfalt der Vogelwelt im Lechtal.
Der Teamchef erkannte die beiden Gestalten. Ein älterer Mann in einer einfachen indischen Tracht und ein junger Mann, von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet und mit einem schwarzen Hut versehen.
Sie schritten langsam, Lehrer wie Schüler, durch das Dickicht in Richtung des Sees, während der Kameramann nun das Objektiv auf diese harmlos fortschreitenden Männer gerichtet hatte.
Der Filmchef nahm unverzüglich Kontakt mit CNN auf.
Die Weggefährten waren nun an einem kleinen, aber klaren See – oder einem größeren Teich- angekommen.
Der Weise schloss seine Augen, grüßte den See und alle Wesen, die an ihm Wohlgefallen fanden. Berauscht öffnete er seine Augen und bat um den Namen des Wassers.
„Kuh-see“, ertönte es ehrfurchterfüllt von den Lippen Li-Mans.
Erstaunt blickte ihn der Weise an und sagte flüsternd nichts anderes als:
„What a holy brightness!“ Er schritt dann langsam die Uferböschung hinab, die von der Kiesgewinnung glatt und stetig sinkend geformt war und wie eine Rampe zum Himmel in der aufgehenden Sonne silbern schimmerte.
Sri-swat-mahi berührte mit seinen nackten Füßen das Wasser. Es war frisch, aber nicht abweisend.
Er ging, nachdem sein Körper sich akklimatisiert hatte, auf die Tiefen des Sees zu.
Der See schien ihn langsam zu verschlingen, wie ein Wesen, das ewig auf sein köstlichstes Mahl gewartet hatte.
Er ging so weit, dass er gänzlich im Wasser versunken war.
Einen Moment schien es, als wäre der See wieder leer und in morgendlicher Ruhe.
Als berge er nicht die ganze Hoffnung der Menschen, die weltweit das heilige Bad in der Friedensstadt augenblicklich mitverfolgten und genau in diesen Bildern, wenn auch nur einen Augenblick lang, den Geschmack des Friedens kosteten und diesen für ewig in ihrem Gaumen lassen wollten als den schönsten Wein, dessen Trunkenheit keinen Kater kennt.

Der Friedensheilige tauchte wieder auf, zuerst ein winziger Kreis um seinen Scheitel, dann Wellenringe, die sich häuften, und schließlich sein Haupt. Die Gelassenheit und Freude in seinem Gesicht war die Botschaft des 1000-fachen Zooms. Es schien, als wäre diese Kamera nur dafür konstruiert worden, dieses Bild aufzuzeichnen, das für viele den Frieden bedeutete.
Nach einer Weile des Gebets und der Ruhe verbeugte er sich tief, drehte sich um und rief in seiner Sprache: „Gesegnet seiest du, ferner Ort, so wie du mich wieder gesegnet hast!“
Er schritt langsam und erfüllt mit Gebet auf seinen neuen Schüler zu, den er heute für immer gefunden hatte.
Er bemerkte nicht, dass sich nun auch eine beachtliche Prozession von Menschen jeden Alters auf seinen wartenden Retter zubewegte.
Honoratioren, Vertreterinnen und Vertreter der Industrie, des Hotel- und Gaststättengewerbes, des Groß- und Einzelhandels, der Touristik und des Transportgewerbes – allesamt waren sie gekommen, um unter dem Vorgebet des Sri-swat-mahi ein Gebetsbad zu nehmen.
Sie waren alle sehr feierlich gekleidet, an der Spitze schritt ein Mann mit hellem Haupt. Dieser schien um die Wette zu leuchten mit der üppigen glänzenden Kette, die aus großen goldenen Platten bestand und seinen Träger unter eine schwere Bürde nahm.
Ihm folgten mehrere Würdenträgerinnen und Würdenträger, die nicht nur durch ihre Kleidung religöse Repräsentanten darstellten, sondern auch mit dem Ernst ihrer Gesichter.
Dahinter folgte eine schön geordnete Gruppe von Männern und Frauen aus der Zunft des VIP.
Die Prozession hatte ihre Geschwindigkeit der des Heiligen aus Indien so angepasst, dass sie fast gleichzeitig bei dem Schüler, der als Scharnier und Brennpunkt fungierte, ankamen. Verblüfft, aber nicht überrascht, betrachtete Sri-swat-mahi das Empfangskomitee.
Als Willkommensgeschenk deckte der Anführer der Prozession mit einem seidenen Tuch, das wie ein dezenter Regenbogen in allen Farben zu strahlen schien, dennoch überwiegend die Farbe des Safrans aufwies, die glänzenden Schultern des Ehrengastes aus dem Orient.
Dieses Geschenk zeigte die hohe Innovation der Augsburger Textilindustrie-Geschichte direkt der ganzen Welt, die mit dem Fernsehempfang an den Ort des Geschehens bestellt war.
Weitere Geschenke folgten, während die nun immer größer werdende Prozession sich dem anderen Ende des länglichen Sees näherte. Hier warteten viele Limousinen. In einem dieser Wagen bat der Vorgesetzte den Heiligen einzusteigen und folgte ihm dann selbst.
Der Schüler hatte das Privileg, wie ein Stadtführer von besonderem Rang den Beifahrersitz einzunehmen.
Weltweit jubelten die Menschen über dieses Glück.
Der Krieg war nun gebannt, um 6.45 Uhr MEZ, bevor die Badegäste an diesem freien 8.August in Augsburg den Kuhsee erstürmen konnten, hatte sich hier ein weltveränderndes Ereignis zugetragen. Augsburg war an diesem besonderen Tag in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gelangt. Das Friedensfest hatte nun einen neuen Anlass gefunden.
Der Terror ohne Terroristen, welcher sich als Auslöser betätigt hatte, wurde mit einem neuen Namen versehen – einem verständlichen, positiven und humanen.
Einer der wohl zutreffendsten war „Placebo-Frieden“. Dieser hatte zum Inhalt, dass eine Entführung mit gutem Ende, welche in der hiesigen Region bei den Hochzeitsfeiern als ein Brauch seit jeher gepflegt wurde, die Liebenden viel enger aneinander schweißt, wenn sie sich nach den entbehrungsreichen Stunden dann doch in die Arme schließen können.

Ich als Autor möchte abschließend sagen, dass meine Schilderung dieser Geschichte womöglich eine berechtigte Kritik meiner Unkenntnis über die hinduistische Religion zulässt.
Doch in dem Jahr, in dem eine Idee zu dieser Geschichte wurde, über die ich mich mit vielen Interessierten im Vorfeld austauschte, fragte ich mich oft, ob man die Gewalt gegen Menschen auf eine Weise weglässt, um eine positive Welt herzustellen, und dass man nur durch positive Aktivitäten Frieden herstellen kann.
Sehr bestürzt war ich über die kürzlich im Morgengrauen verübten Attentate in Madrid gegen die arbeitenden Menschen.
Es hat mich auch schockiert, dass auslösend die Terrorakte ein Wahlergebnis ins Gegenteilige des vorher erwarteten beeinflusst hatten.
Etwas ist geschehen, dass die Menschen in wenigen Tagen ihrem Zorn Geltung verschafft haben, dass sie sich durch ihre Stimmabgabe vor noch mehr Unterdrückung ihrer selbst Seitens der Mächtigen und des Terrors entgegenstehen konnten …
Ibrahim Kaya, 28.03.04