Rezension

Die Frau ohne Sommer

Das Buch ist ein Stück bayerische Arbeitergeschichte, aufgerollt an der Hauptfigur des Romans: Lina-Oma. Schauplatz ist München, aber auch der Augsburger Hans Beimler kommt mal vor. Die Enkelin als Ich-Erzählerin holt weit aus, geht bis zurück zu ihren Ururgroßeltern. So gerät der Leser in den ersten Weltkrieg, die Räterepublik, den antifaschistischen Widerstand und den Kalten Krieg. D.h. Lina-Oma gerät hinein, traditionell immer auf der linken Seite – und das bedeutet fast die Erschießung ihres Vaters nach dem Zusammenbruch der Räterepublik, Hungern, Schuften, nackter Kampf um die Existenz. Ein Siedlungsversuch in der Sowjetunion scheitert und mündet in ein Barackenleben in München, KZ für alle ihre Freunde, auch für Lina selbst. Nach dem Kriege spielte die DDR und auch Moskau eine starke Rolle in ihrem Leben – vor allem im Leben ihrer Männer und Kinder – aber auch der Wirtschaftsaufschwung, eine bessere Wohnung und Urlaub in Italien. So gesehen war Lina gar keine Frau ohne Sommer.

Das größte Problem ist eher, dass Lina jetzt alt, demenzkrank, verwirrt und hilflos ist. Vor allem ist das auch ein großes Problem für die Enkelin und Erzählerin, wie auch für Linas Sohn Karl. Dass ihr Mann Gustav sie in der Nachkriegszeit betrog – diese KPDler und alten Widerstandskämpfer waren doch charakterlose Gesellen und elende Hurensöhne! – kann Lina jetzt auch egal sein, denn Gustav ist auch schon hinfällig. Vor allem weiß es Lina gar nicht mehr, wie sie von allem nichts mehr weiß oder nur noch Fetzen.

Die Enkelin und Erzählerin rekonstruiert die Lebensgeschichte Linas und läßt auch die politische Geschichte – vom ArbeiterInnen-Standpunkt aus – Revue passieren. Das fällt auf locker gesetzten 200 Seiten naturgemäß sehr knapp aus, die Romanfigur Lina hetzt durch die Familiengeschichte und auch die politischen Ereignisse werden knapp gestreift. Das birgt die Gefahr der Oberflächlichkeit, vor allem wenn es um so komplizierte und heikle Themen geht wie die Geschichte der KPD, Stalin, DDR… Scheinbar wird dies alles aus Sicht der Lina-Oma dargestellt, die sich nach dem 2. Weltkrieg eher von der Politik abwendet. Da aber Lina-Oma Demenz hat, sind es doch mehr die Ansichten der Ich-Erzählerin, die hier ausgebreitet werden. Und die werden der politischen Historie wohl nicht ganz gerecht und landen mitunter auch bei Anti-Stalinismus, Antipathie gegen die KPD und dergleichen.

Die Erzählerin schreibt zum Beispiel: „Ich glaube, du warst ihm [gemeint ist ihr Mann Gustav, aktiver KPDler bis zuletzt, auch nach dem Verbot; der Verfasser] geistig überlegen, Lina-Oma. Er plapperte nach, was die KPD und später wohl die DKP vorbetete.“

Zum Problem werden solche und ähnliche Passagen, weil sie politisch nicht begründet und historisch nicht belegt werden und damit für eine Aufarbeitung der Arbeitergeschichte nichts taugen und antikommunistischen Trends eher Vorschub leisten.

Ein anderes Problem ist die Darstellung des antifaschistischen bzw. politischen Widerstands als etwas, in das man schicksalhaft, einflusslos und ohne eigenes Nachdenken hineingerät, wo man glaubt und nicht denkt, wo man „mitmacht“ und nicht selbstbewusst handelt. Diese Sichtweise, die alle historischen Stationen des Romans durchzieht, ist wirklich „ohne Sommer“ – sprich trist – und ermutigt nicht gerade zum weitermachen in der Gegenwart. Der Leser/die Leserin bleibt so am Schluss etwas ratlos zurück: Ist es nun ein Jammer, dass Lina-Oma sich an nichts mehr erinnern kann oder eher ein Segen?!

Peter Feininger

Marie-Sophie Michel, Die Frau ohne Sommer, Roman, Geest-Verlag, Vechta 2005


   
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